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Die Botschaft der Bibel (16):
Das Abenteuer Gottes mit den Menschen geht weiter.
Juni 2010
Besonders die katholische Kirche ist gegenwärtig in aller Munde.
Ebenso Priester und kirchliche Einrichtungen. Wegen sexueller Gewalt an
Kindern und Jugendlichen an vielen Orten weltweit. In Deutschland und in
anderen Ländern mussten sogar Bischöfe zurücktreten. Was hat z.B. Bischof
Mixa getan? "Watschen" ausgeteilt, die früher zum "normalen Erziehungsstil"
gehörten. In den Medien wird oft so getan, als wären Ohrfeigen bereits
"sexuelle Gewalt". Klare Unterscheidungen sind oft nicht geeignet für
sensationelle Nachrichten. Dennoch: bei ihm hat es auch finanzielle
Unregelmäßigkeiten gegeben. Ebenso hat die Wahrheit gelitten. Was auch immer
gewesen sein mag: Beschönigungen sind unangebracht. Schuldiges muss
lückenlos aufgeklärt und geahndet werden!
Dennoch ist die Frage berechtigt: warum der Generalangriff auf die Kirche?
Gewiss: es sind Macken und Mängel bei deren Vertretern in Erscheinung
getreten, die man so nicht gewohnt war. Was Jahrhunderte lang keiner
gegenüber Autoritäten mit hohem moralischem Anspruch zu denken und zu sagen
wagte, ist nun wie ein Sturm der Entrüstung losgebrochen. Man kann diesen
"Sturm" wie eine gewaltige Enttäuschung deuten, weil es nun niemanden und
nichts mehr gibt, auf das man sich verlassen kann.
Allerdings: die Enttäuschung an der Kirche ist nicht erst von gestern.
Vieles hatte sich seit der Aufklärung oder spätestens seit dem Konzil
angestaut. Ein Problembewusstsein hat sich gebildet, welches in der Bibel
schon vorhanden ist. Es geht um die große Versuchung bei religiösen
Autoritäten, Gott für alle Zeiten fest zu schreiben und für menschliche
(kirchliche) Ambitionen in Anspruch zu nehmen. Die "ewig Gestrigen", Kämpfer
für ihre Religion, werden zu deren Totengräbern.
1. Der Konflikt zwischen dem "Gestern" und dem "Heute" einer Religion.
In der Apostelgeschichte (13.14.43-52) ist von Paulus und Barnabas die Rede.
Auf ihrer Missionsreise im Mittelmeerraum kommen sie nach Antiochia. Am
Sabbat gehen sie in die Synagoge, wie es sich für gläubige Juden gehört.
Dort haben sie offensichtlich von Jesus erzählt. Denn "fromme Proselyten"
folgen ihnen – überzeugt und überzeugend genug, dass sich am nächsten Sabbat
"die ganze Stadt" einfindet, "um das Wort Gottes zu hören". In diesem
Augenblick geschieht etwas Sonderbares. Gläubige Juden werden
"eifersüchtig"; sie stoßen "Lästerungen" gegen Paulus und Barnabas aus. Sie
sehen ihren Glauben in Gefahr: den Glauben an den Schöpfergott, an den Gott
des Bundes mit seinem Volk, an die Propheten und Schriftgelehrten…
Paulus und Barnabas muten ihnen noch einen anderen "großen Propheten" zu.
Dieser war zwar nicht gekommen, Gesetz und Propheten aufzuheben; aber er hat
neue Akzente gesetzt im Blick auf das "Reich Gottes", welches "schon
jetzt" – durch die Glaubwürdigkeit und Lebensweise von Christen – seinen
Anfang nehmen soll. Den Juden wurde zugemutet, an einen "Messias" und eine
Botschaft zu glauben, der sogar elendig am Kreuz gestorben war…
Das Anstößige für die gläubigen Juden war, dass der von ihnen gelebte Glaube
sich noch auf das Neue in Christus besinnen sollte. Dabei herrschte die
Meinung vor, dass ihr Glaube keiner Erneuerung bzw. Neuorientierung
bedurfte. Gläubige Menschen neigen immer wieder zu der Annahme, dass ihr
"Glaube" keine "Bekehrung" nötig hat… Sie wissen Gott auf ihrer Seite, wenn
bestimmte Gesetze und religiöse Vorschriften eingehalten werden. Deshalb
wird ihr Gott leicht ein Gott der Buchstaben, der festen Regeln, der
Theologen und Gesetzesausleger.
Für Paulus und Barnabas war das offensichtlich immer weniger der Fall. Auf
ihrer Reise haben sie die Erfahrung gemacht, dass Gott ein Gott aller
Menschen ist. Deshalb wissen sie sich ermächtigt, zu den Heiden zu gehen –
zu Menschen mit einem dumpfen Ahnen und Hoffen auf einen "unbekannten Gott".
Diese nehmen die Botschaft vom lebendigen Gott mit Freude auf. Die "im guten
Glauben" festgefahrenen "gläubigen Juden" nehmen dagegen die Verfolgung auf.
Sie vertreiben Paulus und Barnabas nicht nur aus ihrem Gebiet, sondern auch
aus ihren Köpfen.
2. Gottes "Adressaten" sind zuerst die Menschen.
Bisweilen scheint es, dass die bekannt gewordenen "Missbrauchsfälle" das
Fass nur zum Übergelaufen gebracht haben. Der eigentliche Konflikt liegt
viel tiefer. Er ist schon lange vorhanden. Man könnte ihn als einem Konflikt
zwischen zwei Gottesvorstellungen bezeichnen: für die einen wirkt Gott am
meisten und nachhaltigsten in der Kirche, bes. in der katholischen, in ihrer
Predigt und Katechese, in den Sakramenten… Diese darf sich im "eigentlichen
Sinne" auch nur "Kirche" nennen. Für viele außerhalb und in ihr ist dieser
"Glaube" am Zerbrechen. Für die Pius-Bruderschaft und deren geistige
Verwandte hat Gott bereits 1870, beim I. Vaticanum, aufgehört zu wirken. Bei
anderen wirkt er nur, wenn festgelegte dogmatische Sätze – als "wahrer
Glaube" und als das "Ganze des Glaubens" missverstanden – auswendig gelernt
und mit "Rechtgläubigkeit" vertreten werden.
Die Wut der Öffentlichkeit gegen die Kirche richtet sich gegen jede Form von
"Rechthaberei" und "religiöser Arroganz". Das umso mehr, je deutlicher die
Spuren menschlicher Macken und Gebrechlichkeiten auch bei denen festgestellt
werden, bei denen man sie herkömmlich nicht vermutete. Dabei ist man
durchaus bereit, jedem Menschen Fehler und Schwächen zuzugestehen – wie das
Beispiel Frau Käßmann zeigt. Aber man ist nicht mehr dazu bereit, wenn
Fehler und Versäumnisse mit viel Monstranz, Weihrauch und äußerem Gepränge
überspielt werden. Der Aufstand der "modernen Heiden", deren Tun und
Lebensweise bisweilen "christlicher" sind als vermutet, kann durchaus als
Enttäuschung an denen verstanden werden, die Gott für sich gepachtet haben;
die behaupten, das Wirken Gottes gehe über sie. Die Institution, nicht die
Menschen, sei die erste Adressatin des Wirkens Gottes. In ihren eigenen
Reihen und theologischen Selbstsicherheiten haben sie verdrängt, dass sich
Gottes Wirken in Geschichte und Schöpfung zuerst an die Menschen wendet.
Weil das so ist, vermögen sich viele immer noch als "religiös" zu
bezeichnen, ohne kirchlich zu sein. Vielleicht sind sie auch auf der Suche
nach dem "unbekannten Gott", der größer ist als alle menschlichen
Autoritäten und religiös "Festgelegten". Als "Kinder unserer Zeit" werden
sie immer mehr konfrontiert mit Fragen, die über alles Herkömmliche
hinausweisen: Gott im Kosmos, im Universum? Gott in der Evolution, vor und
nach dem "Urknall"? Gott in einer Welt, die durch Gier und ausbeuterische
Machenschaften aus dem Lot gerät? Gott in einer Welt, in der viele Menschen
die Maßstäbe für ein sozial verträgliches Leben verloren haben?
Angesichts globaler Herausforderungen erwecken die Kirchen mit ihren
theologisch interkonfessionellen Spitzfindigkeiten den Eindruck von
Kindergärten, in denen mit Begriffen und Definitionen gespielt, aber nicht
ernsthaft auf die wirklichen Anliegen von Menschen eingegangen wird. Bei
Paulus und Barnabas freuten sich die Heiden über die erlösenden und
heilsamen Worte und Taten Jesu. So könnten sich die "modernen Heiden" auch
wieder freuen, wenn sie weniger die Stimme von Dogmatikern und
Rechtsgelehrten hörten, sondern die Stimme des "guten Hirten", der alles
Verlorene retten will; der aber auch die "Verlorenen" beauftragt zum Dienst
an der Rettung der Welt.
3. Selbstorganisation in "freier Religiosität".
Wenn die Geschichte Gottes mit der Menschheit weitergeht, stellt sich die
Frage, wie denn dieses "Weitergehen" gelingen; wie das Rätsel des
Zukünftigen gelöst werden kann? Denn das Zukünftige kann immer nur im
Voranschreiten erkannt und entschleiert werden, sozusagen von Schritt zu
Schritt. Die Schritte können von Anfang an in die falsche Richtung gehen,
einer falschen Spur folgen. Man kann sie nur tun im Ahnen, Vermuten, in
Ungewissheit und Wagnis. Und im Vertrauen auf den heiligen Geist.
Der große Theologe Albertus Magnus hat im 13. Jh. schon einmal eine für uns
interessante "Vermutung" angestellt. Er spricht einmal von einer Kirche aus
Stein, die sich von einer Kirche aus Natur und aus Leben unterscheidet. Im
Leben werde den Menschen eine "größere Offenbarung" zuteil als in den
prächtigsten von Menschen erbauten Kirchen. Eine Kathedrale sei, verglichen
mit einem Tannenwald, nicht mehr als ein "wüster Steinhaufen". Deshalb sei
es von größter Bedeutung, die Spuren Gottes in der Natur und im Leben zu
entdecken.
Ganz abgesehen davon, dass auch Jesus von einer "Offenbarung" an die
"Kleinen und Unmündigen" spricht, die den "Großen" verborgen bleibt (Mt
11.25; auch 21.16), so ist religionsgeschichtlich bekannt, dass Menschen
schon lange vor dem Christentum und den großen Weltreligionen ihr Leben
selbstverantwortlich in die Hand genommen haben. In den "Naturreligionen"
finden sich ein intensives Denken und Gestalten des Lebens nach sozialen und
religiösen Maßstäben. Das Leben wurde nicht nur vor den Göttern
verantwortlich gestaltet. Es gab auch viele humane und moralische Werte, die
das Leben aller bestimmten und an denen sich alle zu orientieren hatten.
Naturreligiöse Vorstellungen wurden im Laufe der Missionsgeschichte allzu
leichtfertig als "primitiv" angesehen. Vielleicht waren sie es auch. Dennoch
haben sie die Menschen mit ihren Eigenschaften und Fähigkeiten aktiv
miteinbezogen. Auch Jesus hat sich daran gehalten. Nicht umsonst waren die
einfachen Leute: Fischer, Handwerker, Männer und Frauen… als erste in seiner
Nachfolge.
Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass die theologisch und
philosophisch Klugen und Gescheiten im Laufe der Jahrhunderte die Botschaft
Jesu vom Reich Gottes für sich vereinnahmt haben und eine Kirche nach
eigenen Maßstäben daraus bastelten. Sie haben eine Offenbarung Gottes "von
oben nach unten" daraus gemacht. In Lehre und Schrift haben sie sich nicht
nur zu den "eigentlichen Erben" der Botschaft Jesu gemacht, sondern auch das
"gläubige Volk" zu gehorsamen Empfängern ihrer Interpretation des
Christlichen degradiert. Sie haben die Botschaft Jesu nicht nur für sich
vereinnahmt, sondern auch mundtot gemacht, was Gott den Menschen in ihren
Lebenserfahrungen zu verstehen gibt. Papst Johannes Paul I. hat diesen
verheerenden Vorgang auf die Formal gebracht: Die Menschen verlassen die
Kirche, weil die Kirche sie zuerst verlassen hat.
Gottes Taten gehen weiter? Sie können nur weitergehen, wenn das gläubige
Volk bei allen wichtigen Entscheidungen – bei Bischofsernennungen, in der
Frage des Zölibats und der Ämter für Frauen – aktiv miteinbezogen wird.
Geschieht dies nicht, weil der Gaube an die liebgewordene und unaufgebbare
"Tradition" es nicht zulässt, gestaltet sich das Wirken Gottes unter den
Menschen in Neben- und Gegenkirchen, die Christen auseinander treiben statt
sie zu einen.
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