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Die Botschaft der Bibel (9):
Glauben heißt: "Du" sagen können.
Mai 2009
Was ist eigentlich "Glaube"? Die einen sprechen von einer
"übernatürlichen Gottesgabe" – wobei sich die Frage stellt, warum sie den
einen gegeben wird und den anderen nicht? Vom Glauben an eine Lehre ist die
Rede, wobei jede Konfession oder Religion die besten Wahrheiten für sich
beansprucht. Andere identifizieren "Glauben" mit äußeren religiösen
Praktiken und Symbolen: mit Sonntagsgottesdienstbesuch, Sakramenten,
Tischgebeten... Sind sie automatisch Ausdruck von "Glauben"?
Das Wort "Glaube" wird in verschiedensten Facetten und Tönungen verwendet.
Jeder religiöse Mensch versteht etwas anderes darunter, je nach persönlicher
Erfahrung, Bildung oder konfessioneller Zugehörigkeit. Erstaunlich ist, wie
bestimmte theologische Standpunkte eines Menschen, z.B. Luthers, eines
Papstes oder eines bedeutenden Lehrers ein endgültiges "Für-wahr-halten"
beanspruchen, welche jeweils Gefolgschaften nach sich ziehen. Wo starke
religiöse Autoritäten die Reihen hinter sich schließen, da wachsen nicht
unbedingt der Glaube als eine persönliche Überzeugung, sondern allzu oft
Herdenbewusstsein, Mitmachermentalität, äußere Anhängerschaft... Die
Ermächtigung einer Minderheit über eine Mehrheit erweist sich heute, auch in
religiösen Dingen, als eine Sackgasse, in der sich die Kirchen befinden.
"Religiöser Glaube" erweckt oft den Eindruck des Gelernten und
Aufgepfropften. Wenig wird darüber nachgedacht, dass der Glaube zunächst
eine urtümliche Angelegenheit eines jeden Menschen ist. Er gehört zur "Natur
des Menschen". Ein kleines Kind "glaubt" bereits an seine Mutter – je
nachdem, wie es Geborgenheit, Liebe, Schutz und Wohlsein erlebt. Menschen
lernen einen Glauben am besten dadurch, dass sie Vertrauen zu Bezugspersonen
entwickeln: zu Eltern, Freunden, Bekannten, "exemplarischen Menschen". Wer
auf sehr menschliche Weise vertrauen lernt, bei denen wächst eine innere
Bereitschaft zu einem Glauben, der das Ja-Sagen zu einem jenseitigen "Du"
nicht ausschließt.
1. Der Glaube an Jesus Christus.
Im Christentum ist der "Glaube an Gott" weniger ausgeprägt als der Glaube an
Jesus Christus. Denn Gott wohnt "in unzugänglichem Licht, den kein Mensch
gesehen hat noch je zu sehen vermag: Ihm gebührt Ehre und ewige Macht" (1
Tim 6.16). – Wer solche "Unaussprechbarkeit Gottes" außer Acht lässt, kann
leicht zu einem "Gottesschwätzer" werden. Denn Gott hat einen Menschen
gesandt. An ihm sollen wir erkennen, welches die Wege und Weisungen Gottes
sind. Welches sind sie für uns Heutige?
In den ersten Jahrzehnten, unter dem Einfluß von Paulus, verkündeten die
Christen den "Jesus des Glaubens", der am Kreuz gestorben war und zur
Auferstehung gelangte. Weniger stand die Frage im Vordergrund, wie Jesus
gelebt und gewirkt hatte. Wo sie auftauchte, z.B. in den Evangelien,
gestaltete sich das Jesus-Bild nicht einheitlich, weil die
Erinnerungskapazitäten in Erzählgemeinschaften unterschiedlich sind. Zudem
wollten die ersten Gemeinden in den Schriften, die erst später verfasst
wurden, keine genaue Lebensbiographie über Jesus schreiben. Sie wollten eher
ihren Glauben an den Kyrios, an den Herrn und Meister, an den Messias und
Sohn Gottes zum Ausdruck bringen. Auf diese Weise vermengte sich ihr
Glaubenszeugnis mit menschlichen Interpretationen, tatsächlich Gewesenes mit
frommer Deutung. Aus dem "Jesus des Glaubens" ist der "geschichtliche Jesus"
nur schwer zu erkennen.
Dennoch ist besonders seit dem 17. Jahrhundert das Interesse daran
gewachsen. Spinoza, später Rudolf Bultmann und Adalbert Schweitzer haben
versucht, den geschichtlichen Jesus wieder neu zu erforschen. Aber ohne
großen Erfolg. Sie resignierten in der Überzeugung, dass keine nennenswerten
Aussagen über den "historischen Jesus" möglich seien. Dennoch hat die
moderne Forschung ein einigermaßen zuverlässiges Bild über Jesus zutage
gefördert.
Danach war Jesus Sohn einer Handwerkerfamilie. Er lernte die hebräische
Bibel lesen und besuchte regelmäßig die Synagoge. Nach ca. dreißig Jahren
unauffälligen Aufwachsens und Lernens brach er aus seiner Familie auf, wurde
Anhänger von Johannes dem Täufer und begann seine Tätigkeit als
Wanderprediger (nach Mk rund ein Jahr; nach Joh ca. zwei bis drei Jahre). Im
Gegensatz zu Johannes, der in der Wüste die Gerichtsdrohung Gottes
verkündete, betonte Jesus die liebende Hinwendung Gottes zu den Menschen. Er
pflegte offene Gespräche und Tischgemeinschaft, sogar mit "Fressern,
Säufern, Zöllnern und Sündern" (Mt 11.19; Lk 5.30), aber auch mit einigen
Pharisäern (z.B. Nikodemus: Joh 3.1-13). Alles was er sagte und tat, hatte
mit seinem Programm und seiner Botschaft zu tun: das Heilshandeln Gottes an
den Menschen und das Kommen des Reiches Gottes "schon jetzt" im Hier und
Heute der Welt. Weniger zu seinem Programm gehörten Kirche und Sakramente.
2. Glaube als Hinwendung zu "exemplarischen Menschen".
Wie schon gesagt: jedes Kind vom ersten Tag seines Lebens an existiert schon
in solcher "Hinwendung". Durch erste Bezugspersonen wie Vater und Mutter
wachsen Glaube und Vertrauen, wobei leider auch das Gegenteil oft
Wirklichkeit ist. Aber ohne Erwachsene, die ihre Rolle als "erste Priester"
im Leben von heranwachsenden Menschen wahrnehmen, bleiben seelische und
geistige Entwicklungen stumpf und leer. Mit-menschliche Erfahrungen sind und
bleiben unverzichtbar auch für den religiösen Glauben. Wie Kinder am Tun und
Handeln von Erwachsenen lernen, um selbst lebensfähig zu werden, so hat sich
auch Jesus seinen Jüngern und Zeitgenossen vorgestellt: "Ich habe euch ein
Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt" (Joh 13.15). Wo sich die Jünger
schwer taten mit dem Glauben an Christus, empfiehlt ihnen Jesus:
" Glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt" (Joh 10.38). –
Wie Menschen in ihren konkreten Alltagssorgen, die es zu bewältigen gilt,
gerne andere um Rat fragen, so gehörte auch Jesus zu denen, die menschliche
Fragen, Zweifel, Hoffnungen und Ängste verstanden und im Gespräch
"aufarbeiteten". Dadurch wurde den Menschen Glauben und Vertrauen geschenkt.
Die Jünger gingen bei ihm in die Schule und lernten, worauf es im Leben
ankommt. Bei ihm konnten sie ihren eigenen Weg, ihren persönlichen Wert und
ihre richtige Selbsteinschätzung finden. Sie konnten – bei allen
persönlichen Ängsten und Schwachheiten – lernen, in den Wirrnissen ihrer
Zeit einen aufrechten Gang zu gehen. "Woher komme ich; wohin gehe ich;
welches ist der Sinn meines Lebens?" Solche uralten Fragen der
Menschheitsgeschichte konnte eigentlich nur jemand wegweisend beantworten,
welcher, mit göttlicher Autorität ausgestattet, selbst durch das Leben
gegangen war und sagen konnte: "Habt Mut: ich habe die Welt überwunden" (Joh
16.33). – Solche "göttliche Autorität" schließt allerdings menschliche
Autoritäten nicht aus, sondern setzt sie voraus. Menschen lernen das
glaubende Du-Sagen immer erst in der Kinderstube und im Umgang mit anderen
Menschen, hoffentlich auch in den Kirchen im Umgang mit überzeugenden
Christen.
3. "Nach oben ist der Zugang uns verrannt".
Mit dieser Feststellung hat Joh. W. von Goethe kurz auf einen Nenner
gebracht, was wir heute als Glaubens-, Gottes- und dem zufolge als
Kirchenkrise bezeichnen. Die "säkularisierten Menschen" von heute haben
keinen unmittelbaren Zugang mehr zu herkömmlich verbreiteten und immer
fragwürdiger gewordenen Gottesbildern; ebenso keinen Zugang zu kirchlich
festgesetzten Wahrheiten und Dogmen, die früheren Generationen einmal
religiöse "Sicherheit" gaben oder geben sollten. Auch die dahinter stehenden
religiösen Autoritäten mit ihrem Anspruch auf Gehorsam und Gefolgschaft
haben längst aufgehört, solche zu sein.
Wenn Menschen heute durch die Medien erfahren, dass es einen "Urknall" (und
keine Schöpfung) gegeben hat; dass das Universum nur in Millionen von
Lichtjahren zu durchmessen ist; dass unsere Welt nicht mehr als ein
Staubkorn am Rande des Universums anzusehen ist; dass unsere "menschliche
Würde" nichts anderes ist als das Ergebnis einer Evolution..., dann stellt
sich die Frage nach einem Gott, der das gewaltige Geschehen im Universum
durchwaltet. Gibt es ihn? Gibt es ihn nicht? Und wenn es ihn geben sollte –
wer könnte ihn mit seinen Gedanken denken oder ihn angemessen in Worten
beschreiben? Das Reden über Gott erweist sich angesichts gewaltiger
Geschehnisse als ein rätselhaftes Geplapper, als unglaubwürdiges und
uneinsichtiges Gottesgeschwätz.
Auf solchem Hintergrund gewinnen Grundeinsichten monotheistischer Religionen
wieder eine enorme Bedeutung: der unaussprechliche Gott kann sich nur
dadurch offenbaren und bemerkbar machen, dass er Propheten in die Welt
sendet. Als "Gottgesandte" geben sie dem vernunftbegabten Wesen "Mensch"
Auskunft darüber, wie sich Leben sinnvoll und gottgemäß gestalten lässt.
Denn "an sich" ist der Sinn des universalen Geschehens kaum zu erkennen. Nur
der Mensch vermag dem Leben einen Sinn zu geben, wenn er Gedanken denkt und
Taten tut, die sein Leben innerlich tragfähig und befriedigend erfahren
lassen.
4. Den Glaubenssinn der Gläubigen stärken!
Im biblischen Denken gibt es auf Anhieb drei Faktoren, die den Glaubenssinn
der Gläubigen stärken und dem Leben einen Sinn geben:
Erstens: "In Ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17.28)
Und: "Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor seinen Werken
in der Urzeit... Als er den Himmel baute, war ich dabei... Als er die
Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm..." (Spr
8.22-31). Das heißt: der Mensch ist immer schon Teil in einem universalen
Heilsgeschehen Gottes. Menschen müssen sich eigentlich nicht zuerst zu Gott
bekehren. Bevor sie es tun oder auch nicht, ist Gott immer schon vor ihnen.
Nicht sie sagen zuerst "Ja" zu Gott und seinen Gesandten, sondern Gott hat
zuerst "Ja" zu ihnen gesagt. Es geht also darum, den Sinn für das eigene
Leben zu erschließen, der in der Verborgenheit Gottes liegt. Nicht die
trotzige Absage an Gott ist dabei hilfreich, sondern die Spurensuche Gottes
im Auf und Ab des Lebens und in den Ereignissen der Welt.
Zweitens: Die Weisung, dass jede religiöse Einstellung, wenn sie echt
ist, eine "sprengende Wirkung" haben muß. Das Innere muß sich "nach außen"
wenden: als aktive Anteilnahme am Schöpfungsgeschehen Gottes in der Welt.
Nach biblischem Befund bedarf die Welt – seit Adam und Eva, Kain und Abel –
der heilenden und erlösenden Kräfte. Diese zu mobilisieren, ist die Aufgabe
des Menschen. Wenn dieser nicht "autistisch" um sich selber kreist; wenn er
seinen Auftrag im Leben wahrnimmt, seine konstruktive und schöpferische
Rolle findet, dann entdeckt er sich selbst als sinnvolles und sinnstiftendes
Lebewesen – als "Abbild Gottes". Von der Aufgabe, einen bestimmten
gottgewollten Auftrag im Leben zu erfüllen, ist keiner befreit. Menschen,
Völker oder Konfessionen, die sich "exklusiv" als besonders "auserwählt"
verstehen, überschätzen nicht nur ihre eigene Rolle, sondern verkünden auch
ein verengtes Gottesbild, in dem sie Gott nicht mehr Gott sein lassen. Auch
wer sich "allumfassend katholisch" nennt, ist noch kein Garant für Gottes
Offenheit und Weite. Traditionsverliebt und "im Guten verhaftet", wie der
Mensch nun einmal ist, fällt es ihm schwer, seinen Blick und Horizont immer
wieder auszuweiten auf die Größe der Welt.
Drittens: Vielleicht ist genug über Gott geredet worden, zumal er
unaussprechbar und unbekannt ist. Eher sollten wir uns an denen orientieren,
die Menschen waren wie wir: an den Propheten des Alten Testamentes und an
Christus, dessen Worte und Taten "bodenständig" und situationsbezogen
waren – Maß und Maßstab für alle. Jedes Kind orientiert sich vom ersten Tag
seiner Geburt an ersten Bezugspersonen. Das ganze Leben des Menschen steht
aus Beziehungen zu anderen, die aufbauen oder zerstören. Die Aufgabe von
Christen liegt in der Orientierung an Christus – vor allem am "historischen
Jesus", der Mensch unter Menschen war und im Gegensatz zum "erhöhten Herrn"
wenig Spekulation und Wortklauberei zulässt. Wer sich die Anliegen dieses in
der Welt wirkenden Jesus zueigen macht und entsprechend handelt, kann sich
mit Recht den Namen "Christ" zulegen. Viele Menschen in der Welt sind, ohne
es zu wissen oder zu wollen, "Christen", weil sie die Werke tun, die
Christus getan hat: Gefangene befreien, Kranke besuchen, Hungernde sättigen,
Nackte bekleiden, Verlassene trösten, Ausgestoßenen Hoffnung und Zuversicht
geben...(vgl Mt 25.30ff). Für sie besteht der "Glaube" darin, dass jedes
sinnvolle und heilende Tun einem Samenkorn ähnlich ist: es hört nicht auf zu
wachsen und zu gedeihen bis zum Tag der Ernte, an dem der Herr kommt.
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