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Was ist Religion (4)? :
"Person - Werdung"!
August 2005
Es mag ungewöhnlich sein, wenn im Zusammenhang dieser Frage die
primäre Antwort "Person-Werdung" gegeben wird. Tatsächlich legen die
personalisierenden Impulse des Alten und Neuen Testamentes diese Antwort als
unverzichtbar nahe. Mit Recht hat Kardinal Josef Ratzinger - heute
Benedikt XVI. - den Übergang vom Begriff Individuum zu dem der
Person als die entscheidende Wende vom hellenistisch zum christlich
geprägten Denken bezeichnet. Mit "Person" rückt die
Unverwechselbarkeit des Einzelnen in den Vordergrund...
Ob diese Einsicht jedoch in ein handfestes, effektives pädagogisches Konzept
umgesetzt worden ist, bleibt sehr zweifelhaft. Ebenso scheint das
"Bodenpersonal" von der Ausbildung und Beauftragung her kaum geeignet und
disponiert. Bei der Selbstbeschränkung auf Predigt und Sakramente laufen
viele Ausdrucksformen der Verkündigung in einer Monologstruktur "von oben
nach unten". Der Theologe Medard Kehl behauptet, der Kirche sei auf
weiten Strecken der in klugen Sätzen formulierte Übergang vom Individuum zur
Person in der Praxis nicht gelungen. In den vorhandenen Sozialstrukturen
gäbe es "Subjekte" des belehrenden Dozierens und "Objekte" des
Belehrtwerdens; Verwerfungen von oben und religiöse Sprachlosigkeit unten;
Befehlsformen oben und Gehorsams- bzw. Untertänigkeitsformen unten.
Eigenständiges Denken "unten" würde mit Misstrauen und Maßregelungen
bedacht...Wie könnte es auch anders sein, da der "Wahrheitsanspruch" höchste
Priorität besitzt?
Jedenfalls laufen solche und ähnliche Verhaltensmuster darauf hinaus, dass
der in Sätzen festformulierte "Glaube" dem krisengeschüttelten, werdenden
und wachsenden Prozess der Person-Werdung vom Kind hin zum Erwachsenenalter
wenig gerecht zu werden vermag. Die Erfahrung zeigt: "Glaube" kann mit
vielen Initiativen und großem missionarischen Eifer so verkündet werden,
dass daraus Zweifel und purer Unglaube erwachsen. Der Anfang einer solchen
Entwicklung beginnt gewöhnlich damit, dass schon im frühen Stadium des
Erwachsenenwerdens Religion und Glaube als "Kinderangelegenheiten"
klassifiziert und abgelehnt werden. Wo Glaube nicht wachsend in das Leben
integriert wird; wo das menschliche Denken nicht neugierig und wach gehalten
wird für das jeweils "Neue" an Erkenntnis und Erfahrung, da wird jede
theologische Lehre nur äußerlich angenommen. Sie gerät unter
"Ideologieverdacht". Das Sakrament entartet zum Sakramentalismus mit
magisch-fetechistischen Erwartungen; das Dogma zum Dogmatismus; der Ritus
zum buchstabengerechten Ritualismus; das Recht zur Wortklauberei; die
Überzeugung zur selbstverhärteten Unbelehrbarkeit. Auf diese Weise neigen
alle religiösen Systeme zu fundamentalistischen Auswüchsen.
Ideologien und "Ismen" sind immer Folgen davon, dass religiöse Einsichten
bei Menschen nicht gewachsen, sondern nur äußerlich wie Lack auf einem Möbel
aufgetragen sind. Religiöse Systeme, die den "Kinderglauben" fördern und
kultivieren, neigen bewusst oder unbewusst dazu, den Erwachsenen-Glauben
nicht zum Zuge kommen zu lassen. Letzterer könnte jeden autoritären,
rechthaberischen und "unfehlbaren" Anspruch gefährden. Andererseits neigen
viele Menschen dazu, im Kinderglauben stecken zu bleiben. Sie gleichen
"religiösen Schafen", die der klaren und autoritären Richtlinien bedürfen.
Sie neigen zu blindem Gehorsam und gefälliger Untertänigkeit, weil dies
ihrer Bequemlichkeit, ihrer "geistigen Trägheit" (Thomas v. Aquin)
entspricht.
Die Frage ist, ob Dogmatik, Kirchenrecht, Ritus und Liturgie überhaupt in
der Lage sind, das Werden und Wachsen im Glauben zu begleiten und zu
garantieren? A. Delp hat schon 1945 prophetisch darauf hingewiesen,
dass wir mit allen unseren theologischen Einsichten und Weisheiten an einem
"toten Punkt" angelangt sind. Seitdem ist wenig über diesen "toten Punkt"
nachgedacht worden. Wahrscheinlich war Johannes XXIII. eine der
wenigen rühmlichen Ausnahmen. Er wollte vor 40 Jahren kein dogmatisches bzw.
lehramtliches Konzil; er wollte keine neuen Dogmen und nicht die
Zementierung der alten. Sein Ansatz war ein "pastoraler". Man könnte sagen:
ein eminent pädagogischer.
Bei solchem Ansatz geht es nicht mehr um Begriffe und unfehlbare
Festlegungen, sondern um die "Wende zum Menschen". Folgende Kernfragen
stehen dabei im Mittelpunkt: was geht in den heutigen Menschen vor? Was ist
ihnen existentiell wichtig? Was gibt es an Ängsten, Zweifeln, Hoffnungen,
Versuchungen, Gefährdungen? Wo steht der konkrete Menschen und was ist auch
ohne kirchliche Verkündigung an Gaben, Fähigkeiten, Kräften in ihm
grundgelegt und gewachsen? Wie können menschliche Einsichten und Erfahrungen
evangeliumsgemäß geläutert, orientiert und entfaltet werden - im Blick auf
den, der für das Christentum zum Maßstab eines reifen, gottgefälligen und
sinnerfüllten Lebensentwurfs geworden ist?
Nicht das Fixiertsein auf "Kirche" und deren Selbsterhalt, nicht
allumfassende Lehren und Rechtvorschriften vermögen angemessene Antworten
auf solche Fragen zu geben. Hier steht wieder zur Diskussion, was
ursprünglich einmal "Erziehung auf Christus hin" genannt wurde - was nicht
identisch ist mit einer Erziehung auf eine bestimmte Sozialform von "Kirche"
hin. Der Übergang von einer auf Selbsterhalt ausgerichteten Sozialstruktur
zur Personalisierung im Glauben wird auf Zukunft nur gelingen durch das
Herstellen eines kommunikativen Glaubensmilieus. Dies ist etwas
anderes als das, was gegenwärtig geschieht: Dialog in kirchlichen und
theologisch-akademischen Chefetagen. Dem "Glaubensmilieu" ist das Gegenüber
von Glaubenden und weniger Glaubenden, von Wissenden und weniger Wissenden,
von Gelehrten und weniger Gelehrten, von akademisch Geschulten und "einfach
gestrickten Laien" eher schädlich. Zudem erweckt es den irrigen Eindruck,
als sei theologisches Wissen identisch mit "Glauben". Dann müssten die
Theologen und Amtsträger die Gläubigsten sein, deren Auftrag es ist,
"Glaubensangebote" zu machen. Dieses falsche Schema verschafft sich unter
den "Glaubensanbietern" gewöhnlich äußere Ausdrucksformen auf hohem Niveau:
gegenseitige Freundlichkeiten und Händedrucks, symbolische Aussöhnungsgesten
- letztlich Formen von Unaufrichtigkeit und Augenwischerei, die eher trennen
als verbinden.
Im kommunikativen Glaubensmilieu muss der biographische Glaube eine
impulsgebende Rolle spielen. Kinder denken und reden anders als
Heranwachsende und Erwachsene. Alle erleben die Welt anders. Konflikte,
Ängste, Zweifel, Beruf und Religion, Taufen, Eheschließungen, Ehescheidungen
und Wiederverheiraten haben einen jeweils persönlich geprägten und sozial
gefärbten Hintergrund. Ihnen mit abstrakten Lehren und Rechtsvorschriften zu
begegnen, stößt auf Widerstand, wird schlicht und einfach als
Nicht-ernst-genommen-werden verstanden, läuft auf die Ignorierung des
Menschen hinaus. Eine personalisierende Religion, wenn sie diesem
Stigma gerecht werden will, muss immer wieder die Maßstäbe des rechten
Handelns oder des Versagens zur Sprache bringen. Es geht um die konkrete
Frage nach der gelebten Liebe, der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit, der
Freiheit und persönlichen Entscheidungsfähigkeit, der Gewissensverantwortung
mit allen Konsequenzen. Dass daraus auch der Mut zu Unsicherheiten und
Wagnissen erwächst, liegt auf der Hand. Er gibt dem Glauben eine persönliche
und authentische Note.
Wo es um solche Maßstäbe geht, können persönliche Antworten auf erlebte
Situationen sehr unterschiedlich sein. "Objektiv" besteht die Gefahr der
Irrungen und Wirrungen; um diese zu verhindern die Versuchung, alles
"dogmatisch" - an der Realität vorbei - zu beurteilen und damit zu
vereiteln, dass Menschen aus ihren eigenen Erfahrungen lernen und daran
wachsen. Die Angst vor dem "irrigen Gewissen" kann vorherrschend werden.
Aber wo es um das Werden und Wachsen der Person geht, ist es besser, ein
irriges Gewissen zu haben, welches der Schulung und der Formung bedarf, als
gar keins. Vorrang muss bei allem die Entfaltung des Menschen haben, wenn
das "System" dies auch wenig mag.
Menschen der heutigen Zeit sind insofern "anders" als früher, als sie sich
aufgrund geschichtlicher Ereignisse in vieler Hinsicht ausgeliefert,
manipuliert, falsch informiert und ideologisch verführt wissen. Man kann von
einer dreifachen Bedrohung des Menschen sprechen. Die erste
besteht in dem Ausgeliefertsein an sich selbst: seine eigenen Ängste,
Zwangsvorstellungen, falsch gesetzten Lebensziele und Prioritäten. Meist ist
der Einzelne auf sich selbst gestellt, weil ihm stützende Familien- und
verbindliche Gemeinschaftsbande abhanden gekommen sind. Er muss sich seine
Lebenswelt - im Konzert der vielen Stimmen und Meinungen - selbst
zusammenbasteln. Dabei gerät er in Konflikte, kommt mit sich selbst nur
schwer zurecht. Dazu gesellt sich zweitens das Ausgeliefertsein an
berufliche, soziale und gesellschaftliche Vorgaben und Unsicherheiten.
Menschen fühlen sich gestresst, gezwungen, gedrängt und übermäßig unter
Druck gesetzt durch die Interessen und Machenschaften anderer - viele
Elemente einer "Bastelbiographie" und "multikulturellen Beeinflussung", die
es nicht leicht machen, ein Gefühl für die eigene Würde und Wichtigkeit zu
entwickeln.
Verhängnisvoll wirkt sich drittens aus, wenn zu all dem Genannten
noch das Gefühl des Ausgeliefertseins an religiös-weltanschauliche
Ideologien und "Glaubensbekenntnisse" hinzukommt. Weil darin auch nicht viel
"Würde" und "personale Formung" entstehen kann - es sei denn durch den
"Trost" verbaler Appelle und Parolen - , ist es nicht verwunderlich, dass
Phänomene eklatant auftreten, die als Parteien-, Politik- und
Kirchenverdrossenheit bekannt sind. Die Konsequenz lautet: "Glauben ja" -
aber sich auf keinen Fall binden und vereinnahmen lassen! Denn was da
kirchlich verkündet wird, mag sehr wahr sein, aber als wichtig
empfunden wird es nicht.
Lehrsysteme, Glaubenswissen und "allgemein gültige Wahrheiten" haben es in
sich, eine gehorsame und willige Gefolgschaft zu produzieren, die auf die
"Weisungen des Lehramtes" hört. Dessen Ambitionen lassen sich gegenüber
Unmündigen und Unwissenden leicht betreiben, nicht aber gegenüber
Persönlichkeiten. Deren Charismen sind zu blinder Hörigkeit nicht geeignet.
Deshalb sind Lebens-, Gewissens- und Entscheidungskompetenz von Menschen
eine Existenzfrage von Religionen und Glaube. Diese haben Menschenwürde und
Freiheit mit ihrer eigenen Botschaft in Einklang zu bringen. Dabei müssen
sie in Kauf nehmen, dass christlich gewachsene Überzeugungen eine andere
Inhaltlichkeit und Akzentsetzung bewirken können. Die Praxis der Liebe und
Gerechtigkeit, der Menschwerdung des Menschen, des Heilwerdens der Welt, der
Humanisierung der Gesellschaft, der Freiheit des Gewissens und der eigenen
Lebensgestaltung kann viele Gesichter und Farben bekommen. Aber jede
Vielfalt muss innerlich geeint bleiben in der Ausrichtung auf ein
gemeinsames Ziel: die immer wieder angestrebte - trotz aller Rückschläge und
Niederlagen - heilere und erlöstere Welt!
Wenn nicht alles täuscht, stehen die großen Religionen und Konfessionen noch
ganz am Anfang einer Entwicklung, die die Entfaltung und Würde des Menschen
im Blick behält.
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