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Gedanken über ZeitenWende - WendeZeiten (X):
Aus der Vergangenheit lernen, um Zukunft zu gestalten.
Juni 2005
Bein Gang des Christentums durch die Geschichte von über 2000 Jahren hat
es manche Höchstleistungen in Kultur, Kunst, gesellschaftlicher
Prägung, Friedenssicherung, Philosophie und Theologie gegeben; aber auch
beschämende Tiefpunkte: Religionskriege, Inquisitionen, Exkommunikationen
und Bespitzelung Andersdenkender und Andersgläubiger... Im Laufe der Zeit hat
sich das ehemals eine Christentum in Zehntausende Konfessionen,
Sekten, freie Kirchen und Bewegungen vervielfältigt bzw. aufgesplittert –
Symptome religiöser Emanzipation? Ausbrüche aus der selbstverschuldeten
religiösen Unmündigkeit? Suche nach einer kirchlichen Gemeinschaft, die auf
den Menschen zugeschnitten ist? Indizien dafür, dass eine noch so gut
strukturierte Sozialgestalt von Kirche und eine perfekt durchdachte Theologie
immer Gefahr laufen, "unten" nicht anzukommen?
Die Frage stellt sich in der Tat: ist das Akademiker-Christentum beim Volk
jemals richtig angekommen? Während es in den sog. Zivilisationsländern gegen
lebensbedrohende Schrumpfungsprozesse zu kämpfen hat, scheint es in
Lateinamerika und Afrika aufzubrechen und zu gedeihen – vorübergehendes
Aufblühen des abendländischen Export- und Auslaufmodells? Eines scheint für
die Zukunft von größter Bedeutung: das Christentum muß, mehr als je zuvor,
dem Menschen zu seiner Selbstfindung verhelfen. Der Einzelne muß seine
Einmaligkeit und Originalität zu entwickeln und zu leben lernen. Wenn dem
christlichen Glauben dies – auch "strukturell" – nicht gelingt, stellt sich
für immer mehr Menschen die Frage: wozu ist er eigentlich noch gut?
Was heißt zunächst "Vergangenheit"? Um diese Frage zu beantworten, ist
es angemessen, sich die Grundstrukturen der alttestamentlichen und
neutestamentlichen Unheils- bzw. Erlösungsgeschichte in Erinnerung rufen.
Hier einige Stichpunkte:
- Der Schöpfungsbericht erzählt von der Erschaffung der Welt und
aller Lebewesen durch Gott. "Gott sah, dass alles, was er gemacht hatte,
sehr gut war" (Gen 1.31).
- Der Sündenfall. Durch den Sündenfall ist Sand ins Getriebe der
Schöpfung gekommen. Es wird "Feindschaft gesetzt" zwischen den ersten
Menschen und ihren Nachkommen (Gen 3.15). Kain und Abel setzen eine
Geschichte in Gang bzw. setzen sie fort, die gekennzeichnet ist von Tod
und Verderben, Mord und Gewalt, Krieg und Friedensversuche ...
- Der lange Weg Israels zum Ein-Gott-Glauben. Es ist ein
krisengeschüttelter und wagnisreicher Weg im Umfeld des Polytheismus.
Um den Gefährdungen und Bedrohungen der Umwelt nicht zu erliegen, schließt
Jahwe einen Bund mit Noach. Der Glaube des AT wird zum Bundesglauben,
zum Bund der Freundschaft Gottes mit seinem Volk. Durch die zehn Gebote
werden Regeln aufgestellt, die das Zusammenleben der Menschen mit Gott und
untereinander verbindlich regeln (Ex 20).
- Die Propheten werden die großen Erzieher und Mahner zur Treue
im Glauben an Jahwe und seine Anweisungen. Ihnen geht es nicht nur um
"Glauben" und gläubige Festlichkeiten. Der Prophet Micha z.B.
(740-700 v. Ch.) klagt mit Schärfe und Beharrlichkeit die Achtung der
Menschenwürde und das Einhalten der Menschenrechte ein. Sie sind für ihn
Grundlage und Maßstab der Verehrung Gottes. Er besteht auf der
Rechtsordnung Gottes und beklagt das Versagen der politischen Amtsträger,
die nur die Interessen des Staates und der Reichen im Blickfeld haben. Ein
messianischer Neuanfang wird gefordert; ebenso eine neue ethische
Ernsthaftigkeit beim Anspruch, "auserwähltes Volk Gottes" zu sein. Denn
"es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist" (Micha 6.8). - Wie Micha, so
sprechen auch die anderen Propheten Israels in eine singuläre
und konkrete Situation hinein. Eindeutige Adressaten sind angesprochen
und gemeint. In ihrer jeweiligen geschichtlichen Konstellation treten sie
auf. Ihre Berufung als göttlich autorisiertes Wort verstehend, mahnen sie,
richten sie, verheißen sie Unheil und Strafgericht. Sie lassen auch hoffen
auf Segen und Heilszusagen. Die Weisungen Gottes immer wieder
einschärfend, sind sie in ihrer Rolle "sowohl Gegenwartskritiker als
auch Zukunftsansager" (E. Zenger). – Der Prophet Jesaja (8.Jh.
v. Chr.) greift die großen Themen des biblischen Glaubens auf. Sie heißen
Recht und Gerechtigkeit in Israel und unter den Völkern. Denn der "Heilige
Israels" ist derjenige, der rettet und Frevler verwirft; der sich als
Erlöser erweist und das Anbrechen der Herrschaft Gottes ankündigt... –
Was das um sein persönliches Schicksal ringenden Menschen betrifft,
bleibt das Buch Job (600-400 v. Chr.) beispielhaft. Job ist Dulder
und Rebell, Lästerer und Zweifler, Skeptiker und Provokateur zugleich. Er
ist hin- und hergerissen zwischen Protest, Aufbäumen, Widerstand und
Ergebung, Annahme und Vertrauen. Seine Frage nach dem Sinn des Leidens,
besonders Unschuldiger, gipfelt in dem Bekenntnis: "Ich weiß, dass mein
Erlöser lebt" (19.25). Die Hoffnung auf den Erlöser bleibt der tragende
Grund für seine Standfestigkeit im Glauben.
- Jesus gehört in die Reihe der großen Propheten. Authentisch,
als Messias und Sohn Gottes, hat er menschennah und situationsgerecht
deutlich gemacht, wie Gott an den Menschen und an der Welt handelt; wie
der Friede Gottes und die "größere Gerechtigkeit" schon im Hier und Heute
des Lebens ihren glaubwürdigen Anfang nehmen können. Seine Botschaft
lautet: Liebe, sogar Feindesliebe, Barmherzigkeit den Armen und
Bedürftigen gegenüber, Hilfsbereitschaft und Verzeihen, Güte und
Menschenfreundlichkeit... Alle dies Werte und Lebenshaltungen sind alles
andere als bloßer "Humanismus" oder "Horizontalismus". Sie
stehen in einem größeren heilsgeschichtlichen Zusammenhang, weil
sie als "Samenkörner" und "Sauerteig in der Welt" auf die Endgültigkeit
des Reiches Gottes hin orientiert sind und darin ihre Vollendung finden.
- Durch die Hellenisierung fanden schwerwiegende
Verschiebungen im Christentum statt – "bis an den Rand der Häresie"
(H. Newman). Der christliche Glaube verbündete sich mit der
griechischen Philosophie (Platon, Aristoteles...). Die abendländische
Intelligenz bemächtigte sich der Frage des Glaubens. Wie in der
Philosophie, so trat auch in der Theologie das Denken über das "Gute,
Wahre und Schöne" in den Vordergrund (Ethik und Moral, Dogmatik und
akademisch-abstrakte Lehre, Ästhetik und liturgische Feierlichkeiten). Das
Christentum entwickelte sich so zu einer Theologen-, Kleriker- und
Spezialistenreligion, die lange Zeit die Massen mit "kirchlichen
Angeboten" konkurrenzlos beeinflussen und bei der Stange halten konnte,
heute aber immer weniger. Der zeitbezogene, situationsangemessene
prophetische Charakter des Glaubens ging verloren. Er blieb
"Einzelkämpfern" vorbehalten: Ordensgründern, Reformatoren,
Außenseitern... Meistens hatten sie mit der "Amtskirche" erhebliche
Schwierigkeiten...
- Folgenschwer war auch die Romanisierung des Glaubens, d.h. die
Nachahmung des Staates durch die Kirche. Diese organisierte sich
nach staatlichem Vorbild: monarchisch, patriarchalisch,
hierarchisch, zentralistisch, fürstlich-autoritär... Man kann zu Recht
sagen: die römisch-katholische Kirche ist die nahezu einzig gebliebene
Monarchie – Relikt aus mittelalterlichen Konstellationen.
Wie immer diese unterschiedlich gewordenen Fakten geworden sind – sie
passten in frühere Zeiten. Heute erweisen sie sich insofern als
Hindernisse und Handicaps für die Kirche, als nicht mehr zu übersehen ist,
dass sie den Kontakt zum Leben der Menschen, zu ihrem Denken und
andersgearteten Gewohnheiten verloren hat. Der gesellschaftliche
Einflussverlust der Kirche ist gewaltig; die Austrittsbewegung seit Jahren
auf hohem Niveau... Ob diese Mängel durch religiöse Jugendfestivals
oder zur Gewohnheit werdende Papstinszenierungen auf dem Petersplatz
und anderswo beseitigt werden können, ist sehr zweifelhaft. Bisher zeigt die
Erfahrung, dass sie dem Aufbau und Glauben der Gemeinden, wie die
Apostelgeschichte sie beschreibt (16.5 u.a.), wenig dienlich sind.
Masseninszenierungen fördern vielleicht eine sympathische Fernbindung
an die Kirche und eine neue Religionsfreundlichkeit. Diese bleiben
aber unverbindlich und beliebig; bringen exotische Erinnerungen und
Nostalgien zum Ausdruck. Von einem ernsthaften Christentum kann jedenfalls
nicht die Rede sein.
Auf dem bisher geschilderten geschichtlichen Hintergrund müssen wir wieder
unsere Gegenwart sehen und beurteilen lernen. Nur wer die Vergangenheit kennt
und im Auge behält, kann innerlich und äußerlich Abschied von ihr nehmen und
angemessene Schritte in die Zukunft tun. Aus der Geschichte lernen – ohne
sie zu wiederholen – muß das Motto sein. Folgende Ziele und
Leitlinien müssten das Christentum wesentlich bestimmen, wenn es die
tragende Rolle wiederfinden will, die ihm von der Sache her zukommt:
- Das Christentum bzw. die Botschaft Jesu als Ganze müssen wieder als
ethische Herausforderung begriffen werden. Seit Jahrhunderten haben
wir das Christentum weitgehend dogmatisch auf seinen
Wahrheitsgehalt hin untersucht; kirchenrechtlich nach innen
strukturiert und nach außen abgesichert; rituell-liturgisch
gefeiert und ästhetisch anziehend gemacht. Die Botschaft Jesu als
"ethische Herausforderung" hat dagegen konkrete Fakten und Lebenslagen
im Blick; ist eine Aufforderung an jede/jeden, sich den unmittelbaren
Herausforderungen des Lebens zu stellen – mit offenen Augen und Ohren
"reagieren" zu lernen auf das, was augenfällig notwendig ist. Wirkliche
Notwendigkeiten erweisen sich normalerweise als Not wendend.
- Das christliche Glaubensverständnis muß wieder auf die Frage
hin überprüft werden, wie weit es etwas zu tun hat mit der konkreten
Lebensführung bzw. mit der Fähigkeit des "Reagierens" auf die Zeichen der
Zeit. Gläubiges Handeln ist nicht das Konsekutivum aus einem wohl
durchdachten Wahrheitsverständnis, sondern der Glaube wird konstituiert
durch das Handeln selbst. Im Reagieren auf das, was Gott heute und jetzt
mit einem vorhat, wird Glaube Antwort auf den Anruf Gottes. Glaube
ist nur ein anderes Wort für: gelebte Liebe und Barmherzigkeit gegenüber
einer zu erlösenden Welt und Menschheit. Im Blick auf Jesus ist Glaube
die verbindliche Übernahme seiner Denk- und Handlungsweise in die
eigene Lebenssituation.
- Gläubiges Handeln und Handeln aus dem Glauben gegenüber einer zu
heilenden und zu erlösenden Welt kann nicht als "Horizontalismus" oder
"bloßer Humanismus" abqualifiziert werden, wenn ihnen die
heilsgeschichtliche Perspektive gegeben wird, die ihnen zukommt.
Alles, was Christen "in Seinem Namen" denken oder tun, gleicht dem
"Sauerteig", dem Samen, der, in die Erde gesät, im Hier und Heute zu
wachsen beginnt und "Reich Gottes" ansatzweise entstehen läßt. Während den
Christen das Säen aufgegeben ist, hat sich ein anderer das
Wachsen und der Ernte vorbehalten – ein Vorbehalt, der Glauben schwer
macht.
- Kirchlichen Gemeinschaften ist es aufgegeben, situations- und
zeitgemäß Leben und Handeln aus dem Glauben der Welt exemplarisch vor
Augen zu führen. Es geht nicht nur um die Pflege des Traditionellen und
Herkömmlichen; nicht nur um die Aufrechterhaltung des Liebgewordenen,
sondern vor allem auch um die Hellhörigkeit auf die "Zeichen der Zeit" und
um die Fähigkeit, das Gebot der Stunde zu erkennen. Diesem Anspruch gilt
es immer dann zu entsprechen, wenn die Ordnung unter den Menschen oder in
der Schöpfung gestört ist. Gerade in "brisanten Angelegenheiten" gewinnt
der prophetische Charakter der Religion wieder jenes Gewicht, wie
es dem jüdisch-christlichen Charisma gegeben ist.
Eine sozial und traditionell strukturierte Religion – Ergebnis des Suchens
und Fragens des Menschen nach Gott (religere; religare) – neigt dazu, sich
als geistreiches, selbstsicheres Lehrsystem zu etablieren. Was dabei verloren
zu gehen droht, sind ihre ursprüngliche Kraft und Frische: nämlich Antwort
zu sein auf Mängel. Einer prophetischen Religion ist es aufgegeben, das
Entsetzen über den Zustand der Welt und das unrechtmäßige Verhalten von
Menschen laut kund zu tun.
Wie die Propheten des AT hat auch Jesus die Mängel aufgezeigt und zur
Sprache gebracht. Er hat Verwunderung und Empörung unüberhörbar gemacht.
Unrechtmäßige Verhaltensweisen seiner Zeitgenossen, auch der religiös
Mächtigen, hat er angeprangert. Seine Sprache war die des Bestreitens und
Vermissens all dessen, was unakzeptabel und verloren war.
Eine solche prophetische Aufgabe wahrzunehmen, ist für Christen immer
deshalb schwer, weil sie sich dabei an die eigene Nase fassen müssen... Auch
"Kirche" kann von niemandem etwas verlangen, was sie nicht selbst glaubwürdig
tut. Dennoch führt kein Weg daran vorbei: dem Menschen ist es aufgegeben, in
einer unerlösten Welt der "größeren Gerechtigkeit" eine Chance zu geben und
selbst dabei die Wahrheit zu tun . Durch seine Worte und Taten hat auch Jesus
neue Hoffnung geweckt. Sie beeindruckten als Anfang einer "heileren,
erlösteren Welt". Auch dem Menschen sind sie aufgegeben. Wie bei Jesus sind
sie Ansagen einer Vision, die im Reich Gottes ihre Vollendung finden.
Aus dieser Hoffnung heraus gilt es zu leben und zu handeln.
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