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Gedanken über ZeitenWende - WendeZeiten (II): Sind die Kirchen zukunftsfähig?
November 2004
Es war eine denkwürdige Fernsehdiskussion voller Widersprüche.
Teilnehmer waren Bischof Kamphaus (Limburg), der CDU-Politiker H. Geisler,
die PDS-Politikerin S. Wagenknecht und eine Vertreterin von "Wir sind
Kirche" (S. Grabmeier). Auffallend war:
1. die sehr kritische Haltung fast aller gegenüber der "Amtskirche". H.
Geisler wetterte wiederholt gegen altmodische und weltfremde Äußerungen
Kardinal Ratzingers über Laien, Frauen usw.
Versöhnend dagegen wirkten einige zitierte Äußerungen des Papstes. Zwei
mächtige Kirchenmänner widersprechen sich also! Wer oder was von ihnen ist
richtig, maßgebend?
Ebenso versöhnend wollten Äußerungen von Kamphaus sein. In Afrika sei die
Kirche lebendig! Die Frage wurde überhaupt nicht bedacht, ob die angeblich
blühende Kirche Afrikas nicht eher ein Exportmodell der abendländischen
ist? Letztere sehr in die Krise geraten - könnte das nicht auch sehr
schnell die Realität der afrikanischen sein (wie sie es in Lateinamerika
bereits ist!)?
2.
bei aller Kritik wollten doch fast alle die Kirche, wenn auch im
Sinne von Wir sind Kirche. Dazu seien Reformen nötig. Diese Forderung
konzentrierte sich:
- auf den freiwilligen Zölibat statt auf den rechtlich
vorgeschriebenen;
- auf die neue positive Rolle von Laien und Frauen in der Kirche
(Jesus habe auch Jüngerinnen gehabt!).
- Jesus habe keine Priesterinnen geweiht, aber auch keine Priester!
- Versöhnende Haltung von Kamphaus: es gäbe gegenwärtig bereits
verheiratete Priester (in Teilen der mit Rom unierten orthodoxen
Kirche). Bei uns stehe dem die Tradition entgegen. Ein Bischof, der sehr
die Rückkehr zum Evangelium und zum Geist Jesu beschwört - hier hat
seltsamerweise plötzlich die Tradition Vorfahrt! - Die Frage, ob eine
Tradition die Anliegen Jesu verkehren dürfe oder de facto verkehrt? -
diese Frage wurde nicht gestellt!
3. Was in der katholischen Kirche an Reformen gefordert wird, gibt es
bereits in der
evangelischen. Dieser laufen die Gläubigen aber auch in Scharen davon (bei
beiden seit 1990 fast 6 Millionen). Also erübrigen sich die Reformen!
Auffallend ist bei solchem Argumentieren immer wieder die Tatsache, dass
man sich nur teilweise und selektiv auf Jesus und das Evangelium beruft.
Nirgendwo kam in den Blick, daß bei Jesus auch nicht zu finden sind:
- eine akademisch-systematische Lehre und Dogmatik, eine Theologenzunft...
- ein Kircherecht ("ich bin gekommen, Gesetze zu erfüllen", Mt. 5.17).
- Liturgie ganz gleich welcher Art
- Hierarchie bzw. Priesterkaste (vgl. Apg 2.14-21).
4. Die Frage stellt sich: wie kann man alle diese Widersprüche lösen bzw.
Ungereimtheiten aus dem Weg räumen?
- Man kann nicht dauernd ein N/Jein, ein "Ja aber" zur Kirche sagen. Wenn
man das tun, verhaspelt man sich dauernd in Widersprüche. Zudem schließt
man von vorneherein alle die aus, die - aus welchen Gründen auch immer -
ein klares Nein sagen, obwohl sie religiös und christlich sind und bleiben
wollen.
- Wie vor 2000 Jahren sollte die Devise lauten: Wir wollen Anhänger und
Mitarbeiter an der Botschaft Jesu sein, also die "Nachfolge Jesu"
betreiben, für die Fortsetzung seiner Worte und Taten Sorge tragen (Apg
2.14-21). Solches Wollen hat folgende Konsequenzen:
- Man muß sich besinnen auf die Fragen: was hat Jesus wirklich gewollt?
Was war seine Botschaft? Wenn nicht Dogmatik, Kirchenrecht usw..., dann
wohl das "Schon-Jetzt" des Reiches Gottes. Das haben alle als eine
ethische Herausforderung verstanden. Daran sollten alle mit ihren Gaben
und Charismen beteiligt sein (nicht nur die kirchlich "Berufenen")
- Es geht um die konkrete Praxis der Liebe, Gerechtigkeit, Toleranz,
Gemeinschaft, gegenseitiger Akzeptanz und Ergänzung... Das kann jede und
jeder, wenn auch auf je verschiedene Weise.
- Menschen, die solche Anliegen zu ihren eigenen machen, lesen die
Beispiele der Bibel, die deutlich machen, wie das erste Jahrhundert
versucht hat, die Worte und Taten Jesu in der eigenen Umwelt einzuüben.
- Menschen mit solchen Anliegen suchen und brauchen Gespräch und
Gemeinschaft. Es bilden sich "Kirchen" und Gemeinschaften "von unten", von
den Menschen her. Sie tun sich zusammen in dem Glauben: "Wo zwei oder drei
in meinem Namen versammelt sich, bin ich mitten unter ihnen" (Mt18.20).
Kirchen- und Gemeindebildungen sind als Sekundäreffekte, nicht primäres
Anliegen.
- Solches "Gott mit uns und unter uns" kann betend, rituell und liturgisch
unterschiedlich gefeiert werden. Es können verschiedene Liturgien und (Wort)Gottesdienste
sein. Je bunter, vielfältiger und lebendiger die Gebete und Gottesdienste
sind, desto mehr spiegeln sie die Vielfalt des Lebens gläubiger Christen
wider. Gott ist kein Gott des Buchstabens, sondern ein Gott des Lebens und
der schöpferischen Kraft.
5. Schlussfolgerung: die bisherige Traditions-, Volks- und
Versorgungskirche hat ihre
Zeit wohl hinter sich. Wenn Menschen im Sinne des Evangeliums wirklich
mündig und erwachsen werden, brauchen sie "von unten" auch neue Formen von
Kirche, Gemeinschaft, Liturgie und Gebet. Solche Erfordernisse sind eine
starke Herausforderung an die Traditionskirche. Wenn solche zeitgemäße
Herausforderungen nicht bestanden werden, dürfte wohl das "Ausbluten der
Gemeinden" weiter gehen.
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