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Was ist ein religiöser Mensch?
Oktober 2003
1. Die Geschichte.
Francesco Petrarca war sein Name. Er lebte vor langer Zeit, vor gut 600
Jahren. Berühmt und angesehen war er auch. Als junger Mann hatte er bereits
den Ruf eines bedeutenden italienischen Dichters und Schriftstellers. Damals
galt das Reisen noch als ein sehr strapaziöses Abenteuer. Aber er liebte die
großen Städte und Landschaften wie Paris, Köln, Prag, Mailand, Venedig und
Flandern. Was er auf seinen Reisen erlebte und persönlich erfuhr, beschrieb
er in seinen faszinierenden Schilderungen über die Natur, ihre Menschen und
Tiere, ihre kulturellen Leistungen und bedeutenden Errungenschaften.
Eines Tages genügte es ihm nicht mehr, nur innerhalb dieser Welt
herumzufahren. Er wollte seine Lebensperspektive radikal verändern. Er
wollte über den Wolken sein. Weil damals noch niemand eine Ahnung davon
hatte und haben konnte, daß es in späteren Jahrhunderten einmal Flugzeuge
geben würde, die in eine grenzenlose Freiheit über den Wolken führen, gab es
für ihn nur die Möglichkeit, den hohen Berg Ventoux zu besteigen. Dieser war
über 2000 Meter hoch. Voller Begierde und Sehnsucht, das Maß des "Irdischen"
zu durchbrechen und sich dem "Himmlischen" zu nähern, brach er eines Tages
zum Aufstieg auf den "Berg des Windes" auf, dessen Gipfel hoch in den Wolken
lagen. Sein Bruder und seine Diener begleiteten ihn.
Der Weg auf die Höhe des Berges erwies sich, mehr als erwartet, als äußerst
gefährlich und strapaziös. Die Bergsteigergruppe machte tagelang die bittere
Erfahrung, daß die ursprüngliche Munterkeit leicht in Ermattung umschlug,
die leidenschaftliche Begeisterung in Überdruß. Jedoch: die stets neu
gewonnenen Ausblicke, die sich einstellende Faszination der Berge, ließen
Anfechtung und Versuchung zum Aufgeben schnell wieder verfliegen. Doch dann
kamen wieder neue Strapazen. Warum sie auf sich nehmen? Warum so viel
Energie und Freizeit opfern? Warum auf viele Annehmlichkeiten verzichten?
Vor Beginn ihrer Reise hatte es genügend warnende Stimmen gegeben. Diese
hatten sie wegen der Gefährlichkeit des Unterfangens umzustimmen versucht.
Da war am Fuße des Berges der kleine Prinz gewesen. Er hatte ihre müden
Gesichter und abgemagerten Körper lange schweigsam von oben bis unten
angeschaut. Er hatte sich erstaunt gezeigt über ihr verwegenes Vorhaben. Er
hatte davon gesprochen, daß Menschen dazu neigen, immer die höchsten, auch
unerreichbaren Ziele anzustreben. Besser wäre es, sich auf für sie
Angemessenes und Erreichbares zu konzentrieren. Zu hohe Ziele erreichen zu
wollen, sei sinnlos. Zum Schluß hatte er sie gewarnt: "Von da oben werdet
ihr nichts heimbringen; nur Reue und Mühe; einen von spitzem Dornengestrüpp
zerrissenen Rock und einen von Felskanten verwundeten Leib".-
An all das mußte Petrarca denken, als er sich und seine Kameraden immer
wieder neu anzuspornen versuchte. Er mußte auch an die ironischen
Bemerkungen der gutwilligen Spötter denken, die jetzt da unten in den
Kneipen saßen, die Wein tranken und Kaffee schlürften. Ihnen fehlte der Sinn
für Dinge jenseits des Alltäglichen. Sich mit menschlichen Banalitäten
zufrieden gebend, hatten sie kein Verständnis für faszinierende Abenteuer,
die andere in ungewöhnliche Höhen führten und angeblich die Aussicht
verhießen, über den Wolken zu sein.
Allen Widerständen gegenüber zum Trotz erreichte Petrarca den Gipfel. Es war
ein ungewöhnliches Glücksgefühl, die Welt aus einer ganz anderen Perspektive
zu sehen. Er sah mehr als diejenigen, die unten in den Kneipen hockten: die
zerklüfteten Gebirgszüge; die abgründigen Tiefen; den Wechsel von Schatten
und Licht; den strahlenden, alles überflutenden Aufgang der Sonne... Er sah
Dinge, die nicht zu beschreiben waren. Er machte Erfahrungen, die zu
wiederholen er in Zukunft keine Mühe scheuen würde. "Gipfelerlebnisse" hatte
er auch früher schon gehabt: wenn er in schwerer Bedrängnis unerwartet
innere Kräfte in sich spürte; wenn er bei Zweifeln und in
Versagensgeschichten plötzlich eine Macht in sich vernahm, die ihn über alle
Gräben zu tragen schien. Aber dies war nun der Gipfel von allem und der Lohn
der Mühe: die ganze Welt lag vor ihm - in ungeahnter Pracht und
Herrlichkeit.
2. Erläuterungen.
Der Sinn und Inhalt dieser Geschichte kommen der Frage nahe: was ist ein
religiöser Mensch?
- "Religiöses" und "Glaube" lassen sich nicht schwarz auf weiß nach
Hause tragen, lassen sich nicht in Gesetzen und Buchstaben festmachen. Es
handelt sich um einen Weg, um ein lebenslanges Suchen nach den letzten
Fragen und Antworten des Lebens - ein in vielen Lebenssituationen
schwieriges und mühevolles Unterfangen.
- Religion und Glaube lehren, die Dinge und Ereignisse des Lebens aus
einer ganz anderen Sicht und Perspektive zu sehen und verstehen zu lernen
- sozusagen aus dem Blickwinkel des Ewigen und Überzeitlichen. Sie rücken
viel unmittelbar Aufregendes und Aufwühlendes der Zeit und Geschichte in
das rechte Licht; machen gelassen und schaffen innere Distanz zu
Erfahrungen, die einen sonst auffressen und zermürben würden. Das Ahnen,
daß jede kleine und vorübergehende Einzelheit in einem größeren
Zusammenhang steht oder stehen muß, macht stark und tragfähig.
- Glaube lehrt die Offenheit für Vorbilder, die glaubwürdig genug sind,
um eigenes Denken und Handeln an ihnen orientieren zu lernen: an "Helden
und Heiligen", die es in allen Religionen gibt, die Maßstäbe gelebt und
gesetzt haben. Diese gilt es nicht zu imitieren, wohl sich aber von ihren
Fragen und Antworten inspirieren zu lassen, um eigene Optionen dabei zu
entwickeln.
- Glaube verliert nicht den Blick und Sinn für das Wesentliche im Leben,
für das, worauf es eigentlich ankommt. Oft müssen Menschen erst schwierige
Kreuzwege gehen und herbe Niederlagen erleiden, um sich auf das
"Eigentliche" zu besinnen. Wo Religiöses aufbricht, wird die Bewältigung
des Lebens, aus tieferer Sicht gesehen, möglich.
- Weil je nach Lebenslage das religiöse Fragen und Suchen immer wieder
neu aufbrechen, ist auch die Frage nach Gott keine endgültige. Sie
beruhigt nie. Sie führt nie zu Selbstsicherheit und Geruhsamkeit. Sie
bereitet eher Kopfschmerzen dem, der sie mit oft grausamen Wirklichkeiten
des Lebens in Verbindung bringt. Solange solche "Kopfschmerzen" andauern,
unterliegen Religionen nicht der Gefahr, im Sinne S. Freuds ein
Betäubungsmittel zu werden, ein Lügen- oder Projektionsgebäude, ein
Machtinstrument, um Menschen gefügig zu machen. Eher bestätigt sich das,
was der englische Popsänger David Bowie über seine "zentrale Lebensfrage"
sagt, die ihn bis an Ende seiner Tage verfolge: "Gott? Ich glaube an dich,
ich glaube nicht an dich, ich glaube ein bißchen an dich ...Ich habe das
Problem nie gelöst. Ich versuche es jeden Tag von neuem".-
- Beim Lesen und Bedenken der Bibel stellt sich "christlich" die
(theoretische) Frage nach Gott vielleicht am wenigsten, sondern vorrangig
nach Jesus Christus. Dieser hat eine Botschaft gelehrt und gelebt: alles,
was Menschen sind und leben, steht in einem größeren heilsgeschichtlichen
Zusammenhang. Jedes Werk der Liebe, der Barmherzigkeit, des Verzeihens und
des Aufmunterns ist wie ein "Samenkorn": klein und unscheinbar, aber
dennoch wachsend. Es eröffnet den Zugang zu Gott und zugleich in eine
Zukunft, die, als "neue Schöpfung", als "erlöste und vollendete Welt"
beschrieben, einst bleibende Wirklichkeit sein wird. Christliche Existenz
muß sich darin, bereits im Hier und Heute, als liebende und hoffende
erweisen.
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