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Bibellesen - keine Ermutigung zum herkömmlichen Kirchesein.
September 2003
Es hat sich inzwischen weiträumig herumgesprochen, daß der Mitgliederschwund
der Kirchen seit Jahren auf hohem Niveau bedrohlich ist. Auffallend bei neueren
Untersuchungen ist vor allem, daß auch bei den Gläubigen und "Praktizierenden"
der Vertrauensbruch beträchtlich wächst. Gerade mal 11% der Deutschen haben
noch Vertrauen in die katholische, 17% in die protestantische Kirche. Für "Insider"
ist es besonders aufregend zu erfahren:
"Es sind konstruktiv-kritische Leute, keine Jammerer". Aus eigener Erfahrung
läßt sich dem hinzufügen: auch Bibelleser gehen häufiger als erwartet auf Distanz.
Die Hoffnung erfüllt sich nicht, daß das Bibellesen zur Ermutigung führt, sich
in und für die Kirche mehr zu engagieren. Im Gegenteil. Große Zweifel sind angesagt.
Folgende Gründe springen dabei in die Augen:
1. "Ich will Christ sein, auch als solcher leben. Ich will aber kein mittelalterliches
System, welches monarchisch, hierarchisch, patriarchalisch und klerikalistisch
ist, stützen". -
Biblisches Denken bestärkt die Menschen in ihrer kritischen Distanz zu einer
solchen Verfassung, statt sie abzubauen. Wenn die Kirchen "Jahre der Bibel"
ausrufen, wissen sie oft nicht, was sie sich selbst und ihrem Status damit antun.
Kritiker, "Ketzer" und "Häretiker" können nicht ähnlich weittragende Auswirkungen
auf das Denken der Gläubigen haben wie das, was in der Bibel zu finden ist:
Freiheit und Kreativität der ersten Christen! Diesen war es möglich, ihre Ämter
und Kompetenzen so zu gestalten, wie es ihren aktuellen Bedürfnissen entsprach.
Immer mit dem Ziel im Auge: durch uns Christen müssen das heilsame Denken und
Handeln Jesu weitergehen! -
2. Dogmatische Lehr-Vorgaben sind nicht gefragt. Für Streitfragen, ob Gott dreifaltig
ist oder nicht; ob "Rechtfertigung" nur aus dem Glauben erwächst oder nicht;
ob Jesus nur wahrer Mensch war oder auch wahrer Gott in einer Person; ob Frauen
und "Laien" in der Kirche etwas "dürfen" oder nicht... - für alle diese Fragen
haben die Menschen insofern wenig Sinn und Verständnis, als ganz andere Sorgen
sie bedrängen. Im heutigen Religionspluralismus helfen ihnen die vielen alternativ
bereitliegenden Antworten mehr als herkömmliche Wiederholungen. Zudem ist der
Sinn für die Größe, Unergründlichkeit und Unbegreifbarkeit Gottes gewachsen.
Wie kann dann, von wem auch immer, so selbstsicher und unfehlbar über Gott geredet
werden? Solche Reden wirken wie Gottesbehauptungen, die niemand nachweisen und
beweisen kann, und die immer weniger Menschen nachzuvollziehen bereit sind,
zumal divergierende Antworten überall bereit liegen.
3. Während die Kirchen mit ihren Lehren immer "sprachloser" werden - was leider
allzu oft durch viel Reden kompensiert wird -, werden die Menschen kirchen-
und konfessionslos, aber nicht religionslos. Im Gegenteil werden Kräfte wach,
die die profane Religionswissenschaft schon lange kennt und anmahnt: die Frage
nach Gott und Transzendenz hat viel mit menschlichem Suchen, Fragen, Ahnen und
Vermuten gemeinsam, wenig mit (selbst)sicheren Behauptungen. Die Kirchen müßten
es wieder lernen, das persönliche Fragen und Suchen zu stärken (auch in Gemeinschaft),
statt Sehnsüchte dogmatisch und kirchenrechtlich vorschnell abzuwürgen. Die
Aufgabe der Theologie wäre es, in Erinnerung zu rufen, was Menschen früherer
Zeiten in ihren Lebenslagen und Situationen an für sie gültigen und plausiblen
Antworten auf Fragen gefunden haben; die aber nicht für alle Zeiten tragfähig
und haltbar sind. Es geht also darum, die eigene Tragfähigkeit zu erforschen...
4. Wenn überhaupt religiöse Sicherheiten möglich sind bzw. werden sollten, dann
wird heute nicht nach "Lehren" und "Gottesbeweisen" gefragt als viel mehr nach
"exemplarischen Menschen", die zunächst die "Religionsstifter" selbst sind,
dann deren anerkannte und glaubwürdige Zeugen. Den Weg Buddhas zu gehen, wird
für die Buddhisten wichtig; die Anweisungen Mohammeds richtig zu verstehen und
im Heute zeitgemäß nachzuvollziehen, wird Aufgabe der Moslems; die Worte und
Taten Jesu in der Zeit und Gegenwart menschennah und situationsgerecht fortzusetzen,
wird zu einer Existenz- und Überlebensfrage der Christen. Nicht die angeblich
zeitlosen Lehren erweisen sich als tragfähig; wohl aber das stets gesuchte und
versuchte "wahre Leben", welches sich von den überzeugenden "Lebensmodellen"
der Bibel oder der Tradition inspirieren läßt.
Diese sind nicht nachzuahmen; sie dienen eher als Impulsgeber für selbständiges
Denken und Urteilen, für eine eigene verantwortliche Lebensgestaltung in Würde
und Freiheit.
5. Religiöses Suchen und Fragen sind kein Privileg für wenige, die sich "Religionsvertreter",
"Fachleute" und "Experten" nennen. Die "Expertokratie" ist eine der phänomenalen
Tatsachen, die heute den großen Abfall mitverursacht. Eine "Elfenbein-Theologie"
neigt dazu, eine Wissenschaft zu werden, die am wenigsten von Gott versteht.
Nicht zufällig findet sich heute eindringlich Religiöses eher in der Kunst,
der Musik, Literatur, Naturmystik... als in den Kirchen. Zudem verleugnet sich
eine Religion selbst, die das Vertrauen der Leute verliert - nicht zuletzt deshalb,
weil sie in konkreten Maßnahmen das Gewissen, die Freiheit und religiöse Kompetenz
der Menschen leugnet. Statt schöpferische Kräfte zu entfalten, werden aktive
Menschen allzu oft in eine passive Rolle gedrängt. Einflußreiche kirchliche
Kreise, des Argumentierens unkundig und ohne Sensibilität für Prozesse und Entwicklungen,
behelfen sich mit Formeln, Wiederholungen und Zurechtweisungen. Sie tun unbewußt
alles, um bei aller theologischen Kompetenz keine Autorität zu haben. Sie scheinen
ausschließlich auf den Erhalt von "Kirche" und ihrer Einflußbereiche bedacht
zu sein. Als Ersatz für persönliches Denken und Entscheiden schielen sie nach
nächsten Obrigkeiten oder stützen sich auf Lehre und Kirchenrecht. -
Dagegen geht es in der Predigt Jesu weder um Kirchenrecht noch um den Erhalt
von Kirche; auch nicht um eine für alle Zeiten verbindliche und starre Pflichtenlehre.
Es geht um die Frage nach Gott und um jenseits des menschlichen Horizontes liegende
Realitäten, die im Hier und Heute bereits ihren Anfang nehmen müssen. Durch
Werte-Vorgaben haben die Predigt und das Beispiel Jesu ein für allemal gelehrt,
was "gottgemäßes Leben" heißt, welches der Welt Frieden und Heil zu bringen
vermag - nicht als morgendliches Sonntags- oder Festtagsgerede, wohl aber als
"Same" und "Sauerteig", deren Wirksamkeit auf Dauer sich entfaltet.
6. Anstatt die "Dynamik des Anfangs" aufzugreifen, wie die Bibel sie schildert;
anstatt die Verklammerung der Sache Jesu mit der heutigen Zeit zu suchen, hält
man sich lieber - aus Angst vor der eigenen Courage - an "Strohhalmen" fest,
die kurzsichtig und wenig hilfreich sind:
- das Festhalten an rechtlichen und autoritären Vorgaben, an denen sich
die Menschen wie auch Gott zu orientieren haben. Widersprechenden wird mit
Zurechtweisungen gedroht.
- Charismatischer Enthusiasmus und fundamentalistische Ansprüche, die für
die Christenheit neue Spaltungen und innerkirchliche Schismen zur Folge haben.
- das Beharren auf dem "Höchsten" und "Wichtigsten", das ist die Eucharistie,
obwohl längst klar ist, daß dieses Höchste und Wichtigste auf Zukunft hin
nicht gerettet werden kann, wenn das gesamte kirchliche Umfeld im Sinne des
Evangeliums nicht stimmig ist.
- Glaube an "geistliche Zentren", die Sonntagsstimmung erzeugen und die
in einer immer mehr sich säkularisierenden Welt wie Leuchttürme wirken (sollen),
während Gruppen und Gemeinden, in denen Hand angelegt werden muß, ausbluten
und verarmen. Esoterisch geartete "Schnellschüsse" also, die eine ehrliche
Bestandsaufnahme und "Diagnose" überflüssig machen.
- Stellungnahmen zu gesellschaftlichen und sozialen Problemen, die aber
weitgehend im Winde verwehen und ohne Wirkung bleiben, weil "Welt" und "Gesellschaft"
ihre eigenen Kompetenzen erkannt haben und entwickeln. Warum außerkirchlich
auf solche Verlautbarungen hören, wenn innerkirchlich Autorität und Einflußnahme
schwinden? So hat auch die Wandlung von der Heils- zur Sozialkirche seit den
60-ger Jahren den Kirchen nichts genützt; denn sie lief parallel zum Ausbau
des Sozialstaates.
7. Fünfzig Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil, vor allem seit 30 Jahren,
ist es Konzilsgegnern gelungen, so zu tun, als hätte es dies nie gegeben. Das
Rückgängigmachen des Konzils durch eine einflußreiche Minderheit hat zu einem
enormen Problemstau geführt. Die "Rückkehr zu den Quellen" schien den Platzhaltern
des Bisherigen zu gefährlich für sie selbst. Dennoch ist und bleibt die Bibel
die einzige Möglichkeit, fundiert den Mut zu Neuem zu wagen. Sonst werden die
Kirchen nicht aufhören, wie Behörden zu wirken - ohne Strahl- und Anziehungskraft.
Wenn sich damit getröstet wird, daß es den außer-deutschen bzw. außer-europäischen
Kirchen besser geht, so zeigt die Entwicklung deutlich: die deutschen bzw. europäischen
spielen bei ihren "Aderlässen" und "fortlaufenden Erfolgen" für die übrigen
eher eine Vorreiterrolle. Denn überall in der Welt breiten sich Säkularismus
und reiner Pragmatismus aus. Wie soll in den neuen Ländern also die viel propagierte
"Evangelisierung" gelingen, wenn sie in den alten nicht gelungen ist? Wie über
christliche Werte predigen, wenn ihre Lebbarkeit so wenig sichtbar wird?
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