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Was ist Religion (5)? :
Dialog- und Gemeinschaftsfähigkeit.
September 2005
Es ist eine Binsenwahrheit, dass sich der Mensch als "ens sociale" nur
in Begegnung und Auseinadersetzung mit anderen entwickeln und entfalten
kann. Schon das Un- und Neugeborene ist angewiesen auf die seelische und
geistige Verfassung seiner Mutter, auf den Kontakt mit ihr, mit dem Vater
und den Geschwistern. Später werden andere Bezugspersonen entscheidend und
prägend: Lehrer, Erzieher, Priester, Vorbilder beim Sport und anderswo...
Man könnte von einer dreifachen Dynamik sprechen, die in jedem
Menschen angelegt ist: erstens die Dynamik der eigenen
Persönlichkeitsentwicklung. Diese ist nicht festgelegt und statisch, sondern
ist Veränderungen ausgesetzt - je nach Lebenserfahrungen, Erfolgen und
Niederlagen. Dabei kann man von wachsenden oder verkümmernden Reifegraden
sprechen. - Zweitens jene Dynamik, die von Lebenseinstellungen,
Religion und Glaube an Ideen und Weltanschauungen geprägt ist. Auch diese
müssen einer dauernden Überprüfung unterliegen; sie verändern sich und
reifen im Rahmen der sich ändernden Lebensumstände - ein Postulat, welches
umso schwieriger zu verwirklichen ist, je mehr Lehren und Überzeugungen sich
zu Dogmen und Gesetzen, zu unveränderbaren Zementblöcken verhärten.
"Verhärtet im Gutsein" - hat Thomas v. Aquin bereits diese "Sünde wieder den
heiligen Geist" genannt. Bei solchem "Verhärtet-sein" sind menschengemachte
"Sicherheiten" nicht mehr für die Menschen da, sondern der Mensch wird zum
Sklaven von Buchstaben und Geboten. -
Drittens kann jene Dynamik gefördert oder verhindert werden, die als
zu entfaltende Fähigkeit zu Dialog, Gemeinschaft und Zusammenarbeit im
Menschen angelegt ist. Die Erfahrung, dass solche Fähigkeit auf weiten
Strecken der menschlichen Geschichte nicht gefördert wurde, hat in neuester
Zeit das Wort "Dialog" zu einem "Zauberwort" werden lassen; hat sogar dazu
geführt, dass "Dialog" zur absoluten Notwendigkeit für eine Menschheit
gehört, die sich auf einem "halbkatastrophalen Weg" befindet. "Das, was uns
noch retten könnte, weil wir nichts anderes haben, wäre... das Nachdenken
über die Religion, die Suche nach Transzendenz, dem Göttlichen jenseits der
Erfahrung und ein Gespräch mit den großen Religionen". So schreibt H. G. Gadamar
in seinem Buch: "Die Lektion des Jahrhunderts".
Tatsächlich blüht und gedeiht das Geschäft mit dem Dialog in allen Bereichen
und auf allen Ebenen. Die Kirche hat auf dem 2. Vatikanischen Konzil sogar
eine Vorreiterrolle dabei gespielt. - Die Erfahrung lehrt inzwischen aber
auch, dass die Praxis des Dialoges missdeutet und in vieler Hinsicht
missbraucht werden kann. Auf dem Berliner "Ökumenischen Kirchentag" (2003)
war vom "Weichspülen des Dialoges" die Rede; von einer "interreligiösen
Schummelei"; von einer kaum zu verkraftenden Unvereinbarkeit "zwischen
Absolutheitsanspruch und Dialogfähigkeit". Konkret gesprochen: Man mache
sich äußerlich etwas vor; es könne keine Einheit und Einigkeit geben,
solange jeder auf seinem "Wahrheitsanspruch" beharrt. - Die Frage stellt
sich: wie könnte es denn anders sein, wenn die "Wahrheitsfrage" als die
wichtigste in der Religion angesehen wird? So werden sich die Geister bis
zum Ende der Welt wohl streiten (müssen)...
Die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils sind ein Zeugnis dafür. Sie
halten die Ergebnisse vieler Dialoge fest. In ihnen finden sich Stimmen und
Gegenstimmen, Richtungen und Gegenrichtungen. Bis heute finden die
"Konservativen" und "Progressiven", die "Rückständigen" und
"Fortschrittlichen" ihre Zitate, ihr Für und Wider an Argumenten und
Aktionshilfen. Was auch immer entschieden und getan wird - man kann
Meinungen und Gegenmeinungen vom Konzil her immer begründen. Für Positionen
findet man immer Belege - auch für gegenteilige. Auf diese Weise lassen sich
alle Initiativen und Bemühungen zum Stillstand bringen oder gegenseitig
"neutralisieren". Einheitliche Ausrichtungen und plausible Lösungen für die
Probleme der Jetztzeit wurden nicht gefunden. Denn die Wirksamkeit der
"Dialoge" scheitert an Grabenkämpfen, Rechthabereien, hartnäckigen
Verdächtigungen und gegenseitigen Ausgrenzungen. Letztlich scheitern die
Dialoge an der Wahrheitsfrage selbst.
Bisweilen könnte man sogar den Verdacht aufkommen lassen, als wäre dieses
Scheitern einer bestimmten Gruppe von Drahtziehern sogar sehr recht. Denn wo
zwei sich streiten, da freut sich der Dritte. Im alten Rom galt schon der
Grundsatz: "Divide et impera!" Um zu herrschen, muß man Zwietracht säen!
Solcher Grundsatz macht es leicht, die mühsam erreichten Ergebnisse und
Impulse des Konzils zunichte zu machen mit dem Ziel, die vorkonziliare Zeit
zu "restaurieren". Während auf der einen Seite also ziemlich ergebnislos -
aber auf hohem Niveau - gestritten wird, kann die andere Seite ihre
"Restaurationspolitik" ungestört betreiben. Die Tatsache, dass in den
letzten Jahrzehnten in den Kirchen rechtsradikale, z. T. fundamentalistische
Bewegungen gründlich zum Zuge kommen konnten und weltweit an Einfluss
gewannen, ist das Ergebnis einer Kirchenpolitik hinter dem Rücken der
Zerstrittenen und kontrovers Diskutierenden.
Wenn man auf Jesus und das Neue Testament schaut, legt sich
eine andere Form und Ebene des "Dialoges" nahe. Es handelt sich um einen
Dialog auf der Ebene des praktisch gelebten Lebens. Wenn es z.B. über die
ersten Christen heißt: "Ihr seid das Licht der Welt; das Salz der Erde" (Mt 5.13-16),
dann stellen sich auf Anhieb eine Menge Fragen im Blick auf die christliche
Lebensführung Einzelner und auf das christliche Zeugnis der Gemeinden: Wie
gehen Christen miteinander um? Wie leben sie ihren Glauben und die Liebe? An
welchen "Früchten" kann man sie erkennen? Wie sieht es aus mit Rechthaberei,
Dogmatismus, Recht und Gerechtigkeit, Verständnisbereitschaft und Anklage?
Wo geschieht Unrecht aus Habsucht, Neid, Eifersucht, Egoismus... und was
muss besser gemacht werden? Wo liegen die Fähigkeiten und Grenzen der
Einzelnen, die zur Sprache gebracht werden müssen? Weiß sich der Einzelne
aufgehoben und "beheimatet"? Gibt es eine Atmosphäre des Vertrauens, in der
Menschen offen, ehrlich, ohne Hintergedanken miteinander umgehen lernen?
Was ist in diesem Zusammenhang "Kirche"? Eine Hierarchie; eine "heilige
Ordnung" und "Liturgie"; ein tolles (unverständliches) Lehrgebäude? - Oder
einfach eine Gemeinschaft oder Gemeinschaften von Menschen, die ihr Leben
auf Christus hin orientieren, dieses entsprechend in Sprache und
Festlichkeit zum Ausdruck bringen? Ein kaum verständlich zu machender
"mystischer Leib" oder eine Gemeinschaft von Gläubigen, die sich nicht so
sehr eine "frohe Botschaft" einreden lassen als vielmehr um den steinigen,
dornenvollen Weg wissen, den es zu gehen gilt? Schließlich ist die
"Fortsetzung der Worte und Taten Jesu in der jeweiligen Lebens- und
Geschichtssituation" eine mühselige Angelegenheit. Nicht von ungefähr suchen
auch Christen immer wieder die Ausflucht in vollmundige Wahrheitsansprüche,
aufwendige Masseninszenierungen und exotisch-barocke Selbstdarstellungen.
Wo Christen in der Konkretheit des Lebens und ihrer Erfahrungen miteinander
ins Gespräch kommen, da hört der Glaube auf, Spekulation zu sein. Er nimmt
handfeste Gestalt an im Sinne des Gebens und Nehmens, der Öffnung und der
Distanz, der gegenseitigen Anerkennung und des Miteinander-Lernes. Er wird
so etwas wie "Sauerteig", der dem Leben prägenden Inhalt, Würze und Sinn
gibt. Er wird zum tragenden Grund, der das Leben bestimmt, der wie ein
Fundament ist, auf dem gemeinsame Überzeugungen und Lebenshaltungen wachsen
können.
Der Philosoph Nicolai Hartmann hat einmal über die "gestaltende Kraft
der Persönlichkeit" etwas geschrieben, was auch als Richtlinien für die
christlichen Gemeinden dienen könnte. Er schreibt: "Was wir im Leben eine
starke, ein große, eine mächtige Persönlichkeit nennen, das ist eine solche,
deren Bannkreis gestaltende Kraft hat und anderen Persönlichkeiten
Lebensfülle verleiht. Es brauchen nicht notwendig die Willensstarken zu
sein, die den stärksten Bann ausüben und die größte gestaltende Kraft
entwickeln. Auch die Stillen, die Innerlichen, Sinnigen, wenn sie nur
innerlich, rege, erlebnisstark sind, greifen als bestimmende Macht über sich
hinaus und geben Gepräge dem, was der Prägung fähig ist". -
Den christlichen Gemeinden, denen "Sauerteig" zu sein aufgetragen ist,
könnte man dem entsprechend ins Stammbuch schreiben: nicht diejenigen mit
großer Selbsteinschätzung und Einbildungskraft haben Ausstrahlungskraft;
nicht von vorne herein die kirchlichen Amtsträger, die in ihren Palästen aus
Stein und theologischen Kenntnissen wohnen; nicht diejenigen, die viele
Bücher gelesen und geschrieben haben, die feierliche Liturgien zelebrieren
und religiöse "Events" organisieren; die dauernd Papiere produzieren und als
Viel- und Besserwisser am laufenden Band "kirchliche Angebote" unters Volk
zu bringen versuchen... Meistens sind es eher die Einfachen, Schwachen,
Mühseligen und Beladenen, die auf unaufdringliche, fast unbeabsichtigte
Weise in ihrem Alltag "christliche Lebenshaltungen" zum Tragen kommen
lassen. Es sind die Mütter, Väter, Omas und Opas, die im Leben selbst zum
Substantiellen und Wesentlichen vorgedrungen sind. Wer so Glaube, Hoffnung
und Liebe zu leben gelernt hat, wird Bereiter und Vorbereiter dessen sein,
was "Zukunft" heißt. Besonders für die kopflastigen christlichen Kirchen
Europas wird es von entscheidender Bedeutung sein, ob es ihnen gelingt,
statt zu indoktrinieren zu kommunizieren; statt zu belehren gemeinsam zu
suchen und zu finden; statt Realitäten zu ignorieren und schön zu reden die
faktischen Verhältnisse zu erhellen und auf die persönliche "Wahrheit" hin
zu befragen.
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