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Die Botschaft der Bibel (11):
Glauben in alltäglichen Banalitäten des Lebens?
Oktober 2009
Was ist ein "gläubiger Mensch"? Der nach kirchlicher Vorstellung den
Religionsunterricht besucht hat; der regelmäßig betet und die Sakramente
empfängt; der die Eucharistie als das Wichtigste im Leben ansieht und das
damit verbundene Amt anerkennt; der sich evtl. noch am Sonntagmorgen mit
Gleichgesinnten trifft und mit ihnen plaudert; der sich so oder so in der
Pfarrgemeinde engagiert...
Da deren Zahl immer mehr abnimmt, stellt sich die Frage nach den Aktivitäten
derer, die nicht oder weniger als früher "Kirche" und "lebendige Gemeinde"
im Blickfeld haben. Was ist mit dem Werktag und den vielen "banalen
Kleinigkeiten", von denen das Leben im Allgemeinen bestimmt wird, die den
großen Teil des Lebens ausmachen? Da sind die Verheirateten mit ihren
Beziehungsproblemen; die Erzieher von Kindern und pubertierenden
Jugendlichen; die Berufstätigen in Fabriken, Geschäften, Kanzleien, Büros,
Krankenhäusern und Sozialstationen... Was sich im Zusammenleben und in der
Zusammenarbeit unter ihnen abspielt, ist oft nicht lauter Sonnenschein. Es
sind Existenzkämpfe und –ängste, Selbstbehauptung und Rivalitäten,
Eifersucht und vielfältiges Gegeneinander, Vorurteile, Verdächtigungen und
Mobbing, die den Alltag bestimmen – je nach dem, wie die "Chemie" unter den
Beteiligten stimmt oder auch nicht stimmt. –
Was sich zwischen den gelegentlichen "religiös-kirchlichen Ereignissen"
innerhalb einer Woche abspielt, ist enorm vielfältig: harmonisch oder
spannungsgeladen. Was hat das alles mit "Glauben" zu tun? Herkömmlich
nichts. Es spielt sich ja nicht in der Kirche ab. Man hat sich damit
weitgehend zufrieden gegeben, zu predigen, das Evangelium auszulegen, je
nach Bedarf von einem gütigen, gerechten, strafenden, verzeihenden oder
liebenden Gott zu reden... - neuerdings wieder vermehrt im Sinne einer
"negativen Theologie", die vorsichtig ist mit dem Reden über Gott und sein
Handeln. Weil das Reden über Gott nicht unproblematisch ist, verlassen sich
viele auf eine Art Wellness-Religion, auf einen gefühlsüberladenen
"Glauben", der nur kurz und vorübergehend die banalen Dinge des Alltags
vergessen macht.
1. Menschen guten Willens als "Säulenbauer".
Die plausibelste Antwort auf obige Frage hat bisher immer noch die Bibel
gegeben. Dieses "Buch der Bücher" spielt keine himmlischen und ekstatischen
Schalmeien. Jesus konfrontiert die damaligen Menschen mit ganz konkreten
"banalen" Lebenssituationen. Da ist die hungernde Menge, die den Jungen mit
den zwei Broten und fünf Fischen das Teilen lehrt; da ist der unter die
Räuber Gefallene, der offenbart, wie gläubige Menschen sich "normal"
verhalten; die Ehebrecherin, die die Selbstgerechtigkeit der "Gerechten" an
den Pranger stellt; da sind die Pharisäer und Schriftgelehrten mit ihrer
Rechthaberei und Wichtigtuerei; die Zöllner mit ihrer versteckt-offenen
Habgier; da sind die Kranken und Ausgegrenzten...(vgl. Mt 5.1-50).
Was Jesus in all diesen Situationen tut oder zu tun lehrt, ist eigentlich
nichts anderes als was man heute "humane Verhaltensweisen" nennt. "Humanes
Verhalten" bei Gläubigen wie Ungläubigen – wieso sind da noch Kirche und
Glaube nötig? Warum noch Taufe und Sakramente, zumal Gläubige und Ungläubige
zu denselben Taten fähig sind? Sind gläubige Christen in ihrem caritativen
und sozialen Verhalten besser als Ungläubige? Auch dann, wenn feststeht,
dass die Zahl der Konfessionslosen wächst, die sich in vielen Bereichen der
Weltgesundheit, der Entwicklungshilfe, der sozialen Verpflichtungen
engagieren – ganz abgesehen von den weltweit Hunderten, die bei Katastrophen
unter Einsatz ihres Lebens gleich zur Stelle sind?
Die kirchen- und konfessionslos Engagierten verunsichern gegenwärtig die
religiös Bekennenden. Denn für viel Gutes, was geschieht, ist "Glaube" kaum
noch gefragt bzw. erforderlich. Jedenfalls kein dogmatischer oder amtlich
festgelegter Glaube. Neulich habe ich eine größere Gruppe verunsicherter
Christen in eine Kathedrale geführt. Bestimmte Eindrücke und Gedanken kamen
beim Blick auf das gewaltige Bauwerk zur Sprache: wie viele Jahrhunderte hat
es gebraucht, um dieses Monster fertig zu stellen? Wie viele Hunderte,
Tausende Arbeiter waren nötig, um ihr ganzes Leben lang daran zu arbeiten?
Der Blick fiel auf eine der gewaltigen Säulen. Wir stellten uns vor, dass
der damalige Baumeister (und später seine Nachfolger) einer Gruppe von
Arbeitern den Auftrag gab, in einigen Wochen oder Monaten eine von den
vielen Säulen entstehen zu lassen. Sie haben den Auftrag erfüllt – in
unendlicher Kleinarbeit und mit unzählbaren kleinen Zugriffen...
Solch "banale Kleinigkeiten ein ganzes Leben lang" zu bewältigen – man kann
sie nur verrichten, wenn man an den Baumeister glaubt, der das Ganze der
Kathedrale geplant hat, der die zu leistenden Arbeiten nach seinen
Notwendigkeiten verteilt und überwacht. Der "kleine Arbeiter" weiß nicht um
das Ganze. Er erfüllt nur im Kleinen seine Pflicht. Für ihn werden die
kleinen Maßnahmen nur sinn- und verheißungsvoll im Glauben an den
Baumeister, der die vielen Kleinigkeiten zu einem Großen zusammen zu fügen
vermag. Der Glaube an den, der Unvollendetes vollendet, macht das Leben
erträglich.
2. Gott, der große Architekt und Weltenbauer.
Der Unterschied zwischen einem Gläubigen und Ungläubigen zeigt sich meistens
nicht in äußeren Taten. Er besteht darin, dass der eine auf einen größeren
heilsgeschichtlichen Zusammenhang vertraut und sich darin selbst aufgehoben
weiß. Der Glaubende bekommt einen anderen Blick, eine neue Sichtweise für
alles, was lebt und sich bewegt. Für ihn ist "Glaube" keine Einsicht
jenseits allen menschlichen Wissens, sondern eher ein Hoffen, ein Erwarten,
ein Sehnen nach etwas ganz Anderem. Es liegt jenseits aller menschlichen
Möglichkeiten. Es ist das Unmögliche des Baumeisters, was der "kleine Mann"
nur zu erahnen vermag.
So ist es zu erklären, dass Jesus die Menschen von damals mit konkreten
Lebenssituationen konfrontiert. Sie wiederholen sich bis heute jeden Tag.
Dabei kommt es nicht darauf an, wer jemand ist, woher er kommt und welche
Positionen er einnimmt. Entscheidend ist nur, wie jemand sich in einer
bestimmten Situation verhält. In einer vielfach verkorksten Welt kann jeder
zum Segen oder Unsegen werden. Er vermag heilend oder zerstörend tätig zu
sein. Er kann Gott oder dem Teufel dienen – unabhängig von Religion,
Weltanschauung, Rasse und Kultur.
3. Das Wirkfeld Gottes ist primär die Welt.
Wie es beim Baumeister einer Kathedrale um eine "Vision" geht, die
vielleicht in Jahrhunderten erst in Erfüllung geht, so gleicht die Welt als
Gottes Schöpfung einem großen Bauwerk, an dem Generationen bauen. Dabei geht
es nicht um eine Welt der vielen Worte ohne besonderen Inhalt. Es geht um
heilsame oder heillose Taten, die die Welt zu retten oder zu verwüsten
vermögen.
Die Welt als "Kathedrale Gottes" – biblisch gesehen kann man sie sich in
folgenden Schritten bzw. "Baumaßnahmen" vorstellen:
- am Anfang die Erschaffung der Welt, die als "sehr gut" bezeichnet
wird;
- die Sünde der ersten Menschen: Adam und Eva; Kain und Abel... Der
Ungehorsam gegenüber Gottes Weisungen - Ursache für alle Übel in der
Welt...
- die Rolle der Propheten als Mahner an den Bund Gottes mit seinem Volk.
Sie rufen zu Treue und zur Erfüllung der Gebote Gottes auf...
- Jesus Christus. Er setzt der gefallenen Schöpfung eine neuen
erlösenden Anfang; wird selbst zum "Samenkorn", das in die Erde fällt und
das "Reich Gottes" mitten in der Welt begründet;
- Zum Wachsen des "Reiches Gottes" sind alle aufgerufen; jede/jeder an
seinem Platz. "Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles
Fleisch...", heißt es in der Pfingstpredigt des Petrus (Apg 2.17-21).
- Die Teilnahme am Wachsen des Reiches Gottes geschieht durch Taten der
Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit (vgl. die Wachstumsgleichnisse
vom Sämann, vom Senfkorn, vom Sauerteig...: Mt 13.1ff). Solche biblischen
Postulate stehen im Gegensatz zu rein menschlichen Ambitionen wie Macht,
Eifersucht, Ehrgeiz, Streitigkeiten, Kampf, Mord und Totschlag...(vgl. Jak
3.16-4.3).
- Die Einübung in ein gottgewolltes "wahres Leben" ist die Aufgabe für
alle. Das Suchen nach theoretischer "Wahrheit" darf dem nicht im Wege
stehen. Jesus hat durch seine Worte und Taten ein Beispiel gegeben, wie
sich gottgemäß leben und handeln lässt. Der Glaube an ihn ist
gleichzusetzen mit dem Glauben, dass seine Worte und Taten heilsam und
erlösend sind. Die Nachfolge Christi besteht in nichts anderem als in der
Fortsetzung seiner Worte und Taten in allen Lebenssituationen, mit denen
Christen konfrontiert sind.
- Über das Gute bei Nichtchristen, sogar Atheisten, ist zu sagen: wenn
sie auch Gott-fern sind, so ist ihnen Gott doch nahe. Sie sind Teil seiner
Schöpfung und deshalb niemals ohne ihn. Sie sind "drin", wenn sie,
kirchlich gesehen, auch "draußen" sind. So bereitet Gott selbst den Boden
für Dialog und Friedenswerk unter allen Menschen, die guten Willens sind.
4. Die Kirchen lehren die falschen Dinge.
Wenn es stimmt, dass das Wirkfeld Gottes die Welt ist, dann erklärt sich
auch das Elend der Kirchen in der gegenwärtigen Umbruchssituation. Es
besteht darin, dass die Verantwortlichen schon sehr früh damit begonnen
haben, das Prophetische der "kleinen Leute" mit ihren Lebenserfahrungen und
-erwartungen zu übersehen und gering zu schätzen. Stattdessen haben sie auf
die Nachfolge griechischer Philosophen gesetzt und – auf hohem akademischen
Niveau – "theologisiert", um aus einer Christusbewegung eine
"Spezialistenreligion" zu machen, deren Sprache nur Fachleute noch
verstehen.
Sie haben "sakramentalisiert" in Nachahmung heidnischer Initiationsriten,
die zwar dem Bedürfnis von Menschen nach äußeren Zeichen und Riten
entgegenkommen, aber auch Aberglaube, Magie und Fetichismus fördern. - Sie
haben, das Konkrete des Lebens vernachlässigend, alles "übernatürlich
erhöht", um es hierarchisch-klerikal zu verwalten. - Sie haben den
"normalen" Menschen ihre Rolle, ihre Mitarbeit am Heilsgeschehen Gottes in
der Welt verweigert. Deshalb ist es wahr, was Papst Johannes Paul I. sagt:
Die Menschen verlassen die Kirche, weil die Kirche sie zuerst verlassen hat.
Die Kirchen stehen gegenwärtig erst am Anfang einer äußeren Emigration. Die
innere hat längst viel weitere Ausmaße angenommen, wie es jüngst eine
demoskopische Untersuchung wieder deutlich gesagt hat. Einige hundert junge
getaufte Erwachsene wurden gefragt, welchem "höchsten Wert" sie für ihr
Leben Bedeutung beimessen würden. 46% hatten keine Antwort; von den 48%
Antworten gaben 25% "persönliche Freiheit" an; 11% "Familie und
Freundschaft"; 6% "Heimat"; 4% "Frieden"; 2% religiösen Glauben...
Dazu korrespondiert die "Austrittswelle" aus der Kirche, die wieder ein für
sie bedrohliches Ausmaß angenommen hat: 2007 waren es 93.000; 2008
130.000...
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