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Pater Fritz Köster
Propsteistraße 2
56154 Boppard-Hirzenach
Alles Leben ist Herausforderung,
welche nach Antwort verlangt.
   
Bild: Pater Fritz Köster SAC.

Sonntagsgedanken für den Alltag (2):
Der reiche Prasser und der arme Lazarus

(Nach Lk 16.19-31; Ev. vom 26.So.i.J. C)

Oktober 2010

Es wäre ein Leichtes gewesen, dem armen Lazarus ein Stück Brot zuzuwerfen. Dem Reichen hätte es nicht im Geringsten geschadet. Aber er tat es nicht. Er erweist sich hier "typisch menschlich". Wie viele Menschen in der Begegnung mit Armut und Not hatte er seine Ausreden: der Faulenzer soll arbeiten gehen; er soll sich nicht einfach so herumtreiben und auf andere hoffen; er soll sich zusammenreißen und selbst tun, was er kann... Nicht umsonst ist auch seine Haut bereits krank und faul geworden.

Der Reiche hätte sogar, wenn er klug gewesen wäre, zu seiner Rechtfertigung günstigere Ausreden finden können: vielleicht hat der Arme noch nie im Leben eine Chance gehabt; sein Vater kann ein Säufer gewesen sein und seine Mutter eine Schlampe; als Kind wurde er vernachlässigt – hat nie geordnete Verhältnisse kennen gelernt, nie einen Hauch von Anstand und Bildung erfahren, ist dumm geblieben. Wie konnte aus so einem etwas Brauchbares werden?

Solche und ähnliche Gedanken machte sich der Reiche wohl nicht. Sie hätten sein Gewissen beruhigen können. Aber: ein Gewissen hatte er nicht. Er tat gegenüber dem Armen nichts. Nicht das Geringste, wozu der schlechteste Mensch vielleicht noch fähig gewesen wäre. Wer nichts tut, kein Verständnis aufbringt und den anderen einfach in der Gosse liegen lässt, ist eigentlich gar kein Mensch mehr. Ein Mensch ohne Eigenschaften und Gewissen hat die Grenze des Mensch-seins längst überschritten. Er ist ein Un-Mensch und verdient des Namen eines Menschen nicht.

Das Evangelium verlangt nicht einfach nur "Barmherzigkeit" bzw. einen Schimmer von "Wohltätigkeit". Das wohl auch. Aber es zeigt darüber hinaus, dass Menschen schnell, unbemerkt und äußerlich unauffällig zu Un-Menschen werden können, zu Bestien, zu Raubtieren... Die Geschichte der europäischen Menschheit seit Christoph Columbus, seit den Hexenverbrennungen, seit der Verfolgung und Hinrichtung "Ungläubiger", seit den Religionskriegen und den beiden letzten Weltkriegen... ist bevölkert von solchen Unholden und Zerstörern jeder Humanität.

Gegenwärtig wird bei schweren Naturkatastrophen immer wieder Geld gesammelt. Weltweit. 2010 für Haiti, für Pakistan, für Länder in Armut und Not. Was geschieht mit den vielen Millionen? Es dauert immer eine Zeitlang, bis feststeht: das meiste Geld ist bei den Armen nie angekommen, ist in den Taschen von Un-Menschen und Raubtieren gelandet. Äußerlich erkennt man sie nicht als solche. Sie tauchen auf den großen Weltkonferenzen auf: wohl gekleidet mit weißen Hemden und bunten Krawatten. Sie reden über die Wichtigkeit von Moral und guten Sitten. Aber innerlich sind sie wie Wölfe, denen nichts an der Armut und dem Elend ihrer Völker liegt.

"Manche sind durch ihren Reichtum zugrunde gegangen", hat Aristoteles ein paar hundert Jahre vor Christus bereits festgestellt. Heute droht, durch die Gier der einen und die äußerste Armut der anderen, die ganze Welt im sozialen Chaos zu versinken. Das Beispiel vom reichen Prasser und dem armen Lazarus ist ein Mahnruf an Menschen, denen jede soziale Verantwortung abhanden gekommen ist; die es verdienen, geächtet und – falls Christen – exkommuniziert zu werden. Aber auch ein Mahnruf an eine verkehrte Welt. Realisiert müsste werden, was der Volksmund schon immer gewusst hat: "Wer viel hat, ist nicht reich. Reich ist, wer wenig braucht".


Letzte SeitenÄnderung: 02.03.2011.
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