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Die Botschaft der Bibel (18):
Wir Menschen sind dafür da, dass "Neues" in der Welt geschieht.
(Wie die Bibel auch verstanden werden kann)
September2010
Das "Neue" war von Anfang an nicht als plötzliches Weltereignis
gedacht. Das Evangelium spricht vom "Sauerteig", der allmählich alles
durchsäuert; vom "kleinsten Samenkorn", das zu einer mächtigen Pflanze wird;
vom "Salz der Erde", welches dem Leben und der Welt Geschmack verleiht; vom
"Licht der Welt" in vielen Dunkelheiten.
Bei allen diesen Gleichnissen vom "wachsenden Reich Gottes" ist wohl immer
die "neue Lebensweise" gemeint, die stets versucht, Reichtum und Gier,
Egoismus und Menschenfeindlichkeit zu überwinden. Gemeint ist damit jeder
Mensch, der stets in der Entscheidung steht: das Leben für sich und für
andere in Liebe und Gerechtigkeit zu gestalten oder das Gegenteil davon zu
leben und zu praktizieren.
Man kann sich das, was gemeint ist, am Bau einer gewaltigen Kathedrale
deutlich machen. Jahrhunderte werden daran gebaut. Tausende Arbeiter sind
daran beteiligt. Jeder mit kleinen Handgriffen, die aber alle für sich
wichtig und notwendig sind. Nur wenige Baumeister und Architekten kennen den
gesamten Plan. Der einzelne Arbeiter tut nur das, was ihm im Gesamten
aufgetragen ist…
Das "Reich Gottes", d.h. der Plan Gottes für die gesamte Schöpfung, ist, vom
"Urknall" bis zu ihrem Ende, ähnlich dem Bau einer gewaltigen Kathedrale, zu
dessen Vollendung jeder Mensch beauftragt ist. An dessen Beteiligung jeder
Mensch guten Willens bis in die kleinsten Kleinigkeiten des Lebens hinein
seinen Lebenssinn finden kann, weil er sich als Mitarbeiter an einer großen
Planung verstehen lernt. An einer Planung, die er selbst nicht kennt. Im
Sinne des hl. Paulus kann man sagen: Wo es um dieses Letzte und
Entscheidende geht, gilt weder Jude noch Heide, weder Mann noch Frau, weder
katholisch noch evangelisch…(vgl. Gal 3.26-28). Wenn auch nicht getauft,
gehören alle in die Planung Gottes hinein, als "Sklaven der Elementarmächte
dieser Welt" (Gal 4.3). Offensichtlich ist das, was Jesus mit dem
"Sauerteig" der neuen Welt Gottes meint, heute weltweit in vollem Gange. Man
muß den "Weizen" sehen, ohne das "Unkraut" zu übersehen.
1. In der Bibel geht es in erster Linie nicht um "Kirche", um deren
Selbsterhalt, um deren hierarchische Ordnung, um deren Ämter und
Vollmachten… Es geht auch nicht primär um Sakramente – es sei denn, dass
alles, was geschieht, im Dienste dessen steht, was Jesus mit "Reich Gottes"
meint. Dies besteht zunächst darin, dem Menschen von damals und heute
bewusst zu machen, dass er schon immer, seit Beginn der Welt, im Schöpfungs-
und Heilsgeschehen Gottes vorgesehen ist. Weil das so ist, können alle
Menschen, die in der Welt etwas Gutes – auch außerhalb der Kirchen! –
bewirken, mit dem Segen und Beistand Gottes rechnen. Es hat geradezu
"sakramentalen Charakter": z.B. die Werke der Barmherzigkeit, Friedens- und
Versöhnungstaten, Einsatz in den Katastrophengebieten der Welt, Beistand in
Zeiten körperlicher oder geistiger Not… Die Behauptung, dass Gottes Beistand
und Segen hauptsächlich dann garantiert sind, wenn geweihte Kleriker
Amtshandlungen vollziehen, weist ein beschränktes Gottesbild auf. Wenig wird
bisher bedacht, dass durch die sieben Sakramente – siebenfaches punktuelles
Eingreifen Gottes ins Leben des Menschen - kirchenamtlich die
Säkularisierung der Welt vorangetrieben wurde. Denn der Eindruck entstand,
dass alles Außersakramentale und Außerkirchliche vor Gott keine besondere
Bedeutung haben.
2. Es geht darum, den Menschen "Würde" zu geben, die in der Entfaltung
seiner Gaben und Fähigkeiten Realität wird. Das "Erkenne dich selbst" und
"Akzeptiere die anderen so, wie sie sind", wird zu einer lebenswichtigen
Aufgabe. Um ihr gerecht zu werden, bedarf es einer Erziehung und Pastoral,
die auf "Personwerdung" ausgerichtet sind. Diese beginnt immer schon in der
Kindheit: in der Begegnung mit Vater und Mutter; mit Bezugspersonen wie
Freunde, Klassenkameraden, Lehrer, Priester… Die persönliche Entwicklung des
Menschen lehrt uns: Die Entscheidung für Gott ist eigentlich nur möglich,
wenn es im Vorfeld schon andere positive Entscheidungen für Menschen gegeben
hat. Die Gnade setzt die Natur voraus…
3. Es geht um das verstärkte Bewusstsein, dass das, was der Mensch an
Talenten mitbekommen hat, zum Heil und Unheil werden kann: im menschlichen
Beieinander, in Beziehungen in Ehe und Familie, am Arbeitsplatz, im sozialen
und politischen Aktivismus… Wo hier oder dort "Heil" oder "Unheil"
geschieht, ist es nicht nur zum Vor- oder Nachteil für andere. Der Mensch je
nach der Rolle, die er spielt, baut sich selbst auf oder er zerstört sich.
Er findet Lebenssinn und Lebensfreude oder auch nicht. "Werde dir deiner
wichtigen Rolle im Leben bewusst: im Kleinen wie im Großen" – ist und bleibt
eine lebenslange Aufgabe.
4. Es geht um eine wichtige, Weichen stellende Grundeinstellung, dass Gottes
allumfassendes Wirken an keine Religion oder Konfession gebunden ist. Auch
die Botschaft Jesu von der Liebe und neuen Gerechtigkeit ist nicht
lebensfern; sie ist in der Natur des Menschen bereits grundgelegt. "Jesuanische
Werte" finden sich bei vielen Menschen – in allen Religionen und Kulturen.
Das widerspricht nicht der Tatsache, dass sie Menschen als "Erstlingsgabe"
offenbar gemacht wurden (vgl. Röm 8.23). In Zukunft kommt es vermehrt darauf
an, über das "Bewusstmachen" des allumfassenden Wirkens Gottes hinaus die
Wahrheit zu tun: im Ernstnehmen jedes Menschen als Gottes Idee und zu
entfaltende Originalität; in der Zusammenarbeit mit allen Menschen guten
Willens; in der Akzeptanz der Vielfältigkeit und Verschiedenheit religiöser
und ethischer Anschauungen. Immer geht es um das Heil und den Frieden in der
Welt. Den Menschen ist es aufgegeben, sich einzuüben in Tugenden, die
zugleich befreien von niederen Trieben und Begierlichkeiten.
5. Die konstituierten Kirchen und Religionen müssen sich daran gewöhnen,
dass es sie eigentlich gar nicht gibt. Von Anfang der Welt gibt es immer nur
den religiös fragenden und suchenden Menschen, der bei aller
"Diesseitsorientierung" immer auch nach dem Ausschau hält, was es "darüber
hinaus" noch geben könnte. Solche haben sich immer auch organisiert und
zusammengeschlossen: in Stammes- und Naturreligionen, in religiös
orientierten Familien- und Dorfgemeinschaften. Auch im Christentum gab es am
Anfang nur kleine Nachfolgegemeinschaften, genannt "Hauskirchen". Sie
bildeten durch ihre Überzeugungskraft die Basis für die mächtige
Staatskirche, die sich ganz nach dem Vorbild monarchischer Staaten
entwickelte. Sie gab Jahrhunderte lang den Menschen in Gehorsam Halt und
Orientierung. Weil das immer weniger der Fall ist, vertrauen religiös
orientierte Menschen den "alten Schläuchen" nicht mehr. Sie
"individualisieren" sich, kehren zu sich selbst zurück. Sie wollen zwar
"religiös" bzw. "christlich" sein, aber nicht mehr kirchlich. Dieser Vorgang
müsste die Kirchen mit der Möglichkeit des "neuen Weines" äußerst hellhörig
machen (vgl. Mt 9.17). Der "neue Wein" kommt immer nur von Menschen, die in
der Nähe des Bräutigams leben, wie Mathäus schreibt. Als "Propheten"
signalisieren sie, dass die Zeit der alten Zöpfe abgelaufen ist. - Wie das
heutige Hervortreten des religiösen Ich sich wieder neu organisiert und
Regeln schafft, steht noch in den Sternen. Vielleicht sind die Tausenden
freien religiösen Gemeinschaften, die es heute weltweit gibt, Indizien für
das Neue, mit dem zukünftig zu rechnen ist. Dabei darf "Freiheit" nicht als
Beliebigkeit verstanden werden. Es gibt nur "Freiheit" in der Gestaltung
eines Lebens in Gemeinschaft. Es wird weniger durch "Indoktrination"
tragfähig, sondern durch die Praxis der Liebe und durch geschwisterliches
Miteinander.
6. Als besonderes Kennzeichen für die Krise stellt sich heute die Frage, wie
sich religiöse Autoritäten in Zukunft legitimieren lassen? Herkömmlich wird
ihre Legitimation von Gott und seinem Stellvertreter auf Erden abgeleitet.
"Berufen", "von Gott auserwählt" ist, wen der Papst zum Bischof oder
Kardinal ernennt. Aber was nützt solche "Berufung", wenn die Menschen deren
Berechtigung und Zuverlässigkeit immer mehr bezweifeln, ignorieren? Es mag
aus "Unglauben" geschehen. Aber der Mensch, zurückgeworfen auf das eigene
Ich und seine eigene Verantwortung, will niemanden mehr vorgesetzt bekommen,
will keine Antworten mehr hören auf Fragen, die er nicht gestellt hat. Aus
biblischer Sicht könnte man den Satz wagen: Eine Kirche, die Menschen und
Gemeinden nicht zur Entwicklung ihrer Persönlichkeit verhilft; nicht zu
ihrer Einmaligkeit und Originalität; die keine lebbaren Räume und
angemessenen Aufgaben dafür schafft, verliert ihre Berechtigung und
Autorität (was gegenwärtig in verheerendem Maße bei der Jugend und bei den
Frauen geschieht). Auch die Sakramente hören dabei auf, "Heilszeichen" zu
sein. Sie dienen nur noch als kirchliches Beiwerk zu bestimmten
Familienanlässen…
7. Wenn die "alte Kirche" mit ihren Vorstellungen und Strukturen "von
gestern" für Menschen von heute, auch wenn sie religiös orientiert sind,
überflüssig wird, so ist es wichtig, dass neue "Kirchen" bzw. kleine
christliche Gemeinschaften entstehen. In Freiheit und wachsender Mündigkeit
im Glauben. Das heißt, Christen müssen es lernen, im Gespräch und
Miteinander die zentralen Anliegen der Botschaft Jesu für sich zu entdecken
und originell zu leben. Im "Tun der Wahrheit" – weniger "von Amts wegen" -
können sich diakonische, prophetische, spirituelle Charismen herausbilden,
die sich berufen wissen zum Heil der Welt. Einer traditionell fest
verankerten Kirche, die "bodenständige Charismen" nicht in ihre Ämter und
Aufgaben ruft, ist nicht mehr zu helfen.
8. Symbole der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft, die sich im
Dienst Gottes sieht, sollten gefördert und gefeiert werden: mehr als sieben
Sakramente, Friedensketten, Kränze, Kerzen… Das Feiern lebensnaher Symbole
der Zugehörigkeit bedeutet den gleichzeitigen Abbau von Symbolen, die
früheren Herrschaftssystemen zuzuordnen sind: als Zeichen der Macht, des
großen Einflusses, der persönlichen Wichtigkeit, der amtlichen
Unfehlbarkeit…
9. "Zugehörigkeit" kann auf kurz oder lang nur erreicht werden, wenn Themen
zur Sprache gebracht und sachgerecht aufgearbeitet werden, die für Menschen
existentiell wichtig sind. Z.B. ist das allgemeine Leben heute vom
naturwissenschaftlichen Denken und Planen bestimmt. Aus der Sicht des
"Urknalls", der Evolution, der Entstehung der Vielfalt der Arten wirken
biblische Geschichten vom Schöpfer, vom Sieben-Tage-Werk, vom ursprünglichen
Paradies, von den ersten Menschen Adam und Eva, von ihrer Sünde und der
Flucht in eine Welt der Ungeborgenheit …wie Märchen aus 1001 Nacht. Solche
und ähnliche Themen gehören zentral in die Predigt und Katechese. Ewige
dogmatische Wahrheiten dürfen dabei ruhig in den Hintergrund geraten. Was
"wahr" ist, muß nicht zu jeder Zeit wichtig sein.
10. Man kann Papst und Kirche nicht zum Vorwurf machen, sie hätten sich zu
wenig zu vielen Fragen des Lebens und der Welt geäußert. Aber offizielle
"Verlautbarungen" nützen nichts, wenn nicht Strukturen geschaffen werden,
die deren Aufarbeitung bzw. Zustimmung ermöglichen. Ohne das bleiben sie
ohne Wirkung. Meine persönliche Erfahrung: Vor gut zwanzig Jahren habe ich
einem deutschen Bischof angeboten, in ca. 5-10 Dörfern bzw. priesterlosen
Gemeinden Männer und Frauen zu schulen mit dem Ziel, "die Kirche im Dorf" zu
lassen und religiöses Leben im Maße des Möglichen verantwortlich zu
gestalten. Ich habe den Vorschlag deshalb gemacht, weil sich der Bischof
große Sorgen um den wachsenden Priestermangel machte und weil er sich offen
zeigte für Lösungen, die es in anderen Ländern bereits gab. Seine Reaktion:
Das kann nur "gesamtkirchlich" entschieden werden – um der "Einheit der
Kirche" willen! Eine immer wiederkehrende Schutzbehauptung der Ängstlichen
und Verzagten.
Laien also als Gemeindeleiter! Was in der Diözese Limburg schon angefangen
wurde und gegenwärtig wieder zunichte gemacht wird, scheint Wien neu zu
beginnen. Wenn es wahr werden sollte, worüber "Publik Forum" berichtet (Nr.
14 v. 23. Juli 2010, S.36), könnte das ein Durchbruch sein – ein paar
Jahrzehnte nach der Würzburger Synode! Erstens in Richtung "Entklerikalisierung"
der Kirche und zweitens: ein Kardinal fasst den Mut zu eigenen
Entscheidungen in seiner Diözese, was das Normalste von der Welt sein
müsste. Denn bisher leben die meisten Verantwortlichen in der Gefangenschaft
eines sterilen Zentralismus, der die Kirche zu Tode reitet.
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