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Gedanken über ZeitenWende - WendeZeiten (VI):
Fasten und die neue
Weltwirtschaftsordnung.
Januar 2005
Im Blick auf den rapiden Klimawandel mit seinen z.T. verheerenden Folgen
("Asienflut", Erdrutsche, Überflutungen...); ebenso im Blick auf die ganze
soziale Systeme sprengende Kraft der Massenverarmung in vielen Ländern; im
Blick auf die wachsende Gefahr des Terrorismus und steigender Gewaltanwendung
rund um den Globus... wird der Ruf nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung
immer lauter. Was haben alle diese genannten Bedrohungen mit dem Fasten zu
tun? Im Folgenden geht es weniger um moderne Formen der Enthaltsamkeit wie:
Magerfasten; Gesundheits- und Fitnessfasten; Frühlings- und
Entschlackungsfasten; Wellness- und Heilfasten. Diese mögen so oder so ihre
Gründe und ihre Berechtigung haben. Jenseits dieser Perspektiven gibt es von
je her in allen Weltreligionen ein religiös motiviertes Fasten. Worin
besteht es? Was beabsichtigt es? Kann es eine wirksame, vielleicht sogar
unverzichtbare Hilfe sein, um zu einer neuen Weltwirtschaftsordnung zu finden
und damit zum Frieden in der Welt?
1. Abenteurer des Ewigen.
Ich denke an ein Buch, welches Hermann Graf Keyserling (gest.1946)
geschrieben hat. Es handelt sich um das "Reisetagebuch eines Philosophen".
Als wohlhabender Europäer bereist er Indien und China. Was ihn besonders
fasziniert, sind das Bild und das Auftreten eines indischen Heiligen. Dieser
verbringt sein Leben in Fasten, Meditation, Ruhe, Stille und Schweigen – ohne
das Bedürfnis zu haben zu reden, sich anderen mitzuteilen. Bei seiner
fortschreitenden Verinnerlichung und Existenzvertiefung behält er sein Wissen
für sich. Er lebt ein Buddha-Dasein. Auffallend ist sein
hochintelligentes, wunderbar durchgeistigtes Gesicht...
Man kann das Buch vergleichen mit den Aufzeichnungen der Wanderschauspielerin
Emmy Henning mit dem Titel: "Das Brandmal" (1920). Die Verfasserin
betrachtet und zeichnet Heiligenfiguren, die im Kölner Dom zu sehen sind. Sie
interpretiert das Leben der Heiligen wie z.B. das des hl. Antonius als eine
Anfrage an den größten Teil der Menschheit, ob die meisten mit ihren
täglichen Alltagsbeschäftigungen und Sorgen nicht dauernd abgelenkt sind und
sich ablenken lassen von wirklich wesentlichen Dingen, letztlich von der
Frage nach Gott? Muß man ein Heiliger sein? Muß man erst alt, schwach und
zukunftslos werden, um Abstand zu nehmen von vielen Überflüssigkeiten, in
denen das Leben gefangen ist? Wie lange braucht es, um Banales, Ordinäres,
Triebhaftes, Instinkthaftes... ablegen zu können, um eine Ahnung von der
Tatsache zu bekommen, dass es noch etwas unwandelbar Jenseitiges gibt?
Mit solchen Fragen wird schon eine Auskunft angedeutet über das, was die
Größe und Bedeutung der Religionsstifter oder Beweger der Weltgeschichte
ausmachen? Banal ausgedrückt, können solche Menschen verglichen werden mit
Leuten, die einem Hobby huldigen; die jede freie Minute damit verbringen,
ihrer Liebhaberei zu frönen. Nur handelt es sich bei ihnen nicht einfach um
das Hobby des Angelns oder des Eisenbahn-Bauens. Gertrud v. le Fort
nennt die Heiligen und großen Inspiratoren der Menschheit "wie Helden aus
fremden Ländern". - E. Henning deutet ihre Zurückgezogenheit aus dem
Trubel des Lebens in die Stille und Innerlichkeit hinein als eine Haltung
"der Erwartung auf jemanden, ohne zu wissen auf wen?" Sie sind "stets auf der
Lauer" nach etwas Unaussprechlichem und Unfassbarem". - Für Botho Strauß
sind sie alles andere als "esoterische Spaziergänger" oder "diffuse Heilige",
sondern Menschen "mit höchster Ahnung und Erfahrung des Heiligen".
Die einzige Furcht und Angst, die es für sie gibt: von wesentlichen
Einsichten "über das, was die Welt im Innersten zusammenhält", abgelenkt zu
werden. Sie ahnen die wirklichen Wege Gottes, die der Menschheit zum Heile
dienen würden. Oft "abgewiesen durch die Zeiten", bringen sie dennoch den Mut
und die Kraft auf, sie selber zu bleiben, anders zu sein als die meisten
anderen. Laut einer indischen Geschichte über das Salz im Wasser sind sie auf
den "Geschmack" nach einer Wirklichkeit gekommen, den die meisten nicht
haben. Sie wollen und können ihn auch nicht haben, weil sie die
Voraussetzungen nicht akzeptieren, die zum wirklich Wesentlichen führen. Sie
müssten auf Distanz gehen zu den allen Menschen innewohnenden Neigungen.
Diese heißen: Dinge sammeln, an Äußerlichkeiten festhalten, Besitztümer
stapeln, nach immer mehr Macht und Einfluß streben, Eigentum horten und sich
dabei in scheinbarer Sicherheit wiegen, den Wohlstand als das Wichtigste
ansehen – ohne die Kraft zu entwickeln, sich im Loslassen zu üben...
Was die Großen der Geschichte wie Sokrates, Buddha, Johannes und
Jesus ausgezeichnet hat und auszeichnet, ist ihr gläubiges und hoffendes
Ahnen und Deuten des geheimnisvoll "ganz Anderen". Sie bleiben ihm hartnäckig
auf der Spur und fordern ihre Anhänger auf, desgleichen zu tun. Sie sind wie
Abenteurer des Ewigen, wie "Spürhunde" des Absoluten und Unvergänglichen. In
eine andere Welt hineinreichend und sie ergründend, haben sie tiefe
Einsichten gewonnen in die Rätsel der Dinge und des Lebens. Gegenüber ihren
Zeitgenossen sind sie oft wie "Rufer in der Wüste", weil es den meisten zu
anstrengend ist, sich auf Realitäten einzulassen, die nicht auf Anhieb in die
Augen springen und nicht auf seichte Weise zu "haben" sind.
2. Religiöses Fasten: eine öffentliche Angelegenheit.
Wenn im asiatischen Denken die "Weltdistanz" geübt wird; wenn im Islam am
"Ramadan" und im Christentum an der Fastenzeit festgehalten wird, handelt es
sich nicht um eine "Therapie" bzw. "Selbstheilung", sondern um eine streng
ritualisierte Pflicht. Diese ist nicht in die Beliebigkeit des Einzelnen
gegeben, sondern hat öffentlichen Charakter. So ruft König Ahab
ein öffentliches Fasten aus – als Demonstration von Trauer, Protest und
Umkehr nach misslungenen Handelsgeschäften (1Kön 21).
Die heiligen Schriften sparen nicht mit Kritik am Fasten, wenn es
nicht dazu führt, dass Menschen Unrechtsverhältnisse im Land zu ändern bereit
sind. Der Prophet Jesaja entlarvt solche Formen des Fastens als
"fromme Masken" (58.1-12). Denn "gottgefälliges Fasten" müsse den
Unterjochten Erleichterung bringen, den Hungernden Speisung, den Gefangenen
Befreiung...
Das Fasten ist nicht "gottgefällig", wenn es nicht zum Teilen der zum Leben
notwendigen Güter und Kräfte führt. Die Versuchungen Jesu in der Wüste
am Anfang seines öffentlichen Wirkens (Mt 4.1-11) sind bezeichnend und
wegweisend. Seine Versuchungen durch den Teufel verlocken zur Sucht nach
irdischen Mächten und Neigungen. Jesus weist sie in ihre Grenzen. Der Teufel
versucht zu der obskuren Forderung, die gewonnene Macht öffentlich zu Schau
zu stellen. Jesus weist ihn zurück. Durch die Art seines Reagierens auf
menschliche Ambitionen wird der "Fall Adam", der viel Unheil in die Welt
gebracht hat (Gen 3), neu verhandelt. Es findet eine Umkehrung dieses
"Falles" statt im Sinne von: "wehret den Anfängen", findet zu einem neuen
Verhalten!
Während seines späteren Wirkens weitet Jesus die Fastenregeln noch
aus. Er praktiziert die Tischgemeinschaft mit den Armen und Entrechteten, mit
den Zöllnern und Sündern (Mk 2.13-22). Den christlichen Gemeinden wird
aufgetragen, "unauffällig zu fasten" – nicht wie die Heuchler und religiösen
Zur-Schau-Steller. Aber das Fasten soll zu einem sozialen Engagement führen,
zu Werken der Barmherzigkeit vor allem denen gegenüber, die der Hilfe und des
Segens Gottes am meisten bedürfen. Kurt Marti spricht deshalb zu Recht
von der Weltleidenschaft Gottes. Dem Anschein nach "Fromme" werden vor
Gott erst gerecht, wenn sie ihren Mitmenschen und der gesamten kreatürlichen
Mitwelt gegenüber gerecht zu sein versuchen.
Von Petrus Chrysologus (um 400 n.Chr.) stammt das Wort: "Das Leben des
Fastens ist die Barmherzigkeit". Es geht also nicht nur um die Kunst des
Loslassens und Teilens um eines höheren Gutes willen, wie es am Beispiel
Abrahams gezeigt wird (Gen 12) oder am Verhalten des reichen Mannes gegenüber
dem armen Lazarus (Lk 16.19-31). Die Suche nach der ganz anderen Wirklichkeit
Gottes ermächtigt den Menschen auch, die Welt und das Leben mit offenen Augen
und Ohren ganz anders wahrzunehmen als vorher, als er noch mit Blindheit
geschlagen war. Die Umkehr beim Fasten macht fähig zu heilendem und
erlösendem Handeln mitten in der unerlösten Welt. Der Mensch weiß sich auf
eine neue Weise angerufen von Gott. Er wird Mitgestalter an seinem
weltzugewandten Wirken – mit seiner persönlichen Begabung und Veranlagung.
Sein aus anderer Sicht angesprochenes Leben kommt zu einer neugearteten
Sinnhaftigkeit und Fülle, indem es in Gemeinschaft mit Gott sein Denken und
Handeln auf das Wohl anderer und letztlich der gesamten Menschheit ausweitet.
Das religiöse Fasten kommt erst zu seinem Sinn und Ziel, wenn die
persönliche Dynamik des Menschen ihren Gleichklang und ihre
Übereinstimmung findet mit der dynamisch-schöpferischen "Weltleidenschaft
Gottes". Im Tun der Wahrheit erfüllt sich das Leben des Menschen.
Er entdeckt und findet sich selbst – in seiner jeweils "besonderen Gnadengabe
von Gott" (1Kor 7.7).
3. Das UnWort des Jahres 2004 heißt: "Humankapital".
In den Zeitungen zur Jahreswende war zu lesen, dass die Deutschen
mehrheitlich das UnWort des Jahres 2004 entdeckt haben. Es heißt:
Humankapital. Für die Menschheit würde es einen riesengroßen Fortschritt
bedeuten, wenn eine wachsende Mehrheit begreifen und sich dagegen wehren
würde, dass eine Unzahl von Menschen zum "Humankapital" degradiert wird. In
einer wirtschaftlich geplanten und ausgebeuteten Welt werden sie immer mehr
"nur noch ökumenisch interessante Größen". Sie werden als bloße Arbeitskräfte
in den Betrieben angesehen und entsprechend behandelt – irgendwann so oder so
"ausgespieen", sobald ihre produktiven Arbeitskräfte schwinden und durch neue
profitablere ersetzbar werden.
Das Wort Humankapital ist Ergebnis einer wechselseitigen Wirkung. Da
sind die Ausbeuter. Sie merken sehr schnell, wie Menschen sich
leichtfertig ausbeuten und manipulieren lassen. Da sind die Ausgebeuteten.
Die schleichende Weise, die ihre Rechtlosigkeit immer weiter vorantreibt,
nehmen sie nicht oder kaum wahr. Das umso weniger, je gedankenloser sie
bleiben und je weniger sie zur Besinnung kommen.
Im Christentum wurde auf weiten Strecken nicht nur das Fasten
gefördert und gefordert, sondern auch die Fastnacht vor diesem Fasten.
Im biblischen Denken heißt Narrheit Geistesblindheit, Gottesleugnung,
Selbstleugnung, menschliche Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit im Bund mit
dem Teufel und teuflischen Mächten – Realitäten, die in Masken,
Hexen-Kostümierungen, klingenden Schellen und Eselsohren ihren Ausdruck
finden. Die Narrenzeit, bis zum Äußersten ausgekostet, soll die Erfahrung des
menschlichen Ungenügens vermitteln und die Sehnsucht nach "Umkehr" wecken.
Hier schließt sich der Kreis zwischen dem Wort Fastenzeit und dem
UnWort Humankapital. Beide sind in der Lage, die Menschheit zur
Besinnung und Umkehr zu bringen. Sie vermögen Kräfte in Menschen zu wecken,
die nicht mehr nur "rein menschlich" sind, sondern die sich aus einer neuen
Sicht des Lebens und der Dinge herleiten. Sie vermögen zu der Erkenntnis
verleiten, dass Menschen – das angeboren Instinkthafte durchbrechend – immer
nur menschlich werden, wenn sie sich eines höheren Auftrags und einer
würdigeren Beauftragung bewusst werden. Findet dieser Bewußtseinsprozeß nicht
statt – weder in der breiteren Öffentlichkeit noch in der politischen und
religiösen Führungsschicht - , bleibt die Forderung nach einer neuen
Weltwirtschaftsordnung den Sonntagsrednern vorbehalten. In Wirklichkeit wird
es sie nicht geben. Aber auch keinen Frieden auf Erden.
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