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Bibellesen - Einübung in ein neues Denken.
Oktober 2003
In der Gründungsurkunde der Christentumsgeschichte wird immer wieder von
dem "neuen Geist" gesprochen, der über Menschen ausgegossen wird. Dieser
werde ausgegossen über "alles Fleisch". Söhne und Töchter, Knechte und Mägde
würden "Propheten" sein; junge Männer würden "Visionen" und die Alten würden
"Träume" haben. "Wunder" würden geschehen "droben am Himmel und unten auf
der Erde" .- So lauten die Worte in der Pfingstpredigt des Petrus (Apg
2.14-1) Dabei wiederholt er nur die Weissagungen des Propheten Joel (3.1-5),
die - so wird betont - in der "Jetzt-Zeit" in Erfüllung gehen.
Was geschieht de facto, wenn dieser Geist Menschen wirklich gegeben wird -
an Pfingsten, bei der Firmung oder durch andere Zeichen und Sakramente?
Außer Festlichkeit und feierlicher Stimmung zunächst: Nichts! In Gegenteil.
Das festliche Reden und Betonen der "Gabe des hl. Geistes" kann leicht zu
einer theologischen Floskel werden; bei der Firmung Jugendlicher zweifelndes
Kopf- schütteln verursachen. Alles gerät schnell in Vergessenheit, sobald
das Traditionsfest vorbei ist. Der nachhaltige Eindruck: alles ist so, als
wäre nichts gewesen...
Wenn der verheißene Geist Menschen wirklich gegeben wird, dann muß die
Arbeit, das Mittun des Menschen erst richtig beginnen. Es muß sich ereignen,
was am Anfang der Christentumsgeschichte steht: Incarnatio = Fleisch- und
Menschwerdung! Bei jedem Menschen je nach der Gabe, je nach den Fähigkeiten,
die ihm gegeben sind!
Wenn "Menschwerdung" unverzichtbar ist, bedürfte es der "Einübung ins
Christentum", d h. in ein neues Denken, welches ein neues Verhalten zur
Folge haben muß. Wie kann solche "Menschwerdung" geschehen?
Die Bibel ist vielleicht das wichtigste Dokument, mit dessen Hilfe Solches
in die Wege geleitet werden könnte. Im Folgenden werden zum Bibellesen und
Verstehen vier Impulse gegeben - als "Einübung" in diesen neuen
Geist, der den menschlichen nicht vernachlässigt, sondern einbezieht und
zugleich zu neuen Ufern führt. Das für den Menschen Anstrengende und
Herausfordernde dabei ist, daß dieser "neue Geist" nicht identisch ist mit
menschlichen Ambitionen. Er sprengt menschlich "normales" Denken und
Verhalten; er fordert den Mut zur Umkehr, zur "Bekehrung" zu etwas, was man
- biblisch gesprochen - das "Denken Gottes", den "Willen Gottes" nennen
könnte, wie er in Jesus Christus sichtbar, anschaulich geworden ist.
Zur Erläuterung der vier Impulse wird im Folgenden ein biblischer
Text über den "reichen Mann" (Mk 10.17-31) zur Hilfe genommen. Dabei wird
deutlich gemacht, wie die vier Impulse zu handhaben sind. Sie lauten:
- Die Personen nennen und genau anschauen. Um welche Personen handelt es
sich in diesem Text? Was fällt einem zu diesen Person spontan ein: zu
Jesus, dem reichen Mann, zu Petrus...?
- Das Milieu, in dem diese Personen leben. Welches ist ihre
Lebenssituation? Konzentrieren wir uns hier auf den "reichen Mann". Was
wird über ihn gesagt? Wie reagiert er auf die Aufforderung Jesu, seinen
Besitz zu verkaufen? Welches könnten die Motive seines negativen
Verhaltens sein? Reich geboren und aufgewachsen; Luxus gewöhnt; "Kleider
machen Leute"; wer reich ist, gilt etwas in der Gesellschaft, hat Freunde
und Anhänger... Vielleicht spielt auch die moralische Verpflichtung
gegenüber den reichen Vorfahren eine Rolle, gegenüber der Familie, den
Verwandten...; vielleicht auch die Angst vor Ansehens- und Einflußverlust...
Über alle diese und andere Möglichkeiten sollte freimütig gesprochen
werden. Dann wird das Verhalten des reichen Mannes verständlich; und: daß
sich jedermann leicht ähnlich verhält... Wer gibt schon sein Vermögen
leichtfertig weg? Von Jesus heißt es, daß er nicht verurteilte. Im
Gegenteil. Der junge Mann ging traurig von dannen: weil er sich der
Aufforderung Jesu nicht gewachsen fühlte; weil er sich zu schwach und
unentschlossen vorkam; weil er so sehr an seinem Reichtum hing? - Wie auch
immer Unterschiedliches zu diesen Fragen denkbar ist - deutlich sollte
werden, wie "man", wie Menschen "normalerweise" in solchen und ähnlichen
Situationen reagieren...
- Das Unzumutbare der geforderten Nachfolge. Offensichtlich wird die
Aufforderung zu einem "neuen Denken und Handeln" als "nicht- normal", als
hart und "unmenschlich" empfunden. Jedenfalls weigert sich der reiche
Mann. Dabei stellt sich grundsätzlich die Frage: welcher Mensch ist
überhaupt gewillt und in der Lage, solch Un- oder Über-Menschliches zu
wagen? Wer tut das schon? Was würde geschehen, wenn am Ende eines jeden
Jahres alle Orden, Diözesen, wohlhabende Christen... ihre Konten plündern
würden, um den Erlös den Armen zu geben? Wie würden Gemeinschaften mit
ihren "Armutsgelübden" in der Welt dastehen, würden sie nicht für
Millionen "Bauten" errichten, sich statt dessen mit weniger Strukturen für
mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt engagieren? Bei solchen Fragen
meldet sich der gravierende Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit -
ein Konflikt, der biblisch verkündete Botschaft leicht in die Ecke des
Utopischen und Weltfremden rückt. Deshalb ist es in diesem Zusammenhang
wichtig, Beispiele aus der 2000-jährigen Geschichte ausfindig zu machen
und zu besprechen, die belegen, daß es durchaus stets Männer und Frauen
gegeben hat, die auf unterschiedliche, je verantwortbare Weise der
seltsamen "Unzumutbarkeit Jesu" gefolgt sind:
- Franz von Assisi
- Elisabeth von Thüringen
- Petrus und die Apostel im heutigen Evangelium
- Die Brüdergemeinschaft von Taize´
- Mutter Teresa und die "Missionare der Nächstenliebe"
- Urgemeinden mit ihrem Prinzip "Gastfreundschaft"
- Initiative "Straßenkinder in Rio" usw.
Alle diese Beispiele zeigen: da imitiert niemand den anderen; je nach
Situation und Fähigkeit wird hier jeweils Mögliches praktiziert. Das
Evangelium fordert nicht zur "Nachahmung" auf, sondern inspiriert zu
eigen-verantwortlichem Handeln. Die persönliche Identität des Handelnden
muß auf jeden Fall gewahrt bleiben.
- Die "Unzumutbarkeit", die jeden Christen tangiert. Hier kann man nicht
bei Beispielen über andere stehen bleiben, sondern es stellt sich die
Frage nach der eigenen Zumutbarkeit. Mögliche Reaktionen könnten sein:
- die eigene Wohl-Situiertheit und die arbeitslosen Nachbarn
- "Weihnachten im trauten Familienkreis" und die Einsamen/ Kranken nebenan
- das eigene Wohnhaus: gastfreundlich und offen auch für solche, die sich
nicht revanchieren können?
- Rentnerdasein: nur Zeit für Verwandte und Freunde?
- eigenes Christsein und das Kontaktbedürfnis anderer?
- "Kinder" in der Familie: eine Last oder: "wer ein solches Kind in meinem
Namen aufnimmt..."(Mt 18.5)?
Beim Gespräch können sich viele andere Möglichkeiten ergeben. Die größten
"Versagenssünden" gegenüber dem unmittelbaren Umfeld könnten heißen:
geflissentlich nicht hinschauen; schnell überhören...
Andererseits zeigen oben genannte Beispiele, daß es nicht auf pure
"Selbstlosigkeit" ankommt. Kein "Helfersyndrom" soll hier zum Zuge kommen.
Die persönlich Betroffenen fanden und finden dem gegenüber einen neuen
Lebensinhalt, einen frohmachenden und bereichernden Lebenssinn, ein
sinnerfülltes Leben... Bei ihnen zeigte sich, sofern sie "authentisch"
blieben: wer gibt, dem wird Hundertfaches zurückgegeben. Jede/jeder muß nur
einen Weg, seinen Weg finden, sich dem "Unzumutbaren" zu stellen.
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