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Die Botschaft der Bibel (4):
Jesus verkündete das Reich Gottes und es kam die Kirche.
November 2008
Dieses Wort des Theologen A. Loisy hat am Anfang des 20. Jahrhunderts
(1900) großes Aufsehen erregt. Es hat Zuspruch und noch mehr Widerspruch
gefunden. Es hört sich so an, als wäre nach der Ankündigung Jesu vom "Reich
Gottes" die Kirche gekommen: das Kleinere für das Größere, das Menschliche
für das Göttliche, das Provinzielle für das Allumfassende. Der Eindruck
wurde geweckt, als wäre die großartige, auf die gesamte Schöpfung
ausgerichtete Botschaft Jesu vom "Reich Gottes" in die Hände und Köpfe von
Menschen gelangt, die bei aller menschlichen Klugheit gewöhnlich einseitig,
interpretierhungrig, eigenmächtig, interessengeleitet, rechthaberisch,
einflussbedacht und machtbesessen sind...
Tatsächlich hat sich die Kirche im Laufe von 2000 Jahren häufig so erwiesen.
Gründe genug, um inzwischen viele christliche Kirchen werden und wachsen zu
sehen – mit zahlenmäßig steigender Tendenz. Jede besteht auf
unterschiedliche Weise auf eigene Wahrheiten, beharrt auf eigenem Recht. Sie
bieten sich heutigen Menschen – sofern sie nicht völlig "atheistisch"
geworden sind – als "Alternativen" zu den großen Volkskirchen an. Diese
bröckeln und kriseln. Tausende "freie Kirchen" schießen wie Pilze aus dem
Boden. Dienen sie dem von Jesus verkündeten "Reich Gottes"? Schaffen sie zu
Recht Alternativen zu den Großkirchen? Was ist überhaupt mit "Reich Gottes"
gemeint?
1. Das Gebet Jesu: Dein Reich komme!
Diese Vater-unser-Bitte ist seit 2000 Jahren allen Christen bekannt. Jesus
selbst hat sie den Christen zu beten aufgegeben. Darin greift Jesus ein
Anliegen auf, welches schon in den Jahrhunderten vor ihm eine große Rolle
gespielt hat. Das jüdische Volk lebte schon immer in der Erwartung des
Messias und damit in der Hoffnung auf das "Reich Gottes", d.h. auf die
endgültig erlöste und geheilte Welt.
Solche Erwartung und Hoffnung sind eigentlich nur zu verstehen auf dem Boden
der Tatsache, dass die Welt unerlöst und die Menschheit im Argen liegt. Die
Erfahrung der Unerlöstheit hat das Alte Testament Jahrhunderte lang
tradiert. Im ersten Kapitel des Alten Testamentes, im Buch Genesis, ist von
der "Erschaffung der Welt" die Rede. Am Ende des Schöpfungsberichtes – als
Sechs-Tage-Werk, so wie es damals gesehen und verstanden wurde – heißt es:
"Gott sah alles, was er gemacht hatte: Es war sehr gut" (Gen 1.31).
Der "paradiesische Zustand", von dem am Anfang die Rede ist, bekommt schon
bald einen Bruch. Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben. Sie haben
sich nicht an die Anordnungen Gottes gehalten. Sie aßen vom "Baum der
Erkenntnis", der ihnen durch die Schlange des Bösen vorgaukelte, sie könnten
auf diese Weise "werden wie Gott". So kam das Unheil in die Welt. Es äußerte
sich in besonderer Weise in der Vergiftung des Klimas unter den Menschen.
Kain tötet seinen Bruder Abel, weil er sich – in seinem Neid und seiner
Eifersucht – von Gott weniger geliebt sieht.
Die Sünde und das Unheil in der "guten Schöpfung Gottes" schreiten in der
gesamten Geschichte des Alten Testamentes fort. Die Sintflut, die alles
Leben auf der Erde zunichte macht, ist die Strafe Gottes für die dauernden
Vergehen der Menschen. Aber sie bietet sich auch als Chance zu einem neuen
Anfang. Denn Gott, dem an seiner Schöpfung und an seinen Geschöpfen liegt,
gibt immer wieder die Gelegenheit zur Umkehr auf die Wege und Weisungen
Gottes, die auch die Wege der Menschen werden sollen – zur Ehre Gottes und
zugleich zum Heil der Menschen.
2. Die Propheten: Gegenwartskritiker und Zukunftsansager.
Die Hoffnung auf das Kommen des Reiches Gottes hatte von Anfang an viel mit
dem Zusammenleben der Menschen zu tun. Wo dieses durcheinander zu geraten
drohte, traten im Alten Testament die Propheten auf. Sie hielten keine
allgemeinen Reden "für alle"; ihre Worte hatten immer konkrete Adressaten
und Situationen im Blick. Sie wussten sich nicht nur von Gott autorisiert.
Gott selbst kam durch sie zur Sprache. Ihr Auftrag lautete: zu mahnen oder
aufzurichten; Trostworte zuzusprechen und in jedem Fall die Weisungen Gottes
als Lebensregeln einzuschärfen.
Der Prophet Micha z.B. (740-700 v. Chr.) wird nicht nur der große Mahner und
Erzieher zur Treue im Glauben an Jahwe und seine Gebote. Er klagt mit
Schärfe und Beharrlichkeit die Achtung der Menschenwürde und das Einhalten
der Menschenrechte ein. Denn sie sind die Grundlage und der Maßstab der
Verehrung Gottes. Das Versagen der politischen Amtsträger, die nur die
Interessen des Staates und der Reichen im Blickfeld haben, ist für ihn ein
Skandal. Die Tatsache, dass es die habgierigen Reichen gibt; andere, die das
Volk ausbeuten und unterdrücken; wieder andere, die sich als gekaufte und
käufliche Propheten betätigen – alles das führt zum Strafgericht und zum
Untergang. Wenn sich aber die Menschen wieder zum Guten bekehren, werden sie
gestärkt in der Hoffnung und Verheißung auf die zukünftige Herrschaft Jahwes
auf dem Zion.
Auch der Prophet Jesaja (8. Jh. v. Chr.) greift die großen Themen des
biblischen Glaubens auf. Er konzentriert sich auf die Frage nach Recht und
Gerechtigkeit in Israel und unter den Völkern. Denn der "Heilige Israels"
ist derjenige, der rettet und Frevler verwirft. Er ist Erlöser und bahnt die
Herrschaft Gottes an. Dabei wird es eine Bestrafung von allen Übeltätern
geben; aber auch eine Befreiung von allen Übeln. So heißt es bei ihm:
"Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott... Verkündet der Stadt, dass
ihr Frondienst zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist" (vgl. 40.1-31).
Auch Jesus gehört in die Reihe der großen Propheten. Authentisch,
menschennah und situationsbezogen hat er deutlich gemacht, wie Gott an der
Welt und an den Menschen handelt; wie Menschen ähnlich denken und handeln
sollen, damit der Friede Gottes und die "größere Gerechtigkeit" schon im
Hier und Heute ihren glaubwürdigen Anfang nehmen können. Die Bedingungen,
dass das Reich Gottes schon Jetzt mitten unter den Menschen beginnt, lauten:
Einer trage des anderen Last; liebt einander, sogar eure Feinde; seid
barmherzig den Armen und Bedürftigen gegenüber; seid hilfsbereit und vergebt
euch untereinander eure Schuld...
3. Das Reich Gottes: Urgestein des Christlichen.
Wenn heute, in der Zeit der Krise, immer wieder nach dem Ursprung, nach den
Uranliegen Jesu und der Propheten gefragt wird, seien hier vier Antworten
gegeben:
a). Die Predigt Jesu und der Propheten war weltorientiert. Sie haben ein
Bild von der Schöpfung Gottes vor sich, welche durch die Machenschaften von
Menschen im Argen liegt. Letztlich haben jedes Unheil in der Welt und jede
Zwietracht unter den Menschen ihren Ursprung darin, dass die Menschen "sein
wollen wie Gott". Sie halten sich nicht an die Weisungen Gottes, sondern
machen sich nach eigenem Gutdünken ihre Gesetze und Gebote.
b). Die Predigt Jesu richtet sich an alle Menschen guten Willens. Durch ihr
gottgemäßes Denken und Tun soll das Reich Gottes in Gerechtigkeit und Liebe
"schon jetzt" seinen Anfang nehmen. Die Menschen innerhalb der gesamten
Schöpfung Gottes – unabhängig von religiösen, kulturellen und völkischen
Grenzen – sind immer schon Teilhaber am Heilsgeschehen Gottes. Denn Gott hat
seit Noach mit der Welt einen Bund geschlossen (Gen. 9). Seit dem ist die zu
erlösende und heilende Welt das eigentliche Anliegen und Betätigungsfeld
Gottes.
c). Das Reich Gottes, wie es "schon jetzt" im Kleinen zu entstehen vermag –
sofern Menschen "Licht der Welt", "Salz der Erde", "Sauerteig" zu sein
vermögen – , ist "mitten in der Welt" und an keine Religion, Kultur oder
Sprache gebunden. Tatsächlich finden sich bis heute überall in der Welt
Menschen und Gruppierungen, die durch ihre Friedensarbeit, ihren Sinn für
Gerechtigkeit, ihre tätige Liebe an Kranken und Bedürftigen... die Wege
Gottes gehen; die dem Werden und Wachsen des Reiches Gottes sehr nahe sind –
ohne dass sie sich dessen bewusst sein müssen (vgl. Mt 25. 31-46; Mt 5).
Alle diese Menschen weltweit zusammen zu schließen, sie ernst zu nehmen mit
ihren Fähigkeiten und Grenzen, sie zu verpflichten im Blick auf die stets
gefährdete Schöpfung – es wäre der aktive und tätige Vollzug dessen, was
Jesu Bitte "Dein Reich komme" als Anliegen beinhaltet.
d). Bei der Verkündigung des Reiches Gottes waren in der Zeit Jesu an erster
Stelle die Kleinen und Unmündigen, die einfachen Leute, Männer und Frauen,
Fischer und Handwerker angesprochen und beteiligt – so als hätten sie eine
besondere Fähigkeit, das Leid und Elend in der Welt zu begreifen; ebenso
aber auch die Hoffnung auf ein erlösteres Dasein zu verkörpern. Der
dynamische Anfang des Christentums bestand zum großen Teil aus dem Protest
gegen alles Ungerechte, Unwahrhaftige, Heuchlerische, Rechthaberische und
Arrogante – zerstörerische Eigenschaften, die Menschen in ihrer
Triebhaftigkeit an sich haben. Auch Jesus wurde verstanden als einer, der
sich weigert, einverstanden zu sein mit dem, was für viele seiner
Zeitgenossen – vor allem der Begüterten, Mächtigen, Einflussreichen –
akzeptabel und selbstverständlich war. Er forderte alternative Maßnahmen, an
die Menschen von sich aus und normalerweise nicht denken: Schuld zu
vergeben; die Spirale der Gewalt nicht voranzutreiben; Barmherzigkeit zu
üben; nicht Feindschaft und Hass zuzulassen; die Liebe zu üben – sogar
gegenüber den Feinden. Er erdete den "wahren Gottesdienst" zum Dienst am
Nächsten und an der Welt, verbunden mit der Verheißung, dass Menschen, die
die Wahrheit tun, zum Licht Gottes finden.
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