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Die Botschaft der Bibel (17):
Definitiv katholisch = definitiv christlich!?
Juli 2010
In diesen Tagen fiel mir ein Zeitungsartikel in die Hände mit der
Überschrift: "Definitiv katholisch", geschrieben von einem deutschen
Kardinal. In dem Artikel geht es um die Frage nach dem Frauenpriestertum.
Eine Äbtissin in Süddeutschland hatte in einem Fernsehinterview erklärt,
dass es "bedeutende Theologen" gäbe, die in dieser Frage "noch Entwicklungen
sehen". Diese Bemerkung hatte den Kardinal "traurig und bestürzt" werden
lassen. Er schrieb der Äbtissin, dass es keine Professorenkirche gäbe,
sondern nur eine Bischofskirche in Gemeinschaft mit dem Papst. In dem
Zeitungsartikel, den er mitschickte, erläuterte er, dass die "unfehlbare
Lehre des Lehramtes" niemals zulassen werde, dass Frauen die Priesterweihe
erhalten...
Bedenken, die die Menschen heute zu Recht zweifeln lassen, hat der Kardinal
anscheinend noch nie bedacht. Wer "Unfehlbares" entscheiden will, schafft
sich zuvor ein "unfehlbares Lehramt"! Wer die "volle Wahrheit" für sich
beansprucht, kann – neben dem Willen zur Wahrheit – Jahrhunderte lang darauf
bedacht gewesen sein, Menschen in Gehorsam und Untertänigkeit an sie zu
binden! Denn wer kann schon gegen die Wahrheit sein? Aber was ist Wahrheit?
Es gibt viele Antworten auf diese Frage... In der gegenwärtigen Kirchenkrise
geht es aus vielen Gründen nicht mehr um das, was "definitiv katholisch"
ist; denn es steht unter dem Verdacht menschlicher Ambitionen. Es geht
vielmehr um das "definitiv Christliche" – um den Jesus des Ursprungs.
1. "Nicht du trägst die Wurzel, die Wurzel trägt dich" (Röm 11.18).
Heute melden sich viele Zweifel gegenüber den kirchlichen bzw.
konfessionellen "Zweigen", herausgewachsen aus der christlichen "Wurzel".
Sie lassen sich in den Fragen zusammenfassen: wie viele menschliche
Ambitionen stecken seit 2000 Jahren – also seit dem Tod und der Auferstehung
Jesu – in der Art und Weise, wie die Botschaft Jesu interpretiert und
verkündet wurde? Was steckt in dem Anspruch auf "Unfehlbarkeit" und dem
Besitz der "vollen Wahrheit"? Was in der Tatsache, dass sich die christliche
Lebenshaltung nach dem Bespiel Jesu nicht als "einfaches Leben" darstellt,
sondern aus bischöflichen Palais und päpstlichen Residenzen verkündet wird?
Was bewirkt eine Liturgie in prunkvollen Gewändern, mit viel Weihrauch und
Monstranz? Auf welchem hohen geistigen Podest stehen Menschen, wenn sie das
"Wort des lebendigen Gottes" verkünden, ohne zuzugeben, dass es sich zum
großen Teil um "Menschenwort" handelt, verbunden mit Zuversicht, Hoffnungen,
Zweifeln, menschliche Sicht- und Verhaltensweisen...? Wie ist es mit der
Macht des Menschen über Gott, wenn er "verwandelt"; aus Brot und Wein die
reale Gegenwart Gottes unter den Menschen werden lässt?
Humanwissenschaften stellen heute fest, dass sich die Menschen mit ihren
Ambitionen kaum verändert haben. Bewußt-unbewußt sind es subversive Triebe
des Herrschens, Regierens, Besitzens und Rechthabenwollens. Jesus hat vor
2000 Jahren genau das Gegenteil verlangt. Sein Ruf war ein Ruf zur Bekehrung
zu einer gottgemäßen Lebensweise, die über dubios Triebhaftes hinausgeht.
Weil solche Bekehrung und "Lebenswende" oft auch nicht bei den höheren
Berufschristen zu erkennen sind, kann man verstehen, dass immer mehr
"aufgeklärte Menschen" das "definitiv Katholische" nur noch als einen
"Lehrbetrieb" aus höherer Warte erkennen, in dem auch bei den "Verkündern"
das "exemplarisch Getane" fehlt. Dennoch ist Letzteres in vielfältigen
persönlichen wie auch gemeinschaftlichen Formen zu finden. Ihnen gegenüber
stellt sich die Frage, ob nicht viele Menschen außerhalb der Kirchen mehr
aus der "Wurzel" leben als vermutet. Sie sind wie Schafe, die keinen Hirten
haben... (vgl. Mt 9.36).
Die Zeit ist überreif, nach dem "definitiv Christlichen" zu fragen. Dies aus
zwei Gründen:
Erstens. Der einfache Wanderprediger aus Nazaret mit seiner einfachen
Botschaft vom Reich Gottes mitten in der Welt, an dessen Werden und Wachsen
jeder Mensch mit seinen Gaben und Fähigkeiten beteiligt sein kann, verträgt
keine mittelalterliche Pracht- und Obrigkeitenkirche mehr. Überall da, wo
sie sich heute z.B. in Kleider-Dünkel und Herrlichkeit präsentiert, kommt
sie zwar dem exotischen bzw. schöngeistigen Anspruch vieler Menschen
entgegen – leidet aber unter "Realitätsverlust". "Events" machen blind für
die Wirklichkeit der Welt und des Lebens.
Zweitens. Die Botschaft Jesu in ihrer menschennahen und menschenbezogenen
Verfassung erlaubt durchaus das Entstehen und Wachsen verschiedenster
Kirchen und Gemeinschaften. Deren einendes Band ist nicht die "wahre Lehre",
sondern der gemeinsame Wille zum wahren gottgemäßen Leben und Handeln. Das
Evangelium in seinem konkreten Lebensbezug gibt Auskunft darüber, wie
Menschen im Blick auf Werte und Tugenden zu einer christlichen
Lebensgestaltung finden.
2. Was ist "definitiv christlich"? Es ermöglicht Vielfalt im Denken und
Handeln!
Bei dieser Frage geht es nicht in erster Linie um "Kirche", sondern um das
Heil der Welt. Deshalb hat Jesus keinen Mann und keine Frau zu Bischöfen
bzw. Priestern geweiht. Er hat viel mehr den Männern und Frauen in seiner
Nachfolge die Kraft und Gnade zugesprochen, beim Heilsgeschehen Gottes in
der Welt mitzuwirken. Das Hauptgebot ist dabei die Praxis der Liebe. Um
diesem Auftrag gerecht zu werden, haben sich in der ersten Zeit die Christen
in kleinen Tisch- und Glaubensgemeinschaften zusammengeschlossen. Ihnen ging
es stets um die Frage: was müssen wir sein und tun, um dem Anspruch Jesu zum
Heil und Frieden in der Welt gerecht zu werden?
Daraus ist das "definitiv Katholische" geworden. Die Staatskirche wurde ein
System nach dem Vorbild königlicher Herrschaftshäuser. Die einen nannten
sich "Könige von Gottes Gnaden", die anderen "Stellvertreter Gottes auf
Erden". -
- Bei dieser Frage geht es um die zwölf Apostel als die Vertreter der zwölf
Stämme Israels; denn die Botschaft Jesu richtete sich zunächst an das
jüdische Volk. Den Aposteln ist es aufgegeben, "die Brüder im Glauben und in
der Liebe zu stärken" (vgl. Lk 22.32); aber sie haben nicht das Recht und
die Vollmacht, die Brüder und Schwestern in Gehorsam und Untertänigkeit zu
verpflichten bzw. an sich zu binden.
Das wurde erst möglich mit einer Kirchenverfassung, die sich die Mächtigen
und Einflussreichen selbst geschaffen haben. Sehr hilfreich dabei waren und
sind der hohe Anspruch der griechischen Philosophie und das römische (Kirchen)Recht.
Den "kleinen Leuten" – früher uninformiert und ohne schulische Bildung –
blieb nichts anderes übrig, als alles das für wahr zu halten, was sie die
Verantwortlichen zu glauben lehrten. Daß schon zur Zeit Jesu die "Kleinen
und Unmündigen" den Anforderungen des Evangeliums viel mehr nachzukommen
verstanden als die "Berufstheologen" (vgl. Lk 10.21; Mt 21.16), wurde von
diesen in späterer Zeit kaum noch oder immer weniger zur Kenntnis genommen.
-Bei dieser Frage geht es nicht um eine kluge akademische Theologie; nicht
um eine "wahre dogmatische Lehre" und ein "unfehlbares Lehramt", sondern um
die Praxis der Liebe und Gerechtigkeit; um einen "alternativen Lebensstil"
der Christen gegenüber den "Kindern dieser Welt". Deren Haltungen sind allzu
leicht das Egoistische, Herrschaftliche, Arrogante, Vielwisserische,
Selbstherrliche...
Die Gefahr des selbstsicheren Gebarens wächst am allermeisten in einem
zentralistischen, bürokratischen und hierarchischen System, angefangen beim
Papst bis zu den Bischöfen und Priestern. Für sie ist der Dienst an der zu
erlösenden Welt eine schier unerfüllbare Verpflichtung geworden. Statt die
Brüder und Schwestern in ihrem Glauben und ihrer Lebenskompetenz zu stärken;
statt das Volk Gottes Volk Gottes sein zu lassen und es zu eigener Glaubens-
bzw. Entscheidungsfreiheit zu ermutigen, haben sie ihren Dienst immer mehr
auf die Erhaltung eines theologischen Systems und kirchenrechtlichen
Apparates verkehrt. Im Grunde haben die das religiöse Bewußtsein des Volkes
im Stich gelassen.
Bei dieser Frage geht es um die Erinnerung, um das Wachhalten der Worte und
Taten Jesu in seiner Zeit und in konkreten Lebenssituationen. Ebenso um den
Auftrag und die Rolle der Christen mitten in der Welt und Geschichte. Denn
jeder Mensch in seinem Leben erlebt Ähnliches wie Jesus: da fällt jemand
unter die Räuber; da gehört eine Sünderin gesteinigt; da ist jemand krank
und elend; da ist jemand hungrig und durstig; da missachtet jemand die
Kinder... Wie Jesus beispielhaft gezeigt hat, wie das Reich Gottes schon
jetzt seinen Anfang nehmen kann, so besteht das Christ-sein in nichts
anderem als in dem Willen, die Worte und Taten Jesu mitten in der Welt
fortzusetzen. Diese werden "Licht der Welt" genannt, "Sauerteig", Erweise
eines neuen gottgewollten Anfangs... Denen, die so dem Beispiel Jesu folgen,
wird der "Beistand des Geistes" verheißen. "Ich bin bei Euch bis ans Ende
der Welt...". -
Während in der Zusage Jesu Gottes Geist in den Werken der Barmherzigkeit,
der Liebe, der Gerechtigkeit mitten im Alltagsleben gegenwärtig ist, werden
im kirchlichen Denken andere Prioritäten gesetzt. Demnach wirkt Gott primär
durch kirchliche Kanäle: durch die Sakramente, durch das Lehramt, durch
bevollmächtigte Geweihte... Dadurch schwindet das Bewusstsein, dass Gott ein
Gott der ganzen Schöpfung ist. Gottes Wirken wird eingeengt auf kirchliche
Kanäle und Strukturen. Menschen können im Endeffekt nur gut sein innerhalb
der Kirche. Außerhalb der Kirche kein Heil...
3. Er wohnt nicht in Tempeln, die aus Menschenhand gemacht sind (Apg
17.24).
Es erübrigt sich an dieser Stelle, über die verheerenden Folgen einer
Kirchenpolitik zu sprechen, die sich anmaßte, das Wirken Gottes in der
ganzen Schöpfung vor allem für sich in Anspruch zu nehmen. Das "neue Volk
Gottes", d. h. die Kirche, hat nicht nur auf den eigenen Anspruch auf
Auserwählung und Ausweitung bestanden, sondern auch in der übrigen
(religiösen) Welt nicht ernst zu nehmende Abwegigkeiten erkannt. Das heutige
gravierende Schisma zwischen Religion und Kultur (Paul VI.) ist zum großen
Teil hausgemacht.
Dagegen hat Paulus bereits in der ganzen Schöpfung eine sehnsüchtige
Hoffnung zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes entdeckt (vgl. Röm
8.18-30). Paulus verkündete den "unbekannten Gott" (Apg 17.23), der überall
gegenwärtig ist und "die Herzen erforscht". Er spricht vom "Erstgeborenen
der ganzen Schöpfung, in dem alles erschaffen wurde..." (vgl. Kol 1.15f).
Für kirchlich sozialisierte Leute, die allzu lange auf sich selbst fixiert
waren, ist es höchste Zeit, Gott wieder Gott sein zu lassen, der durch
Christus alles versöhnen will, was im Himmel und auf Erden ist...(Kol 1.20).
Der Blick muß sich richten auf alles Gute und Böse in der Welt; auf die
"heiligen Heiden" und nachahmenswerten Vorbilder, die es im Christentum, im
Islam, im Buddhismus wie in der übrigen Welt gibt; auf die Spuren des
schöpferischen Gottes, der dabei ist, Menschen zu erleuchten und die Welt zu
erlösen. Uns ist es aufgegeben, den Weizen überall da, wo er sich zeigt,
beim Wachstum zu stärken statt sich anzumaßen, das Unkraut ausrotten zu
müssen...
Christen haben nach Paulus die "Erstlingsgabe" erhalten (Röm 8.23). Ihre
erste Aufgabe besteht darin, das Versöhnungswerk Gottes in der Welt
voranzutreiben: durch ein vertrauensvolles Miteinander, durch Taten der
Versöhnung und Gerechtigkeit, durch das Ermutigen möglichst vieler Menschen,
von ihrer Freiheit, von ihren von Gott gegebenen Gaben, Fähigkeiten,
Charismen... entschieden Gebrauch zu machen.
Ich kann immer nur daran erinnern, dass JOHANNES XXIII. es war, der dem
"definitiv Christlichen" mitten im "katholisch Verkrusteten" wieder zum
Durchbruch verhelfen wollte. Leider hat es bisher keinen gleichkalibrigen
Nachfolger gegeben. Wenn wir Christen einen Papst sehen wollen, der für die
Probleme der heutigen Welt und Kirche bereit steht, sollten wir vermehrt
seinen Rat in Anspruch nehmen. Er war der Papst, der nicht
"autistisch-kirchlich" um sich selber kreiste, der jede konfessionelle
Verengung und Kirchenangst, aber auch "die Welt überwunden hat". Er konnte
es, weil er auch das Gespräch mit kommunistisch wie liberalistisch
orientierten Menschen nicht scheute. Wie Jesus, der im Blick auf die
Realitäten der Welt und des Lebens zu trösten und Mut zu machen verstand:
Habt Mut, bei aller Bedrängnis: "ich habe die Welt überwunden" (Joh 16.33).
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