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Die Botschaft der Bibel (13):
Die Kirche: Hinter tausend Stäben keine Welt.
Januar 2010
Wenn ich an den schrumpfenden Einfluss der Kirche denke – nicht
verursacht durch das Konzil, sondern durch die frühere Minderheit, die es
verhinderte - , geht mir das Bild vom Panther durch den Kopf, wie es von R.M.
Rilke geschildert wird: Im Käfig gefangen, dreht er sich im allerkleinsten
Kreise. Es ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein
großer Wille steht. Sein Blick ist beim Vorübergehen der Stäbe müde
geworden. "Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben
keine Welt". –
Der Zustand der Kirche gleicht dem des Panthers. Er gleicht dem Tanz um eine
Mitte, die sie selber ist. Bei allen Diskussionen – immer geht es um
"Kirche": ihre Ämter, ihre Sakramente, die unterschiedliche Interpretation
widersprüchlicher Konzilstexte, um die in die "heile Vergangenheit"
ausgerichtete "Restauration", um die Pius-Bruderschaft usw. Der Kölner Arzt
und Psychotherapeut Manfred Lütz schlägt vor: "Wenn man nur einmal
probeweise aus den üblichen innerkirchlichen Debatten über Zölibat,
Frauenpriestertum, Sexualmoral und die päpstliche Unfehlbarkeit aussteigen
würde und auf die wirklich existentiellen Fragen, die die Menschen haben,
antworten würde, dann könnte man die Gunst der Stunde nutzen". –
Was in diesem Vorschlag nicht zum Ausdruck kommt, ist die Tatsache, dass das
Konzil und die darauf folgenden Synoden genau das getan haben: sie haben die
"Gunst der Stunde" genutzt. Sie haben mündig gewordene Christen ("Wir sind
Kirche") zur Mitwirkung an der Gestaltung gesellschaftlichen und kirchlichen
Lebens zusammengerufen. Dabei hat allerdings die "Amtskirche" die Erfahrung
machen müssen, dass sie keine Antworten geben kann "auf die wirklich
existentiellen Fragen, die die Menschen haben". Denn mit Lebenserfahrungen
konfrontierte Menschen begeben sich selbst auf die Straße des Fragens und
Antwortsuchens, statt von irgendwoher allgemein gültige Antworten zu
erwarten.
Zur Zeit des Konzils bestand die "Gunst der Stunde" in der Zuversicht, dass
Christen eigenes Denken und Urteilen zugemutet werden kann. Sie bilden heute
die wachsende Mehrheit von Christen, die "jenseits von tausend Stäben"
leben. Eine Kirche, die sie nicht zu hören und zu verstehen vermag, wird
selbst Ursache der "Entkirchlichung". "Kirche" entsteht dann überall dort,
wo Menschen sich "in Seinem Namen" zusammenfinden.
1. Gottes Wirkfeld ist "jenseits der tausend Stäbe".
Wahrscheinlich besteht der größte "Sündenfall" der Kirche darin, dass sie
sich schon sehr früh mit sich selbst beschäftigte (und wohl auch
beschäftigen musste): mit der Organisation der zum Christentum Bekehrten,
mit ihrer Theologie und Lehrmeinung, mit ihren Ämtern und Sakramenten… Die
fixe Idee vom "neuen auserwählten Volk Gottes" ließ sie kaum noch hinter die
tausend Stäbe schauen, hinter denen sich das Leben der Menschen abspielt.
Und hinter denen Gott schöpferisch tätig ist – nämlich bei den Menschen.
Wer solche grundlegenden Perspektiven versäumt, kann dann nur noch von der
"allein selig machenden Kirche" reden und den Menschen "Heils-Angebote"
machen, ob sie sie annehmen oder nicht. Im Gegensatz dazu richtete die
Predigt Jesu den Blick auf konkrete Lebens- und Bewährungssituationen. Die
Menschen sollten lernen – statt "Angebote" in Empfang zu nehmen -, die Liebe
und die "neue Gerechtigkeit" zu praktizieren. Bei solch "erlösendem
Mitwirken" mit Gottes Gnade - für und mitten in der Welt - gab es weder Mann
noch Frau, weder Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie…"(Gal
3.26ff). -
In diesen und anderen Texten des Alten und Neuen Testamentes (vgl. Röm
8,18-30; Kol 1.12-20) wird deutlich, dass das Wirken Jesu mit einem "ewigen
Heilsplan" seit der Schöpfung zu tun hat. Nach Paulus sind auch die Heiden
Miterben Christi. Sie gehören "zu demselben Leib und nehmen an derselben
Verheißung in Christus Jesus teil". Durch die Christen sollen sie "Kenntnis
erhalten von der vielfältigen Weisheit Gottes", die von Ewigkeit her in Gott
verborgen war und in Christus Wirklichkeit geworden ist…(vgl. Eph 3,1-13).
In der ganzen Menschheitsgeschichte – angefangen bei der Erschaffung der
Welt, dem Sündenfall von Adam und Eva bis zu den Tagen, in denen Gott Mensch
wurde, um der "Erstgeborene einer neuen Schöpfung" zu sein (Röm 8.29; Kol
1.15) – ist also das Geheimnis Gottes latent grundgelegt. Christen und
christliche Gemeinden haben den Nichtchristen und Heiden das Geheimnis
Gottes offenbar zu machen: es geht um die zu erlösende und zu heilende Welt
und Menschheit. Unabhängig von Weltanschauung, Religion, Stand, Geschlecht,
Alter und sozialer Zugehörigkeit sollen alle Menschen das "gottgemäße Leben"
lernen. Den Getauften, anstatt sich in eigenen kirchlichen und theologischen
Mauern einzumauern, muß es primär wichtig sein, stets die eigenen Mauern zu
überspringen und Kontakt zu suchen zu dem, was Gott in den Menschen gewirkt
und an Spuren hinterlassen hat. Vom Evangelium her ist das weniger durch
gescheite Lehren und hochtrabende Parolen möglich, als vielmehr durch ein
gelebtes Zeugnis, welches Andersgläubige teilnehmen lässt am Leben in Liebe
und Gerechtigkeit.
Die Aufgabe, die sich aus der Botschaft Jesu ergibt, besteht also primär
nicht darin, abgekapselt von der Welt ein "auserwähltes Volk Gottes" zu
sein, eigene Hierarchien und geistliche Ämter zu schaffen, Sakramente zu
spenden, um so das Wachsen und Überleben der Kirche zu sichern. Alle solche
Maßnahmen und Initiativen bekommen nur Sinn und Existenzberechtigung, wenn
es Getaufte durch sie lernen, "Salz der Erde" und "Licht der Welt" zu sein.
Wo Kirche "restaurativ" an sich selber arbeitet, zeigt sich ihre naive und
erschreckende Unfähigkeit, die Spuren des Wirkens Gottes in anderen
Religionen und Weltanschauungen zu entdecken. Anstatt Zusammenarbeit, bleibt
dann nur der Auftrag zur Bekehrung in eine angeblich fertige heilige Kirche
oder die Abkapselung gegenüber Menschen, die sich – aus welchen Gründen auch
immer – als liberal, säkular, atheistisch oder marxistisch bezeichnen.
2. Die heilige Schrift ist nicht auf "Elitebildung" bedacht.
Bei den vielen Predigten und Katechesen, mit denen die Gläubigen in der
Kirche konfrontiert werden, stellt sich immer wieder die Frage: was bleibt
davon hängen? "Extrem wenig religiöses Wissen", behaupten die Fachleute.
Dennoch, wie mir scheint, haben sich im Bewusstsein der Christen zwei
verschiedene Vorstellungen von "Glaube" festgesetzt bzw. sind dabei,
sich zu entwickeln. Die erste ist den Kirchgängern am meisten
eingehämmert worden: Der Glaube an die Kirche. Er beinhaltet ihre Lehre,
ihre Ämter, ihren Kult und die Sakramente. Die Vorstellung, das "neue
auserwählte Volk Gottes" zu sein, macht die römisch-katholische Kirche zur
"allein selig machenden". Außerhalb von ihr gibt es kein Heil. Andere müssen
sich zu ihr bekehren und – falls schon christlich – dürfen sie sich "im
eigentlichen Sinne" nicht "Kirche" nennen.
Die "Krise der Kirche" in der heutigen Zeit ist eine Krise des Glaubens
insofern, als dieser kirchlich festegesetzte Glaube im Schwinden ist. Im
"multireligiösen Umfeld" angelangt, glauben die Menschen immer weniger an
einen von Institutionen festgelegten Gott. Oder an Gottesbilder, die sich
immer wieder "anpassen": einmal der strafende, dann der allwissende, dann
der beobachtende, dann der liebende Gott… Der Zustand des Desinteresses an
Katechismen und Lehrmeinungen ist erreicht. Die Sakramente sind dekoratives
Beiwerk geworden zu familiären und gesellschaftlichen Feiern. Die großen
Feiertage, so beliebt sie auch noch sind, prägen das Leben nicht.
Was von der Institution Kirche "angeboten" wird, bewirkt den Eindruck einer
"Glas-Glocke", die über das Leben übergestülpt wird. Sie bewahrt Vieles vor
allzu schneller Fäulnis, sprich "Verweltlichung". Aber sie kapselt den
Menschen auch ab in einem "religiös-kirchlichen Raum", in einem
"übernatürlich geprägten Milieu", in dem so etwas stattfindet wie
Gewissenberuhigung oder auch eine "Abfindung Gottes" – äußerlich sichtbar in
Wallfahrten und anderen Formen der Frömmigkeit.
Ohne dass dies von der "Amtskirche" bewusst zur Kenntnis genommen wird, hat
sich – jenseits der 1000 Stäbe – ein anderes Glaubensverständnis
entwickelt, welches dem alltäglichen Leben Sinn und Orientierung geben
könnte, wenn ihm die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt würde. Man könnte
es auf die Formel bringen: Mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen;
dann zeigt dir Gott, wer du bist, was du zu tun und zu lassen hast!
Die Frage des zu Christus bekehrten Paulus: "Herr, was willst du, das ich
tun soll"? (Apg 9.6; 22.10), finden heute viele Menschen beantwortet in der
Bergpredigt: Selig, die keine Gewalt anwenden; die Frieden stiften; die nach
der Gerechtigkeit hungern und dürsten; die Barmherzigkeit üben (vgl. Mt
5.3-12).- Oder in der Gerichtsrede Jesu: Hungrige speisen, Fremde und
Obdachlose beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangenen Mut
zusprechen…(vgl. Mt 25.31-46).- Oder in der "Goldenen Regel": Alles, was ihr
von anderen erwartet, tut auch ihnen! (Mt 7.12). -
Religiöse Autoritäten, die ihren philosophischen Glauben (der vielleicht
kein christlicher mehr ist!) weitgehend im "Übernatürlichen", "Mysteriösen"
oder "Magischen" verwurzelt sehen, haben oft kein Verständnis für solche
Perspektiven, weil sie zu weltlich-"horizontal" sind. Obwohl die hl. Schrift
auf jeder Seite Anstöße gibt zum "Tun der Wahrheit" im Blick auf Kinder,
Jugendliche, Kranke, Ausgestoßene, Vergewaltigte, gesellschaftlich
Verelendete und sozial chancenlos Gebliebene, werden sie, aus der Sicht des
"Übernatürlichen", eher als "bloßer Humanismus" abgetan. Und doch hat Jesus
all das Gute, was von Menschen im Kleinen getan und veranlasst wird, als
"Samenkorn" für das Werden und Wachsen des Reiches Gottes aufgewertet, als
"Salz der Erde", als "Licht der Welt".
Dahinter steckt eine Ermutigung und Ermächtigung Gottes. Allen Menschen ist
es aufgegeben, die Dinge des Lebens und des Alltags so zu tun, dass es für
andere zum Segen, nicht zum Fluch gereicht. Denn was auch immer durch
Menschen geschieht – es kann fülliges Licht in die Welt bringen oder
geistige Hohlheit, Friedfertigkeit oder Aggression, Vorbildlichkeit im Guten
oder die gefährliche Tendenz zu Gewalt und Menschenverachtung. Nicht mit
leeren Worten und hohlen Phrasen, sondern durch die Art und Weise, wie sich
Christen in Lebenssituationen verhalten, "soll euer Licht vor den Menschen
leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel
preisen" (Mt 5.16; 1 Petr 2.12). -
3. Die größte Sünde besteht in der "Vereinnahmung" Gottes.
Religiöse Menschen leben immer in der Versuchung, Gott durch Sätze und
"Lehren", durch Rechthabereien und eigene Überzeugungen, durch nicht
zugegebene Interessen für sich in Anspruch zu nehmen. Sie sprechen von
"Wahrheiten", die sie leider nicht pur vom Himmel erhalten haben. Deshalb
sind es immer auch menschliche Wahrheiten. Wenn deren Relativität und
Vorläufigkeit abgestritten wird, entsteht ein Lebensstil der
Selbstbefriedigung und Selbstbestätigung. Dass Gott es sich nicht nehmen
lässt, auch "außerhalb der 1000 Stäbe" tätig zu sein, wird dann für die
Wahrheitshüter zum Anlass dauernder Verdrängung und Nichtbeachtung. Einer
solchen Kirche wird es in Zukunft immer schlechter gehen. Denn sie kümmert
sich allzu sehr um ihre eigenen "heilswirksamen" Abläufe und wartet darauf,
dass alle Völker zu ihr kommen…Die "Zeichen der Zeit" als Stimme und
Herausforderung Gottes werden eher als Störmanöver missachtet…
Wo Menschen sich auf den Weg des eigenen Fragens und Suchens begeben, da
bilden sich christliche Gemeinschaften und Zusammenkünfte. Sie entstehen
heute tausendfach in der Welt. Statt sich aufzusplittern oder sich
gegenseitig zu bekämpfen, muß man ihnen immer wieder das "Einheitsband im
Glauben" in verbindliche Erinnerung rufen: "Bleibt niemand etwas schuldig;
nur die Liebe schuldet ihr einander immer" (Röm 13.8).
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