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Die Botschaft der Bibel (5):
Wenn eine Botschaft in die Köpfe von Menschen gerät...
Dezember 2008
Die Bibel ist voller "humaner Werte". In ihr geht es um das "Tun der
Wahrheit", um die Einübung des Menschen in die Praxis der Liebe, der
Gerechtigkeit, der Gemeinschaft und Barmherzigkeit... Sie zu leben, ist eine
zentrale christliche Angelegenheit. Das Gegenteil davon steht dem
Heilshandeln Gottes und seiner Gegenwart unter uns Menschen am meisten im
Wege. Wo Hass herrscht statt die Liebe; wo Neid und Eifersucht das
Zusammenleben von Menschen vergiften; wo Heuchelei und Dünkel zu
beeindrucken versuchen, da gibt es keinen Frieden auf Erden. Weder im Großen
noch im Kleinen. Wer dagegen Welt- und Menschenorientierung sucht, wer die
christliche Bewährung in der Konkretheit des Lebens ernst nimmt, muss sich
vor zwei Gefahren in Acht nehmen: entweder wird alles Religiöse "bloßer
Humanismus" oder das Religiöse wird ins nebulös "Übernatürliche" verzerrt
und verdunkelt. Beide Tendenzen werden der Predigt Jesu nicht gerecht. Bei
ihm wird alles Tun des Guten zu einem "Sauerteig", der die Welt durchsäuert;
zu einem Licht und Salz, die allem weltlichen Geschehen Kraft und Würze
geben. Es ereignet sich der Anfang des "Reiches Gottes". Die Hinwendung des
Menschen zur Welt und zu den anderen erweist sich zugleich als Weg des
Menschen zu Gott.
1. Jesus brauchte keine Experten.
Was die Botschaft Jesu betrifft, fing alles ziemlich einfach an. Da war eine
Person, die durch ihr Denken und Verhalten in konkreten Lebenssituationen
vorexerzierte, wie Gott sich den Menschen von Anfang an gedacht hat, und wie
gläubige Christen schon jetzt das Reich Gottes vorwegzunehmen vermögen –
wenn auch noch so fragmentarisch. Die humanen Lebenswerte, die Jesus
verkündete und lebte, waren kein bloßer "Humanismus" oder "Horizontalismus",
sondern sie standen in dem größeren Zusammenhang der Vorhaben Gottes mit der
Menschheit. Sie waren nicht "konfessionell" oder ethnisch gebunden. Bei der
Proklamation des Reiches Gottes ging es letztlich um die Heimholung der
ganzen Schöpfung in ein neues, von Gott gewolltes Erlösungsgeschehen. Wo es
um die Sache Gottes mit der ganzen Menschheit ging, da waren alle Menschen
guten Willens mit einbezogen. Da galten nicht mehr die herkömmlichen
Schranken zwischen Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Mann und Frau...(Gal
3.28).
Tatsächlich holte Jesus die einfachen Leute, Männer und Frauen, Fischer und
Handwerker... in seine unmittelbare Nähe und Gefolgschaft. Es waren Menschen
mit Lebenserfahrung. Sie verstanden etwas von der Praxis der Liebe, des
Zusammenseins und von Friedensstiftung. Auch von den vielen Stolpersteinen,
die es im Zusammenleben von Menschen gibt. Aber gerade die "Stolpersteine"
waren und sind es, die gemeistert werden müssen. Sie sind die Wurzel aller
Übel und werden zu einer Sintflut des Hasses, der Gewalt und der Kriege, die
die ganze Welt ins Chaos stürzen können. Deshalb der Ruf Jesu zur Umkehr.
Denn wenn Menschen sich nicht bekehren, nicht von ihrem triebhaften und
egoistischen Getue ablassen, dann ist die Welt nicht zu retten. Wo dagegen
zwei oder drei in Jesu Namen zusammen sind, da hört Gott mit, da ist er
mitten unter den Menschen (Mt 18.20).
Der Auftrag lautete also, der Welt ein Segen zu werden – eine Aufgabe, die
seit 2000 Jahren gilt, auf weiten Strecken aber von der Christenheit
vernachlässigt worden ist. Am meisten von den "Offiziellen", die allzu gerne
die Brille einer selbst gemachten Ideologie oder des Dogmatismus aufsetzen,
um dann blind zu werden für neue Aufgaben und veränderte Situationen. Trotz
vieler Blindheiten hat es immer die Tausenden gegeben, von denen niemand
sprach, weil sie im Stillen und Verborgenen wirkten. Im Sinne des
Evangeliums waren und sind sie die "eigentlich Gläubigen", weil sie die
Nackten bekleiden, die Hungernden speisen, die Kranken pflegen und die
Gefangenen aus ihren Nöten befreien...(vgl. Mt 25. 31 – 46). -
2. Passt Euch nicht der Welt an!
Mit solchen Worten geht die Mahnung des hl. Paulus an die Römer (Röm 12.2),
wie es überhaupt viele Bibelstellen gibt, die vor dem Bösen in der Welt
warnen. Um seiner Botschaft willen - hat deshalb Jesus eine Kirche
gegründet? Nein. Jedenfalls nicht durch einen besonderen Akt oder durch ein
besonderes Wort. Zwar wird immer wieder der Eindruck hinterlassen, als habe
Jesus durch mehrere feierliche Akte die Kirche ins Leben gerufen: durch
seine Reich-Gottes-Predigt, durch die Berufung der zwölf Jünger..., die aber
nichts anderes waren als die Repräsentanten der zwölf Stämme Israels.
In der Dynamik der damaligen Geschehnisse ist dennoch – nach dem Tod und der
Auferstehung Jesu – "Kirche" entstanden in Form von Versammlungen der ersten
Christen. Es waren die Anhänger Jesu, die sich nach der Katastrophe des
Karfreitags versammelten, um sich gemeinsam Rechenschaft zu geben über das,
was Jesus gesagt und getan hatte. Nach den "Synoptikern" (den ersten drei
Evangelien) waren die ersten christlichen Gemeinden
"Erinnerungsgemeinschaften" an die Worte und Taten Jesu. Ihnen ging es dabei
selbst um die Fortsetzung der Worte und Taten Jesu in der Geschichte. Denn
wozu sollten sie sonst – als "Nachfolgegemeinschaft – gut sein? Das Reich
der Gerechtigkeit und des Friedens sollte ansatzweise, als Anbruch der
Gottesherrschaft, von Menschen gelebt werden – bis zur endgültigen
Machtergreifung Gottes, bis zu seiner vollen Offenbarung. Dem entsprechend
organisierten die Christen ihr gemeinschaftliches Leben und "Brotbrechen".
Die Dynamik der christlichen Gemeinden in den ersten drei Jahrhunderte
bestand also darin, die Nachfolge Jesu – bei allen Menschlichkeiten, die es
auch damals schon gab – ernst zu nehmen, d.h. die Wege und Weisungen Gottes
im Leben zu befolgen – als Anfang einer erlösteren Welt. Viele haben dabei
sogar ihr Leben lassen müssen. Wie Jesus seinen Weg bis zum Ende gegangen
war, so wollten auch die Christen ihren Überzeugungen und Hoffnungen treu
bleiben. Wie Jesu Tod der Anfang einer neuen Schöpfung geworden war, so
verstanden sich die christlichen Gemeinschaften in ihrem Denken und Tun als
"Sauerteig" einer neuen Welt in Frieden und Gerechtigkeit.
3. Anpassung an den "Zeitgeist".
Bei allen möglichen Anlässen, früher wie heute, wird immer wieder vor dem
"Zeitgeist" gewarnt. Die Kirche dürfe sich dem nicht anpassen! Dennoch
besteht kein Zweifel, dass sie sich Jahrhunderte lang dem "Zeitgeist"
angepasst und unterworfen hat. Aus der ursprünglichen
Reich-Gottes-Orientierung mitten in der Welt wurde Kirchen-Orientierung,
d.h. die Konzentrierung der Kirche auf sich selbst. Diese Umorientierung lag
zunächst in der Natur der Entwicklung. Mit der "Konstantinischen Wende"
wurde das Christentum Staatsreligion. Im Laufe der kommenden Jahrhunderte
strömten die Massen in die Kirche. Es bedurfte also neuer Strukturen und
Organisationsformen, um den Zulauf infolge der Missionierung Europas zu
bewältigen. Diese war allerdings auch von sehr bedenklichen
Begleiterscheinungen belastet. Auf weiten Strecken war sie weit entfernt von
einer "frohen Botschaft", weil Gewalt und Unterdrückung eine peinliche Rolle
spielten. Lagen sie auch in der "Natur der Sache"? Hatten sie mit dem
"Zeitgeist" zu tun? Einige Faktoren der Anpassung an den "Weltgeist" seien
hier genannt:
a). Die Kirchenverfassung wurde im Laufe der Jahrhunderte immer mehr einer
Staatsverfassung ähnlich. Auf der einen Seite der monarchische König – auf
der anderen Seite der monarchische Papst; dort die Fürsten, die vom König
bestimmt und anerkannt wurden – hier die (Fürst)Bischöfe, vom Papst nach
dessen Gutdünken eingesetzt; dort der alles beherrschende Adel – hier der
alles bestimmende Klerus als "Adel der Kirche"; dort die gehorsamen und
allerdings früher noch ungebildeten Untertanen – hier der Gehorsam gegenüber
Papst, Bischöfen, klerikaler Hierarchie...
b). Wie der Staat seine Verfassung und Rechtsordnung hatte, so auch die
Kirche. Sie hießen "Kirchenrecht" und "Glaube als Lehre der Kirche". Bei der
"Lehre" wurde die Wahrheitsfrage zentral. Um die Wahrheit zu finden und zu
erforschen, wurden die größten Gelehrten (Philosophen) bemüht. Deren
Ergebnisse bei der Wahrheitssuche wurden z.T. vom Lehramt übernommen und als
verbindliche Lehre verkündet. Die Folgen dieser Entwicklung waren und sind
gravierend: das Christentum wurde mehr und mehr zu einer
"Spezialistenreligion" und "Expertokratie". Das Volk konnte da nicht mehr
mitreden, es blieb stumm und sprachlos. Da die Frage nach der Wahrheit der
Angelpunkt des Christentums wurde, blieb die Einübung in das wahre,
gottgemäße Leben durch alle Getauften ein Nebenschauplatz – dennoch von
Orden und "exemplarischen Menschen" immer wieder in Erinnerung gerufen. Weil
"die Wahrheit" als Allheilmittel in der ganzen Welt verkündet werden sollte,
hatten ganze Völker keine Chance, wenn sie sich nicht unterwerfen wollten.
Von der Ausbreitung einer Religion der Liebe und Gerechtigkeit konnte auf
weiten Strecken der Missionsgeschichte keine Rede sein.
c). Während sich im Laufe der letzten Jahrhunderte die Staatsverfassungen
"demokratisierten", werden bis heute die Christen zu Gehorsam und
Untertänigkeit verpflichtet. In den Gesellschaften setzte sich das
Bewusstsein durch, dass alle Mitverantwortung tragen und bei wichtigen
Anlässen zur Urne gerufen werden. In der Kirche ist die Beteiligung von
Laien und Nichtklerikern nur nebenbei erwünscht. Diese befindet sich in der
Gefangenschaft von Dogmatik und Kirchenrecht – immer mit der
unausgesprochenen Behauptung, dass auch Gott darüber hinaus nicht wirken
kann. Deswegen auch die Christen nicht. Als nach dem II. Vaticanum
(1962-1965) überall in der Welt die Christen selbst anfingen zu denken,
wurden die herkömmlichen Glaubenshüter ungeduldig und maßregelnd. Sie
fürchteten um ihre Lehre, weil das Basisvolk einen anderen Ansatz wählte.
Ihm ging es nicht mehr um das viele Reden über Liebe und Gerechtigkeit,
sondern um die Verifizierung christlicher Werte und Tugenden in konkreten
Lebenslagen. Dabei wurden viele theologische Wahrheiten nicht mehr
wichtig, ohne dass sie aufhörten, wahr zu sein. Wichtig
wurde das gelebte Leben, das "Tun der Wahrheit", das sich vor Gott und vor
der Welt verantworten lässt. Früher lautete die Frage: wie kann man den vom
Lehramt vorgefertigten Glauben den Menschen nahe bringen (durch Katechismen
und Lehrbücher)? Heute müsste sie lauten: wie kann man mitten in den
Erfahrungen und Sorgen des Alltags Gott suchen und finden – den Glauben als
lebendiges Ja-Sagen zu Gott? Glaube als verbindliche Übernahme der Worte und
Taten Jesu ins eigene Leben...?
4. Was der Welt zum Frieden dient...
"Wenn doch auch du... erkannt hättest, was der Welt Frieden bringt". Dieser
Satz steht bei Lukas (19.42), ausgesprochen von Jesus, der die Zerstörung
der heiligen Stadt Jerusalem ankündigt. Weil die Bewohner der Stadt "die
Zeit der Gnade" nicht erkannt haben, wird kein Stein auf dem anderen
bleiben; Erwachsene und Kinder werden zerschmettert werden...
Man kann solche Visionen – angesichts der heutigen Kirchen- und
Weltsituation – nicht laut genug von den Dächern schreien. Was würde heute
der Welt zum Frieden dienen? Der Konzilspapst JOHANNES XXIII. hat, wie
bisher kein anderer, die Situation nüchtern und realistisch eingeschätzt und
weltweit alle Menschen "guten Willens" aufgerufen – je mit ihren Gaben und
Fähigkeiten, ganz gleich ob getauft oder ungetauft, ob kirchlich oder
unkirchlich, ob europäisch oder asiatisch... Der Papst hat damit,
stillschweigend und, für ewig Gestrige auf "gefährliche Weise", "Lehramt"
und "Kirchenrecht" als zweitrangig eingeschätzt. Seine Sicht war nicht
allein kirchen-, sondern vor allem weltorientiert. Aus seiner Sicht könnte
man sagen: die Schöpfung Gottes ist durch den Ungehorsam von Adam und Eva in
Strudeln geraten und bis heute aufs Höchste gefährdet. Deshalb können sich
Menschen, sofern sie sich ihres Verstandes bedienen, die Welt vorstellen wie
eine gigantische Baustelle, an der es immer etwas zu tun, zu "reparieren",
zu "erlösen" gibt. Dazu hat jeder Fähigkeiten bekommen, jeder an seinem
Platz. Im Kleinen wie im Großen vermag jeder seine "Bausteine" beizubringen.
Sie heißen Liebe, Friede, Versöhnung und Miteinander, damit der Weizen des
Guten wächst, ohne vom Unkraut des Bösen überwuchert zu werden (vgl. Mt
13.24-30).
Es gilt, die engen Grenzen kirchlicher Beschaulichkeit und
Selbstrechtfertigung zu sprengen, um für das Erlösungsgeschehen Gottes in
der ganzen Welt offen zu werden. Solange christliche Kirchen und
verantwortlich Denkende die Zeichen dieses Erlösungsgeschehen sehen und
danach handeln, haben sie ihre Existenzberechtigung nicht verloren. Sie
werden sie im Gegenteil gestärkt und geläutert wieder finden.
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