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Die Religion kehrt wieder. Aber wohin geht die Kirche?
März 2003
1. Sakramentalität des Alltäglichen?
Es gibt eine Reihe von Gründen, die mich veranlassen, die hier
vorgegebene Thematik mit einer Geschichte zu beginnen. Während
die Gründe später angeführt werden sollen, hier zunächst die
Geschichte. Sie stammt von HEINRICH BÖLL. Sie stellt eine Szene
aus seinem Roman dar: "Der Engel schwieg". Nach dem zweiten
Weltkrieg treffen ein junger Mann und eine junge Frau im
zerbombten Nachkriegsdeutschland zufällig aufeinander. Er ist
Kriegsheimkehrer und trägt Todesnachrichten für seine Heimat in
der Tasche. Sie hat gerade ihr neugeborenes Kind begraben
müssen, weil es nicht lebensfähig war. Er trägt ihr einen Mantel
nach, den sie im Krankenhaus vergessen hatte. So ergibt es sich,
dass sie zusammen bleiben, ohne eigentlich zu wissen warum. Nach
einigen Wochen besiegeln sie den Prozess des Zusammenseins. Es
entwickelt sich folgender Dialog:
"Komm, sagte er leise und hob
sein Glas, du bist jetzt meine Frau, willst du es sein?
Ja, sagte sie ernst, ich will es.
Ich werde dich nicht verlassen, solange ich lebe.
Ich werde bei dir bleiben, ich freue mich.
Sie lächelten sich zu und tranken.
Ein guter Wein, sagte sie, sehr mild und schön.
Es ist Messwein, sagte er, ich habe ihn geschenkt bekommen.
Messwein?, fragte sie; er sah, dass sie erschrak; er rückte das
Glas weg und sah sie an.
Keine Angst, sagte er und legte seine Hand einen Augenblick auf
ihren Arm, es ist Wein, nur Wein. Glaubst du denn daran?
Ja, ja, sagte sie, ich glaube daran. Du nicht?
Doch ... Ich hatte auch Angst, jetzt nicht mehr."
Die Anspielungen, die hier gemacht werden, sind nicht
zufällig gewählt. Da ist zunächst das Gespräch. Was sich die
zwei jungen, kriegsgebeutelten Menschen aus Anlass ihres
Heiratens zu sagen haben, ähnelt sehr dem Fragen und Antworten,
die der Priester während einer Trauung stellt bzw. wie sie von
Braut und Bräutigam beantwortet werden. Ebenso ist da der
Messwein, den die beiden trinken. Was damit von dem Katholiken
BÖLL zum Ausdruck gebracht werden soll, bedarf eigentlich keinen
Kommentars: was zwischen zwei Menschen geschieht, mitten im
Alltag, in einer vom Krieg halb zerstörten schäbigen Wohnung,
ist ein sakramentaler Vorgang. Der Wein ist nicht einfach
Nahrungs- und Genussmittel. Was in jedem Gottesdienst
aufleuchtet oder aufleuchten sollte, geschieht hier: wo Menschen
sich in Liebe einander zuwenden, kann man sich auch der
Zuwendung Gottes sicher sein. Gottes Präsens ist nicht an eine
religiöse Amtsperson, an einen sakralen Raum oder eine dafür
vorgesehene "heilige Zeit" gebunden. Wo religiöse Menschen in
"seinem Namen" zusammen sind, bekommt alles Profane eine
sakramentale Tiefe. Das Sakrale wird in den Alltag hinein
humanisiert.
2. Die Gründe
Damit wurden aber auch schon einige Gründe angedeutet, warum
meinen Überlegungen diese Geschichte vorangestellt wurde. Sie
passt in eine Entwicklung, die sich seit dem immer deutlicher
abzeichnet. Während man früher immer gerne davon ausging, alles
"Unkirchliche", "Kirchenkritische" und Kirchenabständige als
"unchristlich", "ungläubig", atheistisch und säkular zu
bezeichnen, vollzieht sich heute ein Wandel: was unkirchlich,
unkonfessionell und säkular ist, muss nicht unbedingt unreligiös
und ungläubig sein. Während es früher "in" war, Atheist zu sein,
bricht das Religiöse heute überall wieder durch, wenn auch - aus
der Sicht der Theologie - in unklarer, konfuser, nebulöser
Gewandung. Oder kehrt, nachdem die großen Religionen und
Konfessionen an Anziehungskraft verlieren, die archaische
Religiosität wieder zurück?
Manches spricht dafür, wenn man bedenkt, dass für die Asteken
das Ballspiel eine religiöse Abhandlung war; dass die
Olympischen Spiele ihren Ursprung in der Götterverehrung haben;
dass das Theater bei den Griechen mit Kult und Ritualen
verbunden war, die Bezüge zur Sinnebene jenseits des
Alltäglichen eröffneten; dass heute Sport, Werbung, Kunst und
Kultur vielfach als rituell aufgeladen erscheinen - zunächst
einmal als ästhetische Überhöhung und Sinnerfüllung des
Diesseits, weniger als Verweis auf eine jenseitige Welt. Wie
wäre dieser Verweis biblisch, christlich, kirchlich neu zu
bewerkstelligen?
Um noch einmal auf HEINRICH BÖLL zurück zu kommen, hier einige
Bemerkungen:
- Da ist ein katholischer Schriftsteller, der sich ein Leben
lang nicht nur wundgerieben hat am sogenannten "katholischen
Milieu", sondern schließlich auch aus der Kirche ausgetreten
ist, ohne es aufzugeben, weiterhin nach der Substanz des
Christlichen zu fragen und darum zu ringen. Eine ZDF-Studie
aus den Jahren 1994/95 mit dem Titel: "Die Kirche wickelt sich
ab - und die Gesellschaft lebt die produktive Kraft des
Religiösen" heißt es: "Das Kreisen um die immer gleichen
Themen lähmen die Kirche und verschwenden pastorale Energien".
Shell-Studien seit 20 Jahren und andere
religions-soziologische Untersuchungen bestätigen immer mehr:
Vor allem die "jüngere Generation" bis zu 50-60 Jahren reibt
sich an "Kirche" nicht mehr wund, sie kehrt ihr lautlos den
Rücken.
- HEINRICH BÖLL bezeichnet das "katholische Milieu" als
isoliert von der übrigen Gesellschaft. Was aus der Sicht der
Sakramententheologie - wenigstens seit der Zeit der Scholastik
- als "häretisch" und "ketzerisch" angesehen werden muss,
führt er in seine Geschichte ein: die Wirksamkeit der
Sakramente hängt nicht unbedingt vom "ex opere operato" einer
Amtsperson ab. Gottes Anwesenheit im Leben von Menschen hat
auch recht wenig mit Weihevollmachten oder pünktlichen
Wandlungsworten zu tun. Gott ist mit seinem schöpferischen und
erlösenden Wirken seinen Geschöpfen immer nahe. Es kommt nur
darauf an, dass auch der Mensch sich Gott zu nähern vermag.
Als Ahnen, Hoffen und Sehnen geschieht dies offensichtlich in
"privilegierten Lebens- und Alltagssituationen", was laut
ZDF-Studie das Entstehen der "Zivilreligion" erklärt.
- Damit stellt sich die Frage nach dem Wesen der Religion
überhaupt. Herkömmlich wird der Begriff aus dem lateinischen "religere"
(Cicero) oder "religare" (Laktanz) abgeleitet und meint im
allgemeinen die "Verbindung des Menschen zu Gott"; das
Bezogensein des Menschen auf das Unendliche; das sorgfältige
Beobachten der Gottesverehrung bzw. deren Anerkennung. Selten
oder gar nicht kommen in solchen Beschreibungen die Gründe und
Ursachen zur Sprache, die den Menschen bewegen, seine Existenz
überweltlich zu begründen
Etablierte und verbürgerlichte Religionen neigen vielfach zum
"Fascinosum". Der Hang zum Schönen, zum Staunen, zum
Feierlichen... wird dann übermäßig kultiviert. RUDOLF OTTO hat
bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts diesen
Hang mit dem "Tremendum" korrigiert. Für ihn steht am Anfang
der Religion nicht nur das Staunen, sondern auch das Entsetzen
über den Zustand der Welt. Religion und religiöse Aufbrüche
haben immer zu tun mit der Weigerung, einverstanden zu sein
mit einem Leben, auf das am Ende nur der Tod wartet. Ein
religiöser Mensch ist demnach jemand, der Mangel leidet und
empört ist über stets auftretende Formen von Hass und
Egoismus, über soziale Ungerechtigkeiten und Kriege, schlicht
über alle Unrechtmäßigkeiten, wo und wie auch immer sie
auftreten. Deshalb sind dessen eigentliche Motoren und
Vorantreiber nicht die Philosophen und offiziellen
Religionsvertreter, die auf theologische Sicherheit aus sind,
sondern die Reformatoren, die Ekstatiker und Exzentriker, die
Utopisten und Visionäre, die Mystiker und Propheten. Oft
werden sie zu Lebzeiten als verrückt erklärt, weil angeblich
mit dem Ausweis von Realitätsverlust ausgestattet. Manche von
ihnen haben sich zu späteren Zeiten als größere Realisten
herausgestellt als deren Kritiker.
Wo nach HEINRICH BÖLL "Religion" kultiviert wird, isoliert
vom wirklichen Zustand der Welt und des Menschen, da halten
deren Vertreter allzu schnell "Sicherheitsmessen"; sie benutzen
die Religion "zur Absicherung ihrer Unangefochtenheit". Sakrale
Rituale werden leicht zu Mitteln der Selbsterhöhung und der
Selbstvergötzung. Gefangen im "religiösen Sicherheitswahn"
(MARTIN BUBER) werden Anfragen und Infragestellungen von außen
verhindert. Bei den Menschen soll gewollt oder ungewollt der
Eindruck hinterlassen werden, dass Gott ihnen in der Nähe der
Religionsvertreter bzw. in der Kirche am nächsten ist. In der
ZDF-Studie heißt es lapidar: "Die Theologie funktioniert nicht
mehr, weil sie die falschen Fragen stellt". Und: "Die kirchliche
Bild- und Symbolsprache kommt der Entwicklung der Gesellschaft
nicht nach".
Die Szene HEINRICH BÖLLS versucht, diesen Mangel zu beheben.
Dazu erfindet er neue Zeichen, andere sakramentale Rituale,
alternative Heiligengeschichten. Der graue Alltag wird durch
neue Sakramente gewürdigt. Sie entstehen überall da, wo
"Menschwerdung" konkret geschieht. Indem er das Zentrale des
Christentums, dessen Ursprung und Kraft anmahnt, ist für ihn
Jesus Christus inkognito anwesend: unerkannt von der Welt und
von der Kirche. Jesuanische Identität und sakramental-mystische
Frömmigkeit ereignen sich überall da, wo im Sinne z.B. der
Gerichtsrede Jesu (Mt. 25.31-40) durch Menschen etwas
Tröstendes, Heilsames, Erlösendes geschieht; wo "Glaube" an
seinen Früchten zu erkennen ist (Mt. 7.16). Wo Menschen in der
Tiefe ihrer Existenz getroffen und in den Wurzeln ihres Daseins
erschüttert werden, da geschieht weniger die "Verwandlung von
Brot und Wein", sondern die Verwandlung der Herzen, des Denkens,
der Verhaltensweisen. Erst wo dies geschieht, wird die Feier von
alten und neuen Sakramenten sinnvoll. Sie hören auf, als
religiöse Sonderveranstaltungen bodenlos in der Luft zu hängen.
Wenn es in der ZDF - Studie heißt, die Theologie müsse sich aus
dem "Ghetto der Kirchen-Wissenschaft befreien"; sie müsse auch
eine Sensibilität für die heutige Individualisierungsdynamik mit
ihrer Größe und Tragik entwickeln; sie müsse aus dem behüteten
Raum von Sakristeien und Bildungshäusern heraus treten und im
rauhen Wind der Marktplätze die gesellschaftlichen Veränderungen
hautnah erleben, wie auch die Sehnsucht des Menschen nach
Selbsttranszendenz, Transzendenzhoffnung und neuen Symbolen,
dann stellen sich mit Recht die Fragen, ob solche Forderungen
und Denkweisen nicht doch mehr mit ursprünglich biblischem
Denken zu tun haben, als mit gewohnt theologisch-kirchlichem; ob
sie nicht eine Rückkehr zum Wesen der Religion bedeuten und zu
dem hinführen (müssen), was AUGUSTINUS (†430) mit dem für seine
Zeit realistischen Tatbestand ausgedrückt hat. Nach ihm gibt es
Hunderte von Sakramenten, d.h. sakramentale Begegnungen des
Menschen mit Gott und Gottes mit den Menschen.
3. Die Wiederentdeckung der Sakramentalität des Lebens.
Man darf das Phänomen der religiösen Aufbrüche in der säkularen
Gesellschaft (noch) nicht allzu hoch hängen. Dennoch könnte man
es vorerst beschreiben als einen Prozess, in dem Religion und
religiöses Leben in die unmittelbare Nachbarschaft mit
Lebens-Erfahrungen gerückt werden. Oder anders ausgedrückt:
Nachdem sich die Kirche seit ca. 1000 Jahren auf den Vollzug und
die Praxis von sieben Sakramenten reduziert und konzentriert
hat, traut "die Welt" immer weniger dieser lebensarmen Liturgie
und Symbolik. So reich sie im kirchlichen Sinne auch sein mögen
- oft leben sie doch an dem vorbei, was das Leben in seiner
Vielfältigkeit ausmacht und was "Religion" wesentlich ist:
Betroffensein, Sehnsucht nach einem ganz Anderen gerade in den
absurden Erfahrungen des Lebens. So riskieren offizielle
kirchliche Riten, dass Religion und Glaube auf
"Sonntäglichkeit", Feierlichkeit und Gelegentlichkeit reduziert
werden. In der Markenartikelindustrie entwickelt sie eine eigene
spirituelle Prägung des Alltags, die bis in kirchlich
orientierte Kreise und Gruppen hinein ihre Langzeitwirkung nicht
verfehlt. Ihr Auszug aus der Gefangenschaft "heiliger Zeiten",
heiliger Räume, heiliger Personen ist ein markantes Signal.
Konkrete Beispiele belegen diesen "Auszug" aus dem
Herkömmlichen, wobei sehr oft sogar der Eindruck entsteht, als
kehrten viele Christen problemlos zu der Vorstellung AUGUSTINS
von den "Hunderten von Sakramenten" zurück und damit sogar zu
einem biblischen Denken, welches traditionelle Theologie bis in
die Wurzeln hinein reduziert.
So berichtet die Zeitschrift "Christ in der Gegenwart" (18/1999,
143) von den Sohn, der am Bett seines sterbenden Vaters sitzt.
Alle möglichen Bilder und Erinnerungen an frühere Zeiten gehen
ihm durch den Kopf. Dabei entwickelt sich folgende "Liturgie" :
Er fühlt seinem Vater den Puls, der einen wilden Rhythmus
schlägt, als fühle er sich an keine Ordnung mehr gebunden.
Welche Überraschung, wenn der Vater aus seinem Morphiumschlaf
auftaucht, die Augen aufschlägt, gar lächelt. Und dann formen
seine Lippen ein paar Worte. Klar kommen sie und bestimmt: "Ich
möchte eine Krankensalbung". Der Mann schaut seinen Vater
verblüfft und etwas ratlos an. Muss man einen Priester holen?
Ist es dafür nicht schon zu spät? "Ich weiß nicht, wie das
geht", sagt der Sohn. Der Vater antwortet: "Lass dir etwas
einfallen."
Der Sohn geht in die Küche und kommt mit einer Flasche Salatöl
zurück. Einen Moment hält er inne und fragt sich: "Darf ich
das?" Da öffnet der Vater ein Auge und nickt ihm zu. Der Sohn
zündet eine Kerze an. Seine Bewegungen sind langsam, bedächtig,
als wolle er Zeit gewinnen. Er macht ein Kreuzzeichen, gibt
etwas Olivenöl auf seine Finger und beginnt erst die rechte Hand
des Vaters zu salben, dann die linke. Schließlich streicht er
dem Kranken mit der öligen Hand über die Stirn. Dabei singt er
ein "Salve Regina", das der Vater besonders liebt. Ein "Vater
unser" und Psalm 27 beschließen die Zeremonie: "Ich aber bin
gewiss, zu schauen die Güte des Herrn im Land der Lebenden.
Hoffe auf den Herrn, und sei stark. Hab festen Mut und hoffe auf
den Herrn!"
Zwei Menschen feiern hier "Liturgie". Der Vater als der Ältere
scheint noch von kirchlichen Vorgaben und Gewohnheiten geprägt;
der Sohn weiß nicht, "wie das geht". Trotzdem besinnt er sich -
in einer archetypischen Geste - auf das Öl, welches im alten
Heidentum immer schon ein Mittel des Heilens und der Genesung
war, mit religiösem Anstrich. Handelt er hier als Christ oder
als "neuer Heide"? Jedenfalls wird das Olivenöl der Küche in
diesem Augenblick der rein profanen Bestimmung enthoben; es wird
zu dem, was archaische Religionen schon immer praktizierten: zu
einem Ritus, der auf etwas ganz Anderes verweist.
Diese Geste, theologisch und kirchlich allzu schnell als
"allgemeines Priestertum ... in einer Notsituation" zu
interpretieren, wäre falsch und verhängnisvoll, weil die
eigentliche religiöse Dynamik vorschnell vereinnahmt und
letztlich auch entkräftet würde. In der genannten Zeitschrift
wird an anderer Stelle von heidnischen Fruchtbarkeitsriten und -kulten
gesprochen, die später, von der Kirche übernommen, christlich
umgedeutet und getauft wurden. Ihre Zeichen sind Prozessionen,
Blumen, Kerzen, Brot und Wein. Als schöpfungsbezogene Rituale
setzen sie den gesamten Kosmos gegenwärtig. Sie haben zugleich
mit lebensbezogenen Situationen zu tun. Die Menschen besinnen
sich spontan auf sie bei Naturkatastrophen, bei Zugunglücken und
Flugzeugabstürzen, in bedrohlichen Lebenslagen, in denen es um
Krieg und Frieden geht, Gewalt und Terrorismus, Leben und
Sterben. Wenn es in dem Artikel heißt, dass auch Jugendliche
einen Sinn für solche Zeichen und Symbole haben, dass sie bei
der Feier schöpfungsbezogener Riten alle "ihre Räder abstellen,
ihre Skateboards weglegen und (wie alte Männer) ihre Nasen an
die Glasscheiben drücken" (Seite 151), dann ereignet sich eine
neue Offenheit für das Religiöse, die wohl kaum auf sieben
Sakramente reduziert werden kann.
Viele andere Beispiele belegen den fließenden Übergang von
kirchlich gültigen Sakramenten, hinter denen eine Amtsvollmacht
steht, und lebendigen Zeichen, die das konkrete Leben
widerspiegeln und gleichzeitig über das Alltägliche hinaus
weisen. Da gibt es die vielen Krankenbetreuer und
Laienseelsorger, die aus ihrer Erfahrung zu berichten wissen,
dass die von ihnen betreuten Kranken und Sterbenden in
Gesprächen über Gegenwärtiges und Vergangenes im Leben schon
vielfach bei ihnen "gebeichtet" haben. Warum also zum Schluss
noch einen "Blaulichtpriester" einfliegen, der fremd und
unbekannt ist, der zu den Kranken keinerlei Vertrauensbasis
aufgebaut hat bzw. aufbauen konnte? Warum von ihm noch eine
Sündenvergebung erbitten, die doch schon längst geschehen ist
unter dem Anspruch der Vater-unser-Bitte: "Vergib uns unsere
Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern..."?
Da gibt es die Bibel- und Gesprächsabende in den Gemeinden, die
als "Sakramentalität des gemeinsamen Bibellesens" (HIPPOLYT)
empfunden werden und nicht mehr darauf warten, dass die hier
wachsende "Ökumene" lehramtlich abgesegnet wird. Da sind die
Religionslehrer, die religiöse und ethische Anliegen mit den
Jugendlichen zusammen in der Schule zur Sprache bringen und
denen höhere Kompetenz in Sachen des Glaubens zugesprochen wird
als dem "geweihten Priester". Diesen mögen an Sonntagen die
Eucharistiefeiern zugestanden werden, wozu aber regelmäßige
Bibelleser bzw. eifrige Schüler nicht unbedingt einen Zugang
finden. Wie von diesen zu erfahren ist, finden sie bei
Religionsunterricht und Bibelabend Impulse genug, um das leben
meistern und leben zu lernen.
In diesem Zusammenhang sind die viel diskutierten und kirchlich
umstrittenen "Wortgottesdienste" zu erwähnen. Priesterlose
Gottesdienste am Sonntag: gültige Gottesdienste? Mit oder ohne
Kommunionausteilung? Werden sie nicht allzu schnell mit
Euchristiefeiern verwechselt?
Das meint z.B. ERNST DASSMANN, Professor für alte
Kirchengeschichte. Er steht nicht unbedingt in dem Ruf, ein
"progressiver " oder "modischer" Theologe zu sein. Aber er ist -
in Blick auf den Wandel der Zeit - realistisch genug, um
Folgendes festzustellen:
"Ob eine Gemeinde das Recht auf Eucharistie hat oder nicht, mag
so oder anders beantwortet werden, de facto wird es dazu kommen,
dass sogenannte priesterlose Gottesdienste immer mehr die Form
von Eucharistiefeiern annehmen werden." Und: "Viele Gläubige
wird die Frage nach der Wirksamkeit eines von einem
nichtgeweihten Priester gesprochenen Hochgebetes und
Einsetzungsberichtes nicht sehr bedrängen. Ein gut gestalteter
Gottesdienst ist ihnen wichtiger als die nicht wahrnehmbare
Wesensverwandlung der eucharistischen Gaben."
Was bei der Wiederentdeckung der Sakramentalität des Lebens
entscheidend ist, soll hier noch einmal zusammenfassend
festgestellt werden:
- Religiöse Aufbrüche haben mit Lebens- und Grenzerfahrungen
konkreter Menschen zu tun. Wo sie sich zeigen, finden sie auch
schnell und unerwartet zu einer Sprache und Symbolik, die mit
den angestammt kirchlichen Sakramenten und Sakramentalien
nicht unbedingt identisch sind, ihnen zum Teil sogar fremd und
feindlich gegenüberstehen.
- Unabhängig von kirchlichen Vorgaben führen sie an eine
Grenze heran, die "Transzendenzerfahrung" bedeuten mitten in
der Immanenz dieser Welt. Diese "Grenze" veranlasst dann
"Laien", sich für religiöse Anliegen zu engagieren und, sofern
noch kirchlich interessiert, als "viri probati"
Amtsvollmachten zu beanspruchen. Sogar Frauen wissen sich dann
"priesterlich berufen".
- Entweder führt diese unmittelbare Transzendenzsuche wieder
zu einer archaischen bzw. "neuheidnischen Religiosität", wofür
Bewegungen wie "New Age", "Okultismus", "Spiritismus"...
Zeugen sind. Oder sie werden kirchlich unterschiedlich
aufgefangen. Dabei entsteht eine "Ökumene" aus vielen Kirchen;
die eine Kirche Jesu Christi entfaltet sich in vielen
gleichberechtigten Kirchen.
Weil sich die einen in wichtigen Fragen so und die anderen
anders entscheiden - z.B. was die viri probati angeht, das
Frauendiakonat oder das Priesteramt für Frauen - , wird es in
Zukunft wohl ein sehr vielgestaltiges, spannungsgeladenes
"ökumenisches Christentum" geben. Weil sich die einen begründet
positiv und die anderen begründet negativ in wichtigen Fragen
entscheiden, eröffnen sich wie nie zuvor alternative
Möglichkeiten des Glaubenslebens und des Kircheseins. Mehr denn
je zuvor sind gläubige Christen auf die zentrale Frage
verwiesen, welche Konfession mehr oder weniger auf dem Weg der
Wahrheit des Evangeliums ist bzw. im Auftrag der Verkündigung
der Reich-Gottes-Botschaft steht. Persönliche Optionen und
Gewissensentscheidungen werden die Zukunft des Christentums und
des Religiösen überhaupt bestimmen. Persönliche Gründe und
Motive werden zu unterschiedlichen Weichenstellungen Anlass
geben und dazu verleiten.
4. "Säkulare Religiosität" oder : Gott ist größer als die
Kirchen
Es müssten an dieser Stelle alle religions-soziologische
Untersuchungen genau unter die Lupe genommen werden, die es seit
dem zweiten Weltkrieg gibt: die Allensbacher, die Jörns-, Shell-
Studien usw. Sie alle signalisieren den Untergang der
herkömmlichen Kirchen. Dieser wird nicht nur deutlich markiert
durch ihren nachlassenden gesellschaftlichen Einfluss, sondern
vor allem auch durch die fehlende Akzeptanz ihrer Lehren. Auf
einen Nenner gebracht, könnte man sagen: ob jemand getauft ist
oder nicht; ob Gott dreifaltig ist oder nicht; ob jemand
kirchlich gebunden ist oder nicht; ob es eine Auferstehung gibt
oder nicht - das alles scheinen völlig sekundäre Fragen geworden
zu sein, sei es, dass man sie ohnehin nicht rational begründen
kann, sei es, dass sie fürs Leben unwichtig geworden sind und
"nichts taugen". Es müssten von konkreten Lebenserfahrungen aus
Mittel und Wege gefunden werden, die den Zugang zu
Glaubensinhalten eröffnen, die weniger "philosophisch" sind als
existentiell; weniger "doktrinär" als fragend, suchend,
hoffend... Dabei ändert sich auch das Gottesbild der Theologen
und der Amtsinhaber: Gott steht nicht als Erfüllung und
Vollendung am Ende eines Weges, der von Sieg und Niederlagen,
von Erfolgen und Misserfolgen, von Hochs und Tiefs geprägt ist.
Er ist kein behaupteter Gott, sondern ein im Leben Erahnter,
Erhoffter, Ersehnter. Es geht um den "Gott mitten unter uns",
der als Lebensbegleiter und Lebenskraft gerade in schwierigen
Zeiten erfahrbar wird.
In Umbruchszeiten ist es auf den ersten Blick verständlich, dass
sich die Kirchen konzentriert auf sich selbst besinnen, auf das,
was sie zu vertreten haben bzw. vertreten wollen. Die Gefahr
dabei ist, dass sie sich dabei immer mehr in ein Getto begeben,
sich in ihrer Mentalität und Denkweise von Zeitläufen isolieren
und abkoppeln. Im Beschwören der Gefahr des "Zeitgeistes" wird
dann noch - eine Zeitlang - der Rest der Ängstlichen und
Unbedarften gebunden. Beim ewigen Wiederholen von stets gleichen
Inhalten werden Schöpferisches und Zukunftsträchtiges
verhindert. Die Kirchen fangen an, sich als Museen zu verstehen
und zu benehmen. Bei bestimmten Anlässen der Feierlichkeit
wecken sie nostalgische Gefühle und Erinnerungen. Aber es fehlen
der Saft und die Kraft dessen, was verbal als "frohe Botschaft"
verkündet wird.
Ein Beispiel für die Selbstisolierung von der übrigen Welt ist
die Reaktion eines Pfarrers auf die Shell-Studie des Jahres
2002. In einer großen Zeitung hat er sich folgendermaßen dazu
geäußert: Bei der Jugendstudie zeige sich eine wertvolle
Mischung aus altbewährten und mehr oder weniger neuen Werten.
Ordnung, Kreativität, Geselligkeit, Ehrgeiz, Lebensfreude,
Eigenverantwortung, Toleranz, Wohlsein in der eigenen Familie -
sogar im Rebellionsalter - seien "in". Tragisch bei allem sei es
allerdings, dass der Glaube de facto kaum eine Rolle spielt. Ob
wohl die Eltern daran schuld seien, weil sie keinen Wert darauf
legen? Und die Frage wird gestellt: "Wer hilft den Eltern bei
ihrer Sinn- und Wertesuche?" -
Auffallend bei diesem Artikel ist, dass am Anfang wohl von
vorhandenen Werten gesprochen wird. Dann aber die Feststellung
des fehlenden Glaubens und der fehlenden Wertesuche. Was ist da
mit "Glauben" gemeint? Welche Werte werden vermisst? Wie auch in
anderen Zusammenhängen deutlich wird: gemeint ist der
dogmatische Glaube der Amtskirche. Und die fehlenden Werte
heißen Eucharistie, Beichte, übrige Sakramente, tägliche Gebete
usw. Wenn der Verfasser feststellt, dass Parteien und
Gewerkschaften bei Jugendlichen mit Pauken und Trompeten
durchfallen, weil das Gefühl vorherrschend ist, "dass es vor
allem um Machterhalt und Parteistrategie geht", dann kommt er
gar nicht auf die Idee, dass auf andere Weise bei den Kirchen
ähnliche Mechanismen eine Rolle spiele könnten: Macht- und
Einflusserhalt einer klerikalen Oberschicht durch deren großen
Vorschuss an "systematischem Glaubenswissen", durch Treue- und
Gehorsamsgelöbnisse, verbunden mit dem Deligieren des eigenen
Gewissens an obere kirchliche Instanzen...
Viele andere Beispiele der Selbstisolierung könnten noch genannt
werden. Aus eigener Erfahrung könnten hier Mechanismen der
"Gemeindeerneuerung" beschrieben werden, wie sie in manchen
deutschen Städten seit Jahren Anliegen sind. Da werden vielfach
Fragebögen an alle Anwohner verteilt mit den ähnlichen
Ergebnissen, wie die oben genannte Shell-Studie sie zeigt. Die
Leute sagen dabei sehr klar, was ihnen fürs Leben an Werten
wichtig ist. Wenn es aber in einer späteren Phase darauf
ankommt, die Gemeindeerneuerung konkret zu organisieren und
durchzuführen, dann stehen kircheninterne Wertvorstellungen "als
einsame Spitze" im Vordergrund: Eucharistiefeier, Gebet und
Meditation, Zölibat und hierarchisches Amtsverständnis von
"Kirche und Gemeinde".
Man könnte die Situation auf die Formel bringen: im Blick auf
den Werte- und Strukturwandel der Gesellschaft befindet sich die
Kirche in der Gefangenschaft ihrer eigenen Prioritäten. Ihre
Kirchen- und Konfessionsethik konzentriert sich auf die
Etablierung, Strukturierung und Erhaltung der Kirche, so wie sie
ist. Im Zentrum der Predigt und des pastoralen Handelns stehen
"Initiation" und "Sozialisation" der Gläubigen. Als "sociatos
perfecta" hängt das Heil der Welt von ihr ab; von ihrer
Belehrung und von der Akzeptanz dieser Belehrung; von der klar
und eindeutig formulierten und vorgelegten "Wahrheit", die von
Spezialisten, Experten und "Lehramt" so präsentiert und
vorgetragen wird, dass sich alle ihr unterzuordnen und zu
gehorchen haben. Alles was davon abweicht, wird isoliert,
verdächtigt und an den Rand des Geschehens gedrängt. Was sich
allzu sehr "weltlich" gebärdet, ist mit Vorsicht zu genießen.
Der "Zeitgeist" ist wohl der größte Feind und die größte
Versuchung, die Menschen sogar der Kirche vom rechten Weg
abbringen. Das "Führe sie nicht in Versuchung" wird der Anlass
für Maßregelungen, Zurechtweisungen und Rettungsaktionen, die
verhindern sollen, dass Menschen der Kirche und damit auch Gott
verloren gehen.
Während sich auf der einen Seite der "Kirchenerhalt" als
wichtigste Priorität herausstellt, wird der Blick verstellt für
das, was man als "Reich-Gottes Ethik Jesu" bezeichnen könnte.
Ziel und Mitte dieser Ethik sind das Ganze der Welt, das Wohl
und Heil der ganzen zu erlösenden Menschheit (Röm. 8.18-30; Kol.
1.12-20).Da das Reich Gottes immer schon im Werden und Wachsen
ist, gilt es alle Menschen "guten Willens und seiner Huld" zu
mobilisieren, die im Schöpfungs- und Erlösungsgeschehen ihren
Beitrag zu leisten vermögen. Deshalb ist das ganze Evangelium
voll von Beispielen, an denen man modellhaft und exemplarisch
erkennen kann, wie "Reich Gottes" jetzt schon seine Wirksamkeit
entfalten kann. Dabei spielen "humane Werte" eine große Rolle:
die Praxis der Liebe, der Feindesliebe, der Barmherzigkeit, der
"größeren Gerechtigkeit", des Verzeihens, der Sündenvergebung
und der persönlich verantworteten Freiheit. Wo dieser
Werte-Katalog Jesu, für das Leben von einzelnen wie für das Heil
der Welt gleichzeitig wichtig, praktiziert und eingehalten wird,
da gleicht das Reich Gottes einem Acker, auf dem viel Gutes zu
sprießen beginnt. Und das Volk von Priestern und Propheten
(1Petr. 2.9; Apg. 2.17f) wird ein Volk von Sähleuten, die guten
Samen sähen, das im Reich Gottes seine Früchte trägt (Mt.
17.16f).
Theologische Spekulanten neigen dazu, das Christentum auf diese
Weise als "Ethik" reduziert zu sehen. Sie ignorieren dabei, dass
deren Weichenstellung bereits von der Verkündigung Jesu ausgeht.
Sie sprechen gerne vom "gefährlichen Horizontalismus" und bloßen
"Humanismus". Deshalb wird auch jede Wertesuche in der
"säkularen Welt" und das Ausfindigmachen solcher Werte kirchlich
als nicht besonders wichtig und akzeptabel eingeschätzt. Dennoch
besteht kein Zweifel: die Reich-Gottes-Predigt Jesu konzentriert
sich auf die Praxis "humaner Werte". Aber sie sind weit weg vom
theologischen Spekulantentum. Jesus stellt deren gelebte und
getane Praxis in den größeren Zusammenhang der Vorhaben Gottes
mit der Welt und Menschheit. Diese sind nicht "konfessionell"
unterschieden; nicht "religiös" gebunden. Bei der Proklamation
des Reiches Gottes geht es letztlich um den Anfang der
Heimholung der ganzen Schöpfung in das von Gott gewollte Heils-
und Er-lösungsgeschehen. Wo es um die "Sache Gottes" mit der
Menschheit geht, da gelten nicht mehr herkömmliche Schranken
zwischen Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Mann und Frau.
Es geht um die persönliche Würde des Einzelnen, um seine Größe
und Tragik, um seine persönliche Berufung und Verantwortung
(Gal. 3.28).
Was den von vielen theologischen Spekulanten gefürchteten
"Humanismus" und "Horizontalismus" Jesu betrifft, so sei nur auf
die vielen Wunder hingewiesen, die im Evangelium gewirkt werden;
auf Jesu Verhalten gegenüber dem Hauptmann von Kapharnaum;
gegenüber der Sünderin, die dabei war, von den "Gerechten"
gesteinigt zu werden; gegenüber dem sündigen Bruder
(Mt.18.15-20); dem verlorenen Sohn (Lk. 15.11-39); dem
verlorenen Schaf (Lk. 15.3-7) usw. Die Tatsache, dass die Kraft
und Dynamik des Anfangs nicht von einer klugen systematischen
Lehre bzw. Philosophie oder vom unabdingbaren Kirchenrecht
bestimmt war, sondern vom "Tun der Wahrheit", von der gelebten
Caritas, ist und wird wieder eine enorme Herausforderung für Amt
und Kirche, für jede christliche Existenz.
5. "Säkulare Religiosität" - dem Leben nah und fern von der
Lehre.
Manchmal ist es gut, sich von "Außenstehenden" ein "Feedback"
geben zu lassen, um als Kirchen-Interner von der eigenen
Betriebsblindheit befreit zu werden. MAHATMA GANDHI, der sich
sein Leben lang mit dem Christentum beschäftigt hat, aber selbst
nie Christ wurde, hat seine Außenansicht auf den Punkt gebracht:
"Man möge mir zu sagen erlauben, dass Jesus keine neue Religion,
sondern ein neues Leben predigte". - Und FRITZ PLEITGEN, freier
Journalist und seit 2001 Vorsitzender der ARD, schreibt einen
Brief an das "liebe Christentum". Hier der Wortlaut:
Liebes Christentum,
was mir an Dir gefällt: Der Mensch, der Dich verursachte, hat
kein Buch geschrieben, keinen Katechismus, keinen Katalog von
Glaubenssätzen, keinen Codex kirchlicher
Verwaltungsvorschriften. Das ist erstaunlich riskant. Es ist
geradezu tollkühn. Da kommt ein unbehauster Wanderprediger und
sagt von sich, er sei "der Weg, die Wahrheit und das Leben" und
schreibt nicht einmal ein Buch, in dem alles authentisch und
dauerhaft verzeichnet wäre. Was tut er statt dessen? Er sorgt
für ein paar Ereignisse und erzählt Geschichten, die jeder auf
seine Weise verstehen oder missverstehen kann. Er tröstet und
heilt, er ermutigt und befreit, er glaubt nicht an ausweglose
Situationen. Er attackiert sogar die Katechismusschreiber und
Regelwerker seiner Zeit, bis er ihnen auf die Nerven geht und
sie ihm den Prozess machen.
An Deinem Anfang steht also keine Lehre, sondern ein Leben. Da
erklärt einer das Rätsel Gottes, ohne es zu beschädigen, denn
statt des unsinnigen Versuchs, es zu lösen, lässt er es die
Leute erleben, als eine Art Liebesgeschichte mit ungewissem
Ausgang. Nicht anders als die "Beziehungskiste" zwischen zwei
Menschen. Sie glauben an sich. Sie "geloben" einander an. Sie
wagen und beginnen einen gemeinsamen Weg voller Irrtümer und
Erkenntnisse, voller Entdeckungen und Abenteuer und fürchten
eigentlich nur eines: anzukommen, fertig zu werden, eines Tages
am Ende zu sein.
Aber wie um Himmels willen kann es einen gemeinsamen Weg
zwischen Gott und Mensch geben? Wie kann man sich verständigen?
Muss hier nicht jede noch so tiefe Erkenntnis des Menschen ein
Missverständnis sein? Der gute alte Goethe hatte einen
hilfreichen Gedanken und - so kennen wir ihn - konnte ihn auch
noch auf den Punkt bringen: "Vor dem Unerreichbaren kann man
sich nur retten, indem man es liebt."
Das gefällt mir an Dir. Da, wo Du bei Dir bist, stellst Du die
Liebe in den Mittelpunkt. Sie ist die Trägerwelle der
Kommunikation, denn man kann jemanden vollkommen lieben, ohne
ihn je zu verstehen. Und dann entstehen neue Ereignisse und
Geschichten. Einfache Leute haben plötzlich Mut, springen über
ihren Schatten, gehen an die "Hecken und Zäune" und streichen
über das verlauste Haar eines Bettlerkindes. Sterbliche Menschen
kümmern sich mit anarchischer Leidenschaft um andere, zeigen
einen erstaunlichen Reichtum an Ideen und eine phantastische
Starrköpfigkeit, wenn man sie zwingen will, eine Sackgasse als
unwiderruflich zu akzeptieren.
Nun bis Du schon 2000 Jahre alt, und man darf fragen, of sich
die Sache gelohnt hat. Vielleicht ist ja die Summe des Heilens,
der Befreiung, der Wohltaten und Erleuchtung gleich derjenigen
der Verwirrungen, der Verletzungen, Verfolgungen, Verbrechen und
Düsternisse, die ebenfalls in Deinem Namen geschahen. Ein
Null-Summen-Spiel also - oder gibt es einen kleinen
geheimnisvollen Rest?
Das musst Du selbst herausfinden. Und jeder von den Deinen muss
sich fragen, welchen Anteil er an der einen oder der anderen
Waagschale hat. Und wieder helfen keine Bücher. Es muss sich
ereignen. Erzähl neue Geschichten. Zeig den Leuten jenen
Spielraum, den sie nicht mehr erkennen! Mach ihnen etwas Mut, wo
sie sich ängstlich verkriechen wollen - auch den Reichen und
Mächtigen! Mach`s wie in jeder lebendigen Beziehung: Besser Dich
drauflos!
Ob es den Gott wirklich gibt, an den Du glaubst, kann ich nicht
entscheiden. Aber die Menschen fragen sich, ob es sich lohnt,
dass jemand an ihn glaubt, - und sei es irrtümlich. Zeig`s
ihnen!
Mit freundlichem Gruß
Dein Fritz Pleitgen
Diesem Brief ist nichts Entscheidendes hinzuzufügen. Ob es in
Zukunft wieder gelingt, das Christentum auf die Ebene des Lebens
der "kleinen Leute" herunterzuholen? Davon hängt seine Zukunft
ab. "Zeig den Leuten jenen Spielraum, den sie nicht mehr
kennen". Darum dürfte es entscheidend gehen. Man könnte den
notwendigen "Paradigmawechsel" auf die Formel bringen: "Der
Lehren sind genug verkündet. Jesu Aufforderung zum wahren
Leben". Ob diese Aufforderung nicht vielleicht doch am besten
von denen eingelöst werden kann, die vom Leben etwas verstehen?
6. Christentum als Lehre - Christentum als Leben
Es besteht kein Zweifel, dass sich das Christentum seit seiner
"Hochzeit" mit den griechischen Philosophen zu einem Lehrsystem
entwickelt hat, welches die allermeisten nicht verstehen und
auch nicht (mehr) verstehen wollen, weil es im Umbruch der
heutigen Zeit als nicht hilfreich für die Gestaltung und
Meisterung des Lebens empfunden wird. Die wenigen akademisch und
theologisch Geschulten können zwar vieles von der Lehre der
Kirche intellektuell verstehen. Damit ist sie aber noch keine
lebensgestaltende Kraft geworden, auch nicht auf dem Weg der
sich anschließenden und postulierten "christlichen Ethik". Die
Frage stellt sich: wie kann der Erweis gelingen, dass es sich
lohnt, Christ zu sein? Offensichtlich nur, wenn das Christentum
mit seinen Werte-Vorgaben wirklich als werthaft und hilfreich
für das Leben der Menschheit erkannt wird. Dazu bedarf es der
Vernachlässigung herkömmlicher Prioritäten und der Hervorhebung
neuer / alter Prioritäten, die eine Kraft und Hilfe zum Leben
sind. Hier einige Gegenüberstellungen mit unterschiedlichen
Prioritäten.
6.1 Christentum als akademische Lehre. Priorität haben:
- Akademisch geschulte Lehrer und Amtsinhaber
- Ersonnene, zu suchende und gefundene Wahrheiten
- Gesetze und Verordnungen, die alle befolgen
- Initiation und Sozialisation in bestehende
Ordnung
- Verordnungen mit Tendenz zur Gewissens-Nötigung
- Ideen und Festhalten daran: Gefahr der äußeren
Bindung, Gängelung ohne innere Anteilnahme
- Gefahr rechthaberischer, allein seligmachender
Dogmatik
- Weitergabe des Glaubens in Form von "gedroschenem
Stroh" (Thomas v. Aquin); von "Glaubens-Sätzen"
- Lehrweisheit und Lehr-Ämter mit imperativer
Ethik; Lehr-Meisterschaft ohne besondere
Lebe-Meisterschaft
- Sterile Monotonie des ewigen Wiederholens von
Sätzen, Gedanken, Liturgien, Riten, Symbolen
- Konfessionelle Identität
- Konzentration auf "Kirche" ("Obrigkeiten-Kirche")
- Glaube an Erlösung und "Heil durch Einen"
- Feststehender Glaube durch Lehre und Lehramt;
"Wahrheiten" als "Depot", als "Bankguthaben"
- Autoritäten "von oben" (selbsternannte?)
- Leitungsgemeinschaft: Gehorsam gegenüber dem Klerus
- Lehren, die auf Uniformität aus sind; auf
"Gleichschrittmarsch"
- Ämter für "Berufene", Auserwählte (=Männer)
durch Handauflegung; durch Berufung durch "Berufene"
(Seilschaften)
6.2 Christentum als Kraft zum Leben. Prioritäten haben:
- Frauen und Männer mit Lebenserfahrung (Fischer...)
- erprobte Werte / Tugenden / Haltungen /
Verhaltensweisen
- faktisches Leben, welches es zu bewältigen gilt
- freie Zusammenkünfte, je nach Notwendigkeiten
- Austausch / Begegnung mit Tendenz zur Meinungs- und
Gewissensbildung
- Fakten und Erfahrungen, die eigentlich prägend
sind, innerlich erregen und aufregen
- Gefahr der Beliebigkeit, der Individuation und
Selbstverwirklichung
- Weitergabe persönlicher Glaubenseinstellungen ohne
Rücksicht auf Tradition und Gemeinschaft
- Lebensweisheit und Lebens-Ämter mit
lebensgestaltender, orientierender Ethik; das zur Sprache
gebrachte Leben
- Schöpferische Kraft des Augenblicks mit "eigenen"
Gedanken, Symbolen, Liturgien
- Konfessionsübergreifende Aktivitäten, "Nachfolge
Christ"
- Konzentration auf "Reich Gottes" (Kirche sind
alle)
- Glaube an erlösendes und heilsames Da-Sein
durch alle, gegenseitige Offenheit, Ehrlichkeit, Vertrauen...
- Wachsender Glaube durch Ängste, Zweifel,
Niederungen (die gläubig der "Aufarbeitung"
bedürfen...)
- "Natürlich" gewachsene Autoritäten von unten
- Weggemeinschaft: Gehorsam gegenüber dem "Einen"
- Leben ist Vielfalt, Spiel - Wer es recht zu spielen
vermag...
- Ämter für Erfahrene, für im Leben und
Glauben "Bewährte" (durch Wahl)
7. Kirchenamtliches und "säkulare" Reden über Gott.
Es liegt auf der Hand, dass auch das "Glaubensbekenntnis"
säkularer, auch säkular geprägter Kirchenleute einem Wandel
unterworfen ist. Auch hier fragmentarisch einige
Gegenüberstellungen, die für herkömmliches und zukünftiges
pastorales Handeln von Bedeutung waren bzw. werden dürften.
Dabei ist es entscheidend, dass jeder / jedem, unabhängig von
Stand und Bildungsgrad, die Möglichkeit eröffnet wird, zu
begreifen und sich mit dem zu identifizieren, worauf es
eigentlich ankommt.
7.1 Herkömmlicher Schwerpunkt von Lehrfragen
So lautet das "Glaubensbekenntnis":
"Ich glaube an Gott. Deshalb ist mir wichtig":
- dass ich die Lehre der Kirche gut kenne und sie für
wahr halte (Katechismus, Theologie)
- dass ich im Gehorsam beachte und tue, was das
Lehramt mir zu glauben und zu tun auferlegt.
- dass sich das Heilsgeschehen Gottes in der Kirche
abspielt (Extra ecelesiam; nulla salus; "Welt" und
"Heiden" sind mit Vorsicht zu genießen!)
- dass ich die Gebote kenne und beachte, dass ich in
Predigt und Katechese lerne und erfahre, worum
es beim Christsein geht.
- dass ich mich in Gruppen und Gemeinde ganz
einsetze. Es geht um Nächsten- und Gottesliebe, um den guten
Ablauf kirchlicher Vollzüge.
- dass ich mich und meinen Herrgott finde;
meine persönliche Frömmigkeit und Spiritualität ...
- dass ich sonntags regelmäßig zum Gottesdienst
gehe und mitfeiere - der "Treff" danach ist nicht so
wichtig.
- dass ich getauft und gefirmt bin und dafür
sorge, dass Taufe und Firmung an anderen geschehen ...
- dass ich regelmäßig beichte oder zum
Bußgottesdienst gehe (anonym! Mit Absolution? Oder
ohne Losspechung?)
- dass an Kranken eine heilswirksame Amtshandlung
durch einen Priester geschieht (wie seit dem 9. Jahrh. üblich
geworden) - Oder B.: Ehe ...
- dass nur die Kirche sagt, was zu glauben und zu tun
ist. Es geht um "die Wahrheit". Aber was ist Wahrheit?
(vgl. Joh. 18.38). Die Kirche lehrt sie ...
- dass ich an die Sakramente glaube und Gottes
Anwesenheit in ihnen und durch sie (seit Lyon 1274
kirchenamtlich die Siebenzahl!)
- dass die Gottesdienste und Sakramente
heilswirksame Zeichen sind, die im Leben ihre Auswirkungen
haben sollten ...
- dass die Werke und Taten der Liebe Folgen und
Konsequenzen aus dem "wahren Glauben" sein müssen /
sollten.
- dass die Taten der Liebe dem Aufbau und dem Nutzen
der eigenen kirchlichen Gemeinde und Konfession
zu Gute kommen.
7.2 Neue Schwerpunkte müssen mit Lebensfragen zu tun
haben.
Hier lautet das "Glaubensbekenntnis":
"Ich glaube an Gott. Deshalb ist mir wichtig":
- dass ich eine persönliche Beziehung zu Gott = Jesus
finde und lebe (Gebet; Bibellektüre ...) "Wer war Jesus
eigentlich? Was hat er gewollt?"
- dass ich mir ein Bild darüber mache, wie Jesus in
konkreten Lebenslagen gedacht und gehandelt hat. Also:
die Lebensführung Jesu (Mt. 5-7)
- dass es Jesus um ein Heilshandeln und
Heilsgeschehen in der ganzen Welt geht (Röm. 8.18.20; Kol.
1.12-20; Hauptmann v. Kapharnaum: Mt. 8.5-13).
- dass ich mich in meinen Lebenslagen an der
"Praxis Jesu" orientieren lerne. "Glaube" als
verbindliche Übernahme dieser Praxis ...
- dass ich mich selbst finde und verwirkliche,
"mein" Gewissen ... , dass "Kirche" mir dabei hilft
(Gen. 1.27; Selbstliebe: Mt. 19.19; 1 Kor. 12).
- dass ich Anschluss finde zu Menschen mit
ähnlichen Absichten und Lebenserfahrungen (Gruppe,
Gemeinde, kirchl. Lehramt, Autorität, Familienkreise)
- dass ich sogar Freunde und Feinde lieben
lerne; zur Versöhnung bereit bin - bevor ich in die
Kirche gehe (Mt.5.23 f).
- dass durch mich, den Getauften und Gefirmten,
die Taten Gottes in der Welt weitergehen - dazu brauche
ich Gebet und Sakrament (Samariter: 10.25 ff;
Frau am Jakobsbrunnen: Joh. 4.1-26).
- dass durch Taten der Liebe Sünden vergeben werden
und dass ich durch sie Heil erfahre (Die Sünderin, die
viel geliebt hat: Lk. 7.36-50; der sündige Bruder:
Mt. 18.15-20; Die 77-fache Vergebung: Mt.18.21-22;
die Gerichtsparabel: Mt. 25.31-46; "Vergib uns unsere
Schuld": Mt. 6.12; Wenn ihr den Menschen die Sünden
vergebt: Mt. 6.14 + Lk. 6.37).
- dass Krankenbesuchsdienste eingerichtet werden, die
auch die Krankensakramente spenden (wie vom 1.-9. Jahrh.
durch bestimmte Laien). Oder z.B: Ehe ...
- dass ich zum Erkennen des Willens Gottes und zum
Tun seiner Taten berufen bin - mit allen Christen
ohne Ausnahme (Petrus als "Satan": Mt. 16.23; Mt.
8.33; Nur Einer ist Euer Meister: Mt. 23.8)
- dass ich an die Sakramentalität konkreter
Lebensvollzüge glauben kann (Wo zwei oder drei ... Mt.
18.20, Wer ein Kind ... Mt. 18.5)
(Wortgottesdienste).
- dass die Gottesdienste der Kirche und ihre
Sakramente gemeinsame Feiern dessen sind, was im Leben
geschieht. Ohne das zeitgleiche Geschehen im Leben sind
sie "töricht" (Koh. 4.17-5.6; 1Kor. 13)
- dass die Taten der Liebe (= die Taten Gottes an der
Menschheit) durch uns das Wesen des Glaubens ausmachen
(Wer die Wahrheit tut ... Joh. 3.21; 1Kor. 13).
- dass die Taten der Liebe sich auf die ganze
Schöpfung beziehen: Dialog und Zusammenarbeit mit allen
guten Willens über die Konfession hinaus.
8. "Pastoraler Paradigmenwechsel": wohin?
Aus dem Gesagten ist deutlich geworden, dass der notwendige und
not-wendende Paradigmenwechsel nicht in neuer theologischer
Gedankenakrobatik mit wohlklingenden Formulierungen bestehen
kann, sondern in einer effektiven Hinwendung zum Menschen
unserer Zeit. Wenn nicht alles täuscht, ist die in säkularen
Gesellschaften aufbrechende "neue Religiosität" nichts anderes
als die Wiederkehr archaischer Religiosität, wenn auch in neuem
Gewand. Man könnte auch sagen: eine Befreiung aus theologischer
und kirchenamtlicher Bevormundung findet statt.
Die Menschen begreifen in ihren persönlichen Lebensbiographien
am besten selbst, was sie unbedingt angeht und existentiell
betrifft. Sie müssen es sagen und ausdrücken lernen - ganz
abgesehen davon, dass die Massen- und Informationsmedien dabei
eher eine Hilfe sind als kirchenamtliche Verlautbarungen.
"Kirche" wird deshalb auf Zukunft hin nur dann eine Chance
haben, wenn sie sich von den Lebens- und Glaubenserfahrungen
heutiger Menschen belehren und sich etwas sagen lässt.
"Evangelisierung" ist dann weniger Belehrung als vielmehr
Orientierung und Hinführung zu dem, worauf es in der
Reich-Gottes-Predigt Jesu wesentlich ankam und ankommt: zur
Praxis jener Werte und Orientierungspunkte, die im Evangelium
grundgelegt sind und deren Verwirklichung - und sei es noch so
fragmentarisch - das Schon-Jetzt des Sauerteigs des Evangeliums
bedeutet. Wo die Stimme des Volkes wirklich kultiviert, gehört
und verstanden wird, da ändert sich entscheidend das Bild der
herkömmlichen Kirchen. Die Frage nach den Ämtern, Strukturen,
theologischen Ansätzen und Liturgien muss dabei ganz neu wieder
gestellt werden. Aufkommende Ängste bei den herkömmlichen
Platzhaltern dürfen nicht zu Blockaden und Hindernissen führen.
Sie müssen eher Stachel und Ansporn sein zum Aufbruch zu neuen
Horizonten und Taten.
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