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Gedanken über ZeitenWende - WendeZeiten (VIII):
Der Tod des Papstes und die dahinsiechenden Kirchen.
April 2005
Am 2.April 2005 ist Johannes Paul II. gestorben - nach einer Amtszeit von
über 26 Jahren. Er sei ein großer Charismatiker gewesen. Mit seiner
Menschennähe und Ausstrahlungskraft habe er die Welt verändert - allerdings
nicht die Kirche, deren Oberhaupt er war. So muß es nach den Tagen der Trauer
notwendig dazu kommen, dass eine ehrliche Bestandsaufnahme gemacht wird. Ein
außerordentlich beliebter Papst hinterlässt eine Kirche, der es entschieden
schlechter geht als vor 26 Jahren! Diese Tatsache gibt Rätsel auf. Bei aller
Liebe zum Papst - die Vorbehalte gegenüber der Kirche und dem Christentum,
die es schon lange in der modernen Welt gibt, wurden nicht verringert. Die
ungelösten Probleme sind zahlreicher geworden, allerdings auch
differenzierter und verworrener. Wenn ein Wort des Papstes stimmt, dass der
Weg der Kirche der Weg des Menschen sein müsse - warum hat er Worten so wenig
Taten folgen lassen? Große Visionen machen gewöhnlich außerordentliche
Maßnahmen notwendig. In den letzten 26 Jahren hätten schon kleine Schritte
und ordentliche Maßnahmen genügt, um den vorhandenen "Problemstau" wenigstens
ansatzweise aufzulösen.
1. Vorbehalte gegenüber dem Christentum.
Vorbehalte gegenüber dem Christentum hat es schon immer gegeben.
Manche waren sogar sehr intelligent. Die Aufklärer z. B. konnten sich
nicht vorstellen, dass Gott in Christus Mensch wurde; dass er den Menschen
stets nahe ist; dass er sogar um des Heiles der Menschen willen stirbt und
"Auferstehung" erlebt. Solche biblischen Berichte seien Märchen, Symbole,
Legenden, Mythen... Gotthold Ephraim Lessing meint, Jesus sei nicht
von den Toten auferstanden. Die Jünger hätten dieses Märchen nur erfunden, um
von ihrer Enttäuschung abzulenken und sich eine Machtstellung in der
werdenden Kirche zu sichern...
Wenn auch im Widerspruch zum offiziellen Christentum, waren die Aufklärer
nicht einfach atheistisch oder materialistisch orientiert. Sie stellten sich
Gott den Schöpfer wie einen Uhrmacher vor, der nach vollendetem Werk nicht
mehr eingreift in weltliche Abläufe mit ihren kunstvollen, effektiven,
großartigen Mechanismen und Gesetzen. In das Räderwerk der Schöpfung
einzugreifen, deute eher auf eine Schwäche hin, die Gottes unwürdig sein...
Der jüdische Philosoph Baruch Spinoza sieht keinen Widerspruch
zwischen dem, was in der Bibel steht und was die Gesetze der Natur sagen.
Alle wirklichen Geschehnisse, über die die Bibel berichte, müssten sich nach
Naturgesetzen zugetragen haben. Wenn Manches nicht mit den Naturgesetzen in
Einklang zu bringen sei, müsse man annehmen, dass es von Frevelhänden in die
Schrift eingefügt worden sei. So seien die "Wunder Jesu" von Späteren in die
Schrift hineinmanipuliert worden...
2. Vorbehalte, die das Innere des Menschen erfassen.
Die Aufklärung, auf dem Boden des Christentums gewachsen, stellte sich also
in Gegensatz zu ihm. Bis heute haben die Vorbehalte gegenüber dem
Christentum noch tiefere Schichten im Menschen erreicht... Die moderne
Physik hat das mechanistische Weltbild der Aufklärung hinter sich
gelassen. Danach gab es andere entscheidende Entwicklungen, die die modernen
Menschen gegenüber dem Christentum bzw. den Kirchen entfremdet haben. Namen
wie Galilei, Kopernikus, Newton, Einstein, Th. de Chardin ... sprechen eine
deutliche Sprache.
Die Priorität der Naturwissenschaft hat dazu geführt, dass jeder/jede
Schüler/In "naturwissenschaftlich" denken und argumentieren lernt. Glaube und
Religion werden dabei systematisch - bewusst oder unbewusst - in die Zone des
Bedeutungslosen abgeschoben. Das moderne Denken wird zudem von den
Humanwissenschaften geprägt: von der Pädagogik, Psychologie,
Soziologie... Auch durch sie bekommen herkömmliche religiöse Einstellungen
einen schweren Stand. Ebenso machen demokratische Entwicklungen in den
Gesellschaften den Kirchen das Leben schwer. Sie haben dem Menschen ein neues
Selbstwertgefühl gegeben. Wählen, mitbestimmen, mitentscheiden wollen und
können ... werden zu unverzichtbaren Lebensmaximen. Damit kann die "Wahrheit
einer Religion" nicht viel anfangen. Denn - so heißt es - über "Wahrheit"
könne man nicht abstimmen. Um sie zu finden, könnten keine
Mehrheitsverhältnisse ausschlaggebend sein. Mit der Beantwortung der Frage
nach der Wahrheit aber steht und fällt die Existenzberechtigung einer
Religion. So jedenfalls ist die herrschende Meinung.
Im Blick auf die modernen Wissenschaften, die ein situations- und
zeitbedingtes Verhalten und Denken der Menschen zur Folge haben, stellen sich
die Fragen radikal neu: was ist "Wahrheit"? Wer hat sie? Wer kann sie für
sich in Anspruch nehmen? Etwa die herkömmlichen Kirchen, die sich im übrigen
in vielen Fragen nicht einig sind ?
So hat sich eine tiefe Skepsis gegenüber jedem absoluten Wahrheitsanspruch
eingeschlichen. Eine tiefe Kluft tut sich auf zwischen der Frage nach der
Wahrheit - dem zentralen Anliegen der Religion - und dem "Zeitgeist", der
geneigt ist, alles zu relativieren und unterschiedliche religiöse
Überzeugungen zu akzeptieren. Kirche und Welt scheinen zwei nicht-vereinbare
Lebenseinstellungen zu proklamieren. Die meisten Kinder und Jugendlichen in
Elternhaus und Schule sind bereits von dieser "Unvereinbarkeit" zwischen
religiösem Glauben und vernünftigem Denken geprägt. Vor allem sind sie nicht
gewillt, ihr Denken im Vorzimmer des Glaubens abzulegen nach dem Motto: hier
im Klassenzimmer wird gedacht, drüben in der Kirche wird geglaubt. Bisweilen
kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sogar eine solide religiöse
Erziehung in der Jugendzeit die innere Zerrissenheit eher verschlimmert als
heilt.
3. Wie sich die Kirche ihrer eigenen Basis beraubt.
Zweifellos war Papst Johannes XXIII. eine der nachhaltigsten Figuren
in der modernen Kirchengeschichte, der die Kluft zwischen Kirche und Welt
erkannte und energische Schritte zu deren Überwindung unternahm. In der
kurzen Zeit seines Pontifikates (1958-1963) hat er einschneidende Maßnahmen
ergriffen, nicht zur Freude vieler Alteingesessener. Das Zweite
Vatikanische Konzil, sein Werk und seine trickreiche Initiative gegenüber
vielen Gegnern, hat bahnbrechende Impulse gegeben. Das Wort Dialog
wurde zu einem Schlüsselwort. Kirchenamtlich redete man von der "Öffnung zur
Welt"; von der "relativen Autonomie" aller weltlichen Angelegenheiten; von
der Berechtigung anderer, auch nicht-christlicher Religionen als legitime
Wege des Gottsuchens und der Ehrfurcht vor dem Absoluten. Johannes XXIII.
sprach von den "Zeichen der Zeit", die es zu erkennen und zu deuten gilt,
weil sich in ihnen die Sprache und der Wille Gottes für die Gestaltung der
Zukunft kundtun.
Für ihn gehörten auch das anders gewordene Selbstverständnis der modernen
Menschen zu den "Zeichen der Zeit": die Kräfte und Fähigkeiten der
Nicht-Kleriker, der Männer und Frauen in Familie und Gesellschaft. Pastoral
denkend, wollte Johannes XXIII. "von den Menschen her", also "von
unten nach oben", die Zugangswege zu Gott und zur Transzendenz neu
erschließen - weniger mit Hilfe von Lehrsystemen, Dogmen, kirchenrechtlichen
Maßnahmen, obrigkeitlichen Indoktrinationen...
Dazu wäre der Dialog nach "unten", also mit dem Volk, von entscheidender
Bedeutung gewesen. Aber gerade dieser "Dialog" wurde in den letzten 30 Jahren
sträflichst vernachlässigt. Zwar blieb das Wort "Dialog" ein Schlüsselbegriff
für alle kirchlichen Maßnahmen. Der Dialog mit der "Welt", mit Vertretern
anderer Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen wurde fleißig eingeübt.
Die Gesprächspartner waren allerdings weitgehend die Fachleute und
"Experten", die Amts- und Würdenträger - also Vertreter der jeweils
"führenden Schicht", der sog. "Elite" - Dokumentation dafür, dass das
Christentum zu einer Spezialistenreligion geworden war: mit einer
speziellen Sprache, die nur "Insider" verstehen.
In solchen "Dialogen" steckt die nicht hinterfragte und nicht hinterfragbare
Behauptung, dass das einfache Volk nur auf die Ergebnisse kluger Dialoge in
den Chefetagen warten, um dann unkritisch angenommen zu werden. Aber wie weit
sind die jeweiligen "Eliten" und Amtsträger wirklich die Sprecher und
Repräsentanten ihrer Untergebenen? Wie weit spiegeln sie das wider, was "im
Volk" vor sich geht? Was bewirkt also der Experten-Dialog auf den oberen
Erkenntnisebenen, wenn die Menschen auf der Straße, das "einfache Volk",
außen vor bleiben? Der seit Jahren sich fortsetzende "fort-laufende Erfolg"
macht deutlich, dass die Distanz und das Desinteresse Hochkonjunktur haben.
Man kann sich des Eindrucks nicht mehr lange erwehren, dass der fehlende
Dialog zwischen "oben" und "unten" die Hauptursache dafür ist, dass immer
mehr Menschen die Kirche verlassen. Viele lehramtliche Erlasse und
Erkenntnisse in den kirchlichen Chefetagen wirken wie Schneeflocken in der
Wüste, die "unten" gar nicht ankommen. Sie sind wie Schecks in der Einöde,
die man nirgendwo einlösen kann.
Der fehlende Dialog zwischen "oben" und "unten" läßt sich an konkreten
Ereignissen in den letzten 30 Jahren festmachen. Man könnte hier von einer
kirchenamtlichen pastoralen Versagensgeschichte sprechen, von nicht
wieder gut zu machenden Versäumnissen. Deren Langzeitwirkung ist und
bleibt jedenfalls nachhaltiger als kurzatmige grandiose Kirchentage und
Papstfestivals.
4. Versäumte Gelegenheiten.
Als Beobachter der Jesus-people-Bewegung in den 70ger Jahren konnte
ich z. B. die Erfahrung machen, dass viele Anhänger dieser Bewegung
eigentlich gar nicht genau wussten, wer Jesu wirklich war? Aber sie schlossen
sich bedenkenlos dem Trend und den Parolen an. Pastoral wäre es sehr heilsam
gewesen, hätten sich die Kirchenleute (Theologen, Pfarrer und Bischöfe) auf
die Straße begeben, um mit den vielen jungen Leuten das Gespräch zu suchen,
die Frage nach den wirklichen Anliegen Jesu zu stellen und vertiefende
Antworten zu suchen. Sicher hätten manche Leute der Straße einen neuen Zugang
gefunden zu dem, was ursprünglich mit "Kirche" überhaupt gemeint war: Kirche
als Gemeinschaft derer, die die Worte und Taten Jesu in Welt und Geschichte
fortzusetzen bemüht sind...
Ähnlich wurde das Versagen des Dialogs eklatant in dem Augenblick, als das
Kirchen-Volks-Begehren Hochkonjunktur hatte. Was in der Zwischenzeit fast
unvorstellbar geworden ist: vor 2 Jahrzehnten gingen Junge und Alte,
Gebildete und Ungebildete, Arbeiter und Akademiker, Männer und Frauen auf die
Straße, um Unterschriften zu sammeln für eine Kirche, die sich erneuert, die
den Bedürfnissen und Anliegen heutiger Menschen entgegenkommt...
Freilich waren die artikulierten Bedürfnisse z.T. recht vage,
undifferenziert, wenig überlegt und kritik-anfällig. Statt auch zu ihnen auf
die Straße zu gehen, um deren Anliegen aufzugreifen, zu klären, zu
vertiefen..., blieben die Kirchenvertreter in ihren Sakristeien und Büros, um
von dort aus empört und abweisend auf solche Anliegen zu reagieren. Allein
aus meinem Bekanntenkreis weiß ich, dass viele kirchenengagierte Leute damals
Abschied genommen haben von der Kirche: aus Enttäuschung, Ohnmacht, Wut und
Resignation.
Eine ähnlich folgenschwere Langzeitwirkung hat auch die (deutsche)
Auseinandersetzung in der Schwangeren-Konfliktberatung gehabt. Da gab
es Bischöfe, die sich mit staatlichen Organen darauf geeinigt hatten, dass
vor einer beabsichtigten Abtreibung eine Beratung stattzufinden habe -
verbunden mit der Ausstellung eines Scheines, der die Beratung bestätigt.
Viele der Bischöfe haben eine persönliche Gewissensfrage daraus gemacht. Von
"Rücktritten" war sogar die Rede. Als erstaunlich stellte sich dann die
Tatsache heraus, dass auch bischöfliche Gewissen im Vorzimmer des Papstes
abgelegt werden können, sobald "von oben" eine andere Weisung erfolgt. Um
solches Tottreten des Gewissens dennoch "guten Gewissens" vertreten zu
können, wurde ausweichend vom "religiösen Gehorsam" gegenüber dem
"Stellvertreter Gottes auf Erden" gesprochen.
Es ist hier nicht die Frage, wer Recht oder Unrecht hatte? Ob Frauen
gedankenloser abtreiben ohne Beratung? Ob Beratung auf jeden Fall der
Schulung des Gewissens dienlich gewesen wäre? Ob das Leben von Ungeborenen so
oder so besser gerettet werden kann? Diese und andere Fragen waren im Vorfeld
der staatlich-kirchlichen Weichenstellungen hinlänglich, wenn auch
kontrovers, diskutiert worden. Sie bedürfen an dieser Stelle keiner
Wiederholung. Die verheerende Langzeitwirkung des Streites um die
Schwangerenberatung mit oder ohne Schein war und ist der erschreckende
Eindruck, dass der offiziellen Amtskirche das persönliche Gewissen von
Betroffenen nichts gilt; noch nicht einmal das von Bischöfen.
So war es schon im Mittelalter: das Gewissen der Leute war immer die nächste
staatliche oder kirchliche Obrigkeit. Statt in der heutigen Zeit also den
Betroffenen zu einem Gewissensurteil zu verhelfen; statt Kriterien an die
Hand zu geben und Maßnahmen zu ergreifen, die der Schulung des Gewissens
dienen - selbst auf die Gefahr hin, dass eine falsche Entscheidung getroffen
wird - , galt wieder der Grundsatz: der Papst ist das Gewissen der
Menschheit. Die Menschen brauchen eigentlich keins zu haben - höchstens eins
in Abhängigkeit von der Obrigkeit...
5. Licht- und Schattenseiten eines großen Charismas.
Aus Anlaß des Todes von Johannes Paul II. ist viel über dieses die
Massen bewegende Charisma diskutiert und geschrieben worden. Dieser Papst
habe die Welt verändert, allerdings nicht die Kirche! Auch die Gründe für
dessen Massenwirksamkeit wurden genannt: unübertreffliche Kunst der
Selbstdarstellung; Fähigkeit des Umgangs mit den Medien; persönliche
Integrität und Glaubwürdigkeit...
Ein großes Charisma verführt andere dazu, sich zu identifizieren, sich hinter
dem Größeren zu verstecken und selbst untätig zu bleiben. "Kleine Charismen"
kommen in einer solchen Konstellation nicht zum Zuge. Ein Schattendasein
führend, begnügen sie sich mit einem "geruhsamen Leben" - wohl ahnend und
wissend, dass sie keine Chance haben. Daran knüpfen sich auch die Hoffnungen
für die Zukunft: Erst nach dem Tod des großen charismatischen Führers käme
für sie die Stunde; für die Gesamtkirche würden sich Perspektiven der
Erneuerung und Initiative "von unten" ergeben...
Andere haben die Riesenzusammenkünfte von Massen im Zusammenhang mit den
Auftritten des Papstes ziemlich naiv als neuerwachten Glauben vor
allem auch bei der Jugend verstanden. Man könnte allerdings auch das
Gegenteil vermuten: der immer mehr in Frage gestellte kirchliche Glaube, die
neue Glaubensunsicherheit führt zu einer Art Rückkehr in eine
vorchristliche archaisch-magische Religiosität. Diese ist durch eine kaum
definierbare, fast unheimlich-mysteriöse Anziehungskraft an "heilige Personen
oder Gegenstände" charakterisierbar. Es lebt in ihr eine große Sehnsucht nach
etwas "ganz Anderem"; religiöse Inhalte und Gottesvorstellungen bleiben dabei
nebulös und konfus.
Im Blick auf die Massenanhänglichkeit an den Papst stellen sich ähnliche
Fragen: wer von den vielen weiß überhaupt etwas über dessen Programm und
Politik? Wer will überhaupt dessen ethische und moralische Vorstellungen
kennen? Und wenn ja - wie viele würden sie tatkräftig unterstützen und leben?
Zeigt nicht die Erfahrung seit Jahren, dass Millionen zwar den Papst
sehen, ihn aber kaum hören wollen? Die SZ hat den lapidaren Satz
geschrieben: "In Rom ist das Gefühl an die Stelle des Gedankens getreten!"
Noch andere wichtige Fragen stellen sich: wie weit ist ein großes und
strahlend-erfolgreiches Charisma noch fähig, andere Charismen zu akzeptieren
und ernst zu nehmen? Wie oben dargelegt, gab es in den letzten 25 Jahren eine
Vielfalt von Basis-Initiativen, denen es um die Zukunft der Kirche und des
Glaubens ging. Sie alle blieben unbeachtet, wurden einfach "unter den Tisch
gekehrt". Theologen wurde der Lehrauftrag entzogen; ganze Bischofskonferenzen
wurden entmündigt; Laienbewegungen mit Verdächtigungen überschüttet - immer
dann, wenn Entscheidungen "von oben" "unten" auf Kritik und Widerstand
stießen. Verhängnisvolle Bischofsernennungen wurden nie ernstlich
korrigiert, auch dann nicht, wenn sich rechtzeitige Warnungen und Widerstände
später als zutreffend erwiesen...
6. Hauptsache ist: das "katholische Gesicht"!
Der gerade verstorbene Papst hat eine Kirche hinterlassen, in der die
Stimme des Volkes, der sensus fidelium keine Rolle spielte. Wir
haben eine Kirchenepoche erlebt, die keine "Kirche des Volkes" kannte,
sondern eine Papst- und Klerikerkirche. War diese Epoche nur vorübergehend?
Vielleicht ging es gar nicht anders, um nicht - wie Kardinal Ratzinger meint
- gegenüber anderen christlichen Konfessionen das "katholische Gesicht"
zu verlieren. Auch hat die Kirche eine 2000-jährige Erfahrung mit den
Menschen. In der heutigen Massen- und Konsumgesellschaft stellt sich erneut
heraus: die meisten Menschen wollen sich gar nicht der Mühe einer
Allgemeinbildung unterziehen; sie lassen sich lieber von Schlagzeilen
bestimmen als zu einem eigenen begründeten Urteil zu gelangen; sie wollen
keine anstrengende Gewissensbildung und sind froh, wenn ein anderer für sie
jede (religiöse) Verantwortung übernimmt...
Es scheint, dass das biblische Bild vom Hirten und der Herde (Joh 10.11-21)
falsche Urständ gefeiert hat in dem Sinne, dass die meisten Menschen nichts
anderes als "Herdenwesen" sind und sein wollen. Wenn es dennoch eine gewisse
Schicht geben sollte, die kritisch mitzudenken und zu handeln bereit und
fähig ist (und die gibt es !), dann wäre es die vorrangigste Aufgabe der
nächsten Zeit, diese zu sammeln und nicht zu vertreiben. Einer
"Klerikerkirche" stände es gut an - schon um des eigenen Überlebens willens -
mit fähigen Frauen und Männern zusammenzuarbeiten und sie zum Zuge kommen zu
lassen. Es wäre eine "Zeichen des heiligen Geistes".
Noch eine andere Frage stellt sich in Zukunft mit neuer Eindringlichkeit: ist
die Wahrheitsfrage die wirklich entscheidende einer Religion oder
nicht eher die Frage nach dem wahren Leben? Die Frage nach der
Wahrheit mobilisiert seit Jahrhunderten die akademisch gebildete Schicht;
sie hat viele Streitigkeiten hervorgerufen, Glaubenstrennungen und
Glaubenskriege, Verurteilungen und Exkommunikationen... Die Frage nach dem
wahren Leben könnte in der Tat viele Menschen guten Willens mobilisieren.
Da geht es nämlich um die Praxis der Liebe, der Gerechtigkeit, der Toleranz;
um die Fähigkeit zu gemeinsamem Zeugnis. Die erste Frage hat viel mit
akademischer Gedankenakrobatik zu tun, mit Begriffen, Definitionen und
scheinbar unwiderruflichen Klarstellungen; die zweite mit
Lebenserfahrungen und christlichem Lebensstil - biblische Anliegen, an denen
sich auch, vielleicht sogar besonders, die einfachen Leute zu beteiligen in
der Lage sind.
Jesus wandte sich damals nicht in erster Linie an die "Klugen und Weisen"; er
konzentrierte sich auf die Kinder, die Mühseligen und Beladenen... Diese
verstanden als erste die befreiende Botschaft von Gottes erlösendem Handeln
in einer unerlösten Welt.
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