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Die Botschaft der Bibel (15):
Jesus hat Vieles falsch gemacht.
April 2010
So sagen es die Moslems. Denn Jesus habe – im Gegensatz zu Mohammed
600 Jahre später – nichts Schriftliches hinterlassen. Als großer Prophet
habe er viel Gutes getan, Wunder gewirkt und eine Botschaft hinterlassen,
die von seinen Jüngern und Anhängern aber falsch verstanden und
unterschiedlich weiter gegeben worden sei. So sei das schier Unverständliche
passiert, dass es verschiedene Schriften des Neuen Testamentes gibt. Es sei
unmöglich, dass sich Gott, der sich offenbart, auf so verschiedene Weise
gegenüber den Menschen zu Wort meldet!
Ähnlich sei es mit den Offenbarungen Gottes an Abraham ergangen. Auch diese
seien verfälscht an die Nachwelt weiter gegeben worden. So musste sich Gott
noch einmal endgültig und eindeutig offenbaren. Das geschah durch Mohammed.
Dieser hat die Offenbarungen Allahs laut und deutlich vor sich hergemurmelt,
so dass seine Schreiber sie gleich aufschreiben konnten. Durch Mohammed sind
also die Offenbarungen Allahs zum ersten und letzten Mal unverfälscht in der
Menschheit erhalten geblieben. Der Islam ist deshalb die letzte und wahrste
Religion.
Wenn sich Moslems bis heute in der Mosche zum Gebet treffen, murmeln sie
dieselben Koranverse, wie Mohammed es getan hat. Sie nehmen auf diese Weise
die Gedanken Allahs unverfälscht in sich auf. Es entsteht eine "communio",
eine Identität und Gemeinsamkeit zwischen den Gedanken und Geboten Allahs
und denen der Menschen. Weil im Koran die unfehlbaren Gedanken Allahs fest
geschrieben sind, darf kein Buchstabe daran geändert werden. Den Moslems
darf auf keinen Fall das Unglück der Verfälschung passieren, wie es bei den
Juden und Christen geschehen ist. Punkt und Komma der Offenbarung Allahs
müssen für alle Zeiten durch gläubige Moslems erhalten bleiben bis zu dem
Tag, an dem sich Juden und Christen zum Islam bekehren...
1. Das Christentum: eine Religion der freien Bindung und Verpflichtung.
Verstehen kann man das Problem der Moslems. Jesus hat durch seine Worte und
Taten, schließlich durch seinen grausamen Tod und seine Auferstehung,
Bewegung und Aufregung in die damalige Welt gebracht. Er hat nichts
Schriftliches hinterlassen. Einige Jahrzehnte wurde überhaupt nichts
aufgeschrieben. Auch die ersten christlichen Gemeinden taten es nicht. Sie
waren eher mündliche Traditionsgemeinden. Bei ihren Versammlungen hielten
sie erzählend die Ereignisse um Jesu Leben und Tod in Erinnerung.
Offensichtlich waren die Erinnerungskapazitäten der einzelnen
unterschiedlich, so dass in den Gemeinden ein verschiedener Geist wehte.
Unterschiedliche Prioritäten wurden gesetzt. Erst in den Jahren 50 bis 100
nach Christus haben sie in den verschiedenen Evangelien ihren schriftlichen
Niederschlag gefunden.
Der Islam geht davon aus, dass notwendige "Korrekturen" und Eindeutigkeiten
später durch Mohammeds Koran geschaffen worden sind. An den Äußerungen der
Moslems über das Christentum ist auf Anhieb der riesengroße Unterschied
zwischen beiden Weltreligionen zu erkennen: der Islam versteht sich im
strengen Sinne als Buchstaben- und Schriftreligion; das Christentum ist eine
Religion freier Entscheidung für oder gegen die Person Jesu, die vom Islam
als "großer Prophet" eingestuft und akzeptiert wird. Weil er jedoch keine
eindeutigen Klarheiten hinterlassen hat, ist er nur "Vorläufer" des letzten
und größten Propheten, den es je gegeben hat, geblieben: Mohammed.
Jesus hat also keine eindeutigen Schriften hinterlassen. Tatsächlich hat er
kein Glaubensbekenntnis geschrieben, keine Lehre formuliert, keine heilige
Liturgie vorgefertigt, keine unfehlbaren Wahrheiten festgelegt.
Offensichtlich sollte es der Kirche vorbehalten bleiben, in Schrift und
Lehre Zweifelsfreiheit zu schaffen. Unter den Voraussetzungen der ersten
Jahrhunderte tat sie es. Sie organisierte sich – vor allem als
"Staatsreligion" seit dem 4. Jahrhundert – nach staatlichem Vorbild. Um das
Christentum denkerisch zu bewältigen, nahmen sich vermehrt die Kirchenväter
der ersten Jahrhunderte die griechische, vor allem die platonische
Philosophie zur Hilfe. Durch sie hat das Christentum bis heute eine große
Blütezeit erlebt. Sie haben Jesus als "wahren Menschen", der zugleich
"wahrer Gott" ist, erkannt – eine Person in zwei Naturen: einer menschlichen
und einer göttlichen. Sie haben die Lehre der hl. Dreifaltigkeit
formuliert – Geheimnis des Glaubens. Sie haben auf diese Weise die "einzig
wahre Religion" zur Ausbreitung gebracht und ein Glaubensbekenntnis
geschrieben, welches in unzähligen Traktaten und Büchern ausformuliert ist.
Ich denke in diesem Augenblick an das buddhistische Kloster in Thailand, in
dem ich vor Jahren einige Tage zu Gast war. In der Klosterbibliothek fand
ich kein einziges theologisches Standardwerk über das Christentum, wohl aber
Bücher über christliche Mystiker: über Meister Eckehard, Theresia von Avila,
Johannes vom Kreuz, Heinrich Seuse... Auf meine Frage, warum die großen
christlichen Theologen nicht vertreten seien, wurde mir geantwortet: mit
Gedankenspekulationen kommt man Gott nicht näher! Der größte Fehler der
Abendländer besteht in der irrtümlichen Meinung, das Christentum verstanden
zu haben. Sie verstehen es philosophisch und "spekulativ". Deshalb verstehen
sie es nicht. Auf solche Weise kommt man Gott nicht näher. Aber auch den
Menschen nicht...
Wie hätte sich das Christentum wohl entwickelt, wenn es sich von Anfang an
nach Asien ausgebreitet hätte? Wie muß es sich heute entwickeln in einer
Welt, die sich vom griechischen Geist immer mehr entfernt?
2. Das Christentum: auf "Menschennähe" angelegt.
Wenn heute, in einer human- und naturwissenschaftlich orientierten Welt,
Vieles in die Brüche zu gehen scheint, muß die Frage erlaubt sein: war es
überhaupt im Sinne Jesu, seine "Mängel" und "Versäumnisse" auf kirchliche
bzw. philosophisch-griechische Weise zu "korrigieren"? Wollte er das
Christentum als eine Experten- und Spezialistenreligion, die über die Köpfe
der meisten hinweg "unfehlbare Wahrheiten" formuliert? Mit der heute
offenkundig gewordenen nüchternen Erkenntnis aus der Geschichte, dass
Wahrheitsansprüche die Menschheit mehr spalten als einen; dass sie eher
kriegerisch als Frieden stiftend sind?
Das Christentum der Kirchen mit ihren theologischen Erkenntnissen auf hohem
Niveau kann man mit einem wunderbar in der Sonne aufsteigenden Luftballon
vergleichen. Die darin sitzen, können nur entzückt sein über den Höhenflug
und die wunderbaren Ausblicke. Die meisten, die nicht darin sitzen, müssen
sich mit ein paar Photos begnügen, die von oben nach unten verschickt werden
und die den Eindruck vermitteln, dass das das Fliegen im Luftballon eine
herrliche Sache sein muß. So wird von oben nach unten die "frohe Botschaft"
verkündet an Menschen, die in der Bewältigung banaler alltäglicher Aufgaben
stehen. Gegenüber ihnen sollte eher von einer anstrengenden Botschaft
gesprochen werden. Schließlich endete sie zunächst am Kreuz...
Dass das "Tun der Wahrheit" nicht einfach ist, vermittelt das Evangelium. Es
zeigt, dass Jesus nichts anderes getan hat als Menschen mit ihren Gaben und
Fähigkeiten zu ermutigen, in einer oft sündhaft-egoistischen und
selbstherrlichen Welt etwas Heilsames und Erlösendes zu bewirken. In seinen
Gleichnissen und Wundern hat er immer wieder exemplarisch deutlich gemacht,
"wie man das macht?": die Liebe, die Gerechtigkeit, die Achtung vor dem
Nächsten... konkret zu leben. Dabei knüpft er an das an, was im Menschen
"von Natur aus" angelegt ist. Denn jedem Menschen und jeder Gemeinschaft muß
es um die Liebe gehen, um Versöhnung, um Friedensbereitschaft, um
Gerechtigkeit und Toleranz. Ohne solche Werte wird menschliches
Zusammenleben zu einer Qual.
Das "Neue" in der Botschaft Jesu besteht also nicht darin, dass die Liebe
und die Aufgabe zum Frieden erst mit Jesus beginnt. Alles ist schon in der
menschlichen Natur ("naturaliter christiana") vorgegeben. Das Vorgegebene
bekommt in den Worten und Taten Jesu exemplarische Vorbildlichkeit. Alles
Gute, was durch Menschen geschieht, wird in einen großen
heilsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt. Jedes noch so unscheinbare Tun
im Sinne Jesu ist wie ein Samenkorn, welches in die größere Zukunft Gottes
hineinwächst. Deshalb ist der Mensch mit seinen zu entfaltenden Gaben und
Fähigkeiten nicht nur Hörer einer Botschaft, sondern vor allem Mitgestalter
dessen, was Gott mit seiner Welt und Schöpfung auf Zukunft hin zu tun
gedenkt.
Allerdings ist das Evangelium realistisch genug zuzugeben, dass alles
Wertvolle und Kraftvolle in der Welt immer auch gefährdet ist. Sünden und
Versagensgeschichten gehören seit Adam und Eva zum Leben dazu. Die Fähigkeit
zu lieben kann allzu schnell in Eifersucht, Prahlerei, Egoismus und
Machtausübung über andere ausarten. Die Notwendigkeit der Einübung ins
Christentum bzw. in die Wertvorstellungen des Evangeliums kann sich schnell
in ihr Gegenteil verkehren. Deshalb der dauernde Ruf nach Umkehr und
Neubesinnung. "Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das
Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel
erfüllt" (Mt 7.21). -
Im Blick auf solche und ähnliche Aussagen stellt sich die Frage: Wer erfüllt
denn den Willen des Vaters? Wird er am meisten von Kirchgängern erfüllt?
Sind im Verlauf der "Verkirchlichung" der biblischen Botschaft die
Kirchgänger die Privilegierten, die Gottes Weisung am besten befolgen? Oder
könnte es sein, dass die Anliegen des Evangeliums längst kirchliche und
konfessionelle Mauern durchbrochen haben, so dass es in allen Religionen und
Kulturen mittlerweile Menschen gibt, die Friedensstifter sind, die für die
Gerechtigkeit kämpfen, die die Bergpredigt leben? Durch die Vereinnahmung
des Wirkens Gottes in der Menschheit durch die Kirchen könnten Maßnahmen
ergriffen worden sein, die die Welt eingrenzen (wollen) auf die Grenzen der
Kirche. Umgekehrt müsste es sein: in einer ständigen Auseinandersetzung mit
den "Zeichen der Zeit" die Grenzen der Kirchen ausweiten auf die Grenzen der
Welt!
Viele Entwicklungen sprechen heute dafür, dass das Ende der herkömmlichen
Kirchen gekommen ist. Gott ist größer als alle kirchlichen Konzepte.
"Evangelisierung" kann auf Zukunft hin nur Bestand haben, wenn das im
Menschen und in der Menschheit Angelegte ernst genommen, gereinigt, gestärkt
und auf einen Größeren hin orientiert wird. Kirchen sind nicht für sich
selber da. Sie stehen in einem größeren Auftrag.
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