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Gedanken über ZeitenWende - WendeZeiten (IV): Unreligiös durch religiöse
Erziehung?
Dezember 2004
Durch Jugend- und Bildungsarbeit, durch staatlich garantierten
Religionsunterricht in den Schulen tun Kirchen alles Erdenkliche, um junge
Menschen religiös zu erziehen. In früheren Zeiten schien dies relativ
problemlos zu gelingen - bei gleichzeitiger Sozialisation in vorhandene
religiöse Milieus. Heute, wo solche Milieus fehlen, sprechen Indizien dafür,
dass das Gegenteil erreicht wird.
In der gegenwärtigen Zeit spielen Worte wie "Ich", "Ich-Werdung",
"Selbst-Verwirklichung", "Persönlichkeit"... eine große Rolle. Es sind
nicht nur Worte, sondern auch "Taten". Sie spiegeln eine Lebenseinstellung
wider, sind auf einen persönlich verantworteten Lebensentwurf angelegt.
In manchen Zweigen der Humanwissenschaft ist es üblich geworden, von
verschiedenen Ich-Trieben bzw. Ich-Kräften zu sprechen, die das
gesamte Leben des Menschen bestimmen. So entwickelt sich beim Kleinkind
schon eine bestimmtes und bestimmendes "Ich". Es ist gekennzeichnet vom
Grundgefühl absoluter Abhängigkeit. Ein Kind empfindet sich als "unfertiges
Wesen" und ist es auch. Es erlebt sich als schwach, weil den Erwachsenen
gegenüber hilflos ausgesetzt. Wird dieser Eindruck von den ersten
Bezugspersonen Mutter/Vater durch deren eigene menschliche und pädagogische
Unfertigkeit verstärkt, verfestigt sich beim Kind das Gefühl, ich-schwach,
minderwertig und "nichts wert" zu sein.
Solche kindliche Empfindungen könnten nur durch die Erfüllung der Sehnsucht
nach Liebe, Zuwendung, Geborgenheit und Vertrauen überwunden werden. Sind die
Eltern dazu nicht fähig oder gewillt, speichern sich verstärkt im Kind - nach
Art eines Computers - Ängste und Gefühle der Minderwertigkeit,
Antriebsschwäche, Ich-Verlassenheit und Einsamkeit. Lebt dagegen ein Kind in
einer "normal geregelten und menschlich gesunden Umwelt", wird das
Ich-Bewußtsein gestärkt. Ebenso die ihm angeborene Fähigkeit, unverkrampft
die Dinge so zu sehen und zu erleben, wie sie sind. Ein Kleinkind quietscht
vor Vergnügen, strampelt mit Händchen und Beinen, wenn es die Umwelt positiv
und unmittelbar als Ich-Bestätigung begreift und in sich aufnimmt. Es vermag
auf die Liebe der Mutter, die Zuwendung des Vaters, das Singen des Vogels und
auf das Surren der Katze... unvoreingenommen und unverfälscht zu reagieren.
Von dieser Art "Kindsein" sagt Jesus: "Wenn ihr nicht werdet wie die
Kinder..."(Mt 18.3). Solche Kinder vermögen sich frei, ungezwungen, fröhlich
und bedenkenlos in die Arme eines Erwachsenen zu werfen. In Sinne des
Evangeliums vermögen sie freimütig und vertrauensvoll "Ja" zu sagen zum Du
des anderen, letztlich zum Du in der Bundesgemeinschaft mit Gott.
Mit den ersten Ich-Erfahrungen des Kindes sind also
Eltern-Erfahrungen aufs engste verbunden. Eltern zeigen ihre Autorität
gewöhnlich dadurch, dass sie dem Kind sagen, was es zu denken, zu tun und zu
unterlassen hat. Mit der wachsenden Sozialisation in Familie und Gesellschaft
werden Maßstäbe positiver oder negativer Art gesetzt. Verhaltensweisen werden
eingeübt. Das "Du musst" und "Du darfst nicht" wird mehr oder weniger durch
sozialen Druck auf junge Menschen erreicht. Verhindern diese die
Ich-Entfaltung, können für das ganze Leben Ängste und Gewissensbisse
entstehen - immer dann, wenn der Mensch es wagt, das Leben anders zu sehen
und auf konkrete Anforderungen anders zu reagieren als es von Kindheit an
gelernt und im Unterbewusstsein als ein "Du musst" gespeichert wurde.
Die emotional-geistige Prägung zeigt sich im späteren Leben z.B.
dadurch, dass Gewalterfahrung in der Kindheit später zur Gewalttätigkeit
führt. Eltern, die selbst früher Gewalt erfahren haben, übertragen diese
Eigenart auf die eigenen Kinder. Von Generation zu Generation kommt beim Kind
immer wieder die "gespeicherte Reaktion" zum Ausbruch: "Wenn ich einmal groß
bin...". Was man sich als Kind noch nicht "leisten" kann, wird in späteren
Jahren nachgeholt: Endlich selbst groß geworden, schlägt es zurück - wie bei
den Eltern beobachtet. Wie bei den Eltern werden Ärger und Verdruß im Alkohol
ertränkt. Wie bei den Eltern kein ausgeprägter Sinn für Ehrlichkeit und
Wahrhaftigkeit vorhanden war, wird auch das Kind geneigt sein, nach Außen mit
Tricks und Scheinheiligkeit zu beeindrucken...
Daß solche Urerfahrungen in der religiösen Erziehung nicht durch die
Vielzahl frommer Gebete oder durch das Auswendiglernen biblischer Texte
aufgearbeitet werden können, liegt auf der Hand. Im Gegenteil: religiöse
Wahrheiten und hochgepriesene Ideale können die Diskrepanz zur
Wirklichkeit besonders deutlich hervortreten lassen. Hinzu kommt die
Erfahrung: ich mußte mein Denken und Verhalten stets nach den Vorgaben
anderer ausrichten. Ich konnte dabei nicht frei sein. Nun gilt das auch für
den Bereich der Religion! Kirchliche Dogmen, Moralvorschriften, liturgisch
festgelegte Abläufe... schreiben dem Menschen vor, was und wie er über Gott
zu denken hat; was er zu tun und zu unterlassen hat, um "religiös" und
"gläubig" zu sein. Unter solcher "Autorität" wird das Bewusstsein der
Abhängigkeit und Unfreiheit auch im Religiösen verstärkt. Es werden zudem
Ängste und Zweifel an der eigenen Urteilsfähigkeit geschürt - Ursachen dafür,
dass Menschen im "normalen Leben" sehr selbständig zu sein vermögen, im
religiösen aber einer unverständlichen Autoritätshörigkeit verhaftet bleiben.
Martin Buber unterscheidet übrigens zwischen dem Du-Glauben und
dem Daß-Glauben. Jener bezieht sich auf ein persönliches Gegenüber. Es
handelt sich um einen Beziehungs-, Vertrauens- und Gehorsamsglauben, der sich
im Raum existentieller Verantwortung und Freiheit entfaltet. Er wird
"sichtbar" und "erkennbar" an Lebenshaltungen und Lebensformen - an einer
Lebensführung, die sich an religiösen Menschen und ethischen Werten
orientiert. Diesem Ich glaube Dir steht der Daß-Glaube
gegenüber. Bei ihm handelt es sich um einen Aussage-Glauben, der auf
theologische Sätze konzentriert ist und das Gedachte "für wahr hält". Er ist
undenkbar ohne eine zu lernende "systematische Lehre" und Theologie. Damit
verbündet sich ein nicht hinterfragbares Vertrauen auf einen
universitär-akademischen Betrieb, der immer differenzierter - für die meisten
unverständlich! - Glaube und Lehre kündet.
Nach Martin Buber sind beide Glaubensformen miteinander unvereinbar.
Der jüdische Schriftsteller Benyoetz scheint derselben Meinung zu
sein, wenn er schreibt: " Der Glaube hat keinen Gegenstand, ist keine
Überzeugung, sondern einzig: Liebe zu Gott".
Im Du-Glauben vermag der Mensch erwachsen und mündig zu werden. Diese
Art des Glaubens lebt im Horizont eigener Entscheidungen und Optionen; er
ermöglicht ein persönlich entwickeltes Gewissen in Freiheit und
Verantwortung; er vermag sich im Du des menschlichen wie göttlichen Gegenüber
schrankenlos angenommen und geliebt zu wissen - trotz Fehler und Schwächen.
Im Du-Glauben findet der Mensch seinen ihm zugedachten angestammten
Platz im Schöpfungs- und Erlösungsgeschehen Gottes, wie sie von Jesus
eingeleitet und verkündet wurden. Der Mensch lernt sich "religiös" zu
begreifen als eine unverwechselbare Person, als ein von Gott angenommenes und
in Dienst genommenes schöpferisches Wesen, als Mitarbeiter Gottes am Heil der
Welt.
Wenn Martin Buber und andere einen unversöhnlichen Gegensatz
zwischen dem Du- und dem Daß-Glauben sehen, dürfen die Nuancen
nicht übersehen werden, die diesen Gegensatz bestimmen. Der Daß-Glaube
beschäftigt sich primär mit systematischer Lehre und Theologie. Er sucht
Menschen in die Pflicht zu nehmen, macht sie gleichzeitig hörig und abhängig.
Der Du-Glaube bringt den Menschen in Beziehung zu einem Anderen, zu
dessen ethischen und moralischen Werten, die es verbindlich und sinnvoll zu
leben gilt. Die Bibel ist voll von solchen zu lebenden Werten wie Liebe,
Gerechtigkeit, Toleranz, Gemeinschaft... Jeder noch so ungebildete Mensch
kann sie als sinnvoll und lebenswert erfahren. Denn sie bewähren sich im
Leben. Sie machen auch deutlich, dass deren Vernachlässigung das Leben und
Zusammenleben empfindlich stört, wenn nicht zerstört.. "Nur gedacht,
definiert und diskutiert" werden sie schnell zu einer klingenden Schale, zu
einem tönenden Erz und hohlen Gefäß (1 Kor 13). Aber ins Leben übersetzt und
praktiziert, erweisen sie sich als heilsam und erlösend für den Betroffenen
selbst, ebenso für andere und für die Welt. Sie werden zum "Licht der Welt",
zum "Sauerteig" - dazu angetan, das Weltgeschehen positiv zu beeinflussen.
Es ist höchste Zeit, dass Menschen im Du-Glauben wieder religiös
werden durch religiöse Erziehung - eine Aufgabe, die dem Daß-Glauben
entscheidend weniger gelingt, zumal dieser im Verdacht steht, mehr einem
System als dem Menschen zu dienen. Der Verkündigung Jesu geht es darum,
evangeliumsgemäße Werte leben und tun zu lernen - in verbindlicher
Selbstverpflichtung aller, die sich Christen nennen und solche sein wollen.
Es ist nicht von ungefähr, dass in der ersten großen Zeit des Christentums
dessen Botschaft von den einfachen Leuten, von Fischern und Handwerkern, von
Männern und Frauen aus dem "niederen Volk" am besten verstanden und tragfähig
gemacht wurde. Das Christentum ist vom Ansatz her keine Kleriker- und
Theologenkultur, sondern eine Lebenskultur. Es hat mit theologischer
Gedankenakrobatik nur wenig gemein. Viel eher mit Nachfolge-Gemeinschaften,
die mitten im Leben stehen und aus dem Leben herauswachsen.. Der
theologischen Expertokratie ist es aufgegeben, ihre entscheidenden Grenzen
akzeptieren zu lernen. Das Christentum hat nur eine Zukunft, wenn der
theologische Intellektualismus von wenigen durch das "Tun der Wahrheit" von
vielen überwunden wird.
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