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Gefährliches "Jahr der Bibel 2003
September 2003
Man kann sich - bei allen Anrufen der Kirchen, die Bibel als
"Buch der Bücher", als "Buch mehr als ein Buch" öfter und
intensiver zu lesen - des Eindrucks nicht erwehren, daß sich
solche Aufrufe für die Kirchen - hier ist zunächst die
katholische gemeint - als "Bumerang" erweisen. Wenn früher
gesagt wurde, der Materialismus, Kommunismus, Liberalismus und
welche Ismen auch immer... seien für die Botschaft der Bibel
hinderlich und gefährlich, so zeigt das Jahr der Bibel vermehrt:
in Zukunft wird die so propagierte Bibel zur eigentlichen
Herausforderung für die Kirche. Diese hat sich seit
Jahrhunderten feste Grundlagen dogmatischer und
kirchenrechtlicher Art geschaffen. Ein festgefügtes Ordnungs-
und Regelsystem, in dem alle leben und sich "wohl zu fühlen"
haben, bestimmt die Verhaltensmuster und Abläufe allen
kirchlichen Geschehens. Die Bibel dagegen ermutigt zu einem
Denken, welches sich weder dogmatisch noch rechtlich festlegen
läßt. Sie ermutigt zur (wenn auch nicht selten mißverstandenen
und mißbrauchten) "Freiheit der Kinder Gottes". Wo Kirchen und
Konfessionen auf Recht, Ordnung und "einzig wahren Glauben" aus
sind, da erweist sich die Bibel in ihren menschen- und
situationsnahen Anliegen als "Erfüllung des Gesetzes"; als ein
"Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer" (Mt.9.13); als eine
Aufforderung an Knechte und Mägde, an Söhne und Töchter, an
Junge und Alte..., "Propheten zu sein" und "Visionen zu haben"
(Apg.2.17-21).
Aus biblischer Sicht wird "Religion" erst da lebendig, wo der
Geist Gottes über "alles Fleisch" ausgegossen wird und alle
Fähigkeiten/Charismen zur Entfaltung kommen. Erst zweitrangig
wichtig wird die Befolgung von Gesetzen und Vorschriften, auf
die "Gemeinschaft" nicht leicht verzichten kann.
Sehr aktuell werden lebensspendende Dynamismen einer Religion in
der Handlungsweise Jesu, der - im Gegensatz zu jeder Art
religiöser Überheblichkeit und Rechthaberei -
"Regelverletzungen" gegen die damals bestehende Religion beging.
Diese mögen aus heutiger Sicht noch so "begrenzt" gewesen sein -
letztlich haben sie doch viel Unruhe gestiftet, weil sie an den
"Nerv" damaligen religiösen Denkens und Handelns rührten.
Schließlich haben sie Jesus das Leben gekostet.
Über "Regelverletzungen" - in obigen Zitaten bereits grundgelegt
- berichten die Evangelien. Als Jesus eines Tages durch die
Kornfelder ging, taten die Jünger, was am Sabbat nicht erlaubt
war. Von den Gesetzeshütern zur Rede gestellt, antwortet Jesus -
auf eine Reihe anderer Beispiele aus früheren Zeiten hinweisend:
"Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat" (Mt. 12.1-8) bzw.
"Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den
Sabbat (Mk.2.27).
Daß es im Christentum immer um den konkreten Menschen gehen muß,
wird auch bei der Heilung eines Mannes am Sabbat - von den
Gesetzeshütern mit Zorn und Trauer begleitet - manifest gemacht
(Mk.3.1-6). Auch seinen Sohn, sogar einen Ochsen am Sabbat aus
der Grube zu ziehen, ist heilsamer und "religiöser" als die
Einhaltung des Sabbatgebotes (Lk. 14.5). Gottgefälliger sind
auch zum Essen geladene Arme, Krüppel, Lahme und Blinde als
geladene Brüder und Freunde, Verwandte und Reiche, weil sie
nicht zu vergelten vermögen, was für Letztere eine Kleinigkeit
ist...(Lk.14.12-14).
Biblisches Denken, welches immer wieder zu solchen und ähnlichen
"Regelverletzungen" befähigt und ermutigt, läßt sich in der
gesamten Geschichte des Christentums beobachten - oft verbunden
mit einem beachtlichen Aufbrechen des Herkömmlichen und
Erstarrten. Das 2. Vatikanische Konzil hätte es nicht
gegeben, wenn nicht einige mutige Theologen und verantwortliche
Christen die vorbereitenden Schritte gewagt hätten. Ohne die
Bibelbewegung und liturgische Erneuerung am Anfang des 20.
Jahrhunderts wäre die Frage nie ernsthaft angegangen worden, wie
Starrheit und kirchliche Unbeweglichkeit aufgebrochen werden
könnten? Laien-Initiativen auf sozialem und politischem Gebiet
taten das Ihre dazu.
Die Bibel ist darauf angelegt, "Eiszeiten" zu überwinden und
Regelwerke ins Stocken zu bringen. Erasmus von Rotterdam hat vor
ca. 500 Jahren geschrieben: "Wer sich in der Kirche umsieht,
wird bemerken, daß vieles hier von der Lehre Christi entfernt
ist. Er wird finden, daß viele Ansichten vertreten werden, die
lächerlich sind, und mehr noch solche, über die man eigentlich
weinen müßte".- Und Josef Ratzinger schrieb 1968, als sein
theologisches Denken noch nicht von Kircheninteressen beherrscht
war: "Für viele ist die Kirche heute zu einem Haupthindernis des
Glaubens geworden. Sie vermögen nur noch das menschliche
Machtstreben, das kleinliche Theater derer in ihr zu sehen, die
mit ihrer Behauptung, das amtliche Christentum zu verwalten, dem
wahren Geist des Christentums am meisten im Wege zu stehen
scheinen".-
Wie sich Jesus damals einer verhärteten Religion in den Weg
stellte, so wird heute das Bibellesen gefährlich für Platzhalter
und Interessenvertreter, die behaupten, christliche Werte am
besten und kompetentesten zu vertreten. Die Gefährlichkeit des
Jahres der Bibel liegt in dem, was Karl Jaspers vermutet:" Jesus
bleibt die gewaltige Macht gegen das Christentum, das ihn zu
seinem Grunde machte".
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