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Unglaublich, was Christen glauben (X).
Juli 2004
HIn der Passions- und Osterzeit waren die Zeitungen voll von Gedanken
über den Kreuzes- und Auferstehungsglauben der Christen. Die einen
bezeichneten – voreilig – das Kreuz als Zeichen des Heils und der
Auferstehung zu neuem Leben, was selbst Christen auf Anhieb nicht einsichtig
ist. Andere ärgerten sich über die weinenden und klagenden Gestalten der
Passion; ebenso wie über die Blut bespritzte Dornenkrone… Ihnen wären
Menschen der Revolte und des Aufruhrs gegen Gott und alle Kreuze der Welt
lieber gewesen – eine Haltung, die sich auch im Evangelium findet. Folgender
Text knüpft an Mathäus 16.21-27 an. Er möge also bitte nur gelesen werden,
wenn der Mathäustext hinzugenommen wird.
Solche Mentalitäten liebten das Magische, seien anti-aufklärerisch,
anti-intellektuell. Vielfach unterstützt mit Geld und bedacht auf
öffentliches Aufsehen, würden sie leicht zu einer drohenden Kirchen- und
Christentumsspaltung, "ohne Knall, Konzil und Luther". Sie könnten sich
schnell zu einer Kampfes-Religion entwickeln, dem militanten
Islamismus sehr verwandt. - Und die großen Kirchen Europas und
Nordamerikas? - Sie leiden an chronischer Glaubenssklerose...
Auf der einen Seite also Aufbruch, Neubeginn oder Modeerscheinung
statt wirkliche Besinnung auf das Wesentliche? Auf der anderen Seite
Niedergang, Resignation? - An solchen Fragen scheiden sich die Geister. Was
Menschen sich als geistbeseelt einreden oder erfahren, kann leicht
Selbsttäuschung sein, Massensuggestion - aufwendig betriebene Verdeckung,
Verdrängung und Kompensation von Selbstzweifeln und persönlichen Krisen. Die
Frage nach der wirklichen Glaubwürdigkeit einer Religion ist damit
noch lange nicht berührt - auch durch aufwendige kultische Aufmärsche noch
lange nicht beantwortet. Dennoch stellt sich in Umbruchszeiten die Frage auf
radikale, unverzichtbare Weise.
X. ....in der wachsenden Erkenntnis der Grenzen einer Religion.
1. Die Unterscheidung zwischen "Glaube" und Ausdrucksformen des Glaubens.
Es ist erstaunlich, mit welch vitaler Kraft die religiöse Frage seit
Menschengedenken gestellt wird. Sie hat dazu beigetragen, dass es die
Religionen von Anfang an gibt und dass es sie wahrscheinlich auch bis zum
Ende der Welt geben wird. Warum? Weil der Mensch unheilbar religiös ist?
Weil er nie aufgehört hat und nie aufhören wird, nach dem zu fragen, "was
die Welt im Innersten zusammenhält" (wie Goethe es formuliert)? Weil der
Mensch nie zufrieden ist mit Antworten auf die Frage nach seinem Woher und
Wohin - Antworten, die immer nur als "vorläufig" und "vorübergehend
zufriedenstellend" entlarvt werden?
Tatsache ist: der Glaube ist so alt wie die Menschheit selbst. Allerdings
haben religiöse Vorstellungen schon immer sehr verschiedene Ausdrucksformen
gekannt. Bei den Natur-Völkern war der Glaube an die göttlichen
Kräfte der Natur vorherrschend. Für sie waren Blitz und Donner, Regen und
Dürre, Wachstum und Fruchtbarkeit, Sonne, Mond und Sterne... nicht nur
einfach "natürlich". Man vermutete in allem Geschehen das Wirken eines
göttlichen Wesens. Sie wurden als gute und böse Geister, als Ahnen und
Götter identifiziert. Zum Teil stieß solcher Viel-Götter-Glaube zum
Ein-Gott-Glauben vor. Denn bei aller rivalisierenden Vielfalt am Götter- und
Geisterhimmel wie in der Menschenwelt wurde auch "Einheit" entdeckt. Die
Harmonie der Himmelskörper; der regelmäßige Auf- und Untergang der Sonne;
der Wechsel der Jahreszeiten und Vieles Andere ließen den "großen Geist"
vermuten, der hinter allem wirkte und über allem stand - der sich der vielen
Gottheiten als "Mittler" bediente, um seine Ziele zu erreichen.
Der Ein-Gott-Glaube hat im AT des Volkes Israel eine
beispielhafte Kraft und Dynamik entfaltet. Der Glaube an den einen Gott ist
dem Volk Israel nicht vom Himmel gefallen. Er war das Ergebnis eines langen
Ringens im Kampf gegen die vielen rivalisierenden Gottheiten, die die
Menschen bedrohten und die Stämme Israels in Feindschaft gegeneinander
aufwiegelten. Das Werden und Wachsen im Glauben an einen Gott hatte also
auch eine politisch-gesellschaftliche Bedeutung. Er sollte die Menschen und
Völker zusammenführen und einen.
Solcher Glaube bedurfte aber auch eingängiger und verständlicher
Ausdrucksformen, damit sich die Menschen tatsächlich zusammenfanden.
Während der Glaube selbst als eine Gabe, als ein Geschenk Gottes angesehen
wurde, waren dessen Ausdrucksformen sehr von menschlichen Vorstellungen und
Voraussetzungen bestimmt - je nach menschlicher Lebenslage, nach Kultur und
darstellerischem Vermögen.
Eine solche Ausdrucksform des Glaubens ist im AT zum Beispiel der
Schöpfungsbericht. Die Entstehung der Welt, so wie sie im Buch Genesis
beschrieben wird, besitzt kein biblisches Urheberrecht. Im
religiös-kulturellen Umfeld Israels gab es bereits eine Vielzahl von
Deutungsversuchen über das Werden und Entstehen der Welt.
Schöpfungsmythen dieser oder jener Art finden sich in allen archaischen
religiösen Vorstellungen. Das Volk Israel, im Glauben an den Einen Gott,
wählte einen solchen Schöpfungsbericht zum adäquaten Ausdruck des eigenen
Glaubens. Gott, der allmächtig und unermesslich schöpferisch ist - er
schuf Himmel und Erde innerhalb einer Woche. Am siebten Tag ruhte Gott -
wiederum Ausdruck und religiöse Bestätigung einer weisen Lebenserfahrung,
nämlich dass der Mensch nach getaner Arbeit der Ruhe und Muße bedarf, um
sein Leben neu zu ordnen; um es nicht gedankenlos und oberflächlich zu
vergeuden; um Erfahrungen aufzuarbeiten und zu vertiefen, die eine "neue
Sicht" gewinnen lassen für bevorstehende Taten und Aufgaben...
Man könnte auch die zehn Gebote als Ausdrucksformen einer langen
gelebten Glaubenserfahrung bezeichnen. Denn die Frage stellte sich: wie muß
das Leben aussehen, nach welchen Maßstäben und Gesetzen gestaltet werden,
damit das gläubige Volk vor Gott bestehen kann? Die Antwort darauf wurde
nicht allein "von oben" gegeben. Sie ist das Ergebnis von zeitlich langen
Erfahrungen, von Einsichten und Überzeugungen. In ihrem Glauben, dass Gott
ein Gott des Bundes und der Freundschaft ist, der geschichtliche Wege mit
seinem Volk geht und es begleitet, konnten die Menschen die zehn Gebote
bejahen und akzeptieren als Aufgaben, die Gott selbst gestellt hat.
So ließen sie Moses, den Führer des Volkes, auf den Berg Sinai steigen. Dort
wurde ihm die Steintafel überreicht. Diese schärfte dem Volk ein, was zum
eigenen Wohl im Willen Gottes verankert ist: Du sollst keine fremden
Götter neben mir haben; Du sollst nicht töten; Du sollst kein falsches
Zeugnis geben...
Das AT ist voll von Aussagen über Gott, die der menschlichen Eingebungskraft
des Glaubens entspringen. Sie sind keine historischen Wahrheiten,
aber sie haben einen historischen Kern und Anlaß. Da ist auf der
einen Seite der Glaube an den Einen Gott. Er ist als Gabe und Fähigkeit
von Gott gegeben und geschenkt. Auf der anderen Seite sind jene
Gottesbilder und Weltanschauungen, die sehr viel mit menschlichem Vermögen
zu tun haben. Sie sind nicht identisch mit dem Glauben selbst.
Deshalb sind sie auch wandelbar; können irgendwann einmal ihre Aussagekraft
verlieren; bedürfen der Aufarbeitung und Neuinterpretation. Bisweilen
geraten sie einfach in Vergessenheit. Den Religionen ist dann die Aufgabe
gestellt, den Glauben weniger durch Traditionserhaltung als vielmehr durch
Traditionsstiftung zu erneuern.
Vor allem in Krisen- und Umbruchszeiten scheiden sich gerade an diesem Punkt
die Geister. Die einen sind leicht bereit - manchmal sogar voreilig
und überstürzt - , die so und nicht anders gewordenen Ausdrucksformen des
Glaubens zu relativieren oder sogar preiszugeben, um sie durch neue
(ungewohnte und unerprobte) zu ersetzen. Die anderen, meist die im
Guten allzu Verhärteten und Unbeweglichen, leicht "Fundamentalisten"
genannt, lehnen de facto die Unterscheidung zwischen Glauben und dessen
Ausdrucksformen ab. Für sie ist das "Aufweichen" solcher zeit- und
situationsbedingten Ausdrucksformen identisch mit dem Verlust des Glaubens.
In der Angst, mit dem einen auch das andere zu verlieren, sind sie unfähig
zu etwas Neuem. Der Beziehungsglaube ist bei ihnen schon zu sehr
Buchstabenglaube geworden. In ihren Augen kann Gott die Welt nicht
anders geschaffen haben als in sieben Tagen. Und die zehn Gebote sind
steinerne Tafeln, die durch keine neuen menschlichen Erfahrungen bereichert
werden können. Der Erhalt des status quo ist bei ihnen oberste Maxime
- gegenüber dem Wandel der Zeit und Lebenseinstellungen auf Unbeweglichkeit
und Defensive eingestellt. Auf diese Weise geschieht auf ungewollte Weise
die Zerstörung einer Religion, die zu erhalten und zu retten ihr
oberstes Ziel ist - eine Tragik der Geschichte, die sich auch
gegenwärtig im Christentum wiederholt.
2. Das Christentum: (k)eine Schriftreligion?
Das Christentum wird vorschnell als Schriftreligion vorgestellt - ähnlich
dem Judentum und Islam. Denn diese drei Weltreligionen haben ihre "heiligen
Schriften" - Offenbarungen Gottes an die Menschheit. Deshalb heißt es nach
jeder Lesung in einem christlichen Gottesdienst: "Wort des lebendigen
Gottes" - eine Aussage, die den Eindruck hinterlässt: was da vorgelesen
wird, hat Gott gesprochen, stammt aus dem Munde Gottes. Deshalb ist ihm mit
größter Ehrfurcht und Andacht zu begegnen.
Wenn man allerdings der Sache näher auf den Grund geht, besteht der Glaube
der Christen zunächst nicht aus dem Glauben an eine Schrift, sondern
ursprünglich aus dem Glauben an eine Person. Die ersten Christen
lernten den Glauben an Jesus Christus, an seine heilsamen und für die
Menschheit erlösenden Worte und Taten. Ihr personales Glaubensverständnis
hatte zur Folge, dass man sich mit dieser Person immer wieder
auseinandersetzen musste, um deren Anliegen besser und tiefer zu verstehen -
auch sehr unterschiedlich, je nach Situation und Lebenslage. Daraus
entwickelte sich auch das Selbstverständnis und Selbstwertgefühl der
Christen in der Welt. Es hieß Nachfolge Christi. Es bestand
darin, dass Christen hauptsächlich dafür da sind, dass durch sie die
rettenden und heilsamen Worte und Taten Jesu in der Geschichte fortgesetzt
werden - als Licht auf dem Berge und Salz der Erde.
Was die "heiligen Schriften" angeht, standen diese nicht am Anfang des
nachösterlichen Fragens und Sich-Erinnerns an die Rolle und Bedeutung Jesu,
sondern sie waren das Ergebnis einer jahrzehntelangen
Auseinandersetzung, die sich auf Leben, Tod und Auferstehung konzentrierten.
So wird auch der Glaube heute nicht durch das Lesen und Diskutieren
der Schrift erneuert - es sei denn, dass solche Aktivitäten inspiriert und
begleitet werden von der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem, der der
Ursprung und die Quelle des Glaubens ist. Aus solcher Auseinandersetzung muß
ein existentieller Zugang zum Christentum erwachsen. Wer meint, es
spekulativ begreifen zu können, begreift es nicht - oder eben nur
spekulativ, was das Christentum für die Mehrheit irrelevant macht.
Im personalen Glauben an Jesus Christus entwickelten sich im Laufe der
Jahrhunderte Ausdrucksformen des Glaubens. Diese entsprangen
menschlichen Bedürfnissen und Notwendigkeiten. Man könnte theologische
Sätze über Gott und die Welt solche Ausdrucksformen des Glaubens nennen.
Auch bestimmte Symbole, Riten und Liturgien. Von den sieben
Sakramenten weiß man, dass sie von Jesus nicht eingesetzt wurden. Auch
die Kirche wurde von Jesus nicht gestiftet. Auch die Ämter
nicht.
Dennoch hatte und hat das alles seine Berechtigung. Denn der Glaube verlangt
zu allen Zeiten adäquate Ausdrucksformen. Problematisch werden diese erst,
wenn sie im Laufe der Zeit aufhören, "adäquat" zu sein. Das heißt: für
Menschen einer bestimmten Zeit einmal außerordentlich wichtig und tragfähig
fürs Leben, hören sie auf, es zu sein. Die "Unfähigkeit zu trauern"
besteht dann darin, das Phänomen des Wandels nicht als solches zu erkennen
bzw. erkennen zu wollen. Ebenso die Chancen nicht, die sich darin auftun.
Stattdessen verbündet es sich mit der Angst, dass mit dem Verlust
herkömmlicher religiöser Einstellungen auch der Glaube abhanden kommt. Es
beginnt das Jammern über den "Unglauben" in der Welt, über den Niedergang
der Werte und den "Säkularismus", dem gegenüber nicht nur gläubige Menschen
wie gelähmt erscheinen, sondern auch Gott unfähig und ohnmächtig zu sein
scheint. Dabei wird Eines nicht beachtet: wenn menschliche Ausdrucksformen
des Glaubens ihre Kraft verlieren - warum sollten die Menschen keinen
Glauben mehr haben, der doch von Gott kommt?
In Krisenzeiten melden sich die schon anfangs erwähnten Gegenreaktionen:
anti-intellektuell, charismatisch,, pfingstlich, fundamentalistisch... Als
Missbrauch des Christentums verbreiten sich heute eine Wellness- und
Wohlfühl-Spiritualität; ebenso Themen reiner Innerlichkeit ohne Bedacht
auf gläubige Lebensformen. Für Gott werden Mega-Happenings
veranstaltet. Sie lassen das Alltägliche in die Bedeutungslosigkeit
versinken - oft verknüpft mit eschatologischen Erwartungen und der
Vorstellung, "dass der Herr bald wiederkommt". Nicht bedacht wird dabei,
dass sich seine Wiederkunft wieder einmal für Jahrhunderte verzögern
könnte...
Das Gebot der Stunde wäre es, nach dem Grund des christlichen Glaubens
überhaupt zu fragen, d.h. nach jener geschichtlichen Person, die es immer
wieder neu zu erschließen und zu entdecken gilt. Dieser Jesus von Nazaret
war nicht das, was gerne aus ihm gemacht wird: kein Mystiker, kein
Dogmatiker, kein Rechtsgelehrter, kein Enthusiast und kein Charismatiker
nach heutigen Phantasie- und Wunschvorstellungen. Er hat stattdessen das
Leben des Menschen in einen größeren heilsgeschichtlichen Zusammenhang
gestellt, bis es irgendwann einmal seine Erfüllung findet. Deshalb hat
er nach den Wunden und Krankheiten bei Menschen Ausschau gehalten, nach
Fehlern und Mängeln, um gerade darin die Möglichkeiten aufzuzeigen, dass das
Reich Gottes schon "mitten unter uns" zu sein vermag (Mt 12.28; Lk 11.20 und
17.21). Es kommt immer darauf an, dass Heilendes und Erlösendes an Menschen
geschieht, dass "böse Geister" ausgetrieben werden und dass alles
Menschenwidrige und Gottferne durch ein neues Denken und Handeln überwunden
wird (vgl Apg 2.17-21).
Man könnte das Zentrale der Botschaft Jesu eine Ethik der offenen Augen
und Ohren nennen, zu der jeder Mensch befähigt sein kann. Wenn nicht
alles täuscht, würde ein wachsendes Bewusstsein in dieser Richtung,
verbunden mit dem "Tun der Wahrheit" in jeder nur denkbaren Situation, einen
Ausweg aus der Krise bedeuten. Eine solche Orientierung wäre jedem
Menschen, gleich welchen Standes und welcher Bildung, leicht verständlich
und einsichtig. Denn das Christentum war von Anfang an keine Religion der
Experten, der Besserwisser und "Hellseher", sondern eine Religion aller
Menschen guten Willens. Wo der "gute Wille" von Menschen nicht mehr
mobilisiert und motiviert wird, da führen großgeplante Programme und
theologische Konzepte zu nichts.
3. Zuerst die Praxis der Liebe, dann "die Wahrheit".
Seit Jahrhunderten ist die Auffassung verbreitet worden, eine Religion bzw.
Konfession stehe und falle mit der Frage nach der Wahrheit. Deshalb wurden
Philosophen und theologische Experten mobilisiert, die sich auf die Suche
nach der Wahrheit machten. So entstanden die verschiedenen Religionen und
christlichen Konfessionen, von denen jede für sich die Wahrheit beansprucht.
Die Konsequenzen sind allzu bekannt: unterschiedliche und sich
widersprechende "unfehlbare Lehrämter"; Religionskriege um der jeweiligen
"Wahrheit" willen; mühsame ökumenische Zusammenkünfte und "Dialoge" mit dem
Ergebnis: viel Papier und wenig Effektivität! Nicht zu Unrecht hat der
Ökumenische Kirchentag in Berlin (2003) solche "Dialoge" als "diplomatisch
weichgespült", als "Religionspolitologie", als "interreligiöse Schummelei"
enttarnt. Denn wie können Absolutheitsansprüche, der Wille zur Rettung
traditioneller Kirchlichkeit und vertrauter Dogmatik realistisch
dialogfähig machen? Das Dilemma: die Quadratur des Kreises.
Die Frage wurde gestellt: Ist Jesus Christus noch zu retten? -
jenseits "dogmatischer Verkrustungen"? Die Menschen von heute haben auf ihre
Weise bereits eine Teilantwort gegeben. Sie wenden sich von den
"dogmatischen Verkrustungen" ab. Vieles wird nicht mehr für wahr gehalten,
was aber um der Kirchlichkeit willen für wahr gehalten werden müßte. Dabei
geht es noch nicht einmal darum, etwas als falsch zu bezeichnen, was
offiziell für wahr angesehen werden müßte. Die Tatsache, dass man
sich einfach nicht mehr mit herkömmlichen Wahrheiten beschäftigt bzw. sie in
Vergessenheit geraten läßt, deutet darauf hin: Vieles mag noch so wahr
sein; aber es ist nicht wichtig!
In der heutigen Situation steht primär die Suche nach der anderen
"Teilwahrheit" an: die Menschen sehnen sich nach glaubwürdigen
Vorbildern, nach "Lebe-Meistern" statt zu viel
"Lehr-Meisterei". Somit hätten die heilsamen und erlösenden Worte und
Taten Jesu durchaus "Zukunft", weil das Schicksal des Menschen und der
ganzen Menschheit steht und fällt mit dem Gelingen oder Misslingen der Liebe
bzw. "größeren Gerechtigkeit". Das ist keine theoretische Erkenntnis,
sondern eine existentielle und lebensrettende.
Die Tätigkeit Jesu als Wanderprediger hatte nichts anderes im Sinn, als den
Menschen positiv die Zuwendung Gottes deutlich zu machen. Von Johannes
dem Täufer getauft und beeinflusst, unterschied sich Jesus in
einem entscheidenden Punkt von ihm: jener machte die Gerichtsdrohung Gottes
zum Gegenstand seiner Predigt. Jesus dagegen suchte die Menschen dort auf,
wo sie lebten. Seine Heilungen und Wundertaten, seine Gleichnisse vom
Sauerteig und der Saat, vom Salz der Erde und Licht der Welt... machten das
Wirken und die Vergegenwärtigung Gottes mitten im Leben deutlich. Das "Reich
Gottes", welches im Hier und Heute immer schon wachsen muß, duldet keinen
Aufschub - genauso, wie man einem Kind nicht sagen kann, es solle sich mit
10 Jahren selbst entscheiden, welche Sprache es einmal sprechen will...
Sich über alle Konventionen hinwegsetzend, suchte Jesus Tischgemeinschaft
und Freundschaft auch mit Menschen, die von der übrigen Gesellschaft
weitgehend gemieden wurden. Er erregte sogar Aufsehen und Widerspruch, wurde
als "Fresser und Säufer, Freund der Zöllner und Sünder" beschimpft. Dieses
Verhalten war weder Schwäche noch Fehltritt, sondern war Bestandteil seines
Programms. Denn jedem Menschen sollte es aufgegeben sein, bis zur Vollendung
des Reiches Gottes seine Rolle zu finden und seinen Platz einzunehmen - je
nach Talenten und Fähigkeiten. Jedes Menschenleben ist sozusagen eingebettet
in einen großen geschichtlichen Zusammenhang, in dem es das Heil zum Wohl
der Menschheit und zum Frieden in der Welt zu wirken gilt.
Die Tatsache, dass Jesus nichts Schriftliches hinterlassen hat, machte es
notwendig, dass die Christen nach dem unvorhergesehenen Tod und der
Auferstehung Jesu Erinnerungskapazitäten freisetzen mussten, um
nachträglich zu erschließen, was für Jesus wichtig gewesen war. Daraus
wurden die Evangelien. Sie sind aus der Erinnerung heraus gedeutete
Interpretationen der christlichen Gemeinden bzw. der Schreiber der
Evangelien. Das macht es auch so schwierig, den historischen Jesus
ausfindig zu machen. Denn in den Schriften wird Tatsächliches mit frommem
Denken vermischt, sodass das Historische zur Unkenntlichkeit verfremdet
erscheint.
Was für Historiker unbefriedigend und frustrierend sein muß, bedeute für
gläubige Menschen eine Chance. Denn dabei erweist sich das Christentum nicht
als Schrift- und Buchstabenreligion, sondern als vom Geist Gottes
beseelte Religion. Dieser hört niemals und zu keiner Zeit auf zu wirken
und seinem Volk nahe zu sein. In diesem Geist haben die Kirchen späterer
Zeiten fortgesetzt und weiterentwickelt, was im Keim grundgelegt zu sein
schien. Es entwickelte sich das Verständnis der Eucharistie- und
Abendmahlsgemeinschaft; aus der Vielzahl der Sakramente (bei Augustinus) die
Siebenzahl; das mittelalterliche Stände-Bewußtsein in der Unterscheidung von
Adel und Volk, Klerus und Gemeinde; die verschiedenen, z.T. konträren
Theologien, Konfessionen und Schismen...
Wenn es wahr ist, dass das Christentum eine vom Geist Gottes geleitete
Religion ist, dann zeigen bisherige Entwicklungen die zeitbedingte
Bedeutung und Berechtigung des Gewordenen. Ihre Schwäche zeigt
sich heute darin, dass aus der Reich-Gottes-Ethik Jesu eine
Kirchen-Ethik und Kirchenverfassung nach staatlichem Vorbild
geworden ist. Diese haben ihrerseits - bei aller zeitbedingten Stärke - die
Uranliegen Jesu zum Verblassen und z.T. zum Verschwinden gebracht.
Wo sich ein Volk als Ganzes und jeder einzelne Mensch seiner Rolle in der
Reich-Gottes-Ethik bewusst werden, da bahnen sich (unter dem Wirken des
Geistes?) neue Entwicklungen an, die bisherige Formen von Kirche und
Denkstrukturen auf den Kopf stellen. Es schwindet die
philosophisch-theologische Gestalt des Christus als menschgewordener "Logos"
wie des Christentums überhaupt - Produkte der hellenistischen Philosophie;
es schrumpft ebenso die Zustimmung zum Zwei-Klassen-System der Kirche
(welches es gesellschaftlich schon nicht mehr gibt) wie auch zur bisher
selbstverständlichen Annahme von Traditionen und Riten. Die Kirche muß es -
beim immer bedrohlicher werdenden "Glaubensschwund" - lernen, dass der
herkömmliche Glaube an "entgültig und absolut richtige Wahrheiten" den
faktischen Verhältnissen nicht überlegen ist. Es geht nicht darum, von fixen
Ideen her die Wirklichkeit zu gestalten, sondern die Wirklichkeit hin zu dem
zu orientieren, der die Wahrheit in Person ist (Joh 14.6).
Wo es gelingt, Menschen mit der Reich-Gottes-Ethik vertraut zu machen und
sie einzubinden, da gewinnen auch Eucharistie und Sakramente wieder
lebensgestaltende Kraft und heilsgeschichtliche Bedeutung. Jesus hat ja
nicht gesagt: "Ich bin bei euch, wenn ihr predigt und Sakramente spendet",
sondern: "wenn ihr in meinem Namen versammelt seid". Das Bewusstsein: "Er
ist bei uns, wenn wir seine Denk- und Handlungsweise lernen", kann
traditionsstiftende Kräfte, lebensnahe Liturgien und erneuerte sakramentale
Feiern möglich machen. Denn Gott ist zunächst nicht punktuell-sakramental
mit seinem Volk - es sei denn, dass er immer schon da war: in jeder
Lebenszeit und Lebenslage.
Wo es um den notwendigen Paradigmenwechsel im Christentum geht,
klingt die Gegenwartsanalyse von J. Habermas wie eine Aufforderung an
die Kirchen. Er nennt die Welt, spätestens seit dem 11.Sept. 2001,
"postsäkular". Überall spüre man die Gefahr, sich von den "Ressourcen der
Sinnstiftung" abzuschneiden. Die eigentliche Katastrophe beginne immer
dann, wenn Menschen (Christen) sich als unfähig und unwillig
erweisen, in Gespräch und Dialog sich die Ressourcen neu zu erschließen,
um sie tragfähig für das Hier und Heute, lebenswert für das Morgen zu
machen.
H. Hendrix meint zur heutigen Zeit: " Die Gestimmtheit der
Gegenwart... traut dem Wort allein immer weniger. Sie will es im
persönlichen und gemeinschaftlichen Zeugnis bewährt sehen".
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