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Die Botschaft der Bibel (14):
Kirche gegenüber einer "pubertierenden Welt".
Februar 2010
Goethe hat einmal vom "ewig pubertierenden Menschen" gesprochen. Er
sei besonders aktiv, schöpferisch begabt, ständig in Ungewissheit und
Wagnis – deshalb umso mehr auf der Suche nach neuen Wegen und Lebensformen.
Wie abenteuerlich "pubertierend" ist die heutige Weltkultur? Viele bleiben
bei deren Dynamik und Initiativfreudigkeit auf der Strecke; viele werden
Suchende und Fragende; gehen in Ungewissheit und Wagnis eigene Wege und
wechselnde Pfade – mit der Chance des Reifer- und Erwachsenenwerdens. Auch
im Glauben.
1. Die gut bürgerlich ausgestattete Kirche.
Man könnte den Zustand der Kirchen von heute mit einer bürgerlichen Familie
vergleichen. Alles ist bei ihr in Ordnung. Die Kinder sind in einer
positiven Atmosphäre aufgewachsen. Sie haben alles bekommen, was für ihr
Werden und Wachsen wichtig war. An leiblichem Wohlbefinden hat es nicht
gefehlt. Auch nicht an seelisch-geistiger Beheimatung und Geborgenheit.
Jedermann würde sie eine "vorbildliche Familie" nennen.
Und doch kommt es in den besten Familien vor, dass sich Kinder – besonders
in der pubertären Phase – abwenden. Sie ziehen aus der Familie aus, werden
gegenüber den "Alten" kritisch und rebellisch. Die Eltern wirken mit ihren
Ansichten eher "peinlich", ihre Verhaltensweisen sind jedenfalls nicht
nachahmenswert. Der griechische Philosoph Sokrates hat schon im 5. Jh. v.
Chr. beobachtet: "Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen
ihren Eltern, kleckern beim Essen und ärgern ihre Lehrer". – Und Mark Twain
(1835-1910) berichtet über sich selbst: "Als ich 14 Jahre alt war, war mein
Vater so dumm, dass ich ihn kaum aushalten konnte. Im Alter von 21 stellte
ich mit Erstaunen fest, dass er in sieben Jahren eine Menge gelernt hatte".
Was hier von Kindern und Heranwachsenden gesagt wird, die "wohl schon immer
so waren", wird von der heutigen Pädagogik positiv bewertet: Sie wollen
ihren eigenen Weg gehen, ihre eigenen Gedanken denken, ihre eigene Sicht der
Dinge bekunden! Die Kirche erlebt eine ähnliche Situation. Sie ist wie eine
gut ausgestattete bürgerliche Familie. In ihr gibt es Vieles, was den
Menschen an Leib und Seele gut tut: feierliche Gottesdienste, oft mit viel
Weihrausch und äußerem Gepränge. Sie präsentiert sich als sinnstiftende
Kompetenz für viele Fragen des Lebens. In ihr lebt die Wahrheit, oder die
Suche danach ist ein prägendes Markenzeichen. Vieles ist in Ordnung, so dass
sich die Menschen wohl fühlen müssten. Oder, wenn dem nicht ganz so sein
sollte, sind Verantwortliche auch gerne bereit, das Christentum zu einer
Wohlfühl- bzw. Wellnessreligion umzufunktionieren. Denn was tut man nicht
alles, um die Schafe bei der Herde zu lassen...?
Trotz vieler guter "Angebote" ist die heute heranwachsende Generation allzu
bereit, sich in erschreckendem Maße von der Kirche abzuwenden: von ihren
Dogmen, ihrer Lehre, ihren sakramentalen "Angeboten", die eher als
"Initiationsriten" bei bestimmten Anlässen verstanden werden, weniger als
heilswirksame Zeichen (in einigen Diözesen wird wieder vermehrt von
"Lebenswenden" gesprochen). Viele, die heute aus der Kirche austreten oder
innerlich emigrieren, scheinen die Mentalität des 14-jährigen Mark Twain zu
besitzen: sieben Jahre oder noch länger warten sie darauf, dass die Kirche
"vernünftig" wird. Wer muß eigentlich von wem lernen: die Institution Kirche
oder die sich von ihr abwendende Wohlstands- bzw. Null-Bock-Generation? Will
diese überhaupt noch mal zurück in den "Schoß der Kirche"? Oder ist sie in
ihrer pubertierenden Grundverfassung darauf angelegt, sich ein eigenes
Lebenshaus zu bauen, einen eigenen individuellen Glauben?
In Freiheit "religiös" sein wollen, ohne kirchliche oder konfessionelle
Bindung, scheint das Anliegen eines modernen Lebensentwurfes zu sein. Damit
ist auch die Unabhängigkeit gegenüber festgesetzten Lehren, Dogmen,
vorgefassten Meinungen über Gott und die Welt gemeint. Hat das
"Glaubensgebäude der Kirchen" noch eine Zukunft, wenn immer weniger Menschen
darin wohnen wollen?
2. Erwachsene haben ihre eigenen Gedanken, leben ihr eigenes Leben.
Man hat dem Christentum zu Recht viele "Todsünden" vorgeworfen: Leib- und
Geschlechterfeindlichkeit, Erzeugung falscher Schuldgefühle, Anspruch auf
allein selig machende Wahrheit und damit Intoleranz, Absegnung der
Kreuzritter als Mitschuld am Tod unschuldiger Moslems und Juden, die
Inquisition mit Folge der Verbrennung von Ketzern und Hexen, die Mission als
Kolonialkrieg bei Ausrottung ganzer Volksstämme, Antijudaismus als
Wegbereiter des Holocaust...
Vom Prinzip her war es immer schon unbestreitbar, dass es "keinen Zwang in
Glaubenssachen" geben darf – so Benedikt XVI. 2006 in Regensburg. In der
Realität gab es immer schon entgegen gesetzte Auffassungen und Praktiken.
Die Bibel diente oft als Begründung dafür. So das Gleichnis vom Gastmahl (Lk
14.16 ff). In Vers 23 heißt es: "nötige die Leute zu kommen, damit das Haus
voll wird". Dieser Vers diente lange dazu, den religiösen Zwang zu
legitimieren. Selbst Augustinus (um 400 n. Chr.) hat seine Auffassung, dass
das Gewissen nicht zum wahren Glauben gezwungen werden dürfe, revidiert. Es
bedürfe einer rechten Verknüpfung von Strafe und Druck, um die christliche
Pflicht zur Seelenrettung wahrzunehmen und um den Menschen vor dem falschen
Glauben zu bewahren... Aber was heißt in der Praxis: "rechte Verknüpfung"?
Man kann unendlich viel und lange über das Christentum der Vergangenheit
diskutieren, welches, wie Fachleute behaupten, eine Blutspur von 9 Millionen
Opfern hinterlassen habe. Zu den Negativdaten müssen aber auch, der
Ehrlichkeit halber, die unendlich vielen caritativen und sozialen
Einrichtungen und Initiativen während der Jahrhunderte ins Feld geführt
werden. Sehr weit jedoch führen solche Kontroversen des Für und Wider nicht.
Sie türmen eher Berge von Argumenten und Gegenargumenten auf. Die Diskussion
sollte auch deshalb beendet sein, weil sogar Päpste für viele "Todsünden"
bereits Abbitte geleistet haben.
Gegenwärtiger sind heutige "Todsünden". Sie treten auf im Blick auf das
Glaubensbekenntnis, dass die Einzigartigkeit Christi auf keinen Fall in
Frage gestellt werden kann. Die Gefahr dazu ist groß, wenn "eindeutige Wege
und Möglichkeiten der Toleranz" gegenüber anderen Glaubensbekenntnissen
beschritten werden. Der Schritt in die Relativierung der eigenen
Glaubensüberzeugungen scheint dann schnell getan. Wie in früheren Zeiten, so
kann auch in Zukunft der Glaube an die "wahre Religion" bei Konflikten und
Auseinandersetzungen mit anderen kaum gerettet werden. Andererseits kann der
Konflikt schon deshalb nicht mehr, wie früher, "blutig" sein, weil viele
Menschen ohne Aufsehen und ohne Bedenken dem christlichen Glauben den Rücken
kehren – obwohl dieser Glaube doch auf Gottes Offenbarungen beruht!
Die "Todsünde" der Gegenwart scheint darin zu bestehen, dass das Fixiertsein
auf den "wahren Glauben" und das "gesamte Lehrgebäude" den Blick verstellt
hat für die Tatsache, die Khalil Gibran wie folgt formuliert hat: "Eure
Kinder sind nicht eure Kinder... Sie sind die Söhne und Töchter der
Sehnsucht des Lebens nach sich selber... Sie gehören euch nicht. Ihr dürft
ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken. Denn sie haben ihre
eigenen Gedanken... Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht
nicht, sie euch ähnlich zu machen. Denn das Leben verläuft nicht rückwärts,
noch verweilt es im Gestern...". -
Was hier als persönliche Freiheitsgeschichte beschrieben wird; als Freiheit
der Gedanken und des Lebenswillens; als "Sehnsucht nach sich selbst" – wie
können solche Ambitionen in Einklang gebracht werden mit dem Glauben an
unverrückbare Dogmen und allgemeinen Lehren? Beim "freien Menschen" wirken
sie eher wie Schneedecken, die die Freiheit des Denkens und Entscheidens
verhindern.
3. Abschied vom Gott der Dogmatiker und Philosophen.
Die Krise des Glaubens ist im Grunde eine Krise des Glaubens an einen Gott,
der in klaren Begriffen, ausgeklügelten Definitionen und allgemeinen
Wahrheiten verkündet wird. Es mag für viele theologischen Fachleute ein
Gedankenschmaus sein, wenn sie darüber reden und streiten, ob Gott
dreifaltig ist oder nicht; ob Christus in einer Person zwei Naturen besitzt:
eine göttliche und eine menschliche; ob Gott allmächtig ist, allgütig und
allweise; ob er der strafende Richter ist oder die Liebe...
Was aus philosophischer oder theologischer Sicht als sehr bedeutsam
herausgestellt wird – Kirchenführer müssen sich daran gewöhnen, dass das,
was für sie sehr wahr ist, von "normalen Gläubigen" als nicht wichtig
eingestuft wird. Wichtig ist für sie das Gelingen des Lebens. Dieses besteht
aus banalen Alltäglichkeiten, in denen Forderungen des Evangeliums immer
wieder verletzt werden: statt Liebe Egoismus, statt Hoffnung Depression,
statt Toleranz Hemdsärmeligkeit und Mobbing, statt Sprach- und
Beziehungskultur Unwahrhaftigkeit und Heuchelei, statt Ehrlichkeit mit sich
selbst die Suche nach Sündenböcken bei anderen.
Die Erfahrung zeigt: um das Leben sinnvoll zu bestehen, bedarf es keiner
Dogmatiker und Philosophen. Wohl kann man sich von ihnen inspirieren lassen.
Man kann bei ihnen nachlesen, was sie denken und wie in früheren
Jahrhunderten gedacht worden ist. Aber alles, was gedacht wurde, reicht
nicht aus, um es zu tun. Auch moderne Menschen, denen Werte wie Liebe, Ehe,
Familie, Freundschaft, Toleranz, Gemeinschaft... sehr wichtig sind – man
kann sie nur ernst nehmen, wenn sie keine Mühe scheuen, um diese Werte auch
zu leben. Deren Verwirklichung ist kein Kinderspiel. Den Kirchen, Christen
und christlichen Gemeinden geht es ähnlich: sie werden auf Zukunft hin nicht
mehr an ihren Worten (Sonntagsreden) gemessen, sondern an ihren Taten und
"Früchten", wie es bei Mathäus (7.16) heißt: "An ihren Früchten werdet ihr
sie erkennen". – Und Lukas schreibt: "Jeder Baum wird an seinen Früchten
erkannt" (6.44).
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