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Die Botschaft der Bibel (12):
Glaubenskrise als Krise der Liebe.
November 2009
In den gegenwärtigen unsicheren Zeiten wird vielfach vom "Kampf der
Kulturen" gesprochen. Es ist zugleich ein "Kampf der Religionen", die sich
im Umbruch der Zeit ihre eigene Zukunft zu retten versuchen und sich dabei
den Rang ablaufen: bisweilen im friedlichen Nebeneinander, bisweilen
verstrickt in Prestige- und Selbstbehauptungskämpfe.
Bei uns in Europa spielen dabei der Buddhismus, das Christentum und der
Islam die auffälligsten Rollen. Im Buddhismus ist allen klar, worum es bei
dieser "Religion ohne Gott" geht: um Meditation, Innerlichkeit und
persönliche Lebensvertiefung. – Im Islam weiß jeder noch so einfach
gestrickte Gläubige, worauf es ankommt: um die Unterwerfung unter den Willen
Allahs, wie er im Koran eindeutig zur Sprache gebracht wird; man weiß um den
Fastenmonat Ramadan und dass jede Frau den Schleier zu tragen hat; um die
Wallfahrt nach Mekka wenigstens einmal im Leben und um den wenn nötig
blutigen Kampf, wenn es um die Erhaltung und Verteidigung der "letzten
Offenbarung Allahs" durch Mohammed geht.
Im Christentum scheint eine große Unkenntnis zu herrschen in der Frage, was
es eigentlich zu glauben gilt. In früheren Zeiten gab das Lehramt Antwort
auf diese Frage. In den Bücherregalen vieler christlicher Familien steht der
Katechismus. Aber gelesen und gelernt wie in früheren Zeiten wird er kaum.
Ebenso die Bibel. Wer versteht sie schon? Wenn sie dennoch, mehr als je
zuvor, von vielen gelesen und in Gruppen besprochen wird, dann kommen
Christen zu Einsichten, die die Erscheinungsform der Kirche und ihr Lehramt
eher infrage stellen. Verstärkt jedenfalls wird das früher Gelernte nicht.
Denn der Mann aus Nazaret hat keine roten Socken und fürstliche
Prachtgewänder getragen; er hat keinen Palast bewohnt; er hat sich nicht
über andere erhoben, um von ihnen Treueschwüre und unfehlbaren
Glaubensgehorsam zu verlangen; er hat kein hochgeistiges theologisches
Monopol geschaffen, um der großen Mehrheit des Volkes zu zeigen, wie
unmündig und abhängig sie von den Klugheiten der Klugen ist. - Im Gegensatz
dazu hat er eine Freiheit und Würde des Menschen vertreten. Diese in einem
dogmatisch und rechtlich festgelegten Mauerwerk zu leben, ist wie die
Quadratur des Kreises: unmöglich. Es liegt also fast in der Natur der Sache,
dass sich Menschen von einer so und nicht anders gewordenen Macht- und
Angebotskirche entfremden. Was wird dabei mit der Botschaft Jesu? Wie kann
sie eine Zukunft haben?
1. Lebendige Menschen und Gemeinden als "Früchte" der Liebe.
Wenn man Christen fragt, welches das oberste und wichtigste Gebot sei,
wissen viele noch zu antworten: die Liebe. Das hat auch Papst Benedikt in
seiner Enzyklika "Deus caritas est" auf sehr kluge und auf eine ihm eigene
platonisch abgehobene Denkweise betont. Auch Paulus hat vor 2000 Jahren
schon "das Hohe Lied der Liebe" verkündet
(1Kor 13.1-13). Für ihn ist die Liebe kein dubioses Gefühl, kein
sentimentales Etwas, sondern eine Lebenskunst, die es fertig bringt, die
vielen Gaben und unterschiedlichen Kräfte von Menschen zu einen, zu bündeln
und auf den hin zu orientieren, der über allen "stummen Götzen" steht (vgl.
1 Kor 12.1-11).
Wenn es um die Liebe geht, ist es unverzichtbar wichtig, dass jeder Mensch
sich entfaltet entsprechend der Gabe, die der Geist Gottes gibt. Ob es sich
um die Gabe der Weisheit handelt, um das Vermitteln von Erkenntnissen, um
Glaubenskraft oder um die Fähigkeit zu heilen, um "prophetisches Reden" oder
um die Unterscheidung der Geister – für Paulus sind diese und andere Gaben
Geschenke der "Offenbarung des Geistes", damit sie anderen nützen…Man könnte
auch sagen: zum Aufbau einer glaubwürdigen Gemeinschaft.
Wie schwer solches Zusammenspiel der Kräfte zu bewältigen ist, hat Paulus in
den christlichen Gemeinden erlebt, die er selbst gegründet hat. Wenn er von
der Liebe spricht, ist er sich zugleich der Tücken und Fallstricke bewußt,
die ihr entgegenstehen. Die Liebe kann schnell und unerwartet zu einem
"dröhnenden Erz", zu einer "klingenden Schelle" und zu einer "lärmenden
Pauke" werden. Auch dann noch, wenn jemand das "prophetische Reden"
versteht; wenn er alle Geheimnisse weiß und alle Erkenntnisse besitzt; wenn
er einen Berge versetzenden Glauben hat und alle sein Habe anderen
verschenkt…
2. Die Liebe freut sich an der Wahrheit. Aber was ist Wahrheit?
Wo die Liebe sich bewährt, da ist sie langmütig und gütig, da ereifert sie
sich nicht, prahlt nicht und bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht
ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil und lässt sich nicht zum Zorn reizen.
Sie trägt das Böse nicht nach, freut sich nicht über das Unrecht, sondern
freut sich an der Wahrheit…
Es ist relativ leicht, Kommentare über solche Texte zu schreiben und über
die Frage, wie Paulus zu solchen zentralen Aussagen kommt? Aber was bedeuten
sie konkret für das Heute? "Alle Erkenntnisse besitzen!" Menschen neigen
dazu, ihre eigene Meinung bei bestimmten Anliegen zu "dogmatisieren", d.h.
sie allein beanspruchen für sich, Recht zu haben. Dabei tun sie sich selbst
hervor, nehmen wegen irgendeines Komplexes ein rechthaberisches Gehabe an.
Oft kompensieren sie dadurch die eigene Unsicherheit, steigern sich zu
Behauptungen, die andere beeindrucken (sollen)… Je mehr das äußerlich
gelingt, desto weniger sind sie noch in der Lage, die Brüchigkeit und
Hinfälligkeit des eigenen Argumentierens zu akzeptieren. Dabei verhindern
sie sich selbst, ihr eigenes Werden und Reifen. Sie bleiben aber auch
uneinsichtig und verschlossen gegenüber anderen.
Mit der Verkündigung der christlichen Botschaft seit 2000 Jahren war immer
auch der Drang verbunden, "alle Erkenntnisse" zu besitzen. Es wurden nicht
nur prächtige Paläste und Dome gebaut als Zeichen christlicher Überlegenheit
über andere Kulturen und Götter, sondern es ging, parallel dazu, auch um die
Erforschung der Wahrheit. Die griechische Philosophie schien besonders
geeignet, dem Christentum eine Blütezeit zu bescheren. Es entwickelte sich
ein philosophisch-theologisches Wahrheitsverständnis, welches die gewünschte
"Blütezeit" eine Zeitlang hervorbrachte, heute aber besonders dringlich die
Frage aufkommen läßt, ob es das biblische Wahrheitsverständnis nicht eher
verdrängt hat. Denn diesem gegenüber sind Christen verpflichtet.
Zunächst aber hält sich das herkömmliche Wahrheitsverständnis. Auf dessen
Ebene spielen sich gegenwärtig – wenn Exkommunikationen und Scheiterhaufen
bei Vergehen nicht mehr so leicht in Frage kommen – "Dialoge" ab: mit den
Orthodoxen, mit den Protestanten, mit den Moslems und sogar mit Atheisten.
Dabei wird nicht wahrgenommen, dass absolute "Wahrheiten" sehr relativ
geworden sind. Sie bleiben beim Volk oft ohne Akzeptanz, weil als nicht
wichtig angesehen für das Leben. Wenn nicht alles täuscht, hat sich sogar
unter Gläubigen die Mentalität breit gemacht: wahr mag ja Vieles sein, aber
wichtig ist es nicht! Das Philosophieren auf hohem Niveau scheint weit weg
von der Alltäglichkeit des Lebens, die es zu bewältigen gilt…
Wenn sich nach Paulus die Liebe an der Wahrheit freut, dann meint er sicher
nicht die akademische Rechthaberei, die sich an Definitionen und Begriffen
erfreut. Eher meint er die Wahrheit und Wahrhaftigkeit des menschlichen
Zeugnisses, welches durch das Feuer von Prüfungen und Beschwernissen
hindurchgegangen ist und die Versuchung überwunden hat, sich über andere zu
erheben. "Wahrheit" ist die Übereinstimmung zwischen Reden und Tun.
Die Liebe erhebt sich nicht über andere. Arrogante und Hochnäsige, aus
welchen Gründen auch immer, erheben sich gern über andere – oft sogar, um
ihre eigene Unsicherheit und Unfähigkeit zu verbergen. Man kann sich aber
auch über andere erheben, indem man sich aufbläht durch festliche Gewänder,
durch aufwendigen Lebensstil und durch "maßlose Überschätzung der Bedeutung
von Groß-Events und Massenveranstaltungen" (Reinhold Stecher). Solches
Aufblähen, was es in Kirche und Medien gibt, hat unversehens die Konsequenz,
Suggestionen zu erzeugen und Menschen willenlos zu beeinflussen. Letztlich
wird der einzelne dabei nicht ernst genommen – in der Masse am wenigsten. Wo
der Mensch aber nicht ernst genommen wird, da ist auch das Reden über Gott
umsonst. In Jesus Christus hat er eine menschliche Gestalt angenommen, von
der sich viele seiner "Stellvertreter auf Erden" auffallend unterscheiden.
Wenn sie sich dabei auch auf die Tradition als "Glaubensquelle" (!) berufen,
so stellt sich doch sehr akut die Frage nach deren Berechtigung.
3. Die "frohe Botschaft": jeder Mensch hat eigenen Wert und Würde.
Im Zusammenhang mit der Krise der Kirche und des Glaubens in der heutigen
Welt wird immer wieder die Frage gestellt: warum die vielen Austritte aus
der Kirche? Warum oft so ein unfreundliches Christentum? Warum im wachsenden
Maß die emotionale Entfremdung sogar der Gläubigen von der Kirche? –
Die offiziellen Antworten liegen schnell bereit: die allgemeine
Säkularisierung; der moralische Verfall in der vielgestaltigen Freizügigkeit
der Leute; die Kirchensteuer…Ungern wird zur Kenntnis genommen, dass es seit
der Zeit des Konzils und der Würzburger Synode, seit dem
"Kirchenvolksbegehren" zu viele Mechanismen gegeben hat, die darauf
hinausliefen, Menschen "von Amts wegen" gar nicht erst anzuhören, sie zu
übergehen, ihre Stimmen zu ignorieren. Dieses Faktum konnte man überall in
der Welt beobachten: in Holland, Spanien, Deutschland, Lateinamerika,
Afrika…Dahinter steckte eine Grundhaltung: Die Kirche sind wir, der Klerus!
Dieses Verhalten hat dazu geführt, dass Rom und die Hierarchie als bindende
und motivierende Kräfte bei den Gläubigen immer schwächer wurden.
Gebildete Christen wissen heute, dass sich schon in der Frühzeit eine
spezielle gesellschaftliche Schicht des Christlichen bemächtigte, um es auf
ihre Weise zu interpretieren und in Dienst zu nehmen. Es waren hauptsächlich
die Monarchen und Adeligen. Sie haben aus der Kirche die Abbildung eines
monarchischen Staates gemacht. Dessen Amtsinhaber machen bis heute glauben,
alles sei unter dem Einfluss des heiligen Geistes geschehen, also auch im
Sinne Jesu. Solche Ideologie erweist sich immer mehr als unglaubwürdig. Sie
fängt an, unter die Haut zu gehen, wenn sich Laien, auch Frauen, in manchen
Dingen als fähiger, informierter und überzeugender erweisen als mancher
Kleriker. Das Volk Gottes fängt an, Ansprüche zu erheben – neben oder gegen
den "göttlichen Anspruch" von Gottes Stellvertretern…
Die Kluft zwischen "oben" und "unten" äußert sich in latenter und
offenkundiger Weise in der Tatsache, dass viele Lehren der Kirche nicht
akzeptiert werden: wichtige Passagen von "Humanae Vitae"; Donum Vitae; die
heutigen hochgejubelten Gemeindezusammenlegungen in "pastoralen Räumen"… Wo
Menschen nur zum Schein gehört und letztlich nicht ernst genommen werden, da
kann auch der Segen Gottes nicht sein. Mit strukturellen Maßnahmen wurstelt
sich die Kirche zu Tode und es entsteht der Eindruck, dass es den
Amtinhabern um nicht viel anderes geht als um die Erhaltung der eigenen
Positionen und Pfründe.
Von Gottfried Keller stammt der Satz: Kleider machen Leute. Durch Kleider
können Menschen zu Ehren, zu Einfluß und Positionen kommen. Sie können zu
etwas gemacht werden, was sie in Wirklichkeit nicht sind. Gerade solche
neigen oft dazu, andere zu erniedrigen und zu demütigen. Sie können andere
als arm und erbärmlich erscheinen lassen. Wer gerne die ersten Plätze
einnimmt; wer sich gern von möglichst vielen grüßen und umjubeln lässt; wer
"in aller Bescheidenheit" meint, doch immer der Erste bei Gott zu sein – der
trägt bewußt oder unbewußt dazu bei, dass seine Reden und sein Auftreten –
bei aller gesellschaftlichen Akzeptanz - zu "dröhnenden Erzen" und zu
"klingenden Schellen" werden. Die Kirche, aus einer "fürstlichen"
Vergangenheit kommend, muß in einer veränderten Situation aufpassen, dass
ihr nicht das übel genommen wird, was ein jüdisches Sprichwort sagt: "Auch
mit edlen Ideen kann man die Welt verwüsten".
4. Gelebte Liebe und Eucharistie gehören zusammen.
Die Liebe ist eine subtile, anstrengende Angelegenheit – eine Schale, die
leicht Sprünge bekommen kann, dabei hohl und leer wird. Auch die Klugheit
der Klugen; theologische Kenntnisse und Erkenntnisse können zu
"Machtinstrumenten" werden, die Andersdenkende draußen vor der Tür stehen
lassen. Sie können das Denken und Handeln Jesu in ihr Gegenteil verkehren.
Denn es heißt: gerade den "Unmündigen" (den Handwerkern, Fischern, Männern
und Frauen) werden Offenbarungen geschenkt den Klugen und Weisen bleiben sie
verborgen (Mt 11.25). Die theologisch "Unmündigen" wurden vor 2000 Jahren
auch die ersten Apostel und Jünger/Innen. Offensichtlich verstanden sie,
mitten im Leben stehend, mehr von der Praxis der Liebe als diejenigen, die
in Studierstuben Reden und Bücher darüber schreiben.
Auch für das Heute gilt: Wer das Leben und die Erfahrungen der Leute
ausschließt, verbannt die Liebe aus den eigenen Reihen. Der verleugnet
schließlich auch das Wirken Jesu. Die Liebe ohne die Bewährung des Lebens
bleibt inhaltslos und leer. Aber auch der Empfang der Eucharistie geht nicht
über magische Grundbedürfnisse hinaus, wenn die Liebe nicht da ist bzw.
dauernd eingeübt wird.
Wenn im Jahr 2010 der 2. Ökumenische Kirchentag in München stattfinden wird,
stellt sich im Zusammenhang mit diesem Fest immer wieder die Frage nach der
"eucharistischen Gastfreundschaft", nach dem "gemeinsamen Abendmahl". Die
Art und Weise, wie die Kirchenobrigkeiten mit dieser Frage umgehen, wird der
ganzen Welt vor Augen führen, ob es dabei wirklich um biblische Uranliegen
geht oder um kirchlich Festgelegtes. Bisher hieß es immer: die
Eucharistiezulassung setzt ein "katholisches" Verständnis voraus – bedarf
einer theologischen Formel im Kopf! - Die Botschaft der Bibel lautet: sie
setzt die Liebe voraus, den Versuch eines christlichen Lebens, ein Leben
nach dem Vorbild und nach den Weisungen Jesu…- also Anliegen, die unmöglich
konfessionell eingegrenzt werden können.
Gerade beim konfessionellen Theologen- und ökumenischen Kirchengerangel
stellt sich heute die für die Zukunft der Kirchen entscheidende Frage, ob
nicht gerade durch dieses Gerangel die Anliegen Jesu verraten werden? Die
Liebe, von Anfang an in den Menschen grundgelegt, bestimmt das Heilshandeln
Gottes in der Welt. Es kann nicht durch Kirchenansprüche eingeengt und
erstickt werden. Das Mitwirken am Heilshandeln Gottes in der Welt muß das
zentrale Thema der Zukunft werden – weniger der Selbsterhalt der Kirchen und
das Kreisen um ihre liebgewordenen Ansprüche.
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