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Die Bibel: eine "geerdete Botschaft",
oder: warum "religiöse Menschen" die Kirche verlassen...
November 2003
1. "Geerdete Botschaft" mit "Sitz im Leben".
Die herkömmliche, weit verbreitete Antwort auf die Frage, warum sogar "religiöse
Menschen" die Kirchen verlassen, lautet: die Menschen, die die Kirchen verlassen,
tun es deshalb, weil sie zu wenig religiös sind, ungläubig, oberflächlich, unverbindlich...
Wenn nicht vorschnell das Argument der Kirchensteuer ins Feld geführt wird,
so werden die meisten mit den Vorwürfen des Materialismus und Hedonismus, des
Säkularismus und Atheismus behaftet. Demnach müßten sie alle diese Abwegigkeiten
aufgeben, um wieder gläubig-kirchlich sein zu können.
Religionssoziologische Untersuchungen bestätigen seit vielen Jahren diese Ansichten
nicht. Im Gegenteil. Sie behaupten, daß die Kirchen dabei sind, ihre Kompetenz
und ihr Monopol für religiöse Angelegenheiten aufs Spiel zu setzen. "Säkulare"
Menschen, so heißt es, verrieten oft eine hohe Sensibilität für metaphysische
Fragen und Anliegen - meist an den "Wendepunkten" des Lebens. In den Kirchen
aber hätten sie das "Netzwerk" verloren, das als Halt wichtig sei; sie fänden
in ihnen keine Beheimatung mehr, keinen "gemeinsamen Boden". Deshalb bewegten
sich die religiösen Bedürfnisse wie in einem "Niemandsland". Oder sie würden
einem christlichen Tourismus Auftrieb geben, der von einer religiösen Stätte
zur anderen treibt - wie ein Schmetterling, der von Blüte zu Blüte fliegt, um
mal hier, mal dort, Brauchbares und Nahrhaftes zu finden. Manche schließen sich
"freien Kirchen" an, von denen es heute weltweit Zehntausende gibt...
In Vielem ist die Entwicklung der Kirche seit 2000 Jahren rätselhaft. In der
ersten christlichen Zeit hatten die Anhänger Jesu nichts Eiligeres zu tun gehabt,
als Gemeinschaften und Gemeinden zu gründen. Nach der Katastrophe des Karfreitags
und nach der Verbreitung des ursprünglichen "Frauengerüchts" über die Auferstehung
Jesu, welches zum zentralen Bestandteil des Glaubensbekenntnisses wurde, waren
sie zunächst konfus und in alle Winde zerstreut. Dann versammelten sie sich
und erlebten an Pfingsten das, was normalerweise als die "Gründungsurkunde"
der Kirche bezeichnet wird. Die Überwindung des Schocks und der Verzweiflung
führte an Pfingsten - in der Kraft des heiligen Geistes - zu einer Gemeinsamkeit
im Glauben, die im Laufe der Jahrhunderte die Welt bestimmen und verändern sollte.
Fachleute sprechen mit Recht von einer "Dynamik des Anfangs". Was hat sie -
menschlich gesprochen - möglich gemacht? Bevor eine Antwort auf diese Frage
versucht wird, bedarf es zunächst einer "Bewertung" des Karfreitags. Dieser
Tag war für die Anhänger Jesu ein zur Verzweiflung treibender Schock. Das Problematischste
war, daß sie eine Zeitlang mit dem "Wanderprediger Jesus" zusammen gewesen waren.
Sie hatten über dessen Botschaft von der "anbrechenden Gottesherrschaft" in
dieser Welt gesprochen, die irgendwann einmal ihre Vollendung findet. Immer
wieder wird im NT betont: die Jünger verstanden Vieles nicht! Sie hatten ihre
eigenen Vorstellungen. Diese umfaßten herkömmliche jüdische Vorstellungen über
den Messias wie auch persönliche Ambitionen nach Karriere und Macht. In der
Erwartung auf deren Erfüllung im Augenblick der Errichtung des "Reiches Gottes"
verstanden sie die Aussage Jesu nicht, daß der Tod am Kreuz bevorstünde - ausgedacht
und vorbereitet von seinen Gegnern: den politisch und religiös Mächtigen. So
standen die Jünger am Karfreitag vor dem Trümmerhaufen ihrer eigenen Träume.
Sie standen vor dem Nichts, vor dem totalen "Aus" ihrer Hoffnungen.
Aber dann versammelten sie sich doch. An Pfingsten und danach entwickelten sich
sprunghaft kleine christliche Gemeinden, mit Paulus im gesamten Mittelmeerraum.
Was machte die Kraft und Dynamik dieser Gemeinden aus? Sie waren nicht "ideal",
problemlos, ohne innere Konflikte und Zerreißproben. Man könnte das Entscheidende
an ihnen darin sehen, daß sie ganz im Sinne jüdischer Tradition an deren
Erinnerungskultur festhielten. Es gab ja kein NT, keine Bibel, die die Worte
und Taten Jesu festgehalten hätte. So waren sie auf die gemeinsame Erinnerung
angewiesen an das, was Jesus gesagt und getan hatte. Aus den später entstandenen
"heiligen Schriften" wissen wir heute, daß die Erinnerungskapazität der Gemeinden
sehr unterschiedlich war. Es entstand keine Bibel wie aus einem Guß, sondern
ein "Neues Testament", welches unterschiedliche Erfahrungen, Strömungen, Auffassungsgaben
...wie in einem Kanon zusammenfaßte. Unterschiedliche "Theologien" ergänzten
und bereicherten sich gegenseitig. Eine Aufgabe wurde von allen als zentral
dargestellt: die Worte und Taten Jesu mußten durch Christen ihre Fortsetzung
finden, weil wichtig für das Heil und den Frieden in der Welt! Entsprechend
organisierten sich die christlichen Gemeinden: als Erinnerungs- und Gesprächsgemeinschaften,
als Gemeinden des gemeinsamen Ringens und Kämpfens um den rechten Weg im Namen
Gottes, als Zusammenkünfte zu gemeinsamem Essen und Trinken - zu Festmahlen
wie zur Eucharistie. Sie feierten das, was Jesus versprochen hatte: "Wo zwei
oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter Euch" (Mt
18.20).
Darin erfuhren sie das "Schon-Jetzt" des Reiches Gottes. Alle Christen konnten
sich gleichwertig dabei einbringen. Unter Getauften gab es "nicht mehr Juden
und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr seid alle
'eins' in Christus Jesus" (Gal 3.28). In heutiger Sprache ausgedrückt: je nach
den Notwendigkeiten der Weitergabe des Evangeliums wurden Lebens- und Organisationsformen,
Aufgaben und Ämter geschaffen. Sie mußten vor allem von bewährten (verheirateten)
Männern besetzt werden(Tit1.6 ff und 1Tim 3.1-7) - je nach ihren Fähigkeiten
und Charismen. Hauptsache war, daß die Worte und Taten Jesu weitergingen. Daß
auch die Frauen dabei eine herausragende Rolle spielten, steht außer Frage.
2. Die Phase der Strukturierung und Akademisierung.
Man kann nicht sagen, daß die eine Phase die andere abrupt abgelöst hätte. Sie
gingen ineinander über. Aber die Prioritäten wurden andere. Spätestens seit
der "Konstantinischen Wende" (4.Jh)hieß die Priorität "Kirche". Dieser Wechsel
war eine Notwendigkeit insofern, als die Menschen massenhaft in die Kirche strömten
oder durch Missionseifer geworben wurden. Andere Organisationsformen wurden
notwendig: Sie entwickelten sich in Anlehnung an die des römischen Staates.
Dieser war monarchisch, hierarchisch, fürstlich -adelig, zentralistisch - sowohl
im Ganzen des Imperiums als auch in den einzelnen Fürstentümern.
Die Kirche konstituierte sich ähnlich. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das staatliche
Rechts- und Ordnungsdenken in kirchlichen Gesetzen, Vorschriften und Verboten
immer ausgeprägter. Ebenso die einheitliche Lehre. Im Namen des Suchens und
Auffindens der "Wahrheit" bewirkte sie gleichzeitig die geistige Gleichschaltung
aller. Die Hüter der Wahrheit wurden Klerus und Lehramt. Wie konnte es auch
anders sein? Schließlich suchten Menschen aus verschiedensten Völkern, Rassen
und Kulturen in der Kirche eine geistige Heimat. In der Einheits-Liturgie trat
die Einheitlichkeit äußerlich-sichtbar in Erscheinung.
Während der Phase der Strukturierung und Akademisierung wurde auf der einen
Seite einer Notwendigkeit abgeholfen; denn zu jeder sich konstituierenden Gemeinschaft
gehören Statuten, Verbindlichkeiten, Gesetze, an die sich alle halten müssen.
Sie sind sozusagen die Rahmenbedingungen des gemeinsamen Lebens. Dabei wächst
aber auch eine tödliche Gefahr für die Lebendigkeit des Ganzen: die Menschen
fangen an, den Sinn der Gesetze und der Lehre auf den Kopf zu stellen. Sie begnügen
sich mit dem "sicheren Halt" der Gesetze und "wahren Lehre". Sie fangen an,
für Gesetz und Ordnung da zu sein, nicht (mehr) umgekehrt (Mk 2.27f). Sie richten
sich nach dem Vorgegebenen und werden untertänig-gehorsam den Gesetzeshütern
gegenüber. Aus der allgemeinen Gott-Suche ist "Gottes-Besitz" geworden.
Auch junge Leute, die zum "wahren Glauben" kommen, werden durch "Initiation"
und "Sozialisation" in der gleichen Richtung erzogen. Wo man bei ihnen noch
"Visionen" und "schöpferische Lebendigkeit" erwarten könnte, tritt statt dessen
eine frühzeitige geistige Vergreisung ein. Der Geist ist es nicht mehr, der
lebendig macht, denn der Buchstabe tötet(2Kor 3.6). Er tötet auch die Propheten
und Visionäre...(Mt 5.12;Mt 23.29ff;Apg 7.52). Wenn diese dann zu einem späteren
Zeitpunkt rehabilitiert bzw. "heilig" gesprochen werden, dann riecht das bei
vielen nach frommer Vereinnahmung und "Inbesitznahme" von Menschen und Einstellungen,
welche zu ihren Lebzeiten kaum dazu gehörten...
Es gibt Hunderte von Beispielen aus der Zeit nach dem Konzil und den Synoden,
die belegen: wo Christen Initiativen, schöpferische Neuanfänge und verantwortbare
Aufgaben versuchten, da wurden die Gespräche stets abrupt abgebrochen mit den
Hinweisen: "Roma locuta causa finita", oder: "so ist es im Kirchenrecht nicht
vorgesehen"
- so, als wäre das Kirchenrecht die eigentliche Bibel der Kirche geworden.
Daß auf Grund solcher Tatsachen gerade die geistige Elite die Kirche verläßt,
ist ein hausgemachte Katastrophe. Sie kann nicht wettgemacht werden durch religiöse
Masseninszenierungen und Papstauftritte. Wenn die Entwicklung nicht gestoppt
wird, schrumpft die Kirche auf Zukunft hin nicht nur zu einer "kleinen Herde",
sondern es geistert auch das Klima geistiger Vergreisung und Überalterung. "Kardinalsernennungen",
von denen die Mehrzahl noch "unter 80" ist, führen am Fernsehen aller Welt nicht
nur eine purpurne Pracht vor Augen, sondern auch einen Seniorenverein, geführt
und gelenkt von Greisen und Alten. Dabei ist noch nicht einmal das Alter an
Jahren das Hauptproblem, sondern das Alter im Geist aufgrund fehlender gewachsener
Lebendigkeit und erprobter Mündigkeit.
3. Auf dem Weg in die Zukunft - wohin?
Wenn die Kirche mit ihrer "guten Botschaft" noch einmal Resonanz bei Menschen
"guten Willens und Seiner Huld" finden will, muß sie in einfacher, verständlicher
Sprache sagen lernen, was sie eigentlich will, worauf es ihr entscheidend ankommt?
Der viel beschworene "Problemstau" läßt sich zudem nur lösen, wenn das veränderte
Selbstverständnis heutiger Menschen zur Kenntnis genommen wird. Es ist nicht
mehr dasselbe wie vor 50 oder 100 Jahren. Hier einige Gedankenanstöße zu dieser
Frage. Entscheidend ist, daß den Anliegen des Evangeliums und ebenso denen fragender/
suchender Menschen Genüge getan wird. Es geht:
- um die Fortsetzung der menschen- und situationsgerechten Worte und
Taten Jesu im heutigen Kontext. Worte und Taten Jesu drehten sich alle um die
Einübung und Praxis der Liebe, Geduld, Gerechtigkeit, Freiheit, Toleranz, Barmherzigkeit...
in konkreten Lebenslagen. Nur wer heute dazu fähig und willens ist, hat das
Recht auf das Leben in einer Gemeinde und auf Teilnahme an den Sakramenten.
Die Konzentrierung auf eine solche "Theologie" und Seelsorge kann nur gelingen,
wenn gleichzeitig der Mut zur "Entdogmatisierung" (="Enthellenisierung") des
Glaubensverständnisses aufgebracht wird. Der Glaube der Bibel ist kein dogmatischer
Glaube, sondern ein personaler Beziehungsglaube - der, von "einfachen Christen"
reflektiert, sich ganz anders artikuliert als der Glaube von Philosophen und
Dogmatikern.
- um die Frage nach den Fähigkeiten, Begabungen und Charismen von Christinnen
und Christen. Theologisch immer wieder als "Gottesgaben" bewertet, gilt es,
durch handfeste Maßnahmen damit Ernst zu machen. Wer sich "bewährt" in Glaube
und Leben, hat Anspruch und Recht auf Dienste, Ämter und Berufungen auch in
der Kirche (vgl. Tit 1.6ff und 1 Tim 3.1-7).
- um das Ausfindigmachen solcher bewährter und erprobter Menschen in Gruppen
und Gemeinden, also um das Wachsen "von unten", wenn auch Begleitung und Bestätigung
"von oben" nicht fehlen dürfen. Im Zuge des Zur-Geltung-Kommens wirklicher Begabungen
bedarf es zugleich des Abbaus herkömmlicher Platzhalter, die oft den Eindruck
hinterlassen, einer gesellschaftlich und theologisch abgehobenen Schicht anzugehören,
die von einflußreichen Ämtern und Posten nicht loslassen will oder kann. Die
gravierende Frage stellt sich: kann es "von oben" wirkliche Gottesberufungen
geben ohne Legitimation "von unten"? Und umgekehrt...
- um eine neue Lebendigkeit, die aus der Lebens- und Glaubenserfahrung von
Menschen "mitten im Leben" ausgeht, ohne vorschnell von Gesetz und Gesetzeshütern
behindert zu werden.
- um das Ermöglichen einer "Theologie des Volkes" auch innerhalb der Kirche,
die nicht ohne Grund außerhalb der Kirche heute ihre tausendfache Berechtigung
sucht und "sektiererisch" praktiziert. Der bisherigen Theologie ist es aufgegeben,
die "Begleitmusik" zu heutigen Lebens- und Lernprozessen zu sein. Sie leistet
ihren Beitrag aus der Kenntnis der Erfahrungswerte früherer Jahrhunderte.
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