Gratis Info-Brief
Sie möchten regelmäßig über neue Beiträge auf meiner Webseite informiert werden?
Dann abonnieren Sie einfach meinen
Info-Brief...
|
 |
Dramatischer Vertrauensverlust der Kirchen.
Mai 2003
Kardinal Lehmann hat die Ergebnisse einer am 23.April 2003
vorgestellten Umfrage als "zweifellos dramatisches Urteil"
bezeichnet. Demnach haben nur noch elf Prozent der deutschen
Katholiken volles Vertrauen in ihre Kirche. Bei der
evangelischen Kirche sind es immerhin noch siebzehn Prozent.
Beides keine schmeichelhaften Urteile. Ist damit wieder ein
neues Indiz dafür gegeben, daß die "Zeit der Kirche" abgelaufen
ist? Zukunftsträchtiger Neuanfang scheint nur dadurch möglich,
daß energisch die "Zeit der Reich-Gottes-Predigt Jesu" wieder
ins Heute hineingeholt wird. Aber bis dahin ist es noch ein
unendlich weiter Weg.
Es wäre schon viel gewonnen, wenn aufgrund des seit Jahren
anhaltenden Trends eine breit angelegte Diskussion über Ursachen
und not-wendende Schlußfolgerungen in Gang gesetzt würde. Statt
dessen ist zu befürchten, daß vorschnelle Reaktionen darauf zu
keinen brauchbaren Lösungen führen. So z.B. die trostreichen
Lebenslügen: einige Wohlfahrtsverbände hätten ja doch ein gutes
"Image", oder: Kirchenvertreter vor Ort besäßen hohes Ansehen,
oder: bei den noch "Praktizierenden" sei der Reform- bzw.
Verbesserungsbedarf mit dreißig Prozent "relativ gering", oder:
es handle sich heute "alles in allem um eine recht
säkularisierte Gesellschaft".-
Bei den 356.000 Antworten bei der Umfrage handelt es sich - so
resümiert Richard von Weizsäcker - nicht um "Jammerer", sondern
um "konstruktiv-kritische Leute". Wenn mit vorschnellen Rezepten
auch Vorsicht geboten ist - es sollte nicht in Vergessenheit
geraten, daß Papst Johannes XXIII. in der Forderung nach dem
"Zurück zu den Quellen" bereits eine Antwort versucht hat. Man
könnte sie als eine Rückbesinnung auf die Zeit der
"Reich-Gottes-Predigt Jesu" postulieren.
Inhalt, Ziel und Sinn dieser Predigt waren und sind die Praxis
der Liebe bzw. die Einübung in Werte, die das Leben lebenswert
machen und zugleich, wenn auch noch so keimhaft und
fragmentarisch, heiler, erlöster, gottgefälliger... Die Praxis
der Liebe, Hoffnung, Freundschaft, Gerechtigkeit, Gemeinschaft,
Solidarität (vor allem auch mit den Armen und Bedürftigen)
bedeutete nicht nur die Konzentration auf "humane Werte". Diese
wurden darüber hinaus in den größeren Zusammenhang der Vorhaben
Gottes mit der Welt gestellt. Wo seitdem Menschen im Namen
Gottes und auf dem Boden solcher "Eckwerte" Leben gestalten und
bewältigen, da hat das Reich Gottes schon seinen Anfang
genommen. Man könnte auch sagen: da können sich Menschen der
Anwesenheit und des Beistandes Gottes mitten im Leben bewußt und
sicher sein. Sie können auch, so umstritten es auch sein mag,
"Mahlgemeinschaft" miteinander sein.
Diese lebensnahe und liebenswerte Botschaft hat von Anfang an
auch die Frauen und das "einfache Volk" in ihren Bann gezogen.
Sie stehen dem Leben am nächsten. Heute zeigt sich dramatisch:
die genannte Praxis Jesu kann nirgendwo in der Welt und Kirche
Früchte tragen, wenn sie nicht in der Kinderstube bereits
eingeübt wird. Ohne die Einübung der Liebe, der Toleranz und des
Verzeihens im Kleinen kann im Großen der Welt kein Friede
werden. Die eigentlichen Träger der christlichen Botschaft waren
deshalb immer schon die "Kleinen und Unmündigen" - nicht die
Theoretiker, Gedankenakrobatiker, Theologen und Rechtsgelehrten.
Die dem Leben ganz nahe stehen, müssen es auch wieder werden.
Das heutige Dilemma besteht darin, daß diese Zeit allzu früh und
hartnäckig in die "Zeit der Kirche" mündete. Diese konstituierte
sich als "Männerkirche", als eine hierarchische Kirche mit einem
theologischen Spezialistentum. Als "Männerveranstaltung"
gestaltete sie sich ganz nach dem Vorbild gesellschaftlicher
Verhältnisse. Als "Theologenreligion" wurde und wird sie geprägt
von Faktoren, die sich im Laufe der Jahrhunderte als erstaunlich
konstant erwiesen haben, heute aber massiv zusammenbrechen:
Männerautoritäten, möglichst zentralistisch und autoritär - bis
in die Gemeinden hinein; philosophisch-theologische Doktrin,
geeignet, uninformierte und zu belehrende Massen
zusammenzuhalten, allerdings verbunden mit dem "Nachteil",
Menschen religiös zu instrumentalisieren und zu infantileren,
sie letztlich dorthin zu verweisen, wo der "Laienstand" ist: als
Stand der Nicht-Wisser und Unkompetenten.
Die Frauen und das "einfache Volk" ("Laien") gerieten so in
Vergessenheit, paßten nur insofern in die kirchliche Landschaft,
als sie gläubig-hörig und gehorsam waren. Die Lebensferne
heutiger Verkündigung hat hier ihre tiefsten Wurzeln. Darüber
kann auch das Erzählen schöner Gleichnisse und Beispiele nicht
hinwegtäuschen. Auch nicht byzantinische Festlichkeiten und
Liturgien - zur "Ehre Gottes", allzu oft aber auch zur
Selbstdarstellung und Selbstverherrlichung eitler Kirchenmänner.
Das so sich darstellende "Christentum" (welches nicht das ist,
was es einmal war) reitet sich gegenwärtig zu Tode, wenn es nicht
im gleichen Maße und an kompetenten Schaltstellen wieder Frauen-
und Volkssache wird. Den "Laien" ist alternatives Denken und
Handeln aufgegeben: vom Kind her, vom werdenden und wachsenden
Leben her mit all seinen Sorgen, Ängsten und Hoffnungen.
Insofern gehören die "Laien" paritätisch in alle Ämter hinein.
Nicht einfach "nur so" in die bestehenden Strukturen, sondern
mit eigenem Profil und eigenem Kompetenzbereich. Ganz neue
Formen von "Kirche" dürften das Ergebnis sein. Wann kommt die
Zeit, in der wieder umfassend darüber nachgedacht wird?
|