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Gedanken über ZeitenWende - WendeZeiten (I): Weihnachtszeit.
November 2004
Vorweihnachtszeit.
Im Christentum nennt man diese Zeit: Adventszeit. Sie hat auch eine
besondere Überschrift: Rechnen mit dem Ernstfall. Darauf sind heutige
Menschen nicht sonderlich eingestellt. Die Spaß-Gesellschaft läßt den
"Ernstfall" eigentlich nicht zu. Die Spaß-Industrie tut das ihre dazu, damit
möglichst keine Unstimmigkeiten passieren. Sie will in jeder Hinsicht der
menschlichen Veranlagung entsprechen, die auf "panem et circenses" angelegt
ist. Wer "Brot und Spiele" bietet, gilt als "cool", als "super"; hat die
beste Chance auf Applaus und Zustimmung der Massen.
Aus der Zeit vor ca. 3000 Jahren wird uns schon ein klassisches Beispiel
überliefert. Die Menschen hurten, aßen und tranken, erlaubten sich ohne
Denken und Nach-Denken den größtmöglichen Spaß. Nur einer war da, der eine
Naturkatastrophe rechtzeitig kommen sah: Noach. Er baute eine Arche,
um sich und andere im Ernstfall frühzeitig in Sicherheit bringen zu können.
Er wurde von den anderen verlacht und verspottet, bis jede Rettung für sie zu
spät war (Gen 6.11ff; 7.7-23).
Die Adventszeit richtet den Blick auf das mögliche Ende der Welt. Dann wird
es sein wie in den Tagen des Noach, schreibt Mathäus (24.37-39). "Die
Menschen vor der Flut aßen und tranken und heirateten bis zu dem Tag, an dem
Noach in die Arche ging und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle
wegraffte. So wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein...".
Das von Menschen verursachte "Ende der Welt" wird von Naturforschern und
Atomphysikern seit langem als reale Möglichkeit geschildert. Wenn das
ungeheure Zerstörungspotential in die Hände von Terroristen gelangt - umso
schlimmer. Dann könnte das Ende noch schneller und unvorhersehbarer sein.
Dabei ging es weder damals noch geht es heute darum, Angst, Schrecken und
Panik zu verbreiten. Aber damals wie heute wird die Gefahr beschworen, dass
Menschen in einer Amüsier- und Konsumgesellschaft unwillig und unfähig
werden, den "Ernstfall" überhaupt in Erwägung zu ziehen. Sie sind viel zu
süchtig nach augenblicklichen Effekten. Deshalb die Mahnung der Adventszeit:
"Seid nüchtern und wachsam. Ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt. Wenn er
plötzlich kommt, soll er euch nicht schlafend antreffen..."(Mk 13.33-37).
Solche Aussagen weisen auf die Tiefendimension irdischer Existenz hin, die
durch Oberflächlichkeiten und "Events" nicht zu bewältigen ist. Sie meinen
die Realität des Bösen, die im Menschen angelegten Möglichkeiten zum Banalen
und Brutalen. Beim Wachsamsein geht es um den Ernst der Lage,
in der sich die Welt existentiell befindet und die plötzlich eintreten kann:
als Schauplatz zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Gott und modernen
Göttern, zwischen "edlem Humanismus" und zerstörerischer (Be)Triebsamkeit.
Weihnachtszeit (I)
An Weihnachten ist Mensch-Werdung das Thema. Wenn ein Kind geboren
wird, ist es dann schon ein Mensch? Auf jeden Fall am Anfang ein
"Mängelwesen" mit der Grundbefindlichkeit, absolut hilflos, abhängig, den
ersten Bezugspersonen ausgeliefert zu sein. Je nach dem, wie diese
emotionale und faktische Abhängigkeit ausfällt, kann sich der junge
Mensch zu einem Helden oder Taugenichts entwickeln, zu einem Heiligen oder
Verbrecher.
Die Pisa-Studie sagt über die "deutsche Erziehungskatastrophe", daß in
Elternhaus und Schule schon sehr früh die entscheidenden Weichen gestellt
werden: zum Herumhängen, zu viel Essen und Trinken, reichlich Fernsehen,
Surfen im Internet, Shopping, Sex, Psychopharmaka und Super-Aktionen. Alles
muß "cool" sein, muß Spaß machen. Was dabei auf der Strecke bleibt, seien
wachsendes Selbstwertgefühl, Kommunikationsfähigkeit in Gemeinschaft,
Lernbereitschaft, Konzentrationsfähigkeit, Antriebsstärke, Motivation zu
eigener Verantwortung auch für andere, Perspektivlosigkeit im Blick auf die
Zukunft...
Deutsche Jugendliche gelten als "Weltmeister in den Spezial-Disziplinen"
Alkoholkonsum, Rauchen, Kiffen, Müdigkeit, Bewegungsmangel... So sagen es die
Fachleute. Von Rechten sei überall die Rede, kaum von Pflichten:
kaum von Selbstsorgepflicht, aber von staatlicher Fürsorge; kaum von
Erziehungspflicht, aber von "Entsorgung" der Kinder in verschiedenste
Betreuungs-Einrichtungen; kaum von Lernpflicht, Arbeitspflicht,
Fürsorgepflicht, Hilfepflicht, Mitgestaltungspflicht usw.
Wo nicht Mensch-Werdung geschieht, d.h. wachsendes Reifen und
Verantworten, bereitet eine Gesellschaft ihren eigenen Untergang. Wo
Kinder und Erwachsene verbindlich keine Selbstverpflichtung übernehmen im Tun
und Realisieren lebenswichtiger Werte wie Liebe, Toleranz, Gemeinschaft,
Team-Geist, Rücksichtnahme, Respekt vor sich und vor anderen, da gibt es
statt Zukunft Leere und Langeweile, Gewaltbereitschaft und Brutalität. Es
geht um das Erproben sinnvoller Lebensentwürfe statt um Nur-Spaß in
Entsorgungs-, Betreuungs- und Unterhaltungseinrichtungen.
Im Blick auf das, was sich heute in der Welt an Kriegen und Gewalttätigkeiten
abspielt, kann nicht einfach von "Froher Weihnacht" die Rede sein, sondern
auch von einer recht anstrengenden und verpflichtenden Weihnachtsbotschaft.
Es geht um die Menschwerdung von Menschen - ein langwieriges und mühsames
Unternehmen.
Weihnachtszeit (II)
Das schwierige Unternehmen "Friede auf Erden".
Wie gewohnt, läuten die Glocken zu dieser Zeit besonders feierlich. Die
Herzen der meisten Zeitgenossen schlagen höher. Die große Mehrheit der
eingeübten Christen und der Gelegenheits-Christen "einmal im Jahr" fühlt sich
mit diesem Fest emotional besonders verbunden. In den Familien nimmt es einen
festen Platz und zum Essen und Trinken viel Zeit in Anspruch. In den
übervollen Kirchen fehlt es nicht an Feierlichkeit, an klugen und
salbungsvollen Worten über den "Frieden in der Welt" - Botschaft und Appell
zugleich. Denn Beides ging von Betlehem aus, dem Kind in der Ärmlichkeit
einer Krippe.
Wenn dann bald nach Weihnachten die frommen Emotionen abgeklungen sind, rückt
die nüchterne Realität des Alltags wieder in den Vordergrund. Dann wird allen
so oder so wieder bewusst, dass die Botschaft vom "Frieden auf Erden" bisher
eine Utopie geblieben ist, eine "fata morgana", der man bei bestimmten
Anlässen und zu bestimmten Zeiten gerne nachläuft, um sich wenigstens einige
Augenblicke von deren frischen Wassern umspülen zu lassen.
Aber die Realität ist bis heute eine andere geblieben. Auch im Namen des
religiösen Friedens sind viele Kriege geführt und viele Unrechtsprozesse in
Gang gesetzt worden. Sie haben Haß und Gewalt gedeihen lassen. Im 12.Jh. rief
der große Heilige und Mystiker Bernhard von Claivaux zur Gottes- und
Nächstenliebe auf. Zur gleichen Zeit mobilisierte er Europa für die
Kreuzzüge, die bei den "Heiden" und Andersgläubigen bis heute blutige Spuren
hinterließen. Am 11. September 2001 wurden in Washington und New York
Terrorakte "im Namen Allahs" verübt, die Tausenden Leben oder Gesundheit
kosteten. Seitdem ist die Neigung gewachsen, überall in der Welt ethnische,
soziale, politische und militärische Konflikte gewaltsam zu lösen. Der
Kampf der Kulturen scheint in vollem Gange. Vom gerade zu Ende gegangenen
Wahlkampf in den USA kann man lange darüber rätseln, ob Bush als
politischer Überzeugungstäter oder als religiös-verbrämter Friedenseiferer
die Schlacht für sich entschieden hat? Der Verdacht liegt nahe, dass
religiös-blinder Fanatismus den Verlauf der Ereignisse bestimmte.
Warum ist das so sehr herbeigesehnte Unternehmen "Friede auf Erden" so
schwierig? Weil Botschaft und Auftrag zu Sonntagsreden degradiert
wurden - bei bestimmten Anlässen zu feierlichem (Wahl)Getöse missbraucht.
Ursprünglich und wesentlich gehören sie mitten in die harte Realität des
Alltags. Von Albert Einstein stammt das Wort: "In Zukunft wird die
Menschheit, um zu überleben, genau so viel Geld, Energie und Intelligenz für
Friedensforschung und Friedensarbeit einsetzen müssen, wie sie bisher für die
Produktion von Waffen und für Kriege eingesetzt hat". - Noch "hautnaher"
meint Mahatma Gandhi: "Gleichgültigkeit und Desinteresse am Leid
anderer sind die ersten Formen der Gewalt". -
Leider haben diese "ersten Formen der Gewalt" schon viele Kinder geboren. Sie
heißen: Ausbeutung der Arbeits- und Lebenskraft der ohnehin Entrechteten und
Einflusslosen; wachsende Armut und Elend in vielen Breitengraden; Menschen-
und Kinderhandel; Missbrauch und Verachtung menschlicher Würde und
Selbsteinschätzung; Chancen- und Perspektivlosigkeit fürs Leben. -
Es wird keinen Frieden auf Erden geben, wenn nicht begriffen werden will,
dass diese Botschaft ein Auftrag ist - nur durch konsequente Friedensarbeit
zu leisten. Bei Kindern und Jugendlichen muß sie bereits beginnen.
Ernüchternd und erschreckend zugleich ist deshalb das Ergebnis einer Studie,
in der es heißt, dass die meisten gestressten und vielbeschäftigten Eltern
und Erzieher/Innen keinen "Führerschein" besitzen. Ihnen fehlen Zeit, Mut,
solide Kompetenz und Kenntnis für Erziehung und Friedensarbeit. In Erfurt
haben wir das klassische Beispiel eines Wunsch- und Wunderkindes ehrbarer
Eltern erlebt: es wurde zu einem Massenmörder an Mitschülern und Lehrern.
Die Gefahr liegt in der Luft, dass Gewalt und Barbarei weltweit zunehmen,
wenn ethische Werte und Normen keine Verbindlichkeit für alle
erhalten. Es geht um die Einübung in Lebens- und Überlebenswerte wie: Praxis
der Liebe und Gerechtigkeit, Toleranz und Gemeinschaft; Anerkennung der
Gaben, Fähigkeiten und Grenzen jedes Einzelnen; spannungsreiche
Auseinandersetzungen immer dann, wenn es um konkrete Schritte und Maßnahmen
zur Verwirklichung von Frieden und Verständnis geht. Die Botschaft vom
"Frieden in der Welt" wurde nicht in einem Palast geboren, sondern in einer
Krippe - Symbol eines einfachen und anspruchslosen Lebens für alle.
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