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Gedanken über ZeitenWende - WendeZeiten (IX):
Der neue Papst und die vielen Gesichter des Glaubens.
Mai 2005
Für Deutschland war es ein sensationelles Ereignis, als nach ungefähr 500
Jahren zum ersten Mal wieder ein Deutscher Papst wurde. Der weiße Rauch aus
dem Schornstein des Vatikans, das "habemus Papam", kündeten die Wahl
Benedikts XVI. zum neuen Kirchenoberhaupt an. Dennoch war der Jubel nicht
ungeteilt...
Josef Ratzinger hatte sich seit dem 2. Vatikanischen Konzil als ein Mann "mit
zwei Gesichtern" einen Namen gemacht. Zur Zeit des Konzils galt er als
äußerst aufgeschlossener, moderner Theologe und Berater des Kölner Kardinal
Frings. Seit den "wilden 68ger Jahren" war er, offensichtlich geschockt von
der "neuen Elite" Jugendlicher, ins konservative Lager umgeschwenkt. Er hat
in der Folgezeit maßgeblich dazu beigetragen, dass die große Mehrheit der
Konzilsteilnehmer von einer kleinen, aber einflussreichen Minderheit ins
kirchliche Abseits, in die Einflusslosigkeit, verwiesen wurde - durch
entsprechende Bischofsernennungen, Ämterbesetzungen und Ausgrenzungen. Als
Vatikanischer Glaubenshüter galt er 20 Jahre lang als "Hardliner", als
"Panzer-Kardinal", als Reaktionär und "Wiederhersteller" einer angeblich
besseren kirchlichen Vergangenheit.
Welches wird als Papst sein "drittes Gesicht" sein? Was am neuen Papst auf
jeden Fall geschätzt wird, ist seine bedeutende, international anerkannte
Theologie. Er hat hervorragende Bücher geschrieben. In diesem Punkt
jedenfalls herrschen Einmütigkeit und Stolz. Dennoch stellt sich die Frage:
ist die große theologische Intelligenz, die das abendländische Christentum
schon seit Jahrhunderten auszeichnet, heute nicht eher ein Hindernis, ein
Handicap? Denn das hohe theologische Niveau hat im Umbruch der heutigen
Lebensverhältnisse nicht verhindern können, dass die Kirche(n) den Kontakt
zur großen Mehrheit der Bevölkerung verloren haben. Auch zu der wachsenden
Mehrheit von Menschen, die sich als "religiös" bezeichnen, aber keineswegs
kirchlich oder konfessionell gebunden sein wollen. Wie man den gegenwärtigen
Problemen gerecht zu werden vermag - darüber streiten sich "Konservative" und
"Fortschrittliche". Aber geht es wirklich nur um die Alternative:
"konservativ" oder "fortschrittlich"?
Der neue Papst und die vielen Gesichter des Glaubens.
Folgende Gedankenanstöße sollten nicht gelesen und können auch nur verstanden
werden im Zusammenhang mit den vorherigen Beiträgen, bes. Nr. 8 vom 5. April
2005: Der Tod des Papstes und die
dahinsiechenden Kirchen. Hier geht es um die Frage, was es für den neuen
Papst zu tun gilt? - nicht aus Beliebigkeit und Laune, sondern weil die Zeit
drängt.
Gedankenanstöße und Dringlichkeiten.
- Aus der ursprünglichen "Jesus-Nachfolge-Bewegung" von Fischern und
Handwerkern, einfachen Männern und Frauen wurde eine Theologen- und
Spezialistenreligion; aus der Lebenskultur von "Mühseligen und Beladenen"
eine Klerikerkultur mit hohem akademischen Anspruch und
mittelalterlich-feudalen Ausdrucksformen. Das hat bis in unsere Zeit dazu
geführt, dass die Kirche "zu straffe Zügel, zu viele Gesetze ... erließ,
von denen viele dazu beigetragen haben, das Jahrhundert des Unglaubens im
Stich zu lassen, anstatt ihm zur Erlösung zu verhelfen" (J. Ratzinger als
Konzilstheologe).
- Aus der "Wahrheit in Person" wurden dogmatische Wahrheiten und
kirchenrechtliche Gewissheiten; aus der Bindung an Jesus und dem primären
Glauben an Gott wurde der vorrangige Glaube an die Kirche, ihre Sakramente
und Ämter. An deren "Tropf" hing der Glaube der Gläubigen - ein Glaube "in
Abhängigkeit", der heute rasant schwindet.
- Aus dem Dialog Gottes mit der Welt, dessen Hauptthemen die Zeichen der
Zeit und die Herausforderungen des Lebens sind, wurde ein akademischer
Dialog in den Chefetagen der Kirchenämter und Universitäten. Dessen kluge
und kenntnisreiche Ergebnisse wirken wie Schneeflocken in der Wüste, die
unten auf der Erde, d.h. im Volk weder ankommen noch verstanden werden.
- Ein Dialog der Kirchenobrigkeiten mit dem eigenen Kirchenvolk (gemeint
ist die noch denkende und mit gutem Willen ausgestattete Schicht) hat in
der monologischen Verkündigungsstruktur de facto noch nicht stattgefunden.
Deshalb spielen Regeln, Gebote und Liturgien auch nicht die Sprache des
Volkes wider, sondern die Sprache der Spezialisten in Sachen "Christentum
und Religion". Fast in allen kirchlichen Lebensvollzügen bewahrheitet sich
das Wort des 33-Tage-Papstes Johannes Paul I: "Die Menschen verlassen die
Kirche, weil die Kirche sie zuerst verlassen hat".
- Ein Dialog mit dem Kirchen- und Christenvolk ist das Gebot der Stunde.
Dieser gelingt nicht (mehr) auf der Ebene abstrakter theologischer
Wahrheiten (die es vom Volk katechismusartig zu lernen und aufzusagen
gilt), sondern auf der Ebene faktisch gelebter und erprobter Werte und
Lebenserfahrungen der Gläubigen selbst, wie das Evangelium sie bereits
aufzeigt. Ebenso sollte die Kirche nicht immer wieder sündigen, indem sie
dogmatisiert, was nicht zu dogmatisieren ist: die Frage des Zölibates, der
Rechte und Kompetenzen von Männern und Frauen, der Ämterbesetzungen, der
monarchisch-zentralistischen Verfassung usw. Vieles wäre veränderbar, wenn
dem biblischen Denken Raum gegeben würde. Man kann Menschen die Lektüre
der Bibel nicht empfehlen und gleichzeitig so tun, als habe das mit der
Kirchenrealität nichts zu tun. Wie es ursprünglich war: bewährte Männer
und Frauen müssen wieder in den Blickpunkt treten - auch als Weihe- und
Ämterkandidaten/Innen. Diese müssen, um im Leben "anzukommen", aus dem
Volk herauswachsen und gemeinsam von Gott und vom Volk ihre Beauftragung
und Sendung erhalten.
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