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Pisa-Studien: es geht um Bildung, Erziehung, Personwerdung.
Wer sich bildet, verwirklicht sich selbst
Bildung ist weder "Indoktrination" noch "Ideologisierung".
März 2003
1. Zwei Themen: Selbstverwirklichung - Bildung
Eigentlich handelt es sich hier um zwei Themen und Anliegen: um
"Selbstverwirklichung" und "Bildung". Ersteres ist schon
schwierig genug. Das Wort "Selbstverwirklichung" ist heute in
aller Munde; es ist sozusagen das Markenzeichen für den Wert und
die Würde des Menschen überhaupt. Oft gilt es auch als
Schlüsselwort für die Lösung aller Rätsel und Probleme des
Lebens. Erfahrungsgemäß erweist sich dieses Zauberwort in seiner
Verwirklichung als ein steiler Weg. Denn "Selbstverwirklichung"
kann man nicht "machen", nicht produzieren, sich nicht einreden
bzw. einbilden. Selbstverwirklichung muss verstanden werden als
ein lebenslanges Lernen; als eine Aufforderung, nicht
realitätsblind und -taub, sondern mit offenen Augen und Ohren
durch die Welt zu gehen. Vor allem und an erster Stelle durch
seine eigene Welt, indem man sich mutig den jeweiligen
Herausforderungen des Lebens stellt. Sonst kann
Selbstverwirklichung schnell ein Selbstbetrug werden, eine
Selbsttäuschung, eine Lebenslüge. Angefangen bei der
Aufarbeitung eigener Kindheitserfahrungen erweist sich
Selbstverwirklichung weniger als ein direkt anzustrebendes Ziel.
Eher stellt sie sich als eine Folge ein, als ein Nach-Wirkung,
als ein "Nebenprodukt" dessen, was das Leben konkret von einem
Menschen fordert. Was jedoch zunächst ein Nebenprodukt ist,
erweist sich auf der Ebene des Bewußtseins und der Reflektion
als Hauptsache: als das wachsende Ereignis persönlicher Stärke,
innerer Kraft und realistisch angemessener Selbstsicherheit.
Was der Engländer WILLIAM SHAKESPEARE als "Reifsein ist alles"
proklamiert, hat, wenn man genauer hinschaut, viel mit unserem
zweiten Thema zu tun. Was ist "Bildung"? Vom Sprachgebrauch her
drängt sich der Zusammenhang mit dem "Bild" auf, mit der
Fähigkeit des Menschen, sich ein seinsgerechtes Bild zu machen
über sich selbst, über andere, über den Zustand der Welt. Sofern
diese zu lernende Fähigkeit es fertig bringt, sich selbst oder
andere weder überzuschätzen noch unterzuschätzen; sich so oder
so nichts vorzumachen, nicht zu täuschen oder täuschen zu lassen
- über wen oder was es auch immer sei -, kann der eigene
Lebensplan gelingen, sich als sinnvoll und sinnerfüllend
erweisen. Der "Sinn des Lebens" stellt sich sozusagen beim Gehen
seines Weges ein.
2. Das Sokratische Gespräch als Königsweg
Dass "Selbstverwirklichung" sehr viel mit "Bildung" zu tun hat;
dass Bildung als ein Weg und Mittel verstanden werden kann, um
zur Selbstverwirklichung zu finden, war in der Antike bereits
ein wichtiges Erziehungsziel. Die Inschrift am Tempel des
Apollon zu Delphi trägt dem Menschen auf: "Erkenne dich selbst".
Den Griechen galt Selbsterkenntnis als Königsweg, um zu einem
zufriedenen und glücklichen sowie sinnvollen und verantworteten
Leben zu gelangen.
SOKRATES war ein Prototyp dieses Königsweges. Im sogenannten
"Sokratischen Gespräch" versuchte er, seine Schüler und Anhänger
zum ernsthaften Nachdenken und Sprechen über fundamentale Fragen
des Daseins zu motivieren und zu stärken. Er ging dabei von den
persönlichen, konkreten Erfahrungen der Einzelnen aus nach dem
Motto: "Was denkst du dir selber dabei? Was hast du schon einmal
erlebt und erfahren? Wo sind dabei Ängste, Zweifel,
Ungewissheiten aufgetreten?" Auf diese Weise sollten Menschen zu
tieferen Einsichten und zu gemeinsam gewonnenen Überzeugungen
kommen.
Bei solchem Vorgehen waren keine besonderen Vorkenntnisse
erforderlich. Die Sokratische Maxime bestand darin, dass jede /
jeder von sich aus "Weisheit" und "Erkenntnis" in sich hat:
gleichsam verborgen, unentdeckt, unentfaltet. Diese durch die
Teilnahme am Gespräch zu heben, sozusagen wie einen verborgenen
Schatz zu entdecken, war die Aufgabe. Sie diente der rechten
Selbst- und Fremdeinschätzung, zur gegenseitigen Wertschätzung
und dem Finden der "eigenen Wahrheit".
Es sei hier nur nebenbei erwähnt, dass heutige Psychologie und
Pädagogik diesen Königsweg wieder entdeckt haben. Auch Filme
propagieren ihn. Im "Club der toten Dichter" wird gezeigt, wie
ein Lehrer in England seine Schüler zu diesem "Erkenne dich
selbst", "habe Mut zu dir selbst" hinzuerziehen versucht. Dem
Lehrer geht es ähnlich wie damals SOKRATES: äußerlich scheitern
sie. Der Lehrer wird von der Schule verwiesen; SOKRATES wird
gezwungen, den Giftbecher zu trinken und seinem Leben auf diese
Weise ein Ende zu machen.
Das Schicksal beider ist bezeichnend für diesen "Königsweg". Man
muss sich - um es zu verstehen - klar machen, auf welchem
gesellschaftlichen Hintergrund dies passiert. Man könnte ihn
kurz folgendermaßen charakterisieren:
- Alle ergriffenen sozialen und pädagogischen Maßnahmen
liefen letztlich darauf hinaus, das gesellschaftliche
Gleichgewicht zu schaffen bzw. zu erhalten zwischen Individuen
und Gemeinschaft. Den Autoritäten ging es darum, Menschen
einzuführen in bestehende Ordnungsgefüge und Traditionen - sie
zu sozialisieren und entsprechend zu indoktrinieren.
- Den Einzelnen wurden durch Gesetz und Tradition ihre Rolle
und Funktion im sozialen Gefüge zugeteilt: den Frauen und
Männern, den Armen und Reichen, den Gebildeten und
Ungebildeten, den Jugendlichen und Alten, den Priesterinnen
und Priestern... Der auferlegten Rolle nicht zu genügen,
bedeutete eine Gefährdung für den einzelnen wie für den Erhalt
des Bestehenden.
Das "Erkenne ich selbst" des SOKRATES wie des Lehrers an der
Schule führte weit darüber hinaus. Es wurde von den zuständigen
Autoritäten als Bedrohung des Bestehenden wie auch als Kritik am
Herkömmlichen empfunden. Tatsächlich konnte es zweierlei
bewirken:
- Die / der Einzelne konnte seine Rolle, Fähigkeit und
Begabung anders verstehen lernen als es vorgesehen war, bzw.
als es ihm vorgeschrieben wurde. Es wurde als Ungehorsam und
Kompetenzüberschreitung geahndet.
- Das Gleichgewicht liebgewordener Zustände wurde zerstört.
Heutige Soziologen würden sagen: jeder Mensch und jede
geistig-kulturelle Bewegung treten am Ende ihrer "dynamischen
Aufbrüche" in eine Phase des "Denkens um des Denkens willen"
ein. Gesetze, Statuten, Verordnungen, Buchstabenglaube...
werden zu beherrschenden Imperativen. Diesen haben die
Menschen sich unterzuordnen; dazu werden sie erzogen. Nicht
umgekehrt: Gesetze und Verordnungen werden nicht mehr als
Dienst am Menschen verstanden. Der Mensch im Gegenteil muss in
ihrem Dienste stehen! Solche "Verhärtung im Guten" verhindert
auf Dauer jede Weiterentwicklung. Geschichtliche Veränderungen
und Herausforderungen werden nicht mehr als "Gebote der
Stunde" erkannt. Ursprünglich dynamische geistige Aufbrüche
versteinern. Sie werden repräsentiert durch "Zementköpfe". Sie
dienen dem Leben und der Lebendigkeit der Dinge nicht mehr.
Deshalb dienen sie zu nichts. Im irrigen Glauben, im Dienst
einer guten Sache zu sein, bereiten gerade die Erhalter des
Bestehenden ihrer eigenen "guten Sache" das langsame Sterben.
Man könnte sie mit "Geisterfahrern" vergleichen. Diese fahren
oft volles Tempo; sie sind gewandt und erfahren. Im geistigen
Bereich sind sie vielfach Anführer; sie können Antreiber von
Menschenmassen sein. Bei all ihren Vorzügen haben sie immer
nur einen Fehler: sie fahren in die falsche Richtung.
3. Mechanismen religiöser und politischer Macht. Und der
Tod Jesu.
Man könnte meinen, das Schicksal und der Tod des Schullehrers
und des SOKRATES wären selten vorkommende Ausnahmeerscheinungen
gewesen. In Wirklichkeit ziehen sich diese Mechanismen
religiöser und politischer Macht durch die ganze
Menschheitsgeschichte. Denn "Bildung" und "Selbstverwirklichung"
sind immer gefährlich für ein Status-quo-Gefüge, für
herkömmliches "law-and-order-Denken". Deshalb wird auch immer
wieder versucht, Bildung und Selbstverwirklichung im Voraus zu
bestimmen, durch Kriterien in eine autoritätshörige "Richtung"
zu bringen und zu kanalisieren, um das Gefährliche daran von
vorne herein zu verhindern.
In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass JESUS oft mit
SOKRATES verglichen worden ist. Auch dieser sammelte Leute um
sich, um diese mit seiner Botschaft vom "Sauerteig der Welt" und
vom "werdenden Gottesreich" vertraut zu machen. Sein Fehler war
es, dass er nicht die Pharisäer und damaligen rechtschaffenen
Theologen zuerst dazu berief. Es waren die einfachen Leute, die
Fischer, Handwerker, Sünder und Einflusslosen, Männer und
Frauen, denen er eine Sendung und eine Berufung gab: als
"Apostel" und Motoren einer "neuen Schöpfung", die nicht (mehr)
von Menschenhand gebaut sein sollte. Nicht umsonst wurde Jesus
umgebracht: von den religiösen und politischen Führern seiner
Zeit! Man kann eine noch so abstrakt-verbrämte und verschleierte
Theologie daraus machen: er starb als "Erlöser der Welt", als
"Sühneopfer für unsere Sünden". Leider wird dabei bewusst oder
unbewusst in Vergessenheit gebracht, dass er das herkömmliche
Frömmigkeitsdenken störte, dass er die Autorität der
selbstberufenen Gottesvertreter untergrub; dass er jedem
Menschen eine eigene Kompetenz und Vollmacht zuerkannte und sich
nicht scheute, dafür den Kreuzestod zu erleiden.
Der Tod Jesu und anderer bleibt exemplarisch für viele andere
Schicksale. Aus der Alexandrinischen Zeit, also schon aus der
Zeit vor Christus, ist bekannt, dass die damaligen Herrscher
angesichts der brennenden Bibliothek von Alexandia nichts
anderes zu sagen hatten als die Weisung zu erteilen: "Lasst sie
verbrennen. Sie ist das Gedächtnis der Ruchlosen".
Die panische Angst, dass das Gedächtnis freier und selbständiger
Denker und Geister in der Geschichte eine den Status-quo
auflösende oder zumindestens verändernde Wirkung hervorrufen
könnte, hat Diktatoren und Ideologen immer wieder zur Zerstörung
des "Gedächtnisses der Ruchlosen" veranlasst. Man denke an die
Bücherverbrennungen der Kommunisten unter LENIN und STALIN; an
die der Nazis; an die Bücherverbote ("Index") und die Verwerfung
ihrer Verfasser durch die katholische Kirche bis in unsere Zeit
hinein; an das scharfe Verdikt des Kölner Kardinals noch im Jahr
2002 gegen alles, was Laienverbände - weil sie ja nur "Laien"
sind und sich zu wenig vom Klerus bestimmen lassen wollen -
denken und tun.
Bezeichnend für solche und ähnliche ideologische Kämpfer ist
nicht nur, dass sie sich hundertprozentig mit ihrer Ideologie
identifizieren. Ihre Menschenwürde und Persönlichkeit stehen und
fallen mit dieser Identifizierung. Würden sie in der Lage sein,
ihre absoluten Behauptungen zu relativieren und aus der Distanz
selbstkritisch zu beurteilen - was für geschichtlich denkende
Menschen eine ziemliche Selbstverständlichkeit ist - , würden
sie sich selbst aufgeben. Sie stünden bloß und nackt da: vor
sich selbst wie vor der Öffentlichkeit. Sie spüren sich
instinktiv in ihrem "Personkern", der keiner ist, gefährdet,
wenn ihnen Andersdenkende über den Weg laufen und den Anschein
erwecken, ihre äußere Kostümierung durchschaut zu haben. Unfähig
zum Umdenken und zum Lernen aus der Geschichte, werden sie bei
jeder äußeren Fragestellung aggressiv und kämpferisch. Auch dann
noch, wenn die Fakten bereits lange gegen sie sprechen; wenn sie
bereits mit dem Rücken zur Wand stehen. So werden sie zu
tragischen Figuren der Geschichte. Sie zerstören selbst die
Sache, zu deren Festschreibung und Verteidigung sie ihre Kräfte
aufbieten. Sie dienen nicht mehr den Anliegen, die sie auf ihre
Fahne geschrieben haben. Sie dienen schließlich nur noch sich
selbst: ihren Ängstlichkeiten, ihren seelischen Verkrampfungen,
ihrer geistigen Erstarrung.
Letztlich können sich an solchen Wendepunkten der Geschichte, in
denen das Alte zu Ende geht und das Neue für die meisten nur
keimhaft, fragmentarisch und ohne klare Konturen zum Vorschein
kommt, nur die behaupten, die den Mut zur Bildung und
Selbstverwirklichung bewahren. Oft sind sie Einzelkämpfer,
Visionäre, Propheten und Heilige. MARTIN LUTHER z.B. vermochte
im fast hoffnungslosen Kampf gegen alle Widersacher, statt
aufzugeben, noch zu sagen: "Hier stehe ich und kann nicht
anders". Solche Leute, meistens in ihrer Zeit als Häretiker und
Utopisten verkannt und verstoßen, stellten sich oft erst nach
Jahrzehnten oder Jahrhunderten als die wahren "Realisten"
heraus, jedenfalls realistischer als ihre "realistischen
Kritiker".
Das Neue setzt sich immer nur als kleines "Licht der Welt"
durch; als "Sauerteig", der lange braucht, um alles zu
durchsäuern; als "Salz der Erde" , welches leicht den Mut zu
verlieren vermag und dabei aufhört, Salz der Erde zu sein; als
"neuer Wein", für den die alten Schläuche nicht mehr taugen. Es
hat lange gedauert, bis das Volk Israel im AT zum
Ein-Gott-Glauben und zu den Zehn Geboten fand. Es hat lange
gedauert anzuerkennen, dass Gott den Menschen geschaffen hat als
Gleichwertigkeit von Mann und Frau; dass das Volk Gottes nur
existieren kann in der Einheit und Spannung zwischen den vielen
Erscheinungsformen, die sich "Menschen" nennen. Es hat lange
gedauert, bis die Kirche - etwas verstohlen und schlechten
Gewissens - eigene Schuldbekenntnisse gegenüber der Geschichte
auszusprechen vermochte. Es hat lange gedauert, bis die Irrtümer
z.B. des Papstes Gregor XVI als solche eingesehen wurden. Dieser
hatte noch 1846 die damals aufkommenden Wertvorstellungen wie
"persönliche Würde", Gewissensfreiheit und Verantwortung...
"Irrsinn" genannt und "höchst verhängnisvolle Irrtümer". Es wird
noch lange dauern, bis man amtskirchlich einsehen wird, dass die
Überwindung der Konfessions- und Kirchenkrisen wie auch
lebendige "Ökumene" durch theologische Spitzfindigkeiten nicht
erreicht werden können. Es wird noch lange dauern, bis man
begreifen wird, dass "Laien" und "Frauen" in der
Reich-Gottes-Predikt Jesu eine gleichwertige Beauftragung und
Sendung haben.
Man kann die Palette der Einzelheiten noch beliebig verlängern.
Bei aller aufzubringenden Geduld und Erwartungshaltung ist es
tröstlich zu wissen, dass bisweilen die Mauern plötzlich,
unerwartet, sozusagen mitten in der Nacht fallen, wie die in
Jericho und Berlin. Solche Situationen bedürfen hellwacher
Menschen, die begreifen, worum es geht und was da auf dem Spiel
steht. HELMUT KOHL, auf BISMARCK zurückgreifend, hat die
Ereignisse um den Mauerfall in Berlin in die Worte gefasst: "Man
kann nicht selber etwas schaffen; man kann nur abwarten, bis man
den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen hört; dann den
Zipfel seines Mantels fassen - das ist alles".
Nur Menschen, die es ein Leben lang gelernt haben, sich zu
bilden, sich ein realistisches Bild zu machen über sich selbst,
über andere und die Welt, die zugleich zu sich selbst gefunden
haben, zu ihrer Persönlichkeit, Einmaligkeit und ihrem eigenen
Rückgrat, vermögen "den Schritt Gottes" durch die Ereignisse der
Geschichte hallen zu hören. Sie sind die eigentlichen "Charismatiker",
weil sie repräsentieren und darstellen, was im Namen ihres
eigenen Herausgefordertseins und im Auftrag eines Anderen
einmalig darzustellen ist.
4. Bildung und Selbstverwirklichung: unverzichtbar im
Umbruch der Zeit-Verhältnisse.
Bildung und Selbstverwirklichung: nur im Umbruch geschichtlicher
Verhältnisse? Oder ist der Mensch immer im "Umbruch", weil er zu
jeder Zeit seine Bestimmung und Rolle im Leben finden muss? So
war jedenfalls die Ich-Existenz im AT immer eine Wir-Existenz,
weil eingebettet im Gesamtgefüge des Volkes Gottes. Der
Paradies-Zustand war ein gemeinsames Dasein; die Vertreibung aus
dem Paradies eine gemeinsame Vertreibung. Und die Unerlöstheit
der Menschheit seitdem und seine Erlösungsbedürftigkeit beziehen
sich immer auf alle, weil alle in einer Schicksalsgemeinschaft
existentiell verbunden sind (Röm. 8.18 ff).
Diese Grundstruktur besteht auch im NT fort. Der Einzelne war
und ist eine Bezogenheit auf die anderen. Vom Wohl des Einzelnen
hängt bei Paulus das Ganze der Gemeinschaft ab. "Kirche" ist
dabei nichts anderes als das mehr oder weniger harmonische
Zusammenspiel der einzelnen Gaben und Charismen (1Kor 12-13).
Wenn man das Christentum weniger als "Schriftreligion" versteht,
viel mehr wie ursprünglich als "Beziehungsreligion" zu einer
Person, dann sind die biblischen Bücher nichts anderes als das
Ergebnis der Auseinandersetzung der ersten Gemeinden mit dieser
Person, die eine Botschaft verkündete und ein Schicksal erlitt.
So gestalteten die ersten Gemeinden auch nicht ihre Kraft und
ihre Überzeugungsfähigkeit durch "unfehlbares Reden" und
Dozieren der wenigen gegenüber den vielen. Sie wuchsen heran und
taten sich hervor als Erinnerungs-, Erzähl-, Austausch-,
Glaubens-, Hoffnungs-, Lebens- und Mahlgemeinschaften, stets in
dem Bewußtsein: wo ein oder zwei in Seinem Namen versammelt
sind, da werden "Kirche" und "Gemeinde" konstituiert.
Vom AT und NT her sind Bildung und Selbstverwirklichung bereits
unverzichtbar, wenn es um die Ebenbildlichkeit des Menschen, um
die Entfaltung seines persönlichen Charismas und um die
Lebendigkeit des Glaubens einer Gemeinde geht. Was der Kirche
jahrhundertelang aus ideologischen und kirchenpolitischen
Gründen wie gesellschaftlichen Rücksichtnahmen abhanden gekommen
ist, muss sie spätestens mit LUTHER und dessen "sola-scriptura-Idee",
seit der Aufklärung und dem Auftreten der modernen
Humanwissenschaften wieder lernen. Ob sie dazu fähig ist? Was
für Demokratien von größter Wichtigkeit ist - nämlich Mehrheiten
durch Überzeugungsarbeit gewinnen - , ist seit Jahrhunderten für
die Kirchen eher gefährlich. Denn was wird aus ihren
patriarchalischen Strukturen, wenn plötzlich alle mitreden
wollen? Was wird aus der Unfehlbarkeit der theologischen
Spezialisten und Lehrämter, wenn die Menschen ihren Glauben
plötzlich ganz anders verstehen? Für die bestehenden
Ordnungshüter gibt es deshalb nur folgende Perspektiven: zurück
in die Vergangenheit; Erhaltung des "status quo" um jeden Preis;
das Zufriedenstellen "mündiger Christen" mit möglichst kleinen
Katechismen, weil die "Klugen und Weisen" die großen zum
Belehren und Dozieren für sich selbst behalten wollen.
Dennoch haben uns demokratische und aufklärerische Entwicklungen
in Umbrüche und Umwälzungen gestellt, die man nur mit wichtigen
Hinweisen zu erahnen vermag. Fachleute sprechen von
Traditionsverlust; Werteunsicherheit und -beliebigkeit;
Bindungs- und Zukunftsangst; Staats-, Parteien- und
Kirchenverdrossenheit; Individualisierung in allen
Lebensbereichen; Bastelbiographie; Anonymität in der Masse;
wachsende Verführbarkeit des Menschen durch Parolen und
Schlagzeilen; nicht mehr überprüfbare Verlogenheit im Kleinen
wie im Großen; Gewissenlosigkeit; opportunistisches Mitläufertum
und Karrierestreben...
Das Spektrum einer "Gesellschaft in Auflösung", in der Krisen
und terroristische Gewalttätigkeiten immer mehr Normalzustände
werden statt Ausnahmen zu sein, ist also breit und bedrohlich.
Die Gesellschaft versucht ihr "Gleichgewicht" zu wahren bzw.
immer wieder herzustellen, indem sie auf die von ihr selbst
proklamierten Menschenrechte pocht und neuerdings auch auf
Menschenpflichten verweist. Wo und wie finden die Kirchen ihr
"Gleichgewicht" und damit ihre Anhängerschaft? Es bestünde die
reale Chance, den Wertekatalog des Evangeliums allgemein wieder
in die Mitte zu stellen und "unten" wie "oben" danach handeln zu
lernen. Sicher müssten "theologische Summen" nach hinten gerückt
werden, indem das für alle Verständliche des Evangeliums wieder
praktikabler Maßstab wird. Liebgewordene Strukturen und
Traditionen müssten auf die Frage hin kritisch untersucht
werden, ob sie der Entfaltung des Ursprünglichen dienen oder
dessen Verhinderung... Jedenfalls ist es das Gebot der Stunde,
möglichst vielen wieder Kompetenzen und Zuständigkeiten
zuzugestehen. Wo kirchlich und strukturell den Menschen Gaben
und Fähigkeiten aberkannt werden, die ihnen von Gott gegeben
sind, da eröffnet sich keine Zukunft mehr. Kirchen und
Gesellschaften verfallen ihrer eigenen "Krankheit zum Tode"
(KIERKEGAARD); sie begehen blind und unbewußt "begeisterten
Selbstmord". Man könnte das Klagelied anstimmen, welches Jesus
über Jerusalem geweint hat: Wenn du doch rechtzeitig erkannt
hättest!... Nun ist es vor deinen Augen verborgen... Es wird
kein Stein auf dem anderen bleiben (vgl. Lk 19. 41-44).
5. Die Angst des Menschen vor sich selbst
Es wäre verfehlt, würde man die Verhinderung von Persönlichkeit
und Bildung nur Gesellschaften, Kirchen und Verbänden zutrauen.
Oft ist es den Menschen recht und billig, Herdenmenschen zu
sein, sich gängeln und bestimmen zu lassen. Darauf hat THOMAS
von AQUIN († 1274) bereits im 13. Jahrhundert hingewiesen. Er
hat von einer der entscheidenden Hauptsünden gesprochen, die den
Menschen daran hindern, seinen eigenen Lebensweg zu finden. Ohne
persönlich wichtige "Optionen" könne der Mensch zu sinnerfülltem
Leben nicht finden. Für ihn war die "acedia", die geistige
Trägheit jene Schwerkraft, die den Menschen nicht das sein
lässt, als was Gott ihn liebt und will. Denn Gott habe jedem
etwas Originelles in den Grund seiner Seele gelegt, dessen
Entfaltung menschliche Würde überhaupt ausmacht. Aber die
geistige Trägheit hindere ihn daran, seinem eigenen Wesen,
seiner "wahren Gestalt" zuzustimmen. Wer aber "verzweifelt nicht
er selbst sein wolle", der könne weder zu sich selbst "ja" sagen
noch einen anderen bzw. die Welt in ihrer Gesamtheit annehmen
und bejahen.
Indem THOMAS von AQUIN von der grundlegenden Versuchung zur
geistigen Trägheit spricht, hat er eine fundamentale Erkenntnis
der anthropologisch-psychologischen Forschung der Gegenwart
jahrhundertelang vorweggenommen. ERICH FROMM, SIGMUND FREUD,
ALEXANDER MITSCHERLICH und andere sprechen davon, dass der
heutige Mensch, auffallend überbeschäftigt, mit vollem
Terminkalender von morgens bis abends, nur äußerlich ein
"Aktiver" sei. In Wirklichkeit sei er "passiv", weil dauernd auf
der Flucht vor sich selbst aus Angst vor den Abgründen in seiner
eigenen Seele.
Was auf vielfältige Weise beschrieben wird als geistige Trägheit
und Flucht vor sich selbst, als Unfähigkeit zu seiner eigenen
Lebensrealität, drückt sich äußerlich in symptomatischen
Kompensationsmechanismen aus, die nach äußerstem Aktivismus
riechen. Dann ist von dauernder Rast- und Ruhelosigkeit die
Rede; von äußerer Hektik und innerer Nervosität; von Depression,
Traurigkeit und Verzweiflung; von Dauerstress und extremer
Angespanntheit; von der Unfähigkeit zum Schweigen und
Verarbeiten des Erfahrenen und sinnlich Wahrgenommenen; vom
Perfektionismus und dem unmöglichen Vertrauen, Fragmentarisches
und Vorläufiges akzeptieren zu lernen - obwohl sinnvoll
gestaltetes Leben nur möglich wird durch das Reifer- und
Erfahrener-werden von Stufe zu Stufe, von Schritt zu Schritt...
Der Negerdichter RICHARD WRIGHT sieht in den modernen Symptomen
des Aktivismus Auswüchse einer latenten, nicht bewältigten Angst
vor den "Ausweglosigkeiten des Lebens". Denn wer die Welt als
Ganzes nicht in den Blick bekomme und die Abgründigkeiten des
Lebens nicht in den Griff, werde unaufhaltsam wie ein
Funktionär, der den Zufälligkeiten des Augenblickes ausgeliefert
bleibt. Äußerlich ständig rastlos und aktiv, ist der moderne
Mensch stets in Gefahr, ein Getriebener, ein Gehetzter, ein
Angespannter... zu sein. Er bestimmt nicht sich selbst, sondern
wird von anderen bestimmt und gesteuert und kann - wie die
Erfahrung der Vergangenheit und Gegenwart zeigt - von allen
möglichen geistigen wie politischen Führern bzw. "Gurus" in den
Dienst genommen, gebraucht und missbraucht werden. Die Gefahr
dazu wächst im Maße der Einzelne ein geistig Unfähiger, ein
Unverantwortlicher und letztlich auch ein "Gewissenloser"
bleibt, weil nie reif und fähig geworden zu eigenen
Entscheidungen.
6. Die "Krankheit zum Tode" und die Abschaffung der Ruhetage.
Ruhe- und Rastlosigkeit gehen übrigens bis in die Nacht hinein.
Ein charakteristisches Merkmal von Menschen, die ihren Motor in
einem rationalen Planungssystem nie abzustellen vermögen, ist
die Schlaflosigkeit. Wer sich nicht mehr fallen lassen kann, wer
nicht mehr sorglos und entspannt wie ein Kind zur Ruhe kommt,
dem vermag auch der Herr im Schlaf nichts Schöpferisches zu
geben. Bereits HERAKLIT († ca. 544 v. Chr.) hat davon
gesprochen, dass wirklich schlafende Menschen "Tätige" seien und
am meisten fähig, sich als Mitwirkende am Geschehen in der Welt
sinnvoll zu beteiligen. Im AT spricht der leidgeprüfte HIOB
(35,10) von einem Gott, der "Loblieder schenkt in der Nacht".
GOETHE beschreibt seine eigentlich tiefen Einsichten und
Einfälle wie Blitze, die einen in der Nacht nur für kurze
Augenblicke überfallen. Sie müssen daraufhin beständig und
hartnäckig aufgearbeitet werden, weil sie eine Ahnung von dem
vermitteln, "was die Welt im Innersten zusammenhält".
Menschen mit einem tiefen Begreifen und Erahnen der eigentlichen
Welt- und Lebenszusammenhänge vermögen einem Anderen Vieles zu
überlassen. Das macht ruhig und gelassen - bei allem
Verantwortungsbewusstsein. Sie leben nicht mehr, wie PAULUS
schreibt, "aus der Klugheit des Fleisches" (Röm 8,1 ff). In
ihrer inneren Ruhe und Gleichgewichtigkeit vermögen sie über
alles Menschliche hinaus zu glauben, zu hoffen, zu lieben. In
der erfüllten Ahnung und inneren Sicherheit, dass alles, was sie
denken und tun, in einem "göttlichen" Zusammenhang steht,
vermögen sie zu einer Reife zu gelangen, die letztlich nicht
mehr menschlich ist. "So kann der Mensch nicht leben, sofern er
Mensch ist, sondern nur, sofern ein Göttliches in ihm wohnt",
schreibt ARISTOTELES († 322 v. Chr.). Und I. KANT († 1804)
spricht von den "drei Dingen", die der Himmel dem Menschen als
Gegengewicht zu den vielen Mühseligkeiten des Lebens gegeben
hat: die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen...
Der Tatsache, dass Völker, Kulturen wie auch Religionen Sonn-
und Feiertage eingerichtet und auf deren Einhaltung oft streng
geachtet haben, hat in der Tat viel mit der geistigen und
religiösen Gesundheit des Menschen zu tun. Es kann Christen
nicht einfach darum gehen, am Sonntag ein bisschen "fromm" zu
spielen bzw. in der Kirche einen religiösen Eindruck zu
hinterlassen. Ruhetage gelten - neben dem religiösem Gehalt -
dazu:
- "Abstand" von den oft banalen Abläufen des Alltags zu
gewinnen und Zeit dafür aufzubringen, sie zu verstehen,
aufzuarbeiten, das Sinnvolle und Sinnlose an ihnen zu
erkennen.
- Durch das Hören auf andere in Vorträgen, Gesprächen und im
Lesen von Büchern die Erfahrung zu sammeln, dass es anderen im
Leben ähnlich geht. Es schafft Zusammenhalt, Solidarität,
Gespür für einander. Es regt an, aber auch auf. Nach LUDWIG
FEUERSTEIN werden die anderen zu "Gewissensbissen der
Menschheit".
- Nur durch das Verarbeiten guter und schlimmer Erfahrungen
gewinnen diese eine fürs Leben integrierende Kraft. Man lernt,
selbständig, bewusst und begründet "ich" zu sagen und eigene
Überzeugungen zu verstehen - auch dann noch, wenn die äußeren
Bedingungen dazu miserabel sind.
7. Freiheit und Selbstverwirklichung müssen gelernt
werden.
Einige Schlussbemerkungen seien hier erlaubt:
- Beim Lesen, Sprechen und Zuhören findet eine
Identifizierung mit, aber auch eine Distanzierung von Anderen
statt. Der Einzelne nimmt an der Sicht der Dinge und des
Lebens eines anderen teil. Das hilft ihm, seinen eigenen
Standpunkt zu klären, zu eigenen Gewissheiten und
Überzeugungen zu kommen. Es zeichnen sich Konturen ab für
Lebensorientierung und Lebensbewältigung. Das an-regende oder
auf-regende Denken eines anderen zwingt zur durchdachten und
begründeten eigenen Sinnorientierung, ohne dem anderen "das
Seine" zu nehmen.
- Indem die Rolle des "einsamen Denkens" überwunden wird;
indem durch gemeinsames Sprechen und Besprechen Austausch,
Kommunikation, Dialog und Auseinandersetzung gelingen,
ereignet sich unter Gesprächspartnern die bunte
Facettenhaftigkeit des Lebens und die unterschiedliche Sicht
der Dinge. Genaues Hinhören und Verstehen-wollen machen den
Blick frei für andersgeartete Erfahrungen, für Zweifel und
Ängste, für Abgründigkeiten und "Hoffnungsversuche". Dabei
wächst der Weg zum anderen, zu mehr Verständnis und Toleranz.
Im Vertrauen zueinander erfährt der Einzelne viel über den
anderen, vor allem aber über sich selbst. Die Welt fängt an,
in einem neuen Licht zu erscheinen. Es wachsen
Selbstsicherheit und Mut zur eigenen Meinung. Im Maße der
eigene Standpunkt geklärt und im Selbst verankert ist, wird
der Mensch kompetent, reif und sprachmächtig genug, um sich in
(kirchliche wie gesellschaftliche) Prozesse einmischen zu
können.
- Das vertiefte Sprechenlernen miteinander; das Aufarbeiten
persönlicher und gemeinschaftlicher Erfahrungen regen zu
Kreativität, Phantasie und gemeinsamen Lösungen an. Sie
vermögen bei existentiellen Krisen "einfach Wunder zu wirken"
(E. FRANKL). Sie machen selbstbewusst und verleihen
Ich-Stärke, so dass nicht nur Vergangenheit bewältigt, sondern
auch Anstöße für die Zukunft gegeben werden. Das wachsende
Vertrauen und Bewusstsein des "gemeinsamen Sitzens in einem
Boot" machen nicht nur Mut zu neuen Fragen, sondern auch zu
neuen Antworten. Die stets "mündliche Auseinandersetzung"
dient am meisten der Konkretheit des Lebens. Sie ist aus
dieser Erfahrung heraus chronisch misstrauisch gegenüber jedem
Buchstaben-Glauben bzw. Glauben an "Vorschrift, Gesetz und
Ordnung". Leben muss zwar immer auch "organisiert",
strukturiert und gemeinsam verantwortet werden. Aber alle
solche "Maßnahmen auf Abruf" dürfen nicht in die Sklaverei der
Buchstabengläubigkeit führen; sie müssen, realitäts- und
situationsbezogen, stets dem werdenden und wachsenden Leben
verpflichtet bleiben.
- Dauernde Auseinandersetzung verhindert die Diktatur des
polizeistaatlichen bzw. ideologischen Denkens. Sie wirkt der
geistigen Inferiorität und der bigotten Verlogenheit leerer
Worthülsen entgegen, die deshalb so nichtssagend sind, weil
sie beanspruchen, schon alles gesagt zu haben. Wo keine
persönliche Betroffenheit mehr zur Sprache gebracht oder
ausgelöst wird, ist keine Zukunft zu gewinnen. Die Welt bedarf
mehr denn je der Freiheitskünstler, die Verantwortung zeigen
und zur persönlichen Tapferkeit tauglich sind. Sie bedarf
weniger der bloßen Zu-Schauer und der passiven Zu-Hörer als
vielmehr der entschiedenen Zeugen und "Täter des Wortes", die
sich gegen jede Form der Anonymität in der Masse zu Wehr
setzen; die sich gegen destruktive Weltmächte wehren, die es
schon deshalb sind, weil sie die Notwendigkeiten der Zeit
nicht verstehen wollen und deshalb nicht schöpferisch zu
reagieren vermögen.
- Nach Meister ECKHART gibt es eine innere Korrespondenz und
"Gleichzeitigkeit" von Lese- und Lebemeister. Gemeinsames
Sprechen kann helfen, dass diese Übereinstimmung erhalten
bleibt. bzw. wieder gefunden wird. Menschen, die etwas von der
Konkretheit des Lebens verstehen, sind die besten Garanten
dafür, dass nicht in graue Theorien abgehoben und aus der
Lebensuntüchtigkeit in "ewige Lehrsätze" geflüchtet wird. Auch
Religion und christlicher Glaube haben nur dann eine Zukunft,
wenn sie das Gewicht menschlicher Welt-Immanenz in seiner
Ganzheit erfassen und Wege der Hoffnung eröffnen auf den hin,
"der alles in allem ist".
- Bildung und Selbstverwirklichung werden nicht dadurch,
dass man sich etwas über sich selbst oder andere einredet,
einer "Fata morgana" bzw. Lebenslüge nachläuft. Sie sind
lebenslange Prozesse, die eigentlich nie zu Ende sind, solange
das Leben währt. Sie sind auch nicht mühelos zu erreichen, auf
dem Wege der Gelegentlichkeit oder Unverbindlichkeit. Sie
werden entweder von innen angestoßen, von eigenen Lebenskrisen
und -situationen oder von außen provoziert durch kirchliche
oder gesellschaftliche Veränderungen. Wo Bildung und
Selbstverwirklichung gelingen, provozieren sie ihrerseits
kirchliche oder gesellschaftliche Lernprozesse. Eigentlich nur
so bleiben persönliche Biographien, Ehen, Familien, Kirchen
und Gesellschaften geistig wach und lebenstüchtig. So sieht es
auch Paulus. In Röm. 8.14 heißt es: "Die vom Geist getriebenen
sind, sind Kinder Gottes". Und weiter (8.15-17): Ihr habt
keinen Geist empfangen, der Euch zu Sklaven macht, sondern
jenen anderen, der Euch im "Abba Vater" die Taten Gottes zu
tun lehrt.
- Was es über Bildung und Selbstverwirklichung zu sagen
gibt, muss heutigen Menschen mit ihrer Grundeinstellung: alles
ist "machbar", alles ist "käuflich" wieder ins Stammbuch
geschrieben werden: es gibt Dinge, die nur mit "Zucht, Maß und
Anstrengung" zu erreichen sind. In früheren Zeiten wurden
religiöse Vorstellungen allzu oft mit Strenge und Drill
verwechselt. Heute in der "Spassgesellschaft" besteht die
Gefahr, alles mit Freude, Spiel, Lebensleichtigkeit erreichen
zu wollen. "Strenge" und Anstrengung sind verpönt. Auch die
Religion muss sich leicht, kostenfrei, erlebnisreich,
interessant darstellen - bis in "coole Gottesdienste" hinein.
In Wirklichkeit geht es bei ihr, wie bei der Bildung und
Selbstverwirklichung, um ein lebenslanges Umgehenlernen mit
all den "Jahreszeiten", die es gibt. Sie heißen Erfolg und
Misserfolg, Freude und Leid, Gesundheit und Krankheit,
Enttäuschung und Hoffnung, Niederlagen und siegreiches
Überleben. Wer diesen unterschiedlichen Erfahrungen ausweicht,
sie verdrängt und leugnet, gleicht bei allem äußeren Schein
einem "blühenden Unsinn", einem Haus auf Sand gebaut, in dem
niemand zu wohnen bereit und fähig ist.
Für ELIE WIESEL muss der Mensch jemand sein und werden, "der
sucht; jemand, der gesucht wird. Jemand, der zuhört und auf den
gehört wird. Jemand, der die Menschen sieht, wie sie sind und
wie sie sein sollten. Jemand, der seine Zeit widerspiegelt und
doch außerhalb der Zeit lebt."
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