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Kann "Kirche" zugleich dogmatisch und demokratisch sein?
November 2003
1. Was heißt: "Dogmatisierung des Glaubens"?
Beim näheren Zusehen ist die Bibel nicht vom dogmatischen Denken bestimmt.
Jesus hat zu seinen Jüngern und ersten Begleitern/Innen keine
Rechtsgelehrten und (damalige) Theologen erwählt. Er kündete seine Botschaft
an einfache Handwerker und Fischer, an Frauen und Männer aus dem "einfachen
Volk". Den damals politisch und religiös Mächtigen erteilte er auf weiten
Strecken und aus unterschiedlichsten Gründen eine klare Absage.
Tragischerweise denken heutige Kirchenführer viel zu wenig über die simple
Tatsache nach, daß Jesus sein Dankgebet "Ich preise dich, Vater, Herr des
Himmels und der Erde" mit dem Satz begründete, "weil du all das den Weisen
und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast" (Mt 11.25). Paulus
greift einen ähnlichen Gedanken aus dem AT auf: "Ich lasse die Weisheit der
Weisen vergehen und die Klugheit der Klugen verschwinden. Wo ist ein Weiser?
Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer in dieser Welt? Hat Gott nicht
die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt?" (1 Kor 1.19f).
Diese und andere Texte lassen die Vermutung zu, daß die Worte und Taten Jesu
sehr viel mit dem lebendigen Leben von Menschen zu tun haben (wollen). Sie
riskieren, hohle Worte und vielversprechende, aber recht unwirksame Appelle
zu werden in dem Augenblick, in dem die Klugheit der Klugen sie in
lebensferne Welten entrückt.
Der Verdacht, daß dies allzu sehr geschehen ist, drängt sich spätestens in
dem Augenblick der christlichen Geschichte auf, in dem der Fragehorizont der
griechischen Philosophie ins biblische Denken eingedrungen ist, um es
schließlich zu verdrängen. So kam es, daß die eigentlich großen "Theologen"
der Kirche u.a. zwei griechische Denker geworden sind: Platon und
Aristoteles. Ohne sie ist die christliche Theologie bis heute nicht denkbar.
Weil unsere Gesellschaften heute immer mehr Abschied nehmen von solchem
Denken und sich - zu Recht oder zu Unrecht - den
naturwissenschaftlich-technischen oder humanwissenschaftlichen
Fragestellungen zuwenden, ist der Bruch zum herkömmlichen Christentum
offenkundig vollzogen - ganz abgesehen davon, daß die Kirche mit ihrer
dogmatischen Lehre in den Kontinenten Afrika, Asien, Lateinamerika
weitgehend nur deshalb "ankommt", als deren Völker einen Weg und eine
Möglichkeit in ihm sehen, Anschluß an den europäischen Wohlstand zu finden.
In unseren Breiten ist die Dogmatisierung des Glaubens dadurch vollzogen
worden, daß die Botschaft Jesu aus dem Leben der Leute herausgeholt und den
großen Denkern anvertraut wurde. Diese dachten in allen möglichen Varianten
über den "Glauben" nach. Dahinter steckte zunächst ein konkretes Anliegen:
im griechischen Umfeld wollte und sollte das Christentum nicht als
"primitiv" erscheinen, als eine Religion der ungebildeten Leute. Man suchte
die Auseinandersetzung mit der gebildeten Schicht. Der Prozeß fand seine
Aufgipfelung in der Gründung der christlich-orientierten Universitäten und
Fakultäten. Die Konsequenzen daraus veränderten das Christentum grundlegend:
das Christentum ging eine Symbiose ein mit allem, was unter dem Begriff
"Kultur" subsumiert wird: mit Musik, bildender Kunst, Philosophie,
Wissenschaft...
Theologie und Klerus-Kirche entwickelten ein hohes Niveau des Denkens. Das
Christentum wurde so etwas wie eine Spezialisten-, Theologen- und
Klerusreligion. Derart angepaßt, wurde es von großen Teilen des damaligen
gesellschaftlichen Adels willkommen geheißen, zumal sich die Kirche nach dem
Vorbild der Staaten organisierte: monarchisch, hierarchisch, fürstlich-
klerikal, zentralistisch ... bis in die einzelnen Pfarreien hinein. Mit
Theodor Adorno könnte man sagen: die Kirchentheologie brachte, im Maße
sie zum Instrument der Selbstfindung und Selbstbehauptung kirchlicher
Interessen wurde, eine verhängnisvolle "Verkürzung des Denkens" mit sich.
Entsprechend wurde der dogmatische Glaube dem Volk vorgelegt: als eine
festgelegte Lehre in Dogmen, Sätzen und Begriffen; als ein Für-wahr-halten
dessen, was Lehramt und Klerus-Kirche verbindlich zu glauben auftrugen. Ein
solches Glaubensverständnis wird heute auf weiten Strecken nicht mehr
nachvollzogen. Zum einen wird es als "Nähe zu einer Staatsdoktrin"
verstanden, als Maßnahme zur geistigen Gleichschaltung des Volkes unter dem
Vorwand der "Einheit der Kirche"; zum anderen entdecken gerade auch
Bibelleser eine eklatante Diskrepanz zum Ursprünglichen. Denn die Bibel ist
alles andere als dogmatisch und kirchenrechtlich bestimmt.
Was früher einmal eine gewaltige Stärke für Kirche und Christentum war,
erweist sich heute als eine tödliche Schwäche. Biblisches Denken ist
abhanden gekommen. Ebenso fehlt das aktive Vorhandensein des Volkes. Wo es
zum Kirchenerhalt mobilisiert wird, schwindet immer mehr die Kraft. Jetzt
rächt sich eine lange Entwicklung: dem Christentum der Spezialisten ist der
"consensus fidelium", die "vox populi" verloren gegangen. Das früher
ungebildete und heute informierte Volk versteht die Sprache und Probleme der
Theologen nicht; und die Theologen theologisieren weit weg von den Anliegen
des Volkes. Kirchlich entwickelt sich eine Hierarchie ohne Volk. Keine
theologischen Modeströmungen oder Biblizismen vermögen diesen Trend zu
stoppen bzw. umzukehren.
Zugegeben: die Leute haben die Theologie der Theologen noch nie verstanden
(wenn auch Manches auswendig gelernt wurde). Aber sie wurde in Gehorsam und
Ehrfurcht befolgt. Solche "Tugenden", die keine waren, fehlen heute. Die
eklatant-wachsende Kluft zwischen "Amtskirche" und Volksempfinden zeigt sich
bis heute in der Tatsache, daß jene sich weitgehend mit kircheninternen
Problemen beschäftigt, sehr wenig aber mit dem, was für Menschen
lebens-wichtig ist. Religionssoziologische Studien von Shell, Allensbach,
Jörns usw. werden kirchenamtlich höchstens nebenbei zur Kenntnis genommen.
Ernst in die Überlegungen hineingenommen, werden sie nicht.
2. Die Kirche: "Haupthindernis des Glaubens".
Diese Aussage stammt von Josef Ratzinger, dem heutigen Präfekt der römischen
Glaubenskongregation. 1968 hat er geschrieben: "Für viele ist die Kirche
heute zu einem Haupthindernis des Glaubens geworden. Sie vermögen nur noch
das menschliche Machtstreben, das kleinliche Theater derer in ihr zu sehen,
die mit ihrer Behauptung, das amtliche Christentum zu vertreten, dem wahren
Geist des Christentums am meisten im Wege zu stehen scheinen".
Was 1968 bereits galt, ist bis heute in ein akutes Stadium getreten. Im
Blick auf die vielen theologischen "Sprachspiele" der nicht zu eindeutigen
Ergebnissen kommenden "ökumenischen Gespräche" fragt eine kommentierende
Stimme (2003): "ob das glaubende Volk einer modernen Welterfahrung derart
spitzfindig wirkende theologische Sprachspiele überhaupt noch nachvollziehen
kann, ja ob eine Theologie des 21.Jahrhunderts nicht längst völlig neue
Vorstellungsmodelle und Bildwelten entwickeln muß, um das für heute
angemessen zu formulieren, was eine theologisch-philosophische Mystik des
4., 5. und 6. Jahrhunderts gemäß den ihr zur Verfügung stehenden, von uns
sehr verschiedenen Denk- und Erkenntnishorizonten auszudrücken versuchte"?
Zugegeben: im katechetischen und pastoralen Bereich sind seit 1945 enorme
Bemühungen unternommen worden, um die "Inhalte des Glaubens" sprachlich und
methodisch neu zu erschließen. Als "verdächtig" angesehen werden solche
Versuche immer, wenn der Eindruck unakzeptierter Beeinflussung, Gängelung
und "Inbesitznahme" entsteht - also einer "Proselytenmacherei", die darauf
aus ist, Mitglieder zu werben oder bei der Stange zu halten. Dennoch scheint
das Haupthindernis darin zu bestehen, daß deduktiv einer
Universitäts-, Kirchen- und Lehramtstheologie Vorschub geleistet wird.
Der umgekehrte Weg, bei Menschen, ihren Sorgen, Ängsten und Hoffnungen
anzufangen, also zuerst den "Sitz im Leben" zu erforschen und ihn
theologisch-christologisch zu deuten und zu orientieren, käme einem
"Paradigmenwechsel" gleich. Er nähme das Leben von Menschen radikal ernst
und würde das Tor eröffnen zu einer Theologie des Volkes. Wenn nicht
alles täuscht, geht es den Menschen von heute nicht um eine dogmatische
Lehre, sondern um die Suche nach einem gelingenden, menschengerechten wie
auch gottgemäßen "wahren Leben". Dazu bedarf es glaubwürdiger Vorbilder und
Modelle, die deutlich machen, wie das biblisch Gelehrte und Gepredigte in
den unterschiedlichsten Situationen des Lebens "machbar" und "lebbar" werden
kann?
Die Predigt Jesu und die dynamischen Zeiten christlicher Geschichte lebten
und leben immer wieder aus dem, was Menschen konkret verstehen und
persönlich mitvollziehen können. Daraus wächst auch Verantwortung. Was in
der Predigt Jesu wichtig und unverzichtbar war, wurde von den Menschen als
unverzichtbar verstanden für menschliches Zusammenleben und zum Heil der
Welt. Letztlich drehte sich alles um die Einübung in ein neues Denken und in
Lebenshaltungen, d.h. um die Praxis der Liebe, Gerechtigkeit,
Barmherzigkeit, Toleranz, Gemeinschaft usw.
Solche Leute-Theologie konnten sogar Ungebildete und Analphabeten
entscheidend mitgestalten. Es ging und geht dabei ja nicht um akademische
Gedankenakrobatik und abstrakte Definitionen, sondern um das Bewährtsein
durch Lebenserfahrungen. Dabei wuchs auch der sensus fidelium zu
einer gestaltenden Kraft. Im Tun der Wahrheit und im Austausch
darüber kamen Lebensprozesse in Gang, die sich als überzeugender und
tragfähiger erwiesen als alle Lehr-Systeme zusammen. Was heute Not tut, ist
nicht die Fortsetzung einer "sterilen Dogmenfrömmigkeit" (Goethe), sondern
die Wiederbelebung der "naiven Frömmigkeit" einer Glaubensgemeinschaft unter
Gleichberechtigten und Gleichgesinnten. Leute-Theologie schließt
menschliches Suchen, Fragen, Zweifeln, Hinterfragen nicht aus, sondern lebt
von ihnen. Was durch Christen und Menschen überhaupt geschieht, steht nie
für sich allein. Es geschieht in einem größeren heilsgeschichtlichen
Zusammenhang, so wie der in die Erde gesenkte Same, der dem Tag der Ernte
entgegenwächst. Das Glaubensbekenntnis Ernesto Cardenals weist in die
richtige Richtung:
Wir glauben an Gott. Er gab denen, die unter dem Gesetz litten, die Liebe.
Er gab denen, die fremd waren im Land, ein Zuhause. Er gab denen, die unter
die Räuber fielen, seine Hilfe. -
Wir glauben an Jesus Christus, Sohn Gottes, unseren Bruder und Erlöser. Er
gab denen, die Hunger hatten, zu essen. Er gab denen, die im Dunkel lebten,
das Licht. Er gab denen, die im Gefängnis saßen, die Freiheit.
Wir glauben an den Heiligen Geist. Er gibt denen, die verzweifelt sind,
neuen Mut. Er gibt denen, die in der Lüge leben, die Wahrheit. Er gibt
denen, die die Schrecken des Todes erfahren, die Hoffnung zum Leben.
3. Der "universalen Erlösungserwartung" eine Stimme geben.
Vom jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig stammt das Wort:
"Gott hat nicht die Religion, sondern die Welt erschaffen". Dem könnte man
aus christlicher Sicht hinzufügen: Gott geht es primär nicht um die Kirche,
sondern um das Heil der Welt. Wenn schon "Kirche", dann nur als Mittel zum
Zweck, als Instrument, damit die Welt heiler, gesunder, erlöster... werden
kann. Nach nichts verlangt die heutige Weltsituatíon mehr als nach dieser
zentralen Aufgabe. Sie läßt sich allerdings nicht durch Appelle lösen,
sondern nur durch Motivationsschübe, die wie ein "Ruck" durch die Völker
gehen.
Wenn Menschen heute wieder als "religiös" (wenn auch konfessionslos)
angesehen werden; wenn Religion wieder "in" ist, dann bestätigt sich das,
was Paulus bereits schreibt: "Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig
auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes... Auch die Schöpfung soll von der
Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der
Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen
Tag seufzt und in Geburtswehen liegt..."(Röm 8.18-30). -
Was hier mit dem "Offenbarwerden" für die ganze Schöpfung durch die Söhne
und Kinder Gottes gemeint ist, kann nichts anderes bedeuten als eine
Beauftragung an Christen, die die "Erstlingsgabe" empfangen haben. Solche
"Beauftragung" hat wenig mit kirchlicher Selbstbestätigung zu tun; auch
nicht mit abstrakten und kontroversen Theorien über "absolute Wahrheiten",
sondern mit konkreter Lebensführung und zeugnishafter Weltbewältigung,
welche die christologische Orientierung allen Weltgeschehens deutlich
machen (vgl. Kol. 1.12-20). Im biblischen Denken gelingt das nur durch das
Tun der Wahrheit, d.h. durch das Lernen und Praktizieren dessen, was
da mit Liebe, Güte, Geschwisterlichkeit, Toleranz, Gemeinschaft... gemeint
ist. Von daher ist auch Glaube zu verstehen.
"Glaube" ist weniger das Für-wahr-halten von theologischen Sätzen als viel
mehr die verbindliche Übernahme dessen, was Jesus gesagt und getan hat.
Glaube ist nur glaubwürdig, wenn bei Glaubenden wie Glaubenshütern die
innere Übereinstimmung zu sehen ist zwischen dem, was das Evangelium an
Lebens-Werten verkündet und der konkreten Lebensführung. Glaube an Gott ist
immer zugleich auch Glaube an den Menschen und an seine Beauftragung.
Insofern spielen bei Glaubenden humane Lebens-Werte eine
entscheidende Rolle. Auch Jesus hat sie verkündet und beispielhaft gelebt.
Bei Jesus war es aber kein bloßer "Humanismus" oder "Horizontalismus",
sondern er stellte sie in den größeren heils-geschichtlichen Zusammenhang
der Vorhaben Gottes mit der Welt. Sie waren nicht "konfessionell" oder
"religiös" bestimmt, nicht kirchenamtlich oder kirchenrechtlich festgelegt,
nicht nach Mann oder Frau klassifiziert. Wo es um das neue, von Gott
gewollte Erlösungsgeschehen ging und geht; um die "Sache Gottes" mit der
Menschheit, da waren und sind alle aufgerufen, die eine Spur jener
Erlösungssehnsucht in sich tragen, die Paulus beschreibt.
4. "Demokratisch"? - Eine hohle Wortklauberei.
In der Perspektive des universalen Heils- und Erlösungsgeschehens wird die
Frage, ob "Kirche" demokratisch oder eher dogmatisch sein muß, zu einer
hohlen Wortklauberei. Wo es um "Lebensprozesse" geht, die auf das Wohl und
Heil der Welt ausgerichtet sind, muß "Kirche" auf jeden Fall Strukturformen
schaffen und erhalten, die die wirklichen "Gottesberufungen" zum Zuge kommen
lassen. Das sind gewöhnlich keine Kirchenbeamten oder Glaubens-Funktionäre,
sondern "Bewährte" in Glaube und christlicher Lebensführung. Wo diese zum
Zuge kommen, da können die langsam entstehenden Lebensprozesse
"demokratisch" genannt werden oder gemeinschaftlich, geerdet-pneumatisch
oder paritätisch, charismatisch oder lebensbewährt - unverzichtbar ist und
bleibt, daß sie schöpferische Kräfte entfalten; daß sie sowohl den
Fähigkeiten von Menschen als auch den Anforderungen des Evangeliums gerecht
bleiben.
Mitten in der Kirchenkrise muß es vorrangig um die Überwindung steriler
Dogmengläubigkeit und "wertloser Wahrheiten" gehen. Ein erneuertes
Christentum mit jugendlichem Gesicht ist gefragt: kreativ, einfallsreich,
unkonventionell, neugierig, unruhig, hoffend unterwegs - eins "mit offenen
Augen und Ohren", denen nichts entgeht, was der Menschheit zum Frieden
dient.
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