Gratis Info-Brief
Sie möchten regelmäßig über neue Beiträge auf meiner Webseite informiert werden?
Dann abonnieren Sie einfach meinen
Info-Brief...
|
 |
Die Botschaft der Bibel (6):
Kleider machen Leute, aber keine Botschaft ...
Januar 2009
Beim Lesen der heiligen Schrift muß immer wieder bedacht werden, dass
die Evangelien keine systematische Darstellung des Lebens Jesu sind, weder
seines Lebens noch seiner Lehre bzw. seiner Taten. Nach dem Tod und der
Auferstehung Jesu fing die nachfolgende Generation an, sich über die
Bedeutung Jesu Rechenschaft zu geben, d.h. sich in Erinnerung zu rufen, was
Jesus gesagt und getan hatte. Vorher waren die Leute Jesus einfach
nachgefolgt. Nun mussten sie sich auf die eigenen Beine stellen. Wenn sich
die Christen in Hausgemeinschaften trafen, dachten sie gemeinsam über die
Bedeutung des Lebens Jesu nach, auch für ihr eigenes Leben. Wie Menschen nun
einmal veranlagt sind, war ihr Auffassungs- und Erinnerungsvermögen
unterschiedlich. Auch die Konsequenzen, die gezogen wurden, gestalteten sich
auf vielfältige Weise – je nach der Veranlagung und der Persönlichkeit der
Einzelnen. Es entstanden die verschiedenen "Theologien" im Neuen Testament.
Ebenso die verschiedenen Ansätze, wie christliches Leben zu gestalten ist.
Bei Mathäus und Lukas wird z.B. hervorgehoben, dass Jesus nicht in einem
Palast zur Welt kam, sondern dass sein ganzes Leben von all den Höhen und
Tiefen bestimmt war, wie sie von jedem Menschen erfahren werden. Beim Ringen
um die Anliegen Jesu gibt es bei den beiden Evangelisten Passagen einer
entschiedenen Herrschaftskritik bzw. einer scharfen Ablehnung jener, die
ambitioniert immer eine höhere und übergeordnete Rolle spielen wollen.
Solche Sätze stellen bis heute eine kritische Anfrage an diejenigen
Verkünder des Evangeliums dar, die in späteren Jahrhunderten in Paläste
einzogen, sich mit Prunk und Hoheitstiteln bekleideten. Vermögen sie noch im
Dienst des Glaubens zu stehen? Die Evangelisten melden da ihre Zweifel
an ...
1. Auf der Suche nach Idolen.
Menschen haben einen eigenartigen Herdentrieb. Sie sind dauernd auf der
Lauer nach "höher Gestellten", nach "wichtigen Persönlichkeiten". Ihnen
laufen sie nach, als wollten sie unbedingt den Saum ihrer Gewänder berühren.
Sie schaffen sich Idole: im Sport, in der Politik, in der Wissenschaft, in
der Religion… Diese wiederum reagieren darauf, indem sie sich mit Insignien
schmücken, die ihre Bedeutung nach außen hin unterstreichen. Sie schmücken
sich mit Pokalen, Ehrennadeln, Titeln und kostspieligen Gewändern. Je
"höher" und bedeutender Persönlichkeiten sind, desto mehr strömen die
Menschen zusammen. Sie wollen "dabei" sein, in ihre Nähe rücken – so, als
würden sie bei ihnen ihre eigene Identität finden.
Die heutige Massengesellschaft, nicht gerade persönlichkeitsfördernd, ist
dauernd dabei, bedeutende Persönlichkeiten zu produzieren, auch wenn sie
ohne Bedeutung sind, d. h. keine bedeutenden Leistungen aufzuweisen haben.
Wer auf irgendeine Weise von der Öffentlichkeit entdeckt und hochgejubelt
wird, tut alles, um sich ins rechte Licht zu rücken und den Erwartungen der
Massen zu entsprechen. Sie erscheinen dann wie Übermenschen, wie Wesen aus
einer anderen Welt, die in die Nähe Gottes gerückt sind, wie "Stellvertreter
Gottes auf Erden" – ein Titel, der schon in früheren Zeiten von Königen und
Kaisern in Anspruch genommen wurde.
Leute mit gehobenen Ansprüchen hat es auch in der Gesellschaft der ersten
Christen gegeben. Unter den Schriftgelehrten und Pharisäern. Während die
Mehrheit, wie es scheint, ihnen mit Ehrfurcht und Anerkennung begegneten,
waren andere empört über ihr arrogantes und hochnäsiges Auftreten. Denn sie
taten so, als wären sie die großen Meister – was für manche Christen nicht
im Sinne Jesu war; was sogar den Anliegen und der Botschaft Jesu im Wege
stand. Deshalb wird von Mathäus (23.1-39) gleich am Anfang der Rat gegeben:
Befolgt, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten… Denn
sie rühren keinen Finger zum Tragen der Lasten, die sie anderen aufbürden.
Sie wollen immer nur von Menschen gesehen und bewundert werden. Ihre
Gebetsriemen sind breit und ihre Quasten an den Gewändern lang. Bei
Festmählern wollen sie die Ehrenplätze einnehmen und in der Synagoge die
vordersten Sitze. Auf den Straßen und auf den Plätzen wollen sie von den
Leuten gegrüßt werden. Sie lassen sich gerne "Rabbi" (Meister) nennen,
obwohl sie es nicht sind. Denn es gibt nur einen Rabbi. Die Menschen
untereinander sollen wie Brüder und Schwestern sein…
2. Wichtigtuer verhindern das Reich Gottes.
Warum schreiben Mathäus und, etwas anders ausgedrückt, Lukas (Lk 20.45-47)
solche Sätze? Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren einflussreiche Leute
im Judentum. Wollten sie denen gegenüber eine "antijüdischen Affekt" zum
Ausdruck bringen? Sicher suchten sie eine Antwort auf die Frage nach dem
Lebensstil, der in der Nachfolge Jesu notwendig ist. Es ging ihnen um die
Frage nach der glaubwürdigen Übereinstimmung zwischen der Lehre Jesu und dem
Leben von Christen.
Die Äußerungen von Mathäus und Lukas haben mit deren Sorge zu tun, dass
bestimmte Lebenshaltungen und Lebenseinstellungen mit der Botschaft Jesu
nicht in Einklang stehen. Entsprechend sind auch ihre "Wehrufe" über die
Schriftgelehrten und Pharisäer (die sie wegen ihrer Bedeutung Jesus in den
Mund legen): Ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich und
geht selbst nicht hinein! Ihr seid blinde Führer! Ihr gebt den Zehnten von
Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste außer Acht: Gerechtigkeit,
Barmherzigkeit, Treue… Ihr seid wie Gräber, die außen weiß angestrichen sind
und schön aussehen, innen aber seid ihr voll Knochen, Schmutz und Verwesung…
Von außen scheint ihr den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll
Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz… Ihr seid die Söhne von
Prophetenmördern. Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die
Boten, die zu dir gesandt sind. "Wie oft wollte ich deine Kinder um mich
sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt
nicht gewollt". Darum wird euer Haus (von Gott) verlassen…(vgl. Mt
23.13-39).
3. Das Haus Gottes – von Gott verlassen?
Bei solchen "Wehrufen" könnte man die Frage stellen, ob sie nicht doch der
Vergangenheit angehören? Ob sie für das Heute der Kirchen noch von
Wichtigkeit sein könnten? Auf den ersten Blick kann man die Vermutung
äußern, dass das Wirken Gottes in der Welt und an den Menschen immer dann
eingegrenzt und gefährdet ist, wenn Menschen sich zu seinen
"Stellvertretern" machen. Es könnte passieren, dass sie sich ein "Haus
Gottes" einrichten, in dem Gott gar nicht wohnen will bzw. sich nicht
einsperren lassen will. "Häuser Gottes", von Menschen erbaut, können für
Menschen Hilfe und Stütze sein. Deren äußere Zeichen, Symbole, Liturgien,
Sakramente… vermögen "Identität" und Zusammengehörigkeit zu schaffen. Aber
es zeigt sich auch, dass deren Ausübung "äußerlich gerecht" erscheinen
lässt, wobei gleichzeitig das Eigentliche der Jesusbotschaft vernachlässigt
wird: die Praxis der Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Treue… Umgekehrt
ist es offenkundig, dass viele dieser Werte von Menschen weltweit gelebt und
praktiziert werden, die keiner Konfession angehören (wollen).
Wer als "Stellvertreter Gottes" ein Haus baut, muß auf die Wirksamkeit von
dessen "Säulen" bedacht sein: die Sakramente, die punktuell den Segen Gottes
verheißen; die "wahre Lehre", formuliert und verkündet von "Rabbis", die
eigentlich keine sein dürfen; Predigten und Katechese, die oft Antworten auf
Fragen geben, die niemand gestellt hat… Wer so mit dem "Haus Gottes"
beschäftigt ist, rechnet ernsthaft nicht mit der Tatsache, "dass Gott in
jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist" (Apg
10.35). Also nicht unbedingt diejenigen sind ihm willkommen, die in ihrem
"religiösen Haus" nach Gesetz und Vorschrift zufrieden vor sich hin leben.
Schwer ist zudem zu durchschauen, dass ein von Menschen gebautes "Haus"
unversehens einem religiösen Herrschaftssystem ähnelt, an dessen Spitze
Lenker und Leiter stehen, deren Motive nach Macht und Einfluss andere daran
hindern, mündig zu werden. Theologisches Herrschaftswissen birgt auf jeden
Fall die Gefahr, Menschen durch sittliche Grundsätze und Pflichten auf eine
allgemeine Linie einzuschwören, was den Tod der Mündigkeit und
Gewissensfreiheit des einzelnen bedeutet.
Im Blick auf die heutige Krise stellt sich die Frage, ob sich im Laufe der
Jahrhunderte Kirchen gebildet haben könnten, in denen Gott gar nicht leben
will bzw. von denen er sich in seinem Wirken nicht einengen lassen will? In
den Worten Jesu über das Reich Gottes findet sich nichts über Macht, äußeren
Reichtum, Hoheitstitel und Paläste. Nicht, als wären die damit geweckten
Ambitionen von Menschen von vorneherein zu verurteilen. Aber doch so, dass
große Gefahren für den Glauben damit verbunden sind. Aus drei Gründen
verhindern sie das Kommen des Reiches Gottes mitten in der Welt:
1. Mächtige neigen dazu, ihre Macht zu missbrauchen. Sie bedienen sich einer
"Untertanenethik", fordern zu Unterwerfung und Gehorsam auf mit den
Konsequenzen der religiösen Unmündigkeit, Verantwortungslosigkeit und
blinder Unterwürfigkeit (vgl. Mk 10.42).
2. Machtstrukturen haben es in sich, dass gerade minderwertige, niedrige und
unnütze Charaktere danach drängen, einflussreiche Positionen zu besetzen.
Sie reden dann gerne von "Gott gegebener Vollmacht und Berufung", sind aber
wenig von Nutzen, wenn es um die Würde und Freiheit anderer geht.
3. Machthaber schaffen gerne "Ideologien", die nach ihrem Maß geschneidert
sind, in denen sie gern um sich selber kreisen, um ihren Macht- und
Einflussbereich. Sie brandmarken gerne andere, die ein alternatives Denken
entwickeln und Gewissensfreiheit praktizieren als Nestbeschmutzer,
Anarchisten Aufhetzer der Bevölkerung – wie es auch Jesus geschehen ist (Lk
23.2-5).
4. Predigt, Katechese, theologische Indoktrination?
Wenn man nach dem Unterschied fragt zwischen den Aktivitäten der Kirchen und
der Predigt Jesu, so setzen die Kirchen auf Schwerpunkte, die in der Schrift
einen geringeren Stellenwert haben. Sie heißen: Sakramente, Predigt und
Katechese im Sinn einer theologischen Indoktrination.
Jesus setzt in seiner Predigt bei der "Natur" des Menschen an. Im Menschen
befindet sich eine große Sehnsucht nach Liebe, Gerechtigkeit, Toleranz,
Frieden, Gemeinschaft… Jesus knüpft an ihnen an. Er "veredelt" sie, indem er
denen, die sie üben, seinen Geist und seinen Segen verspricht. Zudem stellt
er alles Tun des Menschen, welches im Sinne Gottes ist, in den größeren
Zusammenhang der Vorhaben Gottes mit der Welt. Wer also in seiner konkreten
Lebenssituation die Liebe praktiziert; wem bei Streitigkeiten die Versöhnung
gelingt; wer in irgendeiner Weise sich selbst und anderen zum Nutzen ist…,
der kann sich der Gegenwart Gottes gewiß sein. Da kann das Reich Gottes
schon jetzt seinen Anfang nehmen (vgl. Lk 17.20-21; Mt 18.20).
Gottes Wirkfeld ist die gesamte Schöpfung. Das Reich Gottes ist Sauerteig
mitten in der Welt. Beides erweist sich als sprengende Kraft für die engen
Grenzen der Kirchen. Gott ist größer als sie. Gott kennt keine Konfessionen.
Im Blick auf das Heilswirken Gottes gewinnt ein Gedanke der früheren
Theologie eine neue Bedeutung: "Viele sind drin, die draußen sind. Viele
sind draußen, die drin sind". Für Kirchenleute, die "drin" zu sein glauben,
eine gewaltige Herausforderung.
|