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Die Botschaft der Bibel (10):
Gottes Anwesenheit mitten im Leben?
Juni/ Juli 2009
Schon im Alten Testament ist an verschiedenen Stellen vom Bund Gottes
mit der gesamten Menschheit die Rede: nach der Sintflut mit Noach (Gen
9.1-17); später mit Abraham (Gen 15.1-21) u.a. - Im Neuen Testament gibt es
eine Anzahl biblischer Aussagen, die von der Anwesenheit Gottes im Leben
sprechen: "Wer ein Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf" (Mt
18.5). "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten
unter ihnen" (Mt 18.20). "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan
habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25.40): - Auch die Osterberichte zeigen
Jesus den Jüngern immer wieder als Lebenden - auf eine andere Weise als
früher. Sein Versprechen gilt: "Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der
Welt" (Mt 28.20).
Als solcher bekundet er seine Anwesenheit unter den Menschen mitten in der
Welt, die ja seine Welt ist und bleibt. Vor allem bei der Bewältigung der
Aufgaben in der Welt. Jesu Botschaft ist wesentlich welt-zentriert. Es geht
um erlösendes Geschehen mitten in einer unerlösten Welt. Es geht um den
Weizen mitten im Unkraut!
Umso erstaunlicher ist es, dass sich im Laufe der Jahrhunderte ein
Kirchenbewusstsein entwickelt hat, welches (in Anpassung an die Welt!) ganz
andere Akzente setzt: monarchisch, männlich-hierarchisch, klerikal,
sakramental, liturgisch – so, als würde die Existenz und die Zukunft des
Glaubens primär von solchen "Kirchlichkeiten" abhängen. Diese sind zwar
nicht überflüssig. Sie werden es aber, wenn sie um ihrer selbst und um
gedankenloser Traditionspflege willen kultiviert werden. "Kirchliche
Maßnahmen" – entweder sie mobilisieren und motivieren menschliche Potentiale
innerhalb und außerhalb der Kirche zum Heil der Welt oder sie geraten in die
Zone des Vergessens und der Überflüssigkeit. Wenn schon 1943 A. Delp von dem
"toten Punkt" gesprochen hat, an dem wir kirchlich angekommen sind und
neuerdings u.a. der Bischof von Trier, Stephan Ackermann, dann müssten alle
Christen schnell aus ihrem Schlaf erwachen. In Richtung "JOHANNES XXIII". Er
war der Papst, dem die Mobilisierung der Kräfte des Guten weltweit am
meisten gelungen ist. Die seit dem auf ihn und die Stimme des Konzils nicht
mehr hören, weil sie es besser wissen, sind auf dem Holzweg. "Das
Christliche" scheint durch sie am meisten gefährdet.
1. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein (Joel 3.1).
So heißt es beim Propheten Joel: "Ich werde meinen Geist ausgießen über alle
Menschen (auch über Knechte und Mägde). Eure Söhne und Töchter werden
Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer
Gesichte schauen" (Joel 3.1ff).
Tatsächlich hat es im Laufe der Menschheitsgeschichte solche Söhne und
Töchter, Knechte und Mägde gegeben, die im Sinne der Bergpredigt Jesu
dachten und handelten. Es waren Christen und Heiden, Menschen aus
verschiedenen Religionen und Weltanschauungen: A. Frank, H. Camara, Romero,
Mutter Teresa, M. Gandhi, die chinesische Schriftstellerin Hong Ying... Oft
haben sie "prophetisch" nicht im Sinne derer gehandelt, die sich als Hüter
und Verantwortliche der jeweiligen Religion verstanden. Deshalb wurden sie
von den Einflussreichen und Mächtigen ignoriert, zum Schweigen gebracht, an
den Rand des Geschehens gedrängt, als Ketzer und "Nestbeschmutzer"
öffentlich gebrandmarkt, wenn nicht sogar umgebracht. Ihr größter "Verrat"
bestand in der Ablehnung der Festlegung Gottes auf bestimmte Gedanken,
"Wahrheiten", Sätze, Verordnungen und Regelmäßigkeiten. Wenn Menschen
bestimmte Regeln und Maßnahmen brauchen – Gott braucht sie nicht!
Denn Gott gießt seinen lebendigen Geist, der kein Geist der Buchstaben ist,
aus "über alle Menschen". Diese können in allen Lebenslagen mit Gottes
Gegenwart rechnen, vor allem dann, wenn sich Menschen in Liebe zugetan sind;
wenn es ihnen um Versöhnung, Frieden und Gerechtigkeit geht.
Ein Beispiel sei hier genannt. Es stammt von H. Böll, einem ganz "normalen
Christen". In seinem Roman "Der Engel schwieg" schildert er folgende Szene:
Nach dem zweiten Weltkrieg treffen ein junger Mann und eine junge Frau im
zerbombten Nachkriegsdeutschland zufällig aufeinander. Er ist
Kriegsheimkehrer und trägt Todesnachrichten für seine Heimat in der Tasche.
Sie hat gerade ihr neugeborenes Kind begraben müssen, weil es nicht
lebensfähig war. Er trägt ihr einen Mantel nach, den sie im Krankenhaus
vergessen hatte. So ergibt es sich, dass sie zusammen bleiben, ohne
eigentlich zu wissen warum. Nach einigen Wochen besiegeln sie den Prozess
des Zusammenseins. Es entwickelt sich folgender Dialog:
"Komm, sagte er leise und hob sein Glas, du
bist jetzt meine Frau, willst du es sein?
Ja, sagte sie ernst, ich will es.
Ich werde dich nicht verlassen, solange ich lebe.
Ich werde bei dir bleiben, ich freue mich.
Sie lächelten sich zu und tranken.
Ein guter Wein, sagte sie, sehr mild und schön.
Es ist Messwein, sagte er, ich habe ihn geschenkt bekommen.
Messwein?, fragte sie; er sah, dass sie erschrak; er rückte das Glas weg und
sah sie an.
Keine Angst, sagte er und legte seine Hand einen Augenblick auf ihren Arm,
es ist Wein, nur Wein. Glaubst du denn daran?
Ja, ja, sagte sie, ich glaube daran. Du nicht?
Doch ... Ich hatte auch Angst, jetzt nicht mehr."
Die Anspielungen, die hier gemacht werden, sind nicht zufällig gewählt.
Da ist zunächst das Gespräch. Was sich die zwei jungen, kriegsgebeutelten
Menschen aus Anlass ihres Heiratens zu sagen haben, ähnelt sehr dem Fragen
und Antworten, die der Priester während einer Trauung stellt bzw. wie sie
von Braut und Bräutigam beantwortet werden. Ebenso ist da der Messwein, den
die beiden trinken. Was damit von dem Katholiken BÖLL zum Ausdruck gebracht
werden soll, bedarf eigentlich keinen Kommentars: was zwischen zwei Menschen
geschieht, mitten im Alltag, in einer vom Krieg halb zerstörten schäbigen
Wohnung, ist ein sakramentaler Vorgang. Der Wein ist nicht einfach Nahrungs-
und Genussmittel. Was in jedem Gottesdienst aufleuchtet oder aufleuchten
sollte, geschieht hier: wo Menschen sich in Liebe einander zuwenden, kann
man sich auch der Zuwendung Gottes sicher sein. Gottes Präsens ist nicht an
eine religiöse Amtsperson, an einen sakralen Raum oder eine dafür
vorgesehene "heilige Zeit" gebunden. Wo religiöse Menschen in "seinem Namen"
zusammen sind, bekommt alles Profane eine sakramentale Tiefe. Das Sakrale
wird in den Alltag hinein humanisiert.
Solche Schilderung erinnert unwillkürlich an das Wort Jesu im Gespräch mit
der Samariterin am Jakobsbrunnen: "Die Stunde kommt, zu der ihr weder auf
dem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet... ; zu der die wahren
Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will
der Vater angebetet werden" (Joh 4.21-23).
2. Das Wirken Gottes unter den Menschen nicht versäumen!
In früheren Zeiten galt "die Sünde wider den Heiligen Geist" als die
schwerste, die nicht verziehen werden kann (vgl. Mt 12.31ff; Mc 3.29).
Dahinter stand die Überzeugung, dass Gott in der Geschichte der Welt und des
Menschen wirksam ist. Er ist in den "Zeichen der Zeit" und in
Lebenserfahrungen zu erkennen, in denen Menschen angestoßen werden zu
fragen: Wie kann Gott das zulassen? Oder: Was will Gott, das wir tun sollen?
Wer solche Situationen versäumt, sie missachtet oder "zutextet" mit fertigen
Antworten und Lehren, darf sich nicht wundern, dass jede religiöse Kraft und
Lebendigkeit schwindet. Der "Selbstmord der Kirche" ist dann nur noch eine
Frage der Zeit.
Im Markus-Evangelium (4.26-34) spricht Jesus vom werdenden und wachsenden
Reich Gottes mitten in der Welt. Es gleicht einem Samenkorn, das man in die
Erde sät, in der es wächst, gedeiht und große Zweige treibt bis zum Tag der
Ernte. Die Erde? Das sind die Herzen der Menschen. In ihnen soll das Reich
Gottes wachsen – unter dem Einfluß des schöpferischen Geistes Gottes. Mit
dem wachsenden Samen kann nichts anderes gemeint sein als das unauffällige,
aber unaufhaltsame Wirken Gottes im Leben des Menschen – was zur Konsequenz
hat, dass sich religiös sein wollende Menschen immer wieder
"Gewissensfragen" stellen müssen. Drei seien hier genannt:
- Wie ist es mit dem Wirken Gottes im eignen Leben? Gibt es persönliche
Erfahrungen, Ereignisse, Erlebnisse..., die mir eine Ahnung gegeben haben
oder geben, dass da einer in meinem Leben wirksam ist? Der mein Leben trägt
und hält, der mir Hoffnung gibt...?
- Wie ist es mit dem Wirken Gottes im Leben von anderen? In meinen
Nächsten, bei Andersdenkenden und Andersgläubigen, bei Protestanten, Freikirchlern , Juden, Moslems und Buddhisten? Da Gott kein Gott kirchlicher
Ämter und Dogmatik ist, dürfen Lehren und Vorschriften niemals daran
hindern, dass Menschen sich zusammenschließen zu einer "Ökumene" nicht nur
freundlicher Worte, sondern mit dem Ziel des Heils der Menschen, zur
Schaffung des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
- Wie ist es mit dem religions-übergreifenden Wirken Gottes, damit unter
den Menschen "Heilsgeschichte" werden kann? Gibt es nicht schon viele
Menschen guten Willens, eine universale Gemeinschaft gleicher Interessen und
Anliegen – unabhängig von Kirchen und Konfessionen, Völkern und Rassen? Wer
also das Wirken Gottes konfessionell zu regulieren und zu kanalisieren
versucht; wer es bei Amtsträgern und "geistlichen Herren" anzusiedeln
versucht – weniger bei "normalen Laien" und noch weniger bei Frauen, macht
sich größer als er ist. Er degradiert die Botschaft Jesu zu einer menschlich
gemachten, "verkirchlichten" Angelegenheit, die immer weniger Gehör findet.
3. Christus schreitet mächtig durch die Zeit.
Die im dogmatischen Glauben und rechtlichen Bestimmungen festgefahrenen
Kirchen haben immer schon das "Pech" gehabt, dass sich Andersgläubige zu
Wort meldeten und protestierten. Alle schneiden sich zudem ins eigene
Fleisch, weil sie "Jahre der Bibel" kennen und ausrufen. Denn die Bibel ist
ein gefährliches Buch für menschlich Bestehendes und Gemachtes. Denn Jesus
verkündete keine Kirche oder Konfession. Auch die klerikale Struktur von
Kirche ist in der Bibel nicht vorgesehen. Ebenso nicht die Mehrzahl der
kirchlichen Sakramente.
Das soll nicht heißen, man müsse das alles heute wieder abschaffen. Aber es
geht um die Prioritäten. Jesus verkündete den Frieden in der Welt und die
"neue Gerechtigkeit" unter den Menschen, die immer auch unter dem Einfluß
Gottes stehen. Zunächst auf Israel konzentriert, hat als erster Paulus die
Grenzen gesprengt. Er spricht von dem "unbekannten Gott", der durch Jesus
Christus eine Botschaft an alle Menschen gerichtet hat. Und Gott wir sie
einst richten und beurteilen nicht nach ihren Worten und äußerem Gehabe,
sondern nach ihren Werken (Mt 16.27; 25,31-46; Röm 2.6ff). –
Wenn man bedenkt, dass in der Welt – bei dem vielen "Unkraut", welches es
gibt – auch viel Weizen des Guten und zum Guten wächst, außerhalb und
innerhalb konstituierter Kirchen, dann könnte das Wort von Kardinal Newman
sprichwörtlich werden: Christus schreitet mächtig durch die Zeit! Er bleibt
bei seiner ursprünglichen Option vom "Reich Gottes". Bei aller selbst
gemachten "Rechtgläubigkeit" müssen sich die Kirchen darauf einstellen, wenn
sie die "Zeit Christi" nicht verpassen wollen. Für sie wird es in Zukunft
zentral darum gehen, nicht die Menschen in ihre fertigen Gehäuse hinein zu
bekehren, sondern ihre eigenen Grenzen auszuweiten auf die Grenzen der Welt.
Nicht die Menschen müssen von den Kirchen lernen – es sei denn, dass sie
selbst von den Menschen zu lernen bereit sind. Selbst wenn die Menschen
"ohne Gott" sind, so ist Gott nicht "ohne die Menschen". Ein alter
erfahrener Afrikamissionar hat es gegenüber einem jüngeren einmal so
beschrieben: "Glaub doch nicht, Du könntest Gott zu den Heiden bringen.
Bevor Du ihn bringst, war er schon lange vor Dir da!"
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