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Über Sinn und Unsinn eines arbeitswütigen Lebens.
August 2004
Amüsieren wir uns zu Tode? Durch Fleiß und Arbeitseifer - plündern wir
dadurch die Vorräte unserer Erde? Wird das Zusammenleben der paar Milliarden
Menschen auf unserem Globus immer konflikt-geladener, immer
krisengeschüttelter? Schlendern wir unversehens in den "Kampf der Kulturen
und Religionen" hinein? Oder hat dieser Kampf schon längst begonnen? Werden
die Menschen auf der einen Hälfte des Globus immer ärmer und rechtloser; die
auf der anderen, zivilisierten und wohlhabenden Hälfte immer
therapiebedürftiger?
Viele Entwicklungen zwischen den Völkern und Rassen werfen solche
besorgniserregenden Fragen auf. Eines scheint sicher: wenn es nicht gelingt,
unseren Lebensstil und unsere Lebensweise gesamtgesellschaftlich zu ändern
und mit der heruntergekommenen "übrigen Welt" auszusöhnen, wird eine
gemeinsame Zukunft immer schwerer vorstellbar.
1. "Arbeit ist des Bürgers Zierde; Segen ist der Mühe Preis".
Welche Schülerin, welcher Schüler würde nicht irgendwann einmal während der
Ausbildung mit diesem Satz konfrontiert? Er stammt von Friedrich Schiller,
einem der größten deutschen Dichter (1759-1805). Im "Lied von der Glocke"
hat er ihn sozusagen als Idealbild des gutbürgerlichen Lebens beschrieben.
"Arbeit ist des Bürgers Zierde", schreibt er. Der Mensch wird geradezu von
seinem Fleiß, von seiner Arbeitsleistung her definiert. Nur wer fleißig ist,
wer arbeitet, wer von sich sagen kann: "Arbeit ist mein ganzes Leben", ist
ein vollwertiger Mensch. Auf seinem Leben ruht "Segen".
Von einer "humanen Welt" geprägt und davon träumend, leben Schiller und
andere seiner Zeitgenossen in der Vorstellung: je fleißiger der Mensch
seiner Arbeit nachgeht; je mehr er verdient; je wohlhabender er sein Leben
zu gestalten vermag, desto "humaner" wird er auch. Materieller Wohlstand
zieht sozusagen automatisch den "edlen Menschen" nach sich. Er vermag nur
noch gut und kulturell hochstehend zu sein. Ein arbeitsreiches Leben wird
als die Voraussetzung für ein gelungenes, sinnvolles und friedliches
Zusammenleben unter den Menschen erkannt. Es bringt Segen und Glück für
alle...
Schiller ist nicht der einzige, der von einer Welt edler Menschen träumt -
als Ergebnis eines arbeitsreichen Lebens. Fachleute sagen, die
Heiligsprechung der Arbeit als wichtigstes Lebensanliegen, ihre Aufwertung
zum höchsten Wert und Maßstab habe bereits mit Martin Luther begonnen, mit
der "protestantischen Arbeitsethik" der Reformationszeit im 16. Jahrhundert
(so Max Weber). Durch sie sei auch die Religion übermäßig mit einem Katalog
von "heiligen Pflichten" und "erhabenen Pflichtübungen" ausgestattet
worden...
Das Ideal der Überbewertung der Arbeit und des Schaffens durchzieht seitdem
die ganze Neuzeit bis zum heutigen Tag. Der Kapitalismus fordert vom
Menschen "Tatgesinnung". Der Engländer John Locke spornt zum Arbeitseifer an
als "Quelle des Eigentums". Adam Smith und Karl Marx - wenn auch aus
unterschiedlichen Denkrichtungen kommend - nennen die Arbeit die "Quelle der
Produktivität und des Wohlstands"; sie wird bei ihnen "Ausdruck der
Menschlichkeit des Menschen ". -
Was zu anderen Zeiten als ein "Lebens-Mittel" verstanden wurde, als
menschliches Muß und Bedingtheit um des Lebens und Überlebens des Menschen
willen, erhält nun einen absoluten Vorrang, wird zum Lebens-Sinn und
Lebens-Inhalt überhaupt. Arbeit wird zur "eigentlichen Würde des Menschen"
erhöht. Manipulierer und Geschäftstüchtige waren und sind dann immer gleich
zur Stelle, die die Menschen zu verplanen wissen. Sie werden nach ihrer
"sozialen Brauchbarkeit" beurteilt. Weltweit entwickeln sich Maßstäbe und
Kriterien im sozialen Umfeld, die als die einzig richtigen gelten. Sie
heißen: Einführung einer rigiden Zeitplanung mit Terminkalender; Erziehung
zu Ordnung, Pünktlichkeit, Gehorsam und Schnelligkeit bei der Bewältigung
von Aufgaben; kritische Aufmerksamkeit gegenüber möglichen Konkurrenten und
deren vornehme, aber sichere Beseitigung... Sichtbare Zeichen des Erfolges
und der Qualität eines Menschen werden gelungene Karriere, der Besitz, der
Geldbeutel, der wachsende Wohlstand und die dazu gehörenden
"Standessymbole": die Größe des Autos, die luxuriösen Wohnverhältnisse, der
Swimmingpool, die hervorstechende Kleidung und die äußere Aufmachung in
Gesten und weltmännischem Gehabe.
2. Der menschliche Gegenentwurf.
Wer in solchem sozialen Klima aufwächst, kann gar nicht mehr ahnen und
wissen, dass es in der Menschheitsgeschichte immer auch eine ganz andere
Sichtweise über das Leben gegeben hat und immer noch gibt. Der Dichter Eugen
Roth (1895-1976) hat sie in seinem Gedicht über das "Riesenfaultier"
humorvoll und einsichtig geschildert. Das Gedicht lautet:
"Das Riesenfaultier, mammutgroß
Und faul natürlich, bodenlos,
Ist ausgestorben, wie man weiß:
Man hat es umgebracht, mit Fleiß!
Ein kleines lebt noch, namens Ai,
In Uru- wie in Paraguay.
Es rührt sich, hängend hoch im Baum,
Mitunter ganze Tage kaum,
Die Früchte wachsen ihm ins Maul,
Doch ist´s zum Fressen noch zu faul.
Um aber nicht vom Ast zu fallen,
Besitzt es große Sichelkrallen.
Noch nie hat es daran gedacht,
Wie weit durch Arbeit wir´s gebracht:
Zum Ende der Gemütlichkeit,
Zu Kriegen - wahrhaft, herrlich weit!
Vielleicht kehrt, als zum einzigen Glück,
Der Mensch zur Faulheit noch zurück!"
Man muß sich diesen Text genau vor Augen führen. Was wird darin gesagt? Die
Menschen haben das "Faultier" getötet, jede Art von "Gemütlichkeit". Gemeint
ist die Kultur des Miteinanders. Das Zeitalter der Gemütlichkeit wurde
abgelöst durch das Zeitalter der Hektik, des Stresses und des Profits.
Bis heute werden die Folgen des Verlustes der "Gemütlichkeit" von Fachleuten
als bedrohlich aufgezeigt: im Grunde seien durch Fleiß, übermäßigen
Arbeitseifer und Profitgier die Grundbedürfnisse des Menschen nach
persönlicher Akzeptanz und Daseinsberechtigung verdrängt und verweigert
worden; ebenso der Hunger nach Liebe, gegenseitigem Verständnis,
vertraulichem Gespräch, nach Bestätigung im Miteinander, nach Zugehörigkeit
und Eigenständigkeit. Wesentliche Faktoren des Menschseins seien abhanden
gekommen, könnten sich im Streß der Zeit gar nicht erst entwickeln, weil die
Voraussetzungen dazu fehlten: die nötige Ruhe und Besonnenheit, die
Entspannung, die Zuwendung, Kontakte und Gespräche, schützende Gemeinschaft,
Führung und Orientierung durch elterliche Fürsorge bzw. "exemplarische
Menschen", die persönliche Teilnahme ermöglichen und damit persönliches
Reifen und Wachsen im Glauben an sich selbst.
Weil das Leben nur noch unter Zeitdruck zu gelingen scheint, haben die
Menschen auch keine Zeit mehr, ihre eigenen positiven und negativen
Erfahrungen, ihre Verwundungen und Verletzungen, ihre Enttäuschungen und
Niederlagen aufzuarbeiten und daraus zu lernen. Sie werden zu Meistern des
Verdrängens und Vergessens mit der Folge, dass die Sprechzimmer der
Psychologen immer voller werden. Die Therapiebedürftigkeit der Gesellschaft
wächst. Die Therapeuten können dem kaum noch nachkommen - ganz abgesehen
davon, dass sie selbst Teile dieser Gesellschaft sind. Der französische
Philosoph Voltaire (gest.1778) hat zu seiner Zeit bereits die bedrohliche
Entwicklung vorausgesagt: "In der einen Hälfte unseres Lebens opfern wir die
Gesundheit, um Geld zu erwerben; in der anderen opfern wir Geld, um die
Gesundheit wiederzuerlangen". -
3. Wachsender Zweifel am Nutzen aller menschlichen Bemühungen.
Wenn nicht alles täuscht, ist vor allem die Jugend bzw. jüngere Generation
gegenwärtig vom wachsenden Zweifel am Nutzen aller menschlichen Bemühungen
befallen. Zu offenkundig wird der Verlust wahrer menschlicher Werte als
seelisch krank machend erlebt und erfahren. Menschen werden in eine Welt
hineingeboren, die voll ist von tagtäglichen Ereignissen, die das Leben als
nicht besonders lebenswert erscheinen lassen. Die Massenmedien tragen das
ihre dazu bei, dass jeder erfährt, was sich in der Welt abspielt: Lügereien
und Betrügereien im politischen und wirtschaftlichen Geschäft, der Hang zu
Gewalt und die Lust auf listige Überlegenheit bereits auf den Schulhöfen.
Auf Weltebene mehren sich Macht- und Interessenkämpfe in Formen von
Stammesrivalitäten, Barbareien, kriegerischen Auseinandersetzungen,
Vergewaltigungen und kaum vorstellbaren Bestialitäten an Menschen durch
Menschen - quer durch alle Gesellschaftsschichten, Kulturen und Religionen.
Die Saat, die durch profitgieriges Leben gesäht wurde, geht heute weltweit
auf: Ausbeutung armer durch reiche Länder, Verelendung der Massen in vielen
Ländern der Welt, Zwangsarbeit, Arbeitslager, Schinderei an Frauen und
Kindern, neue Sklaverei... Zum Profitdenken gehören - so absurd dies in
einer angeblich zivilisierten Welt auch klingen mag - geradezu notgedrungen
und zwangsläufig die Instrumentalisierung des Körpers und die Vermarktung
der Sexualität; Kinderprostitution und erzwungene Sklavenarbeit,
Menschenhandel und Entwürdigung aller derer, bei denen man es sich "leisten"
kann, weil sie ohnehin keine Chance und keine "Lobby" haben.
Der weltweit wachsende Hang zu Triebhaftigkeiten und Brutalitäten, wie sie
uns in den Massenmedien täglich vor Augen geführt werden, würde uns
"zivilisierte Europäer und Amerikaner" vielleicht immer mehr kalt lassen und
wenig beeindrucken, wenn wir nicht selbst immer nachhaltiger davon betroffen
würden. Ende der 1990-ger Jahre bereiste der amerikanische Sozialforscher
Robert Levine mit seinem Team 31 Länder, um das Lebenstempo der jeweiligen
Bevölkerung und dessen Folgen genauer zu analysieren. Dabei stellte er fest,
dass manche Bevölkerungen wesentlich "geruhsamer" und gelassener zu leben
verstehen als andere. Wo mehr Laschheit und Langsamkeit herrscht, gab es in
der Regel einen weniger hohen Lebensstandard, weniger Reichtum und
materiellen Wohlstand. In den "schnellen" Ländern mit mehr Leistung und
wenig "Müßiggang" gab es signifikant höhere Herzinfarkt-, Scheidungs- und
Selbstmordraten; eine auffällig größere Unzufriedenheit und
Selbstbemitleidungsrate - mit den Folgen größerer Therapiebedürftigkeit und
Änfälligkeit für modische Krankheiten.
4. Verantwortlich umgehen lernen mit der Zeit, in der man nichts tut.
Von dem chinesischen Gelehrten Laotse (4.-3.Jh. v. Chr.) stammt der Satz:
"Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für
das, was man nicht tut". -
Weil der Zweifel am Nutzen des hektischen Lebens wächst, spielen nicht
umsonst Sehnsüchte nach einer ruhigeren, meditativen, mystischen Lebensweise
eine große Rolle. Weisheitslehrer östlicher Religionen und christliche
"Spiritisten" haben Hochkonjunktur. Die Zeit der Gurus ist angebrochen.
Dabei ist zu hoffen, dass sich die meisten von ihnen nicht als Scharlatane
oder falsche Propheten erweisen. Denn in einer Welt der "Machbarkeit" alles
Machbaren und der "Heilbarkeit" alles Kranken ist die Versuchung groß, auch
hier Profit zu machen und Ansehen zu erwerben mit Hilfe eines Marktes von
großartigen, schillernden, vielseitigen und suggestiven "Angeboten" und
Zuwendungen ohne wirklich individuelle Beratung und Ermutigung, Hilfe und
Begleitung. Dann werden Illusionen verkauft. Der Mensch erhofft sich durch
äußere Mechanismen und Tricks, was innerlich verloren gegangen ist. Er
stürzt sich auf möglichst variable und suspekte Angebote, um sich etwas
vorzumachen und abzulenken. Das ständige Hinhorchen - mitten im materiellen
Wohlstand! - darauf, "wo es einem noch wehtun könnte" - ist hinderlich für
die wirkliche Erkenntnis über sich selbst und die Veränderung seiner
Lebensweise. Fachleute sprechen davon, dass viele Menschen durch
"Frühstörungen" bereits belastet sind. Diese können nicht geheilt werden
durch das, was allzu häufig "angeboten" wird: durch Ersatz-Freuden, durch
Verdrängung und Überspielung von Umwelt-Faktoren, die das Leben nachhaltig
prägen und krank machen.
Weisheitslehrer wie Laotse und andere sprechen deshalb von der
unverzichtbaren Verantwortung für die Zeit, in der man nichts tut. Dieses
"Nichtstun" ist alles andere als Faulenzen, Langeweile, Passivität und
untätige Zerstreuung. Auch hat dieses "Nichtstun" wenig mit aufwendigen
Feiern, stressigem Urlaub und lärmigen Wochenenden zu tun. Das "Nichtstun"
ist eine Hochform innerer Aktivität und Besinnung auf das, was das Leben an
Eindrücken und Erfahrungen hinterlässt. Es erfordert ein hohes Maß an
Aufmerksamkeit für sich selbst und für andere. Weisheitslehrer halten das
"Nichtstun" für die "erhabenste Weise menschlichen Daseins" - ausgerichtet
auf das Wissen und die Erkenntnis dessen, "was die Welt im Innersten
zusammenhält" (Goethe). Es bedeutet die hohe Kunst der inneren Ruhe, des
Geschehenlassens, des Schweigens, des heiteren und gelassenen Hinhörens auf
das, was sich im eigenen Innern und im persönlichen Umfeld abspielt und
bewegt; es ermöglicht dem Menschen die "hochgemute Bejahung und Zustimmung
zum eigenen Wesen, zur Welt, zu Gott" - die "innere Übereinstimmung mit dem
Sinn der Welt".
Der Franzose Jean de la Bruyere (1645-1696) ist der Überzeugung, daß zur
Entfaltung des "wahrhaft menschlichen Lebens" das Nachdenken gehört, das
Sprechen, das ruhige und bedachte Lesen eines Buches, das Stillwerden und
Stillhalten vor einem Kunstwerk und beim Hinhören auf eine geistige Musik.
Die Erfahrung des freien Beschenktwerdens und der inneren Bereicherung als
"Wurzel der Kultur und des menschlichen Reifens" meint auch Jesus, wenn er
in der Bergpredigt sagt: "Sehet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen;
sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht, und doch sage ich euch, dass
Salomon in all seiner Pracht nicht herrlicher gekleidet war" (Mt 6,28f). -
Dieses "herrliche Gekleidetsein" meint auch Marc Aurel (121-180), der Denker
auf dem römischen Kaiserthron, wenn er sagt: "Man benötigt nur wenig, um ein
glückliches Leben zu führen". -
Der Schriftsteller Peter Paul Althaus (1892-1965) bat einmal einen in Neapel
herumlungernden Gepäckträger, ihm seinen Koffer in das nahe gelegene Hotel
zu tragen. Dessen abweisende Antwort lautete: " Ich habe heute schon
gegessen". - In Brasilien oder Afrika kann es einem Touristen heute noch
passieren, dass ein Busfahrer sein vollbesetztes Gefährt fahrplanmäßig
stoppt, um erst einmal in Ruhe einkaufen zu gehen, oder gar nicht erst
abfährt, solange der Bus nicht voll besetzt ist. - In Mexiko werden
Partygäste, wenn sie pünktlich zur vereinbarten Zeit eintreffen, mit der
Frage empfangen: "Bist du zum Putzen gekommen?"
Solche Verhaltensweisen werden in unseren Breiten vorschnell als Laschhheit,
Unzuverlässigkeit, Faulheit, Langsamkeit... gebrandmarkt. Sie können aber
auch sehr viel mit einer gesamtgesellschaftlichen Lebenseinstellung zu tun
haben, die sich nicht schnell aus der Ruhe und dem gewohnten Lebensrhythmus
werfen läßt. In Israel gilt das Sprichwort: "Gott hat die Zeit geschaffen
und der Mensch die Hast". -
Vielleicht braucht unsere Welt - um der eigenen Genesung und um des
Überlebens der Menschheit willen - nichts dringlicher als eine neu erwachte
Fähigkeit zu einem ruhigeren und besinnlicheren Leben. Dies bleibt die
"Wurzel der Kultur". Darin gewinnt der Mensch seine "wahre Gestalt". Es
macht ihn an Leib und Seele nicht nur gesunder, sondern führt auch zu neuem
Glauben und Hoffen über alles Menschliche hinaus.
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