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Pater Fritz Köster
Propsteistraße 2
56154 Boppard-Hirzenach
Alles Leben ist Herausforderung,
welche nach Antwort verlangt.
   
Bild: Pater Fritz Köster SAC.

Haben die Menschen kein Bedürfnis mehr nach Religion und Glaube?

Kloster Stiepel, 21.09.1999

1. Kirche im Koma? Erosion der Gnadenanstalt?
Sehr verehrte Damen und Herren!
Ich habe zuerst einen Schrecken bekommen, als ich das Thema las, welches Herr Kohlhase mir für heute gestellt hat. Zwar hat er Recht. Er hatte am Telefon mit mir abgesprochen, worüber ich sprechen sollte. Aber als ich dann einige Wochen später das Jahresprogramm erhielt mit meiner Thematik, war ich trotzdem irritiert und verunsichert, wie ein solches Thema zur Irritation geeignet ist. Denn es klingt sehr pessimistisch, riecht nach kirchlicher Untergangsstimmung - wie überhaupt die Titel mancher Bücher und Broschüren. Wer möchte sich da schon zum Untergangspropheten deklarieren lassen? Mir kommen dabei mancherlei Erfahrungen in den Sinn, die ich in den letzten Jahren mit Geistlichen und kirchlichen Hauptamtlichen gemacht habe. Jemand hat seine Stimmung einmal so ausgedrückt: "Ich rackere mich ab von morgens bis abends; oft bleibt mir keine Zeit zum Nachdenken und zur Erholung. Mit dem Ergebnis: meine Gemeinde stirbt etwas langsamer als die der anderen".

Oft reagieren solche Akteure des kirchlichen Lebens wie gekränkte Liebhaber, deren gute Angebote und deren Werben um die Kinder dieser Welt von diesen schnöde zurückgewiesen werden. Die Konsequenz besteht dann allzu häufig darin, daß sie sich vom "Zeitgeist" heftig distanzieren, obwohl niemand so richtig weiß, was mit dem Wort "Zeitgeist" eigentlich gemeint ist. Sie treiben eine Pastoral oder Theologie der gekränkten Seele. Oder betreiben das Handwerk zum Aufbau einer harmlosen Kuschelkirche, der alles vernünftige Argumentieren und nüchternes Hinschauen auf die Realitäten des Lebens abhanden gekommen sind, offensichtlich in der uneingestandenen Angst, daß Fakten die eigenen Ideen und Konzepte durcheinanderbringen könnten. Als Alternative zur nüchternen Diagnose und Bestandaufnahme gilt dann der Grundsatz: "Glaubwürdig und wahr ist nur das, was man fühlt und erlebt". Oder man schließt sich den Tönen von Traditionalisten bzw. Fundamentalisten an - jenen Leuten mit dem notorisch schlechten Gedächtnis, weil sie die Vergangenheit verklären und dabei geflissentlich den Untergang verwalten, statt sich mit wachem Blick auf die "Zeichen der Zeit" einzulassen, um fähig zu werden, die Zukunft in kleinen Schritten vorzubereiten und damit den Übergang zu gestalten.

Dabei haben die Pessimisten und Unglückspropheten noch nicht einmal ganz Unrecht. Denn den Kirchen und deren Vertretern, denen die Weltkinder früher hochwürdigst und ehrwürdigst gegenübertraten, bläst der Wind heute eiskalt ins Gesicht. Die Zahl der Gottesdienstbesucher am Sonntag hat sich inzwischen auf ca. 18% eingependelt - mit fallender Tendenz. Von "ausblutenden Gemeinden" ist die Rede, von der Vergreisung des Kirchenvolkes und des Klerus - bis in die obersten Ränge der Hierarchie hinein. Die Austrittsbewegung aus den Kirchen hält sich auf hohem Niveau. Und das nicht nur in Europa. Wenn nicht alles täuscht, spielen Afrika und besonders Lateinamerika dabei eine Vorreiterrolle. Daß dabei der kirchliche Einfluß in den jeweiligen Gesellschaften massiv zurückgeht, liegt auf der Hand. Die neueren Diskussionen über das Ethikfach LER in einigen Ländern wie auch die Frage nach der Sonntagsruhe in der heutigen Geschäftswelt sind jüngste Beispiele dafür, daß das herkömmliche Religions- und Glaubensverständnis gewaltigen Erosionen unterliegt, und niemand kann genau sagen, wie lange sich die "schrumpfenden Kirchen" dagegen zu wehren vermögen. Vermutlich kommen nicht nur aus den ehemaligen DDR-Ländern da noch einige Überraschungen auf uns zu - d.h. Entwicklungen, die nicht besonders geeignet sind, die Christen "erlöster" auftreten zu lassen als zur Zeit Nietzsches. Marketingforscher haben herausgefunden, daß die "Kundenzufriedenheit" mit den beiden großen Kirchen in Deutschland Manches zu wünschen übrig läßt. Die Religionsgemeinschaften waren eine von 38 "Branchen", über die 25000 Bürger ab dem 16.Lebensjahr aus den alten wie neuen Bundesländern befragt wurden (1992). Das Ergebnis: die Kirchen nehmen hinter dem Personennahverkehr in der Zufriedenheitsskala mit einem Durchschnittswert von 2,94 (5er Skala) den 35. Rang ein. Allerdings rangieren sie noch vor den Stadt- und Kreisverwaltungen. Auch die christlichen Feste und deren Symbole sind dabei, als "säkulare Feiertage" die Beziehung zum Christentum rapide zu verlieren. Jüngst hat das Justizministerium des USA-Staates Cincinnati amtlich bestätigt, daß Weihnachten nicht mehr als "christliches Fest" anzusehen sei (1998). Bei uns in Deutschland wissen immerhin noch 82% der Gläubigen, daß es sich dabei um das Fest der Geburt Jesu handelt. Über Ostern ist die Auskunft schon dürftiger: ca. 70% haben noch eine Ahnung von der Auferstehung Christi; an Pfingsten erkennen nur noch 25% den Anlaß des Feiertags als Fest der Ausgießung des Hl. Geistes über die junge Kirche. Was die Werte-Vermittlung angeht, so rangieren die Kirchen mit 37% hinter Polizei (51%), Parteien (43%) und Greenpeace (38%). Bei der Frage, wen der/die Befragte aufssuchen würde, wenn ein Rat gebraucht würde, entscheiden sich 76% für Verwandte, 74% für Freunde, immerhin je 12% für Psychologen oder Priester. Im übrigen sind 71% der Deutschen der Meinung, daß der Einfluß der Kirchen auf Politik und Gesellschaft immer noch zu groß sei. Die Kirchen sollten sich gefälligst in ihre Sakristeien zurückziehen und der Glaube in das Innere der Seelen. So werde die Religion wieder das, was sie sei: Privatsache nach dem Motto: "Mag die Welt auch noch so sausen, wir wollen hier im Stillen hausen".

2. "Lehre ist nicht gefragt".
Alle diese und ähnliche Entwicklungen sind nicht gerade geeignet, den Kopf nach oben zu tragen. Was ich bisher gesagt habe, erscheint aber noch harmlos im Blick auf die lapidare Feststellung, die von der renommierten Zeitschrift "Christ in der Gegenwart" aus Anlaß eines Gespräches zwischen Christen und Atheisten abgedruckt wurde: "Die Lehre ist für Christen nicht mehr wichtig". Von den Kirchen wird "keine Lehre mehr erwartet" (37/91,299 und 45/91,374).

Tatsächlich stellen die Demoskopen schon seit Jahren fest, daß der größte Teil der kirchlichen Lehren und Glaubenswahrheiten von weniger als 20% der Leute akzeptiert und bejaht wird. Was im 1.Jahrtausend christlicher Geschichte als unverzichtbar und lebensnotwendig auch für die Kirchen angesehen wurde: die Rezeption durch das Volk dessen, was die Kirche lehrt und glaubt, scheint heute völlig außer Kontrolle zu geraten bzw. "wegzubrechen" - trotz Religionsunterricht, Katechesen und intensiver Katechismus-Tradition. Immer mehr schaffen sich auch Kirchenmitglieder ihre eigene Glaubenswelt, fernab von kirchlichen Vorgaben und amtskirchlichen Weisungen.

Zum Beispiel stellt die Jörns-Studie (1992) als Ergebnisse langjähriger Forschungen in evangekisch wie katholisch geprägten Gebieten fest: Traditionelle Aussagen des christlichen Glaubens verlieren an Bedeutung. Kernaussagen wie Dreifaltigkeit, Erbsünde, Erlösung, Allmacht Gottes, Heiligkeit der Hl. Schrift... sind für immer mehr Menschen ohne jede maßgebliche Bedeutung für das eigene Leben. Es schwindet zunehmend der Glaube an einen persönlichen Gott - auch bei solchen, die noch regelmäßig Kontakt zu Gott im Gebet aufnehmen. Das Bild von "Gott in drei Personen" hat kaum noch Bedeutung. Nur noch für ein Viertel der Gottgläubigen ist Jesus Christus ein Name für Gott; gut ein Drittel glaubt noch an die Allmacht Gottes; die Sterblichkeit des Menschen wird nicht mehr mit seiner Sündhaftigkeit in Verbindung gebracht, sondern gilt als "normaler" Anteil der Geschöpflichkeit; die Erbsündenlehre stößt auf völliges Unverständnis; Begriffe wie "Sünde" und "sündig" sind aus dem Sprachschatz der Gläubigen verschwunden; Gott wird kaum noch mit der Idee vom Jüngsten Gericht in Verbindung gebracht; eine ganze Dimension der Erlösungslehre ist dabei wegzubrechen; auch der Glaube an die Auferstehung der Toten schwindet - sogar in Priester- und Pfarrerkreisen, die ihre Botschaft immer weniger an dogmatischen Vorgaben orientieren - ein Tatbestand, der jüngst die FAZ zu einem Aufschrei des Protestes veranlaßt hat.

3. Von der "wahren Lehre" zum "wahren Leben".
Bei allem Lamentieren über den Ist-Stand habe ich mir schon seit Jahren die Fragen erlaubt (z.B. in "Autoritätenwechsel"): Ist das nicht alles auch - unabhängig von profanen Entwicklungen - die Konsequenz jener Verwissenschaftlichung, Akademisierung und Dogmatisierung des Glaubens und der Theologie seit dem 13. Jahrhundert und jener "Lehramtstheologie" seit Luther, die immer weniger Rücksicht nahmen auf die Rezeptionsfähigkeit und den Verstehenshorizont des gläubigen Volkes, auf den "consensus fidelium"? Die immer mehr auf blinden Gehorsam setzten und einen (unverantwortlichen) Satz- und Meinungsglauben propagierten? Haben die Menschen - früher viel weniger im Lesen und Sich-Informieren geschult - ehemals besser verstanden, was die hohe akademische Begrifflichkeit der Lehramtstheologie von sich gab? Wurde die Lebens- und Glaubenserfahrung der (unkundigen) "Laien" nicht immer schon draußen vor den Türen der theologischen Fakultäten und Amtsstuben gelassen, weil ja - bei einem vorgefertigten Glaubensverständnis - die einen zum unmißverständlichen Verkünden und die anderen zum unverfälschten Hören und Gehorchen, zum Für-wahr-halten berufen waren? Wurde nicht hier ein innerkirchliches Schisma hausgemacht: die einen verstehen etwas von Theologie und Glaube, die anderen vom konkreten Leben?

Wenn Befragungen und Untersuchungen immer wieder darauf hinauslaufen, daß eine gewaltige Kluft zwischen Lehre und Leben besteht, zwischen kirchlicher und profaner Sprache, zwischen amtlicher und säkularer Religiosität, dann sprechen diese Fakten nicht nur eine unmißverständliche Sprache, sondern sie müssen uns auch vor falschen Alternativen bewahren, die da heißen: weniger "verkopfte Theologie" und mehr religiöses Gefühl und Gemüt; weniger "Äußerlichkeit" und mehr "Innerlichkeit"; weniger Actio und mehr Contemplatio; weniger "Materialität" und mehr "Spiritualität" bis hin zu lebensfernen schwärmerischen Ausuferungen, bei denen der Eindruck entsteht, als seien hier "religiöse Kurpfuscher" am Werk. Die Lösung unserer Probleme kann nur, wenn wir nicht von einem Extrem ins andere fallen wollen, darin bestehen, daß wir uns zur konkreten Geschichtlichkeit des Menschen bekehren. Was Newman vor gut 100 Jahren schon als die eigentliche Tot-Sünde der Kirchen bezeichnete, nämlich die "Ignorierung des Menschen" und damit auch die weitgehende Ignorierung der Menschwerdung Gottes, bedarf heute der Kurskorrektur in Richtung: "Incarnatio fidei", Humanisierung des Glaubens. Im Blick auf die heutige Gesamtproblematik halte ich es mit L.Wittgenstein, der über die (theologische) Wissenschaft sagt: "Wir fühlen, daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind".

Ich denke: die Menschen nehmen sich heute die Freiheit und können sie sich nehmen, genau dies bei den Kirchen anzumahnen. Ging es nicht auch Jesus eher um das "wahre Leben" statt um "objektiv" absolut wahre Lehren? Ging es den jungen Kirchen nicht auch eher um das "Tun der Wahrheit" in glaubwürdigen Lebens- und Umgangsformen als um das Diskutieren und kontroverse Disputieren um Glaubensformeln und astreine Definitionen?

Ich habe mir vor einigen Wochen auf einem ökumenischen Kongreß in Norddeutschland die Freiheit erlaubt, angesichts der seit langen Jahren geführten "Rechtfertigungsdiskussion" und der im Oktober 1999 vorgesehenen feierlichen Unterzeichnung eines gemeinsamen "Konsenspapiers", einige Thesen vorzutragen - wohlgemerkt: nach über 45o Jahren Lehrstreitigkeiten und gegenseitigen Verurteilungen, Exkommunikationen und grausam geführten Religionskriegen! Die Thesen gehen davon aus, daß ca. 80-90% der Gläubigen beider Kirchen gar nicht wissen, worum es da überhaupt geht (wie bei vielen anderen "Lehren" übrigens auch!). Sie bedenken die Sackgassen, in denen sich die Kirchen mit ihrem "fortlaufenden Erfolg" und immer weniger "Hörern des Wortes" befinden; sie nehmen den "toten Punkt" ernst, an dem wir angelangt sind, "trotz aller Richtigkeit und Rechtgläubigkeit" (A.Delp).

Denn Fragen stehen hier akut im Raum, die da lauten: Wenn so viele Christen gar nicht wissen, worum es demnächst im Oktober geht - wo ist denn da die bisherige "Uneinigkeit der Kirchen" realistisch zu orten, und worin besteht mit der Unterzeichnung des Papiers die erhoffte "neue Einigkeit"? In einem Papier auf hohem akademischen Niveau kann sie ja wohl nicht begründet sein!

Im ganzen bleibt uns wohl - ob wir es wollen oder nicht - nichts anderes übrig als das Grundanliegen Johannes XXIII. und des Konzils energisch aufzugreifen und konsequent zu verfolgen. Es geht darum, die Grundintentionen Jesu in einem neuen Licht aufleuchten zu lassen und sie für die Welt von heute neu zu erschließen nach dem Motto: "Die Rückkehr zu den Quellen ist eine notwendige und notwendende Bedingung für jede Erneuerung". Kierkegaard drückt es zukunftsträchtiger aus: "Der Kampf um das Christentum wird nicht mehr ein Kampf bleiben um es als wahre Lehre (Dies ist der Streit zwischen Orthodoxie und Heterodoxie)... Es wird um es als eine Existenz gekämpft werden. Die Streitfrage wird die Liebe zum Nächsten werden, die Aufmerksamkeit wird sich auf Christi Leben richten, und das Christentum wird wesentlich betont werden auch in Richtung der Gleichförmigkeit mit seinem Leben... Die Empörung in der Welt ruft: Wir wollen Taten sehen!"

Der Theologe D. Wiederkehr postuliert: anstatt kirchlicher Rechthabereien "überzeugende Neu-Inszenierungen der christlichen Hoffnung wagen!"

4. Christentum 2000: "Harmonisierung" gegensätzlicher Lehrsysteme?
Oder: Schule des Leben- und Liebenlernens!
Wie angedeutet, stehen folgende Thesen heute entscheidend zu Diskussion:

5. Lebens-Ämter gesucht, weniger Lehr-Ämter.
Thesen haben es in sich, daß sie lange diskutiert werden müssen, vor allem, wenn sie "unzeitgemäß" sind. Sie machen einen möglichst großen Konsens aller Menschen "guten Willens" nötig, denen es weniger um persönliches Prestige und mehr um die Nachfolge Christi geht. Zudem ereignet sich Nachfolge Christi immer nur beim Gehen des Weges mitten im Leben und als Antwort-Geben auf die Herausforderungen der Zeit. Die erwähnte Jörns-Studie und andere haben gezeigt, daß für Menschen Religion und Glaube dazu da sind, Leben zu gestalten, mit Lebensproblemen fertig zu werden, Vertrauen und Hoffnung zu finden trotz der Ängste, die es in der Welt gibt, aber auch gelungene Beziehungen mit anderen leben zu lernen - Voraussetzung für jede Beziehung des Menschen mit Gott. Um Leben zu bewältigen, "müssen Gott und Menschen nicht (mehr) miteinander versöhnt werden. Die Menschen gehen vielmehr davon aus, daß Gott auf ihrer Seite ist und ihnen dazu hilft, den sie bedrängenden Lebensproblemen standhalten zu können".

Dabei findet sich ein durchaus selbstkritisches Menschenbild, aber auch die Bereitschaft, "ethisch verantwortlich zu leben". Indem sich dabei eine "Personalisierung" und damit auch ein "Gestaltwandel des Glaubens" abzeichnet, zeigen sich im Glauben auch der Gottgläubigen Bereiche, "in denen sie Gott keine Zuständigkeit zusprechen. Es sieht so aus, als wenn die Emanzipation des Menschen von Gott gerade auch darin ernst genommen wird, daß die Menschen bereit sind, die Verantwortung für ihre destruktiven Neigungen selbst zu übernehmen, statt Gott dafür verantwortlich zu machen".

Wo es beim Menschen darum geht, daß sie an einen Gott glauben wollen, der ihnen zu einem sinnerfüllten Leben verhilft, sogar mit der Perspektive "über den Tod hinaus", da sind die Kirchen gefordert, solche Lebens- und Glaubensprozesse "von den Menschen her" in Gang zu setzen. Schließlich verkünden sie ja einen Christus, der als Gottessohn in die Welt gesandt, ein handfestes Beispiel dafür geworden ist, wie Leben sinnvoll und gottgewollt gelingen kann trotz äußerer Rückschläge und extremer Lebenskatastrophen.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die Konsequenzen auch nur annähernd zu bedenken, die solche Lebens- und Glaubensprozesse, deren Mitte die Lebensweise Jesu ist, auf die zukünftige Pastoral haben müßten, auf das Kirchen- und Ämterverständnis, auf die Art der Sakramentenbelebung, auf die Kleriker- und Laienfragen usw. Fest scheint mir zu stehen, daß die erwähnten Anliegen heutiger Menschen viel mit der Predigt Jesu von der "schon jetzt" anbrechenden Gottesherrschaft zu tun haben - wahrscheinlich weniger mit der kirchlichen Lehramtstheologie. Ein Wort von K. Jaspers geht einem dabei unablässig durch den Kopf: "Jesus bleibt die gewaltige Macht gegen das Christentum, das ihn zu seinem Grunde machte".

Insofern braut sich hier ein gewaltiges Konfliktpotential zusammen, welches sich, wird es in den großen Kirchen nicht schöpferisch bewältigt, weiterhin in Zehntausenden von sog. Sekten und "freien Kirchen" seine Kanäle und Flußbetten suchen wird. Man kann über sie denken, was man will - Glaubens- und Hoffnungsversuche sind sie allemal.
Statt aber solche und ähnliche Perspektiven an dieser Stelle weiter zu verfolgen, seien hier zum Schluß einige "Eckdaten" genannt, auf die es anzukommen scheint, wenn auf Zukunft hin der Versuch unternommen werden soll, das Christentum wieder zu dem zu machen, was es eigentlich ist: eine Schule des gemeinsamen Leben- und Lieben-Lernens. Dabei wird es darauf ankommen:

  1. daß der Anschluß gefunden wird an das Evangelium und seine ihm innewohnende "Dynamik des Anfangs". Dabei muß wieder gesetzt werden auf die unverwüstliche Kraft der "kleinen Leute" (die sich in Not- und Krisenzeiten oft besser bewährt haben als Kirchenfürsten und Fachtheologen), also auf die von Gott kom-menden schöpferischen Kräfte gerade auch des "einfachen Volkes", zumal der Gedanke der Communio-Kirche seit dem Konzil stets recht edel vertreten wurde, bisher aber nur geringe Wirkungen gezeitigt hat.
  2. daß beim Prozeß der Einbeziehung der Lebens- und Glaubenserfahrungen mög-lichst vieler in alle kirchlichen Prozesse und Entscheidungen wie auch in die "Wei-tergabe des Glaubens" ein neues Bewußtsein geschaffen wird für die elementaren Anliegen der Botschaft Jesu (theologisch nicht verstellt und kirchenamtlich nicht ver-bogen). Menschen müssen diese verstehen lernen und sich damit identifizieren können. "Glaube" muß wieder ein Bundes- und Beziehungsglaube werden, ein Hingabe- und Verheißungsglaube (der im Heute standfest macht und auf Zukünftiges hoffen läßt).
  3. daß die Kirche Jesu Christi wieder begriffen wird als eine Kirche aus vielen Kirchen, mit vielen Lebensformen, Liturgien und Theologien... - wie es der Vielfalt menschlichen Lebens und göttlicher Wege entspricht. Schon das erste Jahrtausend der Patriarchatskirchen hat gezeigt, daß die römisch-katholische Kirche eine mögliche Variante der Nachfolge-Gemeinschaften ist, wie auch immer sie sich zukünftig gestaltet und entfaltet. Allen gemeinsam muß die Mitte sein, aus der heraus sich Leben entfaltet: sie heißt Jesus Christus. Es geht um seine wiedergefundene Denk- und Handlungsweise in konkreten Lebenslagen, um die Fortsetzung der Taten Gottes in der Welt.

Nach einem Wort von K. Rahner muß der Christ der Zukunft ein "Mystiker" sein. Aber ein Mystiker besonderen Schlages: "Wer in Gott versunken ist, der hört das weinende Kind und sieht die Fliege an der Wand. Wer es nicht hört und sie nicht sieht, der ist nicht in Gott versunken, sondern nur in sich selbst".


Letzte SeitenÄnderung: 08.03.2005.
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